80 Jahre nach dem Ende des Krieges erinnert Dänemark an die Bedeutung des Widerstands. Knud Christensen, KZ-Überlebender, kam mit den „Weißen Bussen“ aus Dachau zurück nach Hause. Heute spricht er darüber, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Es regnet an diesem Abend des 4. Mai, die Ministerpräsidentin steht unter einem Schirm, auf den schwere Tropfen trommeln. Es sind genau 80 Jahre, dass der Krieg in Dänemark endete. Mette Frederiksen liest aus einem Brief. Christian Ulrik Hansen, Theologiestudent, war 22 Jahre alt, als er schrieb, drei Stunden vor seiner Hinrichtung hier in Mindelunden.
„Wenn man wie ich jung ist und das Leben liebt, fällt es schwer, Lebewohl zu sagen“, liest die Regierungschefin aus dem Abschiedsbrief Hansens in Mindelunden, einst Militärgelände, jetzt Gedenk- und Ruhestätte dänischer Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung vor. „Es ist schwer, Abschied zu nehmen von dem Mädchen, das man liebhat, von den Lieben daheim und den Freunden. Es ist schwer, aber keineswegs sinnlos.“
Frederiksen hebt den Blick und richtet das Wort an die Handvoll Ehrengäste in der ersten Reihe – fünf der ehemaligen Widerstandskämpfer, die letzten Zeitzeugen: „Dass Dänemark nach dem Krieg Teil der freien Welt sein konnte – das ist euer Verdienst.“ Die Rede wird im Fernsehen übertragen. Die Kamera zeigt Knud Christensen, einen Herrn mit Vollbart im Dufflecoat. Christensen war wie Hansen im Widerstand im norddänischen Aalborg.
Etwa 20.000 Menschen kamen überraschend frei
Hansen starb am 23. Juni 1944 in Mindelunden, an einen Pfahl gebunden. Der Freund ist seit fast 81 Jahren tot. Christensen hatte mehr Glück. Für ihn ist das Frühjahr 2025 voller Jubiläen.
Am 3. April feierte er seinen 100. Geburtstag. Die Tochter kam, der Sohn, sieben Enkel, fünf Urenkel. Zwei Dutzend Gäste, hauptsächlich Familie – gleichaltrige Freunde gibt es keine mehr. Am 24. April dann die Gnadenhochzeit: 70 Jahre mit Karen, bald 91.
Das Paar lebt an der Westküste, außerhalb von Hirtshals, nahe dem Leuchtturm. Spaziergänge in den Dünen, vorbei an alten deutschen Bunkern, gehen nicht mehr. „Seit Weihnachten nutze ich einen Gehstock“, sagt Christensen. Aber so dringend ist er offenbar nicht darauf angewiesen – sonst hätte er ihn neulich nicht im Supermarkt vergessen. „Jetzt habe ich einen Aufkleber mit meiner Telefonnummer an den Stock geklebt“, sagt er und lacht. Autofahren geht noch: „Muss ich ja – wir wohnen ziemlich abseits.“
Drei Tage vor seinem Hochzeitstag gedachte Knud Christensen des 80. Jahrestags seiner Rettung aus deutschen Konzentrationslagern. Am 21. April 1945 überquerte er die deutsch-dänische Grenze in einem weiß gestrichenen Bus. Jubelnde Menschen warteten an den Straßen, Kinder schwenkten Dannebrog-Fähnchen. Die wenigsten Jugendlichen wissen heute noch, was die Weißen Busse sind“, schreibt das Kopenhagener Nationalmuseum in Unterrichtsmaterialien. Dahinter verberge sich „eine der größten und spektakulärsten Rettungsaktionen auf europäischem Boden“. Etwa 20.000 Häftlinge kamen überraschend aus deutschen Konzentrationslagern frei.
Die Vorgeschichte der Weißen Busse geht zurück auf die Besetzung Dänemarks und Norwegens, den Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 9. April 1940. Die dänischen Institutionen bleiben zunächst intakt, bis die Politik der Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten Ende August 1943 endet. Danach beginnt die Hetzjagd. Allein aus Dänemark werden rund 2.700 Widerstandskämpfer, 2.000 Polizisten, 500 jüdische Bürger, 475 sogenannte Asoziale und Gewohnheitsverbrecher und 150 Kommunisten in Konzentrationslager verschleppt; aus Norwegen sind es rund 10.000 Deportierte.
