Der Sensations-Coup war perfekt. Sauber-Pilot Nico Hülkenberg ist der wahre Sieger beim Großen Preis von Silverstone. In seinem 239. GP-Einsatz raste der Deutsche erstmals auf einen Formel-1-Podestplatz – Rang drei nach Startplatz 19! Der Doppelsieg des McLaren-Duos Lando Norris/Oscar Piastri geriet zur Nebensache.
Die unfassbare, unliebsame, historisch lange schwarze Podest-Durststrecke von Nico Hülkenberg ist 15 Jahre nach seinem F1-Debüt (2010 im Williams in Bahrain) endlich zu Ende gegangen. Endlich, endlich! Nach 238 Rennen oder 5.593 Tagen war es vollbracht. „Hulk“ erlöst sich. Der Emmericher vom Niederrhein war als unrühmlicher Rekordhalter seine Negativserie ohne F1-Podestplatz los. Der Podiums-Fluch ist gebrochen, die leidige Statistik ausradiert. Solange hatte vor ihm noch kein Fahrer auf den Sprung aufs Podest warten müssen. Ausgerechnet im Mekka des Motorsports, an der Geburtsstätte der Formel 1 (13. Mai 1950) mit dem klangvollen Namen „Home of British Motor Racing“ in Silverstone, hat Hülkenberg ein kleines Kapitel F1-Geschichte geschrieben. Auf der ehrwürdigen Traditionsstrecke hat „Hulk“ am 6. Juli 2025 Platz drei erobert. Das erste Podium in der langen F1-Karriere des Deutschen war dann die große Geschichte beim Großen Preis von Großbritannien. Das letzte Podium, das 27. vor Hülkenberg, feierte Sauber 2012 in Japan mit Platz drei des Japaners Kamui Kobayashi. Nach einer verpatzten Qualifikation startete Hülkenberg auf dem Silverstone Circuit als Letzter von Rang 19. Doch mit perfekten Strategie-Entscheidungen lotste der Kommandostand seinen Piloten durch einen chaotischen Grand Prix mit wechselhaften Wetterverhältnissen und mehreren Safety-Car-Phasen. Mit seiner ganzen Routine und einer fehlerfreien fahrerischen Meisterleistung sorgte Hülkenberg schließlich für die Sensation. In Runde 35 von 52 Umläufen zog der Sauber-Pilot mit flachgestelltem Heckflügel am Vierten Lance Stroll (Aston Martin) vorbei und war als Dritter auf Podestkurs.
„Das ganze war sehr surreal“
„Ich kann noch gar nicht begreifen, was wir gerade erreicht haben“, funkte Hülkenberg nach der Zieldurchfahrt emotional an seine Box. Mit zittriger Stimme fuhr er fort: „Oh mein Gott. Ich habe bis zum letzten Boxenstopp nicht daran glauben wollen.“ Im Sky-Interview gestand er fassungslos: „Das Ganze war sehr surreal. Ich weiß noch nicht, wie das alles passiert ist.“ Seine Emotionen fasste er so zusammen: „Es fühlt sich gut an. Es war ein verrücktes Rennen, ein Ritt auf der Rasierklinge. Die ständig wechselnden Bedingungen sorgten dafür, dass es größtenteils ein Überlebenskampf war. Man ist immer mit einem Bein im Grab und in der Wand. Ich habe noch nicht ganz realisiert, was wirklich passiert ist.“
Sauber-Teamchef Jonathan Wheatley (58) schwärmte bei Sky: „Das war das am meisten überfällige Podium in der Historie der Formel 1. Das war eine Meisterleistung von Nico.“ Für Ex-Champion Fernando Alonso, Teamkollege von Hülkenberg zu gemeinsamen Renault-Zeiten, ist Nico „einer der besten Fahrer im Starterfeld, der aber nie die Chance hatte, in einem anständigen Auto zu sitzen.“ Dreimal raste er auf Platz vier (2012 Belgien, 2013 Korea, 2016 Belgien).
Hülkenbergs dritter Platz ist das erste deutsche F1-Podest seit 2021 in Baku (Platz zwei von Sebastian Vettel). Der Rheinländer ist der 218. von insgesamt 790 Fahrern, die das Podest in über 75 Jahren F1-WM erobert haben. Im Alter von 37 Jahren und 321 Tagen stand „Hulk“ das erste Mal auf dem Podium. Er ist der älteste Podest-Debütant seit George Follmer (USA), der beim Spanien-GP 1973 (Dritter) 39 Jahre und 92 Tage alt war.
