Die filmische Hommage „Typisch Emil – Vom Loslassen und Neuanfangen“ an den heute 92-jährigen Schweizer Kabarettisten und Schriftsteller Emil Steinberger läuft demnächst im Saarbrücker Filmhaus.
Herr Steinberger, Sie werden oft als „Schweizer Komiker“ apostrophiert. Trifft das wirklich zu? Sind Sie nicht eher jemand, der sich über die „Conditio humana“ Gedanken macht und sich dann humorvoll darüber auslässt?
Ich habe den Begriff „Komiker“ für mich nicht so gern. Ich bin eher ein Kabarettist, der sich mit den Menschen befasst und mit ihrer Umgebung. Und mit den Schwierigkeiten, die diese Menschen haben. Meine Komik ist gesellschaftspolitisch. Komiker klingt immer ein bisschen nach Spaßmacher und Witzeerzähler. Und das bin ich nicht.
Im Film gibt es ein Gespräch mit Ihnen und dem deutschen Schauspieler Gert Fröbe, der darauf besteht, dass man für sein Talent nichts kann. Talent ist einem geschenkt worden. Sehen Sie das auch so?
Ja, Talent ist eine Naturbegabung, Talent kann man nicht lernen. Diese Begabung habe ich einfach mitbekommen. Ich habe ja schon mit sechs Jahren lustige Nummern gespielt. Und als Ministrant oder in den Schulpausen habe ich meine Mitschüler zum Lachen gebracht. Es steckte einfach in mir drin. Und ich war glücklich, wenn ich das auskosten konnte. Ich hätte aber auch Langläufer werden können. Wenn wir einen Wettlauf ums Haus herum gemacht haben, war ich immer Erster. Da hat mich allerdings niemand entdeckt. Aber wenn ich in den Ferien Theater spielte, haben mich Kinder entdeckt und Familien. Einmal kam ein Ehepaar zu mir und sagte: „Wir haben dich Theater spielen sehen, das hat uns sehr gefallen. Wissen deine Eltern, dass du dazu Talent hast?“ Darauf sagte ich nur: „Nein.“ Und ich habe es meinen Eltern auch nicht sagen wollen.
Warum eigentlich nicht?
Das hätte ihnen wehgetan, wenn jemand Fremdes ihnen gesagt hätte, dass ich Talent habe. Meine Eltern hätten gedacht: Das geht doch die nichts an. Ich habe diese Kabarett-Nummern einfach gemacht, weil ich es konnte. Wenn einer gut im Modellbauen ist, dann macht er das doch auch. Und weil er Spaß daran hat. Als ich noch bei der Post war, machte ich Unterhaltungsabende für die Gewerkschaft. Ich habe damals auch fürs Radio Programme zusammengestellt und Quiz-Sendungen gemacht. Es ging einfach immer weiter. Da bist du in dem Boot drin, und lässt dich von der Strömung immer weitertragen. Aber es war immer Nebensache. Ich habe mir nie etwas darauf eingebildet. Ich hatte auch nie einen Karriereplan. So nach dem Motto „Wo bist du in drei Jahren und wo in fünf?“ Ich habe mich einfach gefreut, dass es funktionierte.
Wie haben Sie denn die Schatten Ihrer Kindheit – also „das steife Nest“, wie Sie es nannten – schließlich überwunden?
Als ich noch bei der Post arbeitete, habe ich einfach am Abend – hobbymäßig – Kabarett gespielt. Das hat mich eigentlich immer entschädigt für das, was ich den ganzen langen Tag am Schalter ertragen musste. Bei diesen Auftritten war ich glücklich. Am nächsten Morgen ging es dann eben wieder zur Post. Und den Job habe ich natürlich auch so gut wie möglich pflichtbewusst gemacht. Aber eines Tages habe ich gespürt, dass ich für den Postdienst eigentlich gar nicht talentiert bin. Und dass das nicht mehr lange so weiter gehen durfte, sonst würde ich jedes Selbstbewusstsein verlieren. Da habe ich mich an den Ohren gezogen und mir gesagt: „Emil, jetzt musst du was machen!“ Also habe ich beschlossen, den Postdienst zu quittieren. Ich bin dann zuerst zur Berufsberatung, aber das war keine große Hilfe. Also habe ich mich selbst gerettet und machte den großen Sprung und meldete mich bei der Kunstgewerbeschule für die Ausbildung zum Grafiker an.
