Das Meisterteam der Eisbären Berlin soll nur punktuell verändert werden. Die Sommerpause ist daher auch verhältnismäßig unaufgeregt – was auch an einer wichtigen Personalentscheidung liegt.
Die Sommerpause verlief bei den Eisbären in den ersten Wochen ungewöhnlich ruhig. Nicht selten gibt es bei Eishockey-Clubs nach einer absolvierten Saison einen regelrechten XXL-Umbruch, weil viele Verträge nur über ein Jahr laufen. Das sorgt oft für Stress und Aufregung hinter den Kulissen während der spielfreien Zeit. Doch der Hauptstadtclub kann in der Saison 2025/26 weitestgehend auf sein Meisterteam setzen, und die wichtigste Personalie wurde bereits geklärt: Erfolgstrainer Serge Aubin bleibt – und zwar langfristig bis 2028. Der Vertrag mit dem Kanadier wurde nach dem Gewinn der elften Meisterschaft verlängert. Eine Binsenweisheit im Profisport besagt zwar, dass im Erfolgsfall die größten Fehler gemacht werden können. Doch bei dieser Personalentscheidung haben alle Beteiligten ein sehr gutes Gefühl – allen voran der Meistercoach selbst.
„Ich bin stolz, Cheftrainer zu sein“
„Ich bin stolz, Cheftrainer der Eisbären Berlin zu sein“, sagte der 50-jährige Aubin. Der Club sei „eine großartige Organisation mit herausragenden Fans“, schwärmte Aubin über seinen Arbeitgeber. Motivationsprobleme ließ er trotz des großen Erfolgs überhaupt keine erkennen: „Wir haben große Ziele, und wir werden alles geben, um diese zu erreichen.“ Und mit Aubin an der Bande stehen die Chancen sehr gut, meinen die Eisbären-Bosse. „Serge genießt großes Vertrauen bei der gesamten Mannschaft und beim Betreuerstab. Er hat unsere Mannschaft stetig weiterentwickelt und lässt attraktives sowie erfolgreiches Offensivhockey spielen“, sagte Eisbären-Sportdirektor Stéphane Richer. Die Handschrift von Aubin sei unverkennbar, und der Erfolg gebe ihm auf allen Ebenen recht. „Wenn vom Eisbären-Hockey gesprochen wird, wissen alle, welche Art der Spielweise gemeint ist“, äußerte Richer: „Vier Meisterschaften in den letzten fünf Jahren sprechen für sich.“
Aubin fehlt nur noch ein Meistertitel, dann zieht er mit Rekordcoach Don Jackson gleich. Der US-Amerikaner hatte vor seinem Wechsel im Jahr 2013 zu Red Bull Salzburg fünfmal den Titel mit Berlin gewonnen. Später gelang ihm das in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) viermal mit Red Bull München. Doch für die „Berliner Morgenpost“ steht fest: „Die DEL befindet sich in der Aubin-Dynastie.“ Besonders herausragend: Aubin verlor mit Berlin keine einzige Play-off-Serie. Der frühere Verteidiger hat ohne Zweifel eine Siegermentalität im Team etabliert, die ligaweit ihresgleichen sucht. In den entscheidenden Momenten spielen die Eisbären ihr bestes Eishockey, sie gewinnen die wichtigen Zweikämpfe, zeigen etwas mehr Drang zum Tor als der Gegner. Aubin gelang es, eine leistungsfördernde Teamchemie aufzubauen, in der zwar Konkurrenzdruck besteht, aber keineswegs Versagensangst. Auch die herausfordernde Situation nach dem Krebstod von Tobias Eder meisterte Aubin mit Einfühlungsvermögen. Er wusste genau, wann die Spieler Zeit und Abstand brauchten und wann Fokus auf den Sport gefragt war. Für Sportdirektor Richer, der mit Aubin schon bei den Hamburg Freezers zusammengearbeitet hatte, steht daher fest: „Serge ist außerhalb der NHL der beste Trainer in Europa.“
