Wie Boris Becker am 7. Juli 1985 unzählige Träume entfachte
Ich drücke auf den Knopf meiner Zeitmaschine – und die sitzt in meinem Kopf. Es ist wohl ein kompliziertes Zusammenspiel aus neuronalen Netzwerken, das selbst die besten Wissenschaftler noch nicht vollständig enträtseln konnten. Klar, die Grenzen meiner eigenen Zeitmaschine sind klar gesteckt. Sie sind mit dem verbunden, an das ich mich erinnern kann.
1985. Ein etwas schlaksiger Teenager aus dem beschaulichen Leimen steht am 7. Juli, einem Sonntag, auf dem heiligsten Rasen der Tennisgeschichte und schlägt zum Matchgewinn auf. Der nächste Punkt entscheidet darüber, ob er der berühmteste Tennisspieler seines Landes sein wird oder weiterhin der Junge aus Leimen, der es immerhin ins bedeutendste Endspiel im Tennissport geschafft hat. Wimbledon. Ein Mythos. Ein Traum. Ein Gipfel wie der Mount Everest. Und Boris Becker besteigt ihn tatsächlich. Ein Service-Winner zum Matchgewinn macht ihn zur Legende. Boris Becker wird mit 17 Jahren der jüngste Wimbledon-Sieger der Geschichte – in einer Zeit, in der es keine Handys und Computer gibt und schon gar kein Internet.
Cineastische Flachbildschirme sind weit entfernte Zukunftsfantasien. Man starrt vom Sofa aus auf einen kleinen Klotz, der mit einer Röhre betrieben wird und drei armselige Programme ins Wohnzimmer projiziert. Das Kabelprogramm mit RTL und Sat.1 steckt noch in den Kinderschuhen. Höhepunkt der Woche ist der Samstagabend. Als Zehnjähriger, der ich damals bin, ist Nils Holgersson Pflicht, dann natürlich die Bundesliga mit meinem Idol Pierre Littbarski, genannt Litti. Im Herbst 1985 die erste Folge der Schwarzwaldklinik, immer um halb acht, und ab 20.15 Uhr der Höhepunkt, entweder „Wetten, dass…?“ mit Frank Elstner im ZDF oder „Verstehen Sie Spaß?“ mit Paola und Kurt Felix in der ARD. Und da es noch kein Internet gibt, ist das Fernsehen auch das einzige Informationsmedium, abgesehen vom gedruckten Papier.
Apropos Papier. Die regionale Tageszeitung liegt jeden Morgen auf dem Frühstückstisch. Politik ist mir als Viertklässler noch zu abstrakt, aber den Sportteil studiere ich mit großer Leidenschaft. Die Tabellen der Bundesliga bis hinunter zur Verbandsliga kenne ich in- und auswendig. Freude kommt auf, wenn mein Lieblingsverein Borussia Neunkirchen um den Aufstieg in die Zweite Liga spielt. Kummer dagegen, wenn er es wieder einmal nicht schafft. Mein Vater nimmt mich mit zum 1. FC Saarbrücken in den ehrenwerten Ludwigspark. Hauptsache Fußball, denke ich. Aber nach dem 7. Juli 1985 ist alles anders. Auch ich werde von einer Tennis-Manie erfasst und schwinge täglich den Schläger, um irgendwann einmal meinen eigenen Traum vom Tennisstar zu leben.
Zeitsprung zurück ins Jahr 2025. Heute. Was ist nur aus dem einstigen Teenie-Idol geworden, das mit knallharten Aufschlägen seine Gegner zermürbte und den sagenumwobenen Becker-Hecht erfunden hat? Nach der einzigartigen Karriere kam der Absturz. Und das nicht zu knapp. Man möchte nicht auf Einzelheiten eingehen.
1985 ist ganz Deutschland stolz auf seine lebende Legende, 40 Jahre später ist der Erfolg verblasst, der Privatmensch Boris Becker scheint dem Tennisspieler Boris Becker nicht das Wasser reichen zu können. War der frühe Erfolg mehr Fluch als Segen? Aus heutiger Sicht ganz gewiss. 1985 gibt es keine überragenden Sportlegenden, außer Max Schmeling oder Franz Beckenbauer vielleicht. Boris Becker gewinnt Wimbledon und wird medial auf eine Art und Weise hofiert und zur Schau gestellt, wie niemand zuvor. Er fühlt sich anfangs sichtlich unwohl in seiner neuen Rolle als Held der Nation. Eigentlich will er nur Tennis spielen und seinen Traum verwirklichen. Und irgendwann, als „unser Boris“ seinen Tennisschläger in die Ecke stellt und damit auch der Lebensweg seines größten Traums zu Ende geht, beginnt der schmerzliche Abschied vom Mount Everest, den er 1985 erklommen hat.
Ich glaube, dass jeder von uns ganz gerne mal in seine persönliche Zeitmaschine steigt. Möglicherweise ist es hilfreich, das ein oder andere im Leben besser einzuordnen und gelassener mit manchen Dingen umzugehen. Auf der großen Bühne und im ganz privaten Bereich. Boris Becker ist gewiss kein Heiliger, aber er hat damals mit seinem Traum in ganz vielen Kindern neue Träume entfacht. Und das hat ganz viel mit dem 7. Juli 1985 zu tun.