Der „Podiums-Fluch“ bleibt nach Hülkenberg weiter in deutscher Hand: In diesem Ranking liegt jetzt mit 128 Rennen ohne Top-3-Ergebnis Ex-Force-India- und Sauber-Pilot Adrian Sutil an der Spitze. Im aktuellen F1-Feld führt der Japaner Yuki Tsunoda (Red Bull) mit 99 Rennen ohne Podestplatz die Durststrecke an. Als der „Held des Tages“ nach den Interviews überglücklich in der Sauber-Hospitality eintraf, wurde er wie ein Weltmeister empfangen und gefeiert. „Nico is on fire“, wurde gesungen, es brachen alle Dämme. Einziger Wermutstropfen: Es mangelte an Champagner. Abhilfe schafften die Rivalen. Aston Martin und Mercedes waren großzügige Lieferanten des prickelnden Schaumweins. Jetzt floss der edle Saft in Strömen. Mercedes-Boss Toto Wolff: „Wir helfen gerne aus, wir haben ja nichts zu feiern.“ Recht hatte er. Nur Platz zehn für George Russell (ein WM-Punkt) und vorzeitiges Aus für Kimi Antonelli nach einem Diffusor-Schaden.
McLarens letzter Sieg beim Heimrennen in Silverstone geht auf das Jahr 2008 zurück. Damals gewann Lokalmatador Lewis Hamilton vor Nick Heidfeld (BMW Sauber). 17 Jahre später, 2025, gewinnt mit Lando Norris ebenfalls ein Lokalmatador sein erstes Heimrennen. Das Papaya-Team war als Favorit zum britischen Heimspiel gereist – und erlebte zunächst eine unvorhergesehene Situation. In der Qualifikation hatte sich Max Verstappen (27) im Red Bull die Poleposition vor McLaren-Star Piastri (24) und dessen Teamkollege Norris (25) gesichert. Doch aus einem zweiten Silverstone-Sieg nach 2023 wurde nichts. Max wurde nur Fünfter. Die beiden Papaya-Fahrer flogen dem Weltmeister nach dem Start um die Ohren. Nach einem späteren Dreher fiel er aus den Punkterängen, kämpfte sich aber zurück.
Keine klare Aussage zu Vertrag
Verstappen bei Sky angefressen: „Untersteuern, Übersteuern, das Auto war einfach nur … alles war schlecht, ich hatte keine Chance gegen McLaren. Das einzig Positive ist der erste Podestplatz von Nico, ich freue mich sehr für ihn, dass er das endlich, endlich geschafft hat. Wir kämpfen sowieso nicht um die Meisterschaft. Aber das Leben geht weiter.“ Angesprochen auf die Frage, ob das Leben für ihn auch bei Red Bull (Vertrag bis Ende 2028) weitergehe, antwortete er ausweichend: „Da will ich nicht drüber reden.“
Nach seinem ersten Heimsieg erklärte Norris überglücklich im Siegerinterview: „Ich bin so stolz, hier fing für mich alles an. Es ist wunderschön. Ein unglaublich stressiges Rennen. Der Heimsieg (vor 160.000 Zuschauern, Anm. d. Red.) ist alles, wovon ich geträumt habe. Abgesehen von der WM kann es nicht mehr besser werden. Heute war endlich mein Tag.“ Das konnte Piastri nicht behaupten. Dem sonst so coolen und besonnenen Australier riss die Hutschnur. Er gab aber zu, sich den Ärger selbst eingebrockt zu haben: „Damit muss ich jetzt leben. Aber ich mag Silverstone immer noch. Und Kompliment an Nico für seinen ersten Podestplatz.“
Was war passiert? Hinter dem Safety-Car verzögerte der Führende Piastri. Er „bummelte“. Provoziert durch das gefährliche Bremsmanöver schoss der verblüffte Verstappen rechts an Piastri vorbei und wunderte sich am Funk: „Was der da so treibt.“ Für dieses unsportliche Verhalten brummten die Rennkommissare Piastri eine Zehn-Sekunden-Strafe auf. Begründung: Piastri habe stark verzögert, von 280 km/h auf knapp 50 km/h abgebremst – das sei unverhältnismäßiges Fahren hinter dem Safety-Car.