Als das Kriegsende naht, beginnen Verhandlungen über ihre Rettung. Rund 5.000 Dänen und 4.200 Norweger kommen mit den Weißen Bussen nach Hause. Aber später bringen die Busse auch viele Tausend Gefangene aus dem Frauen-KZ Ravensbrück in Sicherheit. Die größte Gruppe mit fast 7.000 Geretteten machen Polinnen aus.
Die Toten wurden „wie Flaschen“ gestapelt
Knud Christensen wird 1942 von einem Lehrer in den Widerstand geholt. Der 17-Jährige produziert eine illegale Zeitung, dann nimmt er an Sabotageaktionen teil. Er ist dabei, die Waffen aufzulesen und zu verstecken, die britische Flugzeuge für den Widerstand abwerfen, beim Aufbau und der Schulung illegaler Gruppen. Die Gestapo verhaftet ihn im Oktober 1944. Nach Verhören und Folter im Gestapokeller von Aalborg kommt er ins Internierungslager im dänischen Frøslev, danach ins KZ Dachau und ist dort Sanitäter. „Für Hunderte von Ruhr-Kranken bekamen wir nichts als ein Päckchen Aspirin“, berichtet er. Die Toten wurden zum Transport ins Krematorium „wie Flaschen“ gestapelt: „Eine Lage auf dem Karren mit dem Kopf in die eine Richtung, die nächste Lage in die andere.“
Ende März 1945 taucht plötzlich eine Kolonne weißer Busse mit aufgemalten Schwedenfahnen auf, um Norweger und Dänen abzuholen. „Ich weiß nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren, sicher drei Tage und Nächte.“ Nachts stoppt der Konvoi, aus Angst vor Fliegerangriffen der Alliierten. Dann erreichen die Gefangenen das KZ Neuengamme nördlich von Hamburg. Dort sollen die skandinavischen Gefangenen gesammelt werden. So hat es Graf Folke Bernadotte, Vizepräsident des schwedischen Roten Kreuzes, mit SS-Chef Heinrich Himmler vereinbart.
Dänische Regierungsstellen haben die Rettungsaktion angeschoben; Fahrt nimmt sie auf, als der Schwede sich einschaltet. Zum Treffen Mitte Februar 1945 im brandenburgischen Lychen bringt der Graf dem Wikinger-Fan Himmler ein Buch über schwedische Runenschriften mit. Der mächtigste Mann hinter Hitler lehnt ab, dass die skandinavischen Gefangenen nach Schweden überführt werden – aber das Rote Kreuz darf sie aus zahlreichen Lagern nach Neuengamme bringen und versorgen. Über Bernadotte strebt Himmler offenbar Verhandlungen mit den Westalliierten über einen Separatfrieden an. Vielleicht will der Massenmörder, als der Zusammenbruch sich abzeichnet, vor allem seinen eigenen Hals retten und hofft durch eine humanitäre Geste auf die Gnade der Sieger.
Die Dänen und Norweger bekamen Hosen und Pullover aus Marinebeständen und reichlich zu essen dank der Rot-Kreuz-Pakete, erinnert sich Christensen: „Wir wussten jetzt, wir würden überleben. Was wir zu viel hatten, gaben wir den anderen Gefangenen.“ Folke Bernadotte und dänische Stellen verhandeln weiter mit SS und Gestapo. Am Abend des 19. April gibt Himmler die Erlaubnis: Die skandinavischen KZ-Häftlinge dürfen nach Dänemark ins Internierungslager Frøslev – aber sie müssen binnen 24 Stunden in Neuengamme abgeholt werden. Weil die schwedischen Busse nicht reichen, streichen die Dänen über Nacht Holzvergaser-Überlandbusse weiß, bemalen sie mit Dänenflaggen und roten Kreuzen.
Am Morgen des 20. April 1945 schleichen 200 Busse mit 30 Kilometern pro Stunde von Padborg aus Richtung Neuengamme und holen dort an diesem Tag rund 4.000 Gefangene ab. Knud Christensen bekommt einen Platz in einem der letzten Busse, auf dänischem Boden schreibt er sofort ein Lebenszeichen an seine Eltern in Hirtshals.
