Schauspieler und Model Lennart Betzgen, bekannt unter anderem durch „Prodigieuses“, „Der ganz große Traum“ und „Tierärztin Dr. Mertens“, arbeitet an seinem neuen Film. Ein Interview über seine Begeisterung für Fashion, seinen Beruf und die Model-Jobs.
Lieber Lennart, auf Deinem Instagram-Profil kann man Deine Fashion-Affinität erkennen. Wie entstand diese?
Mode war für mich nie einfach nur Kleidung – sie war immer auch ein Gefühl. Ein Weg, sich auszudrücken, ohne etwas sagen zu müssen. Sicherlich ausschlaggebend für meine Fashion-Affinität ist, dass schon meine Eltern Spaß daran hatten, mich einzukleiden, als ich noch nicht in dem Alter war, selbst meine Outfits auszusuchen. Wichtig war ihnen dabei immer, dass mir auch gefällt, was ich da trage. So habe ich gelernt, dass Mode Spaß machen kann. Ich würde sagen, dass man erst später wirklich von „Fashion“ reden kann, wenn man ein eigenes ausgeprägtes Bewusstsein hat. Aber den Spaß an Mode vermittelt zu bekommen, war der Grundstein. Dass ich schon früh zu Premieren meiner Filme gehen durfte und dabei besondere Outfits tragen konnte – Dinge, die man im Alltag eher nicht anzieht – hat das Ganze natürlich verstärkt. So kommt eins zum anderen. Ich lernte Freunde in der Modeindustrie kennen, die mich sogar zu Fashion Weeks in Mailand und Paris mitnahmen. Und wenn man den Zauber in den Showrooms einmal erlebt hat, kommt man davon nicht mehr los.
Was fasziniert Dich an Mode?
Ich finde es faszinierend, wie sehr Mode unser Auftreten und auch unser eigenes Gefühl beeinflussen kann. Das wird einem ganz besonders in meinem Beruf als Schauspieler bewusst. Vor jedem Dreh gibt es erstmal eine Kostümprobe. Bei Projekten, die in anderen Epochen spielen, ist das ja offensichtlich, dass für die Rolle auch Kleidung aus der jeweiligen Zeit getragen wird. Aber auch bei zeitgenössischen Projekten beeinflusst das Kostüm, wie der Zuschauer den Charakter wahrnimmt – und auch, wie ich mich als Schauspieler in der Rolle am Set fühle. Im Moment drehe ich gerade einen Film in London, der in den 70ern/80ern spielt. Wenn ich jeden Morgen aus Maske und Kostüm komme, muss ich gar nicht mehr viel machen, und ich fühle mich schon wie ein anderer Mensch.
Du lebst in Berlin. Ist die Hauptstadt für Dich eine wichtige Stadt für Mode?
Berlin ist für mich in erster Linie die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Für mich ist es normal, dass jeder Store mindestens dreimal in der Stadt verteilt vertreten ist. Einer davon ist dann schon in der Nähe. Diese Zugänglichkeit ist mit Sicherheit ein Grund dafür, dass Menschen in Berlin fashiontechnisch up to date sind und die neuesten Trends mitmachen – aber auch so unterschiedlich sind. Mit der Fashion Week und ihren vielen einhergehenden spannenden Veranstaltungen bekommen junge Designer auch eine angemessene Plattform. Trotzdem – da ich die Fashion Weeks in Mailand und Paris kenne: Da kann Berlin noch nicht mithalten.
Lässt Du Dich auch von Styles inspirieren, die Du in Berlin auf der Straße/beim Ausgehen siehst?
Das Spannende an Berlin ist, dass die Stadt so groß und vielfältig ist, dass jeder einen anderen Blick auf die Stadt hat. Wenn du jemanden fragst: „Was ist Berlin?“, kriegst du immer eine andere Antwort. Genauso wenn du die Frage stellst: „Was haben die Leute in Berlin an?“ Man braucht sich nur umzuschauen: Hier sitzt der Typ in sommerlicher Leinenhose und Oberhemd im selben Café wie der Typ in Ledercorsage. Also ich denke, hier findet jeder seine Inspiration. Ich lasse mich eher von dem Typen mit der sommerlichen Leinenhose und dem Oberhemd inspirieren.
Welche Looks trägst Du am liebsten? Und was muss ein guter Look für Dich unbedingt haben?
Ich bin keiner, der seine Looks tagelang vorher plant. Ich gucke morgens in den Kleiderschrank und ziehe das an, wonach ich mich fühle und was auch zum Tagesprogramm passt.
Ich liebe es, mich schick anzuziehen – so in Richtung „Old Money Style“. Wichtig für mich ist aber, dabei auf keinen Fall spießig zu sein. Der beste Weg ist in den meisten Fällen, weiße Sneaker zu kombinieren, die das Outfit ein bisschen auflockern. Fun Fact: Ich habe mir das Sneaker-Paar in Weiß, das mir am besten gefällt, gleich viermal gekauft, damit immer ein cleanes Paar bereit ist. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass man durch Events auch mal die Gelegenheit hat, etwas Extravagantes zu tragen. Etwas, was für den Alltag „too much“ ist, aber für eine Abendveranstaltung oder den roten Teppich genau richtig.
