Offen wie nie: Mit seiner Einsamkeits-Beichte hat Alexander Zverev sogar seine Familie überrascht. Der deutsche Tennisstar steckt in einem mentalen Tief.
Wie sich Alexander Zverev sein privates Leben nach dem Karriereende vorstellt, hat er schon verraten. „Ich möchte eine Riesenfamilie haben“, sagte Deutschlands bester Tennisspieler. Doch ein gemeinsames Kind von ihm und seiner Freundin Sophia Thomalla, der bekannten TV-Moderatorin, sei vorerst nicht in Planung, verriet Zverev. Dies geschehe „zu einem richtigen Zeitpunkt“. Klar scheint, dass der Weltranglistendritte dann nicht mehr auf der Tennis-Tour aktiv ist. „Dieses Von-zu-Hause-wegbleiben, wenn man dann eine ganze Familie zu Hause hat und auf einmal für zwei Monate weg ist, das könnte ich, glaube ich, gar nicht“, sagte der 28-Jährige. Das Familienleben und die Tenniskarriere unter einen Hut zu bekommen, wäre für ihn emotional nicht zu bewältigen. „Wenn ich dann doch zwei, drei von den kleinen Monstern zu Hause habe, dann wird es irgendwann schwierig, auch seine Ziele zu verfolgen“, sagte Zverev lächelnd: „Ich bin ein sehr, sehr weicher Typ, ich bin nicht jemand, der schnell Nein sagen und seine Emotionen oder Gefühle ausschalten kann.“
„Ich muss die Freude zurückholen“
Dabei ist Zverev bereits Vater einer kleinen Tochter. Die vierjährige Mayla lebt aber bei ihrer Mutter Brenda Patea in Berlin. Wenn Zverev seine Tochter sieht und mit ihr etwas unternimmt, so wie den gemeinsamen Zoobesuch vor seinem Halbfinaleinzug auf Rasen in Halle/Westfalen, dann sei er „generell glücklich“. „Das ist die Person, die mich am glücklichsten macht momentan. Aber sie ist vier Jahre alt. Normalerweise muss es andersherum sein. Ich muss ihr Energie geben, und ich muss sie glücklich machen und nicht umgekehrt. Das kann es nicht sein.“ Diese Sätze sagte Zverev bei seiner viel beachteten Pressekonferenz unmittelbar nach seinem enttäuschenden Erstrunden-Aus in Wimbledon. In jenem Moment gab sich der sonst oft unnahbar wirkende Hamburger offen wie nie, er gab mentale Probleme und Einsamkeitsgefühle zu. Sportlich und vor allem psychisch angeschlagen verabschiedete sich der Olympiasieger von 2021 in eine Wettkampfpause, in der er Antworten auf dringende Fragen des Lebens zu finden hofft.
„Ich muss die Freude zurückholen, die ich verloren habe“, sagte Zverev: „Ich muss mich wieder selber ein bisschen finden und verstehen, welche Menschen mir Freude bringen, was mir Spaß macht, was mich motiviert.“ Das sei nun seine „Nummer-eins-Aufgabe“ mit 28 Jahren. Wie genau das gelingen soll, wusste er auch noch nicht. Aber ihm ist klar: Die Änderung muss von ihm selbst ausgehen. „Etwas in mir muss sich ändern“, sagte er, „etwas, das nicht notwendigerweise auf dem Tennisplatz liegt“. Denn seine Sinnkrise beschränke sich nicht nur auf das Spiel mit dem gelben Filzball. „Ich glaube nicht, dass Tennis im Moment mein Problem ist, das ist ein Lebensding. Ich habe mich noch nie so leer gefühlt. Es fehlt mir einfach die Freude an allem, was ich tue.“
