Der Europäische Weltraumbahnhof ist in einem großen Umbruch. Die strategische Neuausrichtung im globalen Wettbewerb ist auf allen Ebenen in vollem Gang, mit Herausforderungen an die Sicherheit, mit neuen Kunden und einer Idee von grüner Raumfahrt.
Im Büro von Thierry Vallée stehen zahlreiche Raketenmodelle in unterschiedlichsten Größen und Anfertigungen auf den Ablagen. Und natürlich darf auch ein imposantes Foto von einem Raketenstart nicht fehlen. Mit Thierry Vallée lernen wir einen der Hausherren des Weltraumbahnhofs Kourou kennen. Er ist Sous-Directeur Production, Sauvegarde et Environnement der französischen Raumfahrtagentur CNES und damit verantwortlich für zentrale Bereiche der künftigen Entwicklungen.
Wir nehmen Platz an einem Besprechungstisch, an dem wohl so manche Diskussion darüber geführt worden ist. Thierry Vallée spricht von der Verantwortung, als „Vertreter der französischen Regierung auf französischem Boden die allgemeine Sicherheit und den Schutz des Standorts zu gewährleisten“. Sicherheit und Gefahrenabwehr sind ein Teil seiner Verantwortung (Sauvegarde), der unmittelbar mit der gesamten geopolitischen Entwicklung zusammenhängt. Wie eigentlich alles, was sich derzeit in Kourou tut.
Der neue Ehrgeiz der europäischen Raumfahrtentwicklungen hat Folgen. „Weltraumaktivitäten sind weltweit eine sehr strategische Aktivität, und jedes Jahr oder jeden Monat werden diese Strategien und strategischen Vermögenswerte immer stärker. Wir haben konkrete Hinweise darauf, dass wir externen Bedrohungen durch andere Länder ausgesetzt sind. Sie wollen nicht, dass wir diese prosperierende Aktivität ausüben.“
Sicherheit ist zentrale Herausforderung
Wie diese Bedrohungen konkret aussehen, will er aus durchaus nachvollziehbaren Gründen nicht beschreiben. Jedenfalls dürfte der Teil der Sicherheitsmaßnahmen, die wir bei unserem Besuch unmittelbar erlebt haben, nur ein sehr kleiner Teil der Vorkehrungen sein.
Der Weltraumbahnhof Kourou ist für die Europäer „die einzige autonome Möglichkeit, große Satelliten und große Infrastrukturen in die Umlaufbahn zu bringen“. Zum Beispiel das Galileo-Ortungssystem, oder Satelliten, um das Klima zu überwachen und zu verstehen, oder „IRIS²“ für kommerzielle und militärische Kommunikation. „Dies sind strategische und souveräne Infrastrukturen für Frankreich, für Europa, für alle Bürger Europas.“
Entsprechend wichtig ist ein autonomer Zugang zum Weltraum, „damit wir nicht Elon Musk fragen müssen: Haben Sie einen Startplatz frei? Deshalb sind diese Anlagen in Kourou strategisch sehr wichtig, und deshalb müssen wir sie schützen“, betont Vallée.
Einerseits sorgt er also für Schutz vor Eindringlingen (ob physisch real oder virtuell digital). Andererseits will er als Dienstleistung (Production) auch neue Kunden gewinnen, und das „mit der Kompetenz und Erfahrung aus sechs Jahrzehnten“, wie Vallée durchaus selbstbewusst für die Tätigkeit der CNES hervorhebt.
Derzeit gibt es mit Arianespace einen Nutzer des Weltraumbahnhofs, inzwischen ist auch das italienische Unternehmen Avio dabei. In der Perspektive will man „Start-ups, neuen staatlichen und neuen privaten Raumfahrtunternehmen die Möglichkeit bieten, das Raumfahrtzentrum in Guyana zu nutzen“. 13 Interessenten hätten sich bislang gemeldet, sechs europäische seien ausgewählt worden, „wir sind schließlich der europäische Weltraumbahnhof“.
Was ein Start von Kourou aus kostet, lässt sich nicht einfach sagen. Das hängt davon ab, welche Dienstleistungen der CNES von den Kunden in Anspruch genommen werden. Aber im Vergleich zu den Gesamtkosten einer Mission seien die Gebühren „eher marginal“.