Eine sehr gewagte These, die aber sicher von Teilen der Mannschaft unterstützt wird. „Serge hat ein sehr gutes Verständnis vom Eishockey“, schwärmte zum Beispiel Eisbären-Kapitän Kai Wissmann. Aubin sei kein Trainer, der nur stur seine Taktik und sein Konzept durchziehe, sondern sich auch auf die Umstände im Spiel hervorragend einstelle. „Er sieht alles, kann immer ganz schnell auf der Bank reagieren, wenn der Gegner etwas umstellt. Er sieht es so schnell wie kaum ein anderer Coach“, sagte Verteidiger Wissmann. Aubin habe dazu die perfekte Mischung aus Konzepttreue und Vertrauen in die Einzelqualitäten seiner Spieler. „Trotz System, trotz Vorschriften, die wir haben“, verriet Wissmann, „gibt er uns genügend Freiräume, kreativ zu sein, gerade in der Offensive. Ich glaube, sehr viele Spieler wollen unter diesem Trainer trainieren und für die Eisbären spielen.“
Starke Technik, guter Bullyspieler
Der Aubin-Faktor dürfte auch bei den bisherigen Neuzugängen gezogen haben. Die bis Mitte Juli namhafteste Verpflichtung war die von Markus Vikingstad. Der norwegische Stürmer kommt von Ligarivale Fischtown Pinguins Bremerhaven, wo er in 219 DEL-Spielen auf 36 Treffer und 53 Vorlagen kam. Wie groß das Vertrauen in die Klasse des Centers ist, zeigt die Tatsache, dass die Eisbären ihn mit einem Dreijahresvertrag ausstatteten. Dabei spielte sicher auch eine Rolle, dass Vikingstad auch im Besitz eines deutschen Passes ist und somit nicht unter die Ausländer-Regelung fällt. „Ich freue mich riesig, ein Teil der Eisbären Berlin zu werden. Die Eisbären sind für mich der mit Abstand größte Eishockeyclub Deutschlands, der jedes Jahr um die Meisterschaft spielt“, sagte Vikingstad. „Auf meine Familie und mich wartet ein neues Kapitel. Ich bin äußerst motiviert, mein Bestes zu geben.“ Davon sind die Eisbären-Verantwortlichen fest überzeugt. „Er ist ein sehr talentierter Spieler im besten Alter“, sagte Sportdirektor Richer über den 25-Jährigen: „Er kennt die DEL und hat seine Klasse bereits unter Beweis gestellt.“ Vikingstad zeichne eine starke Technik aus, zudem sei er „ein guter Bullyspieler“, meinte Richer, der beim Spieler noch Steigerungspotenzial sieht: „Wir sind davon überzeugt, dass er sein volles Potenzial noch nicht abgerufen hat.“
Hier kommt dann wieder Aubin ins Spiel. Der Trainer soll auch eine sachte Verjüngung im Team vornehmen. Vikingstad nimmt die Kaderposition vom zehn Jahre älteren Zach Boychuk (35) ein, der den Club trotz großer Verdienste Richtung Slowenien zu HK Olimpija verlassen hat. Zudem gehören die Talente Lennart Neiße (18) und Moritz Kretzschmar (18) ab sofort zum Kader des amtierenden Meisters. Neiße spielte die vergangenen drei Saisons in Kanada, bei den Eisbären ist er als dritter Torhüter eingeplant. Er will viel lernen und hier und da DEL-Luft schnuppern: „Es macht sehr viel Spaß, sich mit den anderen auf dem nächsten Level zu messen.“ Der bei den Eisbären Juniors ausgebildete Kretzschmar bestritt zuletzt 16 Partien in der DEL2 bei Kooperationspartner Lausitzer Füchse. Schön für die Fans: Beide Talente können sich als gebürtige Berliner voll und ganz mit den Eisbären identifizieren. Außerdem soll die Eiszeit der Talente Eric Hördler (20), Maxim Schäfer (18), Elias Schneider (17) und Matej Leden (20), die in der Vorsaison auf sich aufmerksam gemacht haben, möglichst erhöht werden.
Doch natürlich wird es noch weitere Bewegung im Kader geben, schon allein wegen der Tatsache, dass noch einige Lizenzen für Importspieler offen sind. Doch hektisch wird bei den Eisbären niemand. „Im Moment bin ich relativ entspannt und beobachte den Markt“, sagte Richer. Vor allem in der Offensive wird noch gesucht – unabhängig von der Zukunft von Marcel Noebels, um den es zuletzt Abwanderungsgerüchte gab. Doch unter Zeitdruck steht der Meister nicht, das Gerüst für die kommende Saison steht. Deswegen sagt Manager Richer auch ganz entspannt: „Wir haben Spielraum und viel Zeit.“ Und seiner Meinung nach auch den besten Eishockey-Trainer in Europa.