Als er diese Strafe vor seiner Box abbrummte, zog Norris vorbei und war nicht mehr einzuholen. Das Bremsmanöver kostete Piastri den Sieg – er musste sich mit Platz zwei begnügen.
Mit dem Rennen in Silverstone endete auch eine bemerkenswerte Serie. Lewis Hamilton, mit neun Triumphen Rekordsieger im britischen Motorsport-Mekka, stand bis 2024 zwölfmal in Folge auf dem Podium. Diese Serie endete jetzt mit Platz vier. Für den Siebenfach-Champion aber weiterhin kein Podestplatz in Ferrari-Rot nach zwölf WM-Rennen, die die Halbzeit der Saison markieren. Sein Ferrari-Teamkollege Charles Leclerc, immerhin mit vier Podestplätzen (3./Saudi-Arabien, 2./Monaco, 3./Spanien, 3./Österreich), kam frustriert auf Rang 14 ins Ziel.
Mit seinem vierten Saisonsieg rückt Norris (226 Punkte) seinem Teamkollegen Piastri (234/fünf Saisonsiege) immer näher. Nur noch acht Punkte Rückstand. Verstappen (165) fällt weiter zurück, behält aber in der Fahrer-WM Platz drei. Die Ferrari-Stars Leclerc (119) und Hamilton (103) liegen auf den WM-Plätzen fünf und sechs. Davor: Mercedes-Star George Russell (147). Mit neun Saisonsiegen, davon vier Doppeltriumphe, ist McLaren mit 460 Zählern unangefochtener Konstrukteurs-Spitzenreiter. Ferrari liegt mit 222 Punkten auf Rang zwei vor Mercedes (210) und Red Bull (172). Sauber springt dank Hülkenberg um drei Plätze nach vorne auf Rang sechs (41) hinter Williams (59).
Rabenschwarzer Tag für Verstappen
Noch kurz zu den Aufregern der vergangenen Rennen: In Österreich demütigte McLaren mit einem Doppelsieg (Norris vor Piastri) die Konkurrenz. Die Papaya-Renner fuhren in einer eigenen Liga. Zeitweise ging es hart zur Sache. Nach gnadenloser Piastri-Jagd und atemlosen Rad-an-Rad-Duellen hätte der WM-Leader fast seinen Teamkollegen abgeräumt. Die Verantwortlichen griffen ein und ermahnten den angriffslustigen Australier. Der Brite feierte einen Start-Ziel-Sieg.
Verstappen erlebte beim Heimrennen in der Steiermark einen rabenschwarzen Tag. Nur 26 Sekunden nach dem Start kam das Aus. Der vierfache Österreich-Gewinner schied in Kurve drei aus. Abiturient Kimi Antonelli hatte den Bullen unabsichtlich abgeschossen. Der ungestüme Mercedes-Teenager verbremste sich – das Debakel war perfekt. Teamchef Christian Horner schrieb den fünften WM-Titel für Verstappen bereits ab: „Es sieht nach einem Zweikampf der McLaren-Fahrer aus.“
Dieser Zweikampf war schon in Kanada der Aufreger. „Es wird der Tag kommen, da fahren sich unsere beiden WM-Aspiranten Piastri und Norris gegenseitig in die Kiste“, prophezeite McLaren-Boss Zak Brown. Vier Runden vor Rennende attackierte Norris (Platz fünf) Piastri (Platz vier). Auf der Zielgeraden wollte er überholen, doch der Platz reichte nicht. Es krachte: Norris knallte ins Piastri-Heck und anschließend in die Mauer. Piastri rettete sich noch als Vierter ins Ziel. Sieger: Russell vor Verstappen und Antonelli.
Noch hat der Kanada-Crash keine Auswirkungen auf die Racing-Kultur bei McLaren. „Wir möchten nicht, dass bei jedem engen Zweikampf jemand eingreift. Dann wird Racing schnell künstlich“, betont Teamchef Stella. Bislang durften Piastri und Norris frei und fair gegeneinander fahren. Wird es im WM-Kampf enger, könnte Teamorder aber schnell ein Thema werden.
Ob uns der nächste Aufreger oder Rammstoß schon am 27. Juli beim Rennen in Spa erwartet – das wird sich zeigen.