Öfter entscheide ich mich morgens auch einfach für einen coolen Hoodie oder ein Basic-T-Shirt mit einer Jeans. Weniger ist schließlich manchmal mehr.
Spielt Fashion generell eine Rolle für Schauspieler?
Im Grunde ist der Schauspielberuf nicht mit Fashion gekoppelt. Fashion ist halt eine Form, sich auszudrücken. Nicht jeder möchte sich durch Mode ausdrücken, und das ist auch völlig okay. Ich gehöre zu denen, die Mode als eine Kunstform sehen, sich auszudrücken – aber das ist unabhängig von meiner Arbeit als Schauspieler. Da habe ich auch in meiner Freizeit Freude dran.
Kannst Du selbst aussuchen, welche Outfits Du in Filmen und Serien trägst, oder gibt es bestimmte Vorgaben?
Grundsätzlich ist das der Job der Kostümbildnerin oder des Kostümbildners. Nicht umsonst ist „Bestes Kostümdesign“ eine Kategorie bei den Oscars. Zur Kostümprobe vor den Dreharbeiten hat das Kostüm-Department in der Regel schon mal eine ganze Menge verschiedener Kleidungsstücke herausgesucht, die ich dann probiere. Oft gehen die verschiedenen Teile dann auch stilistisch in eine ganz andere Richtung, denn man sieht erst bei der Anprobe, wie das Outfit an dem Schauspieler wirkt. Welche Outfits es dann letztendlich werden, wird dann in Absprache mit der Regie getroffen. Dabei ist ja auch die Frage zu berücksichtigen: Wie möchte man eine Figur erzählen? Ganz banal: Ist es nicht spannender, wenn der Mörder im Krimi einen Anzug trägt statt abgewetzter Kleidung wie ein Obdachloser? Als Schauspieler kann man da natürlich auch seine Gedanken äußern, die dann mit einfließen.
Die Outfits mit nach Hause zu nehmen, ist während des Drehs natürlich tabu. Was, wenn ich sie am nächsten Drehtag vergesse? Während der Mittagspause wird auch oft ein riesengroßes „Essenshemd“ übergezogen, damit auch ja nicht gekleckert wird. Wäre ja doof, wenn dann mitten in einer Szene im Film Tomatensoße auf dem T-Shirt zu sehen ist, die da vorher nicht war.
Nach welchen Kriterien werden die Outfits für die Szenen ausgesucht?
Bei den Kostümproben hängen für jede Figur erstmal riesige Moodboards, an denen sich orientiert wird. Alle Ideen, die durch das Drehbuch geliefert werden, werden da gesammelt und ausgedrückt. Da fließt aber auch mit ein, in welchem Jahr das Drehbuch spielt. Welche Jahreszeit? Welchen Beruf, welches Umfeld hat die Rolle? Entwickelt sich die Rolle auch kostümtechnisch über das Drehbuch hinweg?
Spannend ist es, wenn man eine Person spielt, die es wirklich gab oder gibt. Dann wird natürlich versucht, den Look genau herzustellen.
Du warst ein Teil der internationalen Spring-Summer-2021-Kampagne von Adidas. Wie kam es dazu und wo war diese überall zu sehen?
Gesucht hat Adidas Models, die auch eine Sportart perfekt beherrschen. Ich bin also zum Casting, habe mir zwei kleine Mini-Barren mitgenommen und habe denen etwas vorgeturnt. Das scheint die sechs Leute von Adidas, der Produktion und dem Castingteam, die da aufgereiht saßen, beeindruckt zu haben. So war ich dann an Bord. Ein paar Tage vor der Produktion haben sie angerufen und gesagt, dass sie verzweifelt noch ein Model suchen, das auch Rennrad mit diesen Klick-Pedalen fahren kann. Ich habe gesagt, dass ich das hinkriege, habe mir nachmittags so ein Rad mit Klick-Pedalen von einer Freundin geliehen, geübt und war dann fortan der „Cyclist“ in der Kampagne. Gedreht und geshootet haben wir den Teil tatsächlich in Berlin – direkt am Hackeschen Markt. Ich glaube, es war auch die Idee der Kampagne, dieses Großstadtflair mit einzufangen. Da die Outfits aus der kommenden Saison waren, durften wir auf keinen Fall selbst Fotos machen. Das war alles top secret – hat aber großen Spaß gemacht. Ich mache zwar auch gerne mal einen Ausflug mit dem Rad, bleibe dann aber doch lieber beim Turnen, um mich auszupowern.
Du hast auch mehrfach Outfits weltbekannter Modedesigner und Labels wie Gucci und Dolce & Gabbana für einen Luxusmode-Shop präsentiert. Was für eine Erfahrung war das für Dich?
