Das Berliner Ensemble startet mit einem Solo-Abend für seinen neuen Star Jens Harzer und einer Gesprächsreihe mit Robert Habeck in die neue Spielzeit.
Mit guten Nachrichten verabschiedet sich das Berliner Ensemble aus der Spielzeit. Mit einem Ruf aus der Tiefe startet es nach der Sommerpause in die nächste. Das Ganze– und das ist die erste gute Nachricht – weiterhin unter der Leitung von Intendant Oliver Reese. Der 61-Jährige verlängert seinen Vertrag bis 2032. Er leitet das Berliner Ensemble seit August 2017. Er freue sich sehr, „das Berliner Ensemble gemeinsam mit unserem erfahrenen Team, einem herausragenden Ensemble sowie den engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in die Zukunft führen zu dürfen“, sagt der Intendant.
Denn: „In den vergangenen Jahren hat sich unser Theater zu einem lebendigen Ort der Begegnung und des Austauschs im Herzen Berlins entwickelt – ein Ort, an dem künstlerische Impulse und gesellschaftliche Debatten Hand in Hand gehen und auf ein aufgeschlossenes Publikum treffen. Das Berliner Ensemble steht heute hervorragend da: mit zahlreichen internationalen Gastspieleinladungen und Besucherzahlen, die sich auf einem historischen Rekordniveau bewegen – und das trotz erheblichem Spardruck. Umso mehr freue ich mich darauf, diesen erfolgreichen Kurs fortzusetzen und zugleich neue, prägnante Akzente zu setzen.“
Das sieht auch die Senatorin für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt so, Sarah Wedl-Wilson. Sie sei „hoch erfreut, dass es gelungen ist, den international erfahrenen Theatermann Oliver Reese weiterhin für die Leitung der für die Berliner Theaterlandschaft so wichtigen Institution zu gewinnen“. Auch sie sieht die Entwicklung des Theaters am Schiffbauerdamm als Erfolgsgeschichte: „Der Weg des Berliner Ensembles in den letzten Jahren hat gezeigt, dass Unternehmertum und Wirtschaftlichkeit mit höchsten künstlerischen Ansprüchen in Einklang gebracht werden können.“
Erfolgreich trotz Sparkurs
Nicht nur in Bezug auf den aktuellen Intendanten gibt es gute Nachrichten. Auch die erste Intendantin des Theaters, Helene Weigel, steht noch hoch im Kurs. Die nötige Spendensumme für die Errichtung einer Helene-Weigel-Skulptur im Hof des Theaters wurde schneller erreicht als erwartet, teilt der Intendant mit. „Damit steht der Realisierung eines eigenen Kunstwerks zu Ehren der ersten BE-Intendantin hier am Schiffbauerdamm nichts mehr im Wege, es wurde Zeit“, findet Oliver Reese – und dankt dem Freundeskreis und seiner Vorsitzenden Regine Lorenz „für diese besondere Initiative“. Wenn alles weiter nach Plan läuft, soll die Skulptur im Oktober eingeweiht werden.
Die gute Nachricht, dass der vielfach ausgezeichnete Schauspieler Jens Harzer zum Beginn der Spielzeit 2025/2026 ans Berliner Ensemble wechselt, hat das Theater bereits vor gut einem Jahr verkündet. Harzer gehörte seit 2009 zum Ensemble des Thalia Theaters in Hamburg und hat sich entschieden, mit dem Ende der Intendanz von Joachim Lux das Thalia Theater ebenfalls zu verlassen.
„Es ist für mich eine große Ehre und Freude, dass Jens Harzer ab der übernächsten Spielzeit Teil des Berliner Ensembles sein wird, das seine Schauspielerinnen und Schauspieler so zentral im Namen trägt. Er gehört zu den prägendsten Künstlern seiner Generation und wird nun erstmals fest in Berlin arbeiten. Daneben freuen wir uns mit Marina Galic und Sebastian Zimmler auf zwei weitere neue Ensemblemitglieder, die ebenfalls von Hamburg nach Berlin wechseln“, hatte Oliver Reese damals frohlockt.