Kurz vor Kriegsende holen deutsche Soldaten dann Knud Christensen und Mitgefangene aus dem Internierungslager Frøslev und bringen sie im Zug nach Helsingør. Sie dürfen mit der Fähre über den Øresund nach Schweden übersetzen und bekommen Gutscheine für Zivilkleidung: Endlich in Freiheit! „Als Erstes besorgte ich mir einen Pyjama aus roter Seide“, erzählt Knud Christensen, „das war wohl für mich der größte denkbare Kontrast zum KZ.“
Am Abend des 4. Mai 1945 sendet die BBC die Nachricht, dass sich die Wehrmacht in Dänemark ergibt. Christensens Kameraden stürmen jubelnd auf die Straße, er bleibt allein im Schlafsaal. Der dänische Widerstand, sagt Knud Christensen heute, sei nicht nur ein Kampf gegen die Deutschen gewesen, sondern auch „ein Aufruhr der Jungen gegen die Kollaborationspolitik der Alten“. Die Seeleute in alliierten Diensten und die Widerständler hätten die Ehre Dänemarks gerettet: „Wir wollten nicht Hitlers Kanarienvögel sein und nur im Käfig sitzen.“
Hass auf Deutsche fühlt er nicht
Nun ist das Ziel erreicht, und Christensen fühlt sich „plötzlich überflüssig, wie ein Veteran mit 20 Jahren“. Doch er wird noch gebraucht. Im heimischen Hirtshals kontrolliert er im Sommer 1945 deutsche Soldaten beim Räumen der Minen am Strand. Er wird Offizier der britischen Armee, kehrt dann nach Hirtshals zurück und gründet seine Familie mit zwei Kindern, wird Reeder von Fischkuttern: „Anders als vielen Kameraden ist mir ein langes und gutes Leben vergönnt.“
Als die Skandinavier mit den Weißen Bussen Richtung Heimat fuhren, begann die SS die ersten Häftlinge aus Neuengamme nach Lübeck zu transportieren. Dort wurden sie in die Lasträume der „Cap Arcona“ und anderer Schiffe gesperrt – schwimmende Konzentrationslager, nicht als Gefangenenlager gekennzeichnet. „In Neuengamme hatte ich mich mit Tino angefreundet, einem niederländischen Medizinstudenten“, sagt Knud Christensen. „Wir vereinbarten, dass er mich nach dem Krieg in Dänemark besuchen sollte.“ Doch britische Bomber versenkten die Schiffe: „Tausende Häftlinge kamen ums Leben. Tino war einer von ihnen.“
Fühlte er und fühlt er Hass auf die Täter, auf die Deutschen? „Nein!“, sagt Christensen. „Wir haben die Nazis bekämpft und die deutsche Armee. Nicht den einzelnen Menschen.“ Dann erzählt er vom Minenräumen nach dem Krieg. Er, der dänische Kontrolleur, habe sich mit den deutschen Gefangenen gut verstanden: „Man hatte ihnen versprochen, dass sie nach dem Minenräumen gleich nach Hause dürften, deshalb hatten sie sich freiwillig gemeldet.“ Einer der Soldaten, ein Feldwebel, nannte sich Jack. „Wir freundeten uns an.“ Nach seiner Rückkehr nach Deutschland schrieb Jack aus Euskirchen. Die Versorgungslage sei schlecht.
Christensen schickte ein Paket mit Lebensmitteln. Darauf kam ein Foto zurück. Der einstige Feldwebel mit Frau, Söhnchen und einer Tochter im Garten. Auf der Rückseite in Schönschrift: „Juni 1946. Zum Andenken an deinen Freund Jack“.
Kein Hass also. Was bleibt dann? Vor fünf Jahren, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, hielt Knud Christensen eine Fernsehansprache in Aalborg. „Ich sagte: Kämpft für das, was das Leben wert ist“, erinnert er sich. „Freiheit, Wahrheit, Recht.“
Wenige Tage vor der Gedenkfeier in Mindelunden saß Christensen bei einem Empfang im Parlament neben der Regierungschefin. „Wir sprachen über Aalborg, ihre Heimatstadt“, sagt er. Und er sagte ihr, wie richtig er Dänemarks Unterstützung der Ukraine findet. Gemessen an seiner Einwohnerzahl gehört das Land zu den engagiertesten Unterstützern Kiews. „Das ist genau der richtige Einsatz“, sagt Christensen. „Gerade vor dem Hintergrund der antidemokratischen, autoritären Tendenzen – auf beiden Seiten des Atlantiks.“