Die Dinge, die Zverev an jenem Tag in der Pressekonferenz beschrieb, klangen verdächtig nach Symptomen, die allgemein mit einem Burn-out in Verbindung gebracht werden. „Es ist ein Gefühl, dass du ins Bett gehst und du nicht wirklich für den nächsten Tag motiviert bist“, sagte der Tennisprofi: „Du fühlst dich nicht danach, aufzuwachen und zur Arbeit zu gehen.“ Zwar reist er für seinen Beruf viel um die Welt, er wird bei Spielen von Fans bejubelt und hat auf Social-Media-Plattformen Millionen Follower. Dennoch fühle er sich „da draußen manchmal sehr allein“, offenbarte der Sportstar: „Ich habe mentale Probleme.“ Und das nicht erst seit kurzer Zeit. „Ich versuche, Wege zu finden, irgendwie aus diesem Loch herauszukommen, aber ich lande irgendwie immer wieder darin.“ Er wisse, dass viele Menschen solche Gefühle mit sich herumtragen würden, ergänzte Zverev, „es ist egal, welchen Job du hast“. Zverev, der gelegentlich mit einer Psychologin zusammenarbeitet, denkt nun über eine Gesprächstherapie nach: „Vielleicht werde ich es zum ersten Mal in meinem Leben brauchen.“
Zu wenig Zeit für seine Rückkehr
Novak Djokovic bot seinem deutschen Rivalen sofort Hilfe an. „Er weiß genau, dass er sich immer bei mir melden kann“, sagte der serbische Rekord-Grand-Slam-Gewinner: „Ich verstehe ihn, ich verstehe genau, was er durchmacht, weil ich selbst oft dasselbe durchgemacht habe. Man fühlt sich weniger glücklich, leer, man schafft es nicht, das zu erreichen, was man will.“ Zverevs Bruder war dagegen von den Aussagen sichtlich überrascht. „Da hat sich nichts Großartiges angedeutet“, sagte Mischa Zverev. Der Ex-Profi, der in seiner Funktion als Manager genau wie Vater und Trainer Alexander senior im Staff des Weltranglistendritten unterwegs ist, wollte seinem Bruder zunächst den notwendigen Freiraum geben. „Nach einer emotionalen Niederlage fühlst du Sachen, dann sagst du Sachen, und dann musst du halt gucken, wie fühlst du dich ein, zwei Tage später.“ Er riet seinem Bruder zu einer Trainingspause, in der dieser „ein bisschen Golf spielen, ein bisschen ins Meer gehen“ solle. Aber ob das wirklich reicht, um dann beim Masters-Turnier im kanadischen Toronto Ende Juli körperlich und vor allem mental gestärkt wieder anzugreifen?
Nach seinem Final-Debakel bei den Australian Open Anfang des Jahres gegen den Weltranglistenersten Jannik Sinner hatte Zverev den Fehler gemacht, sich zu wenig Zeit für die Rückkehr auf den Platz zu lassen. Er wechselte für die kleineren Turniere in Buenos Aires und Rio de Janeiro kurzzeitig von Hartplatz auf Sand – ohne Erfolg. Der blieb auch danach in Acapulco und bei den beiden Masters-Turnieren in Indian Wells und Miami aus. In Abwesenheit von Sinner, der wegen eines geringen Dopingvergehens zu drei Monaten Sperre verurteilt wurde, hatte Zverev die Chance auf die Nummer eins der Welt – sein großes Karriereziel neben dem Gewinn eines Grand-Slam-Turniers. Diese „Riesenchance“ habe er „ziemlich verkackt“, sagte Zverev bei MagentaTV. „Ich habe das schlechteste Tennis gespielt seit meiner Verletzung.“
Gemeint war die schwere Knöchelverletzung bei den French Open 2022, als er Sandplatz-König Rafael Nadal im Halbfinale auf Augenhöhe begegnete und vielleicht in der Form seines Lebens war. Ein Rückschlag, von dem sich Zverev körperlich wie mental nur langsam erholte. Auch der Prozess gegen ihn wegen des Vorwurfs der Körperverletzung, der gegen eine Geldauflage von 200.000 Euro ohne Verurteilung vor einem Jahr eingestellt wurde – wodurch Zverev weiter als unschuldig gilt –, dürfte an seinen Nerven gezerrt haben. Hinzu kommt die Diabetes-Erkrankung, mit der Zverev seit vielen Jahren lebt. Und auch das Image, das ihm vor allem in Deutschland anhaftet, dürfte ihn nicht wirklich glücklich machen: unnahbar, schnöselig, kaum emotional – und wenn, dann oft negativ.