Jens Harzer, der Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule in München studierte, war unter anderem an den Münchner Kammerspielen und dem Münchner Residenztheater engagiert. Daneben war er auch in zahlreichen Filmen und Serien zu sehen – zuletzt in der ARD-Berlin-Serie „Next Level“, deren Drehbuch auf eine Idee des Berliner Autors Alexander Osang zurückgeht. Bisher gastierte Harzer in Berlin nur in einer Produktion am Deutschen Theater, wo er ab 2008 in Jürgen Goschs gefeierter Inszenierung von „Onkel Wanja“ zu sehen war. Für seine Rolle des Arztes Ástrow wurde er vom Fachmagazin „Theater heute“ zusammen mit Ulrich Matthes erstmals zum Schauspieler des Jahres gewählt – ein zweites Mal 2011 für die Rolle des Posa in Jette Steckels Inszenierung von „Don Carlos“ am Thalia Theater.
Seit 2019 ist er Träger des Iffland-Ringes, mit dem ihn dessen vorheriger Träger Bruno Ganz als „bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters“ auszeichnete. Der Ring wird von Schauspieler zu Schauspieler weitergegeben. Harzer arbeitete unter anderem mit den Regisseuren Dieter Dorn, Peter Zadek, Andrea Breth, Luc Bondy, Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff und Luk Perceval.
Zum Spielzeitauftakt am 6. September inszeniert Oliver Reese nun einen Solo-Abend mit Jens Harzer im Großen Haus. Reese inszeniert und Harzer interpretiert Oscar Wildes sprachgewaltigen Text „De Profundis“ – also mit dem Ruf aus der Tiefe. Der Name der Schrift, die Oscar Wilde in Gefängnissen verfasst hat, ist dem biblischen Psalm 130 entlehnt: „De profundis clamavi ad te Domine.“ – zu Deutsch: „Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu Dir.“
Solo-Abend mit Jens Harzer
Oscar Wilde war ganz unten, als er den als offenen Brief verstandenen Text schrieb. Im Mai 1895 war der irische Schriftsteller wegen „Unzucht“, also wegen des damals strafbaren Auslebens von Homosexualität, zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer körperlicher Zwangsarbeit verurteilt worden. Wegen des Skandals verließ seine Frau nicht nur ihn, sondern mit den Kindern auch das Land. Während der Haft starb dann auch noch seine Mutter und die Behörden erklärten den Schriftsteller auch finanziell für bankrott. Dazu kam, dass die Bedingungen der Inhaftierung seine Gesundheit angriffen. Den Brief selbst durfte er nicht abschicken. Es wurde ihm aber schließlich erlaubt, ihn nach der Haft mitzunehmen.
Die Dramaturgie des Berliner Ensembles erzählt das Ganze so: „Oscar Wilde wurde 1895 zu zwei Jahren Haft verurteilt – weil er provozierte; weil er sich über Konventionen hinwegsetzte, weil er Männer liebte und sich nicht versteckte. Sein Strafprozess war ein Exempel – weniger gegen eine Tat als gegen eine Haltung, gegen seinen unbändigen Drang nach Freiheit und Anerkennung.“ Sein langer Brief an Alfred „Bosie“ Douglas aus dem Gefängnis sei „der letzte Aufschrei eines gebrochenen, aber nicht gebändigten Geistes; das Protokoll eines Menschen, der stets nach den Grenzen seines bürgerlichen Lebens gesucht und der am Ende alles verloren hat“. „Wilde schreibt mit größter literarischer Meisterschaft von Verachtung und Einsamkeit, von Stolz und Schmerz. Und über eine Gesellschaft, die nicht duldet, was sie nicht versteht. Was bleibt, wenn einem alles genommen wird, was man je war? Was lässt sich noch hoffen, wenn man nichts mehr hat außer sich selbst?“, heißt es in der Ankündigung des Theaters. Oliver Reese bringt als Regisseur Wildes „sprachgewaltigen Versuch, sich durch die Kunst das Leben zurückzuerobern“ auf die Bühne.
Und noch jemandem, der in anderem Sinne wortgewaltig ist, überlässt das Berliner Ensemble ab der neuen Spielzeit ab und zu die Bühne: dem ehemaligen Wirtschaftsminister und Autor Robert Habeck. In der neuen Gesprächsreihe „Habeck live“ spricht der ehemalige Politiker mit Gästen aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft. Die Auftaktveranstaltung findet am 5. Oktober um 15 Uhr im Großen Haus statt. Zum Thema „Brauchen Demokratien den Notfall?“ diskutiert Robert Habeck mit der Journalistin Anne Will und dem Juristen und ehemaligen Verkehrsminister Volker Wissing.