Ihre Stücke, wie zum Beispiel die Post-Sketche, sind ja auch von persönlichen Erfahrungen geprägt, sie sind aber hell und ins Lustige gedreht …
… weil das eben meine Art und Weise war, damit umzugehen. Ich habe mir diese Stücke nachts, so kurz vor Mitternacht, ausgedacht. Da war Ruhe im Haus und alles dunkel. Da habe ich mich fast wie in Trance in eine Situation begeben, was mir bei der Post passieren könnte. Zum Beispiel, wenn ich ein Telegramm bekomme. So war das auch mit der Nummer „Polizeihauptwache“. Da habe ich mir einen Polizisten vorgestellt, der nachts ganz allein auf der Hauptwache sitzt und einen Krimi lesen will, und dann klingelt das Telefon und diese Anrufe kommen. Wenn ich das mache, bin ich ganz frei in meinen Gedanken, da kann ich phantasieren und mir ausdenken, was mir gefällt. Wenn ich dann den Nonsens-Dreh für einen Sketch gefunden hatte, war ich immer sehr glücklich. Und es waren ja keine Anklagen gegen die Polizei oder gegen die Post – es war nur Spaß!
Sie haben 1987 aufgehört, als Emil aufzutreten. Fühlten Sie sich in der Kunstfigur Emil etwa eingesperrt? Oder wurde Ihnen der Hype, der damals um Sie gemacht wurde, zu viel? Haben Sie nicht genau deshalb die Schweiz verlassen und sind nach New York gegangen?
Es war eine Flucht! Ja, so kann man das nennen. Es wurde mir wirklich alles zu viel. Alle wollten etwas von mir. Jeden Tag habe ich Anfragen für Auftritte oder Tourneen bekommen und in den Zeitungen wurde auch ständig über mich berichtet. Das hat mich total übermannt. Ich konnte ja gar nicht alle Wünsche erfüllen. Ich musste weg – sonst wäre ich untergegangen. Das war der eine Grund. Und der andere war, dass ich endlich einen Freiraum brauchte und die Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich wollte. Hinzu kam, dass es damals schlimme Zeiten waren. Es gab das Waldsterben und die Atomkatastrophe von Tschernobyl und ich hatte das Gefühl, dass ich die Leute mit meinen Vorstellungen nicht dazu bewegen konnte, etwas zu ändern. Sie gingen in meine Vorstellungen, lachten, gingen nach Hause und machten die gleichen Dummheiten weiter. Das hat mich sehr belastet. Deshalb konnte ich auch nicht mehr so locker und lustig sein. Und dann wollte man tatsächlich, dass ich 130.000 Franken dafür spende, dass von einem Helikopter aus der kaputte Wald abfotografiert wird, jeder einzelne Quadratmeter, um später einmal den Kindern zeigen zu können, wie ein Wald früher ausgesehen hat. Es war unglaublich! Da musste ich einfach fliehen.
Aber der Ruhm hat Sie und Ihre Frau dann auch bald in New York eingeholt …
… ja, und mit der Zeit habe ich mich auch in New York vor Anfragen nicht mehr retten können. Deshalb entschieden wir, wieder zurück in die Schweiz zu ziehen. Ich habe dann auch zwei Bücher geschrieben, die sehr erfolgreich waren. Und da kam dann ein Buchhändler und bat mich, doch aus meinem Buch „Wahre Lügengeschichten“ vorzulesen. Das war sofort ein Knüller. Auch weil ich zwischen dem Vorlesen immer Geschichten erzählte, die mir in meinem Leben passiert waren. Es war wirklich ein tolles Programm. Dadurch bin ich auch wieder ins Theater gekommen. Und die Jahre waren wieder erfüllt von erfolgreichen Auftritten.
Sie haben nach all den Jahren auch wieder als Emil auf der Bühne gestanden. Wie fühlte sich das an?
Es war für mich selber eigentlich eine Überraschung, dass ich den Emil noch mal spielen würde. Zu meinem 80. Geburtstag habe ich mir gesagt: „Ich will den Menschen, die mir in meinem Leben geholfen und die bei meiner Karriere die richtigen Weichen gestellt haben und vor allem auch meinen treuen Fans, Danke sagen.“ Das habe ich dann bei einem Abend mit alten Emil-Nummern gemacht. Und statt einer Vorstellung mit 1.700 Plätzen habe ich dann vier Vorstellungen machen müssen. Denn beim ersten Mal ist sofort das Internet und das Telefonnetz zusammengebrochen. Die Leute sind dann direkt zum Konzertsaal in Luzern gekommen, wo sie natürlich auch keine Karten mehr bekommen konnten. Eigentlich war es ein großes Risiko, Emil noch einmal zu spielen – aber es war traumhaft!
Stellen Sie sich bitte vor: Sie stehen dereinst an der Himmelspforte und begegnen Gott. Wie liefe das wohl ab?
Ich wäre enttäuscht, wenn er mich nicht kennen würde. Denn hier auf der Erde kannten mich ja viele Menschen. Vielleicht würde er schmunzeln, wenn er mich sieht. Und vielleicht würde er mich ja auch willkommen heißen.
Sie haben den Menschen so viel Freude bereitet, Sie kommen sicher in den Himmel – wenn es einen gibt.
Der Schlusssatz gefällt mir am besten – wenn es einen gibt.