Schwierige Image-Änderung
Der Olympiasieg 2021 in Tokio hat ihm zwar ohne Zweifel einen Popularitätsschub gegeben. Doch so wirklich ins Herz geschlossen wie damals Boris Becker haben ihn die deutschen Fans nie. „Ein Sportler in Deutschland zu sein, ist nicht einfach, weil die Deutschen immer mehr wollen. In Amerika, wenn du die NBA-Championships gewinnst, dann hast du einen Ring und bist eine Legende vom Verein für den Rest des Lebens“, meinte er. Sein altes Management habe ihn zu einem internationalen Superstar aufbauen wollen, doch er wollte, dass vor allem die deutschen Fans mit ihm in einem Fünf-Satz-Krimi mitfiebern. „Natürlich liebe ich es, wenn ich in einem vollen Stadion wie in Hamburg bin und alle auf meiner Seite stehen. Es gibt kein schöneres Gefühl.“
Ein Image zu ändern, sei immer schwierig. „Als ich jung war, war ich verrückt. Ich habe Schläger kaputt gemacht, habe Stühle kaputt gemacht. Ich hatte mich auf dem Tennisplatz teilweise nicht im Griff.“ Sein Mega-Ausraster 2022 in Acapulco, als er seinen Schläger am Schiedsrichterstuhl zertrümmerte und dafür gesperrt wurde, sei jedoch ein „Wake-up-Call“ für ihn gewesen: „Ich wollte nicht, dass man Youtube aufmacht und es dann nicht die Highlights von einem Tennisspieler gibt, sondern Highlights, wie man Schläger kaputt macht. Das möchte ich nicht sein.“ Er möchte ein Grand-Slam-Champion sein, doch auch hier kommen die größten Zweifler vor allem aus Deutschland, die meinen: Alexander Zverev schafft es nie.
Drei Finals auf der großen Major-Bühne hat er verloren, teilweise dramatisch. Nur wenig spricht dafür, dass Zverev noch viele Chancen auf den so ersehnten Titel bekommt. Vor allem der Italiener Sinner und Carlos Alcaraz aus Spanien sind aktuell sportlich enteilt und deutlich jünger. Die deutsche Tennis-Ikone Boris Becker glaubt, dass ein Trainer von außen die entscheidenden Prozentpunkte herauskitzeln könnte. „Der Vater und der Bruder haben das hervorragend gemacht, aber für den letzten Schritt war das noch nicht gut genug“, sagte der sechsmalige Grand-Slam-Turniergewinner: „Man hat den Eindruck, dass er gegen die Topspieler im selben Trott spielt und darauf hofft, dass das Ergebnis gut wird.“ Zverev hatte es in der Vergangenheit schon mit sogenannten „Supercoaches“ probiert: Ivan Lendl, Juan Carlos Ferrero, David Ferrer, Sergi Bruguera. „Da waren schon Top-Leute dabei“, meinte Becker: „Die haben aber alle das Boot nach einem halben, dreiviertel Jahr verlassen. Und das hat seine Gründe gehabt.“
Zverev wollte diese Kritik zunächst nicht annehmen. „Ich glaube, wenn es bei mir gut läuft, dann mache ich immer alles richtig“, hatte der Hamburger gesagt: „Und wenn es bei mir schlecht läuft, dann sind alle immer sehr, sehr schlau. Da gehört Boris leider dazu.“ Ob er nach den Erlebnissen und Geständnissen von Wimbledon offener für Veränderungen ist, bleibt abzuwarten. Becker, dem nach eigener Aussage bei Zverevs besagter Pressekonferenz „die Tränen“ gekommen seien, bietet jedenfalls seine Hilfe an. „Ich habe mich natürlich sofort bei ihm gemeldet und geguckt, ob alles so weit okay ist“, verriet der 57-Jährige. Zverevs Antwort auf die Nachricht: ein nach oben gestreckter Daumen als Emoji.