Thierry Vallées dritter großer Verantwortungsbereich neben Sicherheit und Dienstleistung ist ein Thema, das auch auf dem Weltraumbahnhof immer größere Bedeutung bekommt: Umwelt. Dabei liegt sein Schwerpunkt im Bereich Energie.
„Heute beträgt der Energieverbrauch des Raumfahrtzentrums 15 Prozent des gesamten Energieverbrauchs im Département Guyana. Also haben wir vor einigen Jahren einen Weg eingeschlagen, unsere Stromversorgung umweltfreundlicher zu gestalten.“
Grüne Energie aus Eigenproduktion
Der weitaus größte Teil des Stroms wird von den in diesem Klima zwingend notwendigen Klimaanlagen gefressen. Zwischen 70 und 75 Prozent des Stromverbrauchs auf dem Weltraumbahnhof werden für die Gebäudeklimatisierung gebraucht und nur zwischen 25 und 30 Prozent für industrielle Prozesse. Womit deutlich ist, wo Kostensenkungen möglich sind, auch dadurch, „in Bezug auf Energie umweltfreundlicher und sauberer zu werden“.
Naheliegend also, auf dem riesigen Gelände Solarparks einzurichten. Einen gibt es bereits, zwei weitere mit einer Größe von jeweils etwa fünf Hektar („also ziemlich groß“) sind in Planung.
Richtig spannend, auch aus technologischer Sicht, wird es, wenn es um den Raketentreibstoff geht. Die Ariane braucht Wasserstoff, und der ist bislang noch „grau“. Ziel ist, in Zukunft mit grünem Wasserstoff zu fliegen. Und der soll auf dem Weltraumbahnhof selbst hergestellt werden.
An Wasser dürfte es in dieser Region nicht mangeln, was wir mit den sintflutartigen Tropenregengüssen, die mehrfach am Tag niedergehen, hautnah miterleben durften. So ein Guss dauert zwar in der Regel nur etwa eine gute halbe Stunde. Danach haben sich aber alle Schlaglöcher (und die gibt es reichlich) in eine Seenplatte verwandelt, wie überhaupt die gesamte Gegend in der Regenzeit eine einzige Sumpflandschaft ist.
Wasser ist also da, und der Strom soll dann aus den eigenen Solarparks kommen. Der Aufbau einer Infrastruktur mit Elektrolyseuren soll „in ein paar Monaten beginnen. Und wahrscheinlich werden wir 2028 in der Lage sein, Ariane 6 mit grünem Wasserstoff zu betanken.“ Was noch nicht das Ende der Entwicklung wäre. „Wir haben, wie zu Beginn gesagt, das Raumfahrtzentrum in Guyana für private Betreiber geöffnet. Darunter sind einige, die in Zukunft Methan als Treibstoff verwenden werden. Und wir haben die Möglichkeit, auch die Produktion von grünem Methan im Weltraumzentrum Guyana zu implementieren.“ Grundlage dafür ist Biomasse. Das Ziel ist, in den kommenden fünf Jahren etwa 75 bis 80 Prozent der Energie aus „grünen Prozessen“ zu haben.
Die Weichen in Richtung Zukunft sind also gestellt. Was auch für die Entwicklung des Übersee-Departements von entscheidender Bedeutung ist. Der Weltraumbahnhof ist mit seinen gut 1.500 permanent Beschäftigten entscheidender Faktor nicht nur für die wirtschaftliche Entwicklung. „Wir fördern den Tourismus, wir fördern die Bildung von Kindern in Französisch-Guayana.“ Das Logo der CNES ist in der Tat auch in der Hauptstadt Cayenne überall sichtbar, an Schulen und Sportanlagen, auf Veranstaltungsplakaten und gar im kleinen Heimatmuseum. Ohne die CNES und damit den französischen Staat ist das Leben hier kaum vorstellbar.
Das ist es wohl auch, was Thierry Vallée antreibt. Er ist nach seinem Ingenieursstudium im Alter von 23 Jahren hierhergekommen. „Wenn mich vor 30 Jahren jemand gefragt hätte, ob ich 30 Jahre hier bleiben würde? Nein, natürlich nicht. Und ich bin immer noch hier. Wir haben hier jeden Tag die Möglichkeit, enthusiastisch zu sein und neue Dinge zu tun, zu entdecken, zu helfen. Ja, es ist sehr faszinierend.“