Darin gehe ich voll auf. Nicht nur, weil es große Namen sind – große Designer sind ja oft dafür bekannt, neue Trends zu setzen, von denen sich andere inspirieren lassen. Das Gefühl hatte ich auch bei den Outfits, die ich da in Szene setzen durfte. Aber klar, diese ikonischen Marken für Shootings zu tragen, ist natürlich eine besondere Ehre.
Inwiefern kannst Du beim Modeln von Deinen Erfahrungen als Schauspieler profitieren?
Man bekommt ein Gefühl dafür, was wie in der Kamera wirkt. Mir macht es Spaß, mit der Kamera zu spielen. So bin ich überhaupt auch zum Schauspiel gekommen. Noch vor meiner ersten großen Rolle in der zweiten Klasse an der Seite von Heiner Lauterbach: Ich hatte so viel Spaß vor der Kamera, dass ich immer gefragt habe: „Mama, wann gehen wir wieder zum Fotografen?“ Dabei haben wir da einfach nur Familienbilder gemacht. Das hat dann eines Tages einer dieser Fotografen erkannt und mich und meine Eltern gefragt, ob ich nicht Lust hätte, eine Werbung zu machen. So kam ich dann zu einer Agentur und habe bis zum Abi regelmäßig neben der Schule gedreht, weil mir das so viel Spaß gemacht hat. Diese Freude beizubehalten, ist sowohl fürs Schauspielen als auch Modeln essenziell.
Bekommst Du auch viele Werbeaufträge über Instagram, seitdem Du als Schauspieler und Model bekannt bist?
Hin und wieder kommen Marken auf mich zu. Und wenn ich das Gefühl habe, dass wir wirklich gut zusammenpassen, freue ich mich sehr und es entstehen coole Dinge.
Für welche positiven Dinge nutzt Du Dein Profil und Deine Reichweite bei Instagram gerne?
Auch wenn meine Arbeit als Schauspieler auf meinen Social-Media-Kanälen im Fokus steht, nutze ich sie gerne, um auf Projekte aufmerksam zu machen, die mir wichtig sind. Ganz aktuell habe ich meine Follower virtuell zu den Green Awards mitgenommen, um dieses Projekt ins Rampenlicht zu rücken. Die Green Awards zeichnen Gründer aus, die mit ihren Innovationen dem Klimawandel begegnen. Das ist ein toller Ansatz.
Wie sieht Dein Alltag als Schauspieler und Model aus?
Wenn ich drehe, geht es in der Regel früh ans Set, dort gibt es Frühstück – und ganz wichtig: Kaffee –, dann ins Kostüm- und Maskenmobil. Nach dem Dreh wird der nächste Drehtag vorbereitet und ich gehe oft zum Sport. Auch wenn ich nicht drehe, ist meine Zeit ziemlich strukturiert durch Stimmbildungsunterricht, Schauspielcoaching, Klavierunterricht, Sport und Tanzen von Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen. Ich möchte mich eben immer weiterentwickeln und hole mir deshalb Menschen an die Hand, mit denen ich an den verschiedensten Bereichen an mir arbeiten kann. Aus dem Stimmbildungsunterricht wird dann auch spontan mal vorübergehend Schlagzeugunterricht – wie zum Beispiel, als ich vor zwei Jahren für den französischen Kinofilm „Prodigieuses“ Schlagzeug lernen sollte. Model- und Sprecherjobs finden auch noch ihren Platz. Und ich nehme mir viel Zeit für die Menschen in meinem Umfeld.
Was waren für Dich die Highlights in Deiner Karriere?
Ein Highlight war definitiv der Dreh in Paris für den Kinofilm auf Französisch – zwei Monate in Paris zu drehen, waren ein Riesengeschenk. Jetzt gerade bin ich in London für eine amerikanische Produktion, die auch ein echtes Highlight ist.
Was das Modeln angeht: Teil der Adidas-Kampagne gewesen zu sein, ist schon ziemlich cool. Also definitiv auch ein Highlight.
Wenn Du anderen von Deinem Beruf als Schauspieler und von Deinen Model-Jobs erzählst – welche spannenden, lustigen oder verrückten Erlebnisse und Geschichten sind dann immer dabei?
Die besten Drehs sind die, bei denen man mit dem Cast zusammen im Hotel in irgendeiner fremden Stadt ist. Dann wächst man irgendwie auch hinter der Kamera zusammen. Das ist wie Klassenfahrt. Ich erinnere mich an einen Dreh, bei dem wir nachts zusammen im Hotelflur gesessen haben und unsere Szenen durchgegangen sind – und am nächsten Tag hat die Szene dann total spontan eine ganz andere Energie bekommen. Solche Momente bleiben hängen.
Welche Pläne hast Du für die Zukunft?
Weiter das zu machen, was mir am meisten Spaß macht: Filme machen.