Der FC Bayern scheidet im Viertelfinale der Club-WM aus und verliert zudem Jamal Musiala. Es brodelt in München – nicht nur aufgrund der enttäuschenden Club-Weltmeisterschaft.
Jamal Musiala schwer. Er wird monatelang ausfallen - Foto: picture alliance / REUTERS
Nach ihrem Nachtflug aus Orlando kehrten die Profis des FC Bayern München am vergangenen Wochenende in die Heimat zurück. Allerdings war der Aufenthalt in München zunächst nur kurz. Zum Abschluss ihrer USA-Tour versammelte sich die Mannschaft noch einmal an der Säbener Straße, ehe die Spieler in ihre wohlverdiente Sommerpause entlassen wurden. Trainer Vincent Kompany gönnt seinem Team nach der langen Saison eine dreiwöchige Auszeit.
Sportlich mau, personell bitter
„Weniger geht nicht. Ich weiß, dass die anderen dann schon mit der Vorbereitung angefangen haben“, erklärte Kompany die ungewöhnlich lange Pause. „Wichtig ist aber, dass die Jungs jetzt mental mal abschalten und Kraft sammeln können, damit wir in der neuen Saison den nächsten Schritt machen.“ Wie dieser nächste Schritt konkret aussehen soll, ließ der Belgier jedoch offen.
Fest steht: Die Bayern reisen nicht nur mit dem sportlichen Makel des frühzeitigen Aus bei der Club-WM zurück, sondern auch mit schwerwiegenden personellen Problemen. Besonders hart trifft sie die Verletzung von Jamal Musiala. Der Ausfall des Offensivstars bedeutet für Kompany den Verlust einer zentralen Figur seines Systems. „Es geht nicht nur darum, einen Spieler zu verlieren“, sagte der Coach. „Wir verlieren einen Kern unseres Spielstils. Jamal ist pures Talent, sein Ausfall wird spürbar sein.“
Die Situation verschärft sich dadurch, dass die Münchener in der laufenden Transferperiode einige Rückschläge hinnehmen mussten. Der geplante Transfer von Florian Wirtz platzte, weil sich der Nationalspieler entschied, die Bundesliga zu verlassen und zum FC Liverpool zu wechseln. „Ich wollte zu einem der Top-drei-Clubs in der Welt, und meiner Meinung nach war Liverpool einer davon“, begründete Wirtz seine Entscheidung – und machte damit klar, dass er die Bayern nicht mehr in dieser Spitzengruppe sieht.
Auch die Bemühungen um andere Offensivstars blieben bislang ohne Erfolg. Nico Williams verlängerte bei Athletic Bilbao, obwohl er ebenfalls auf der Wunschliste der Münchener stand. Die geforderte Ablösesumme und vor allem die hohen Gehaltsforderungen des spanischen Europameisters schreckten die Bayern offenbar ab. Zudem hätte Williams lieber zum FC Barcelona gewechselt. Ein weiterer Kandidat, Rafael Leão von der AC Mailand, blieb ebenfalls unerreichbar. Die Ablöse wäre zu hoch gewesen, und innerhalb des Bayern-Managements herrschten Zweifel, ob der Portugiese tatsächlich die erhoffte Verstärkung wäre.
Auch Bradley Barcola von Paris Saint-Germain und Luis Díaz vom FC Liverpool galten als Alternativen. Beide Spieler signalisierten grundsätzlich Interesse, doch ihre Clubs blockten bisher jeden Transfer ab.
Nun könnte Nick Woltemade vom VfB Stuttgart zum wichtigsten Transferziel der Bayern avancieren. Doch auch dieser Plan birgt zahlreiche Fragezeichen. Der VfB fordert für den Nationalspieler eine Ablösesumme, die bis zu 100 Millionen Euro betragen könnte. Selbst Sportvorstand Max Eberl stellte öffentlich infrage: „Ist Nick Woltemade das wert?“
Hinzu kommen sportliche Überlegungen: Woltemade könnte kurzfristig Musiala vertreten. Doch sobald der wieder fit ist und Harry Kane seine Rolle im Sturmzentrum einnimmt, könnte für Woltemade kein Platz in der Startelf bleiben. Eine solch hohe Ablösesumme für einen potenziellen Ergänzungsspieler erscheint kaum gerechtfertigt.
Eberl hat nicht immer freie Hand
Bisher fällt Eberls Transferbilanz eher bescheiden aus. Neben Innenverteidiger Jonathan Tah, den die Bayern von Bayer Leverkusen verpflichteten, kam lediglich der 19-jährige Tom Bischof aus Hoffenheim. Gleichzeitig steht Eberl unter dem Druck, nicht nur prominente Neuzugänge zu präsentieren, sondern auch durch Spielerverkäufe Einnahmen zu generieren. In dieser Hinsicht konnte er bislang ebenfalls keine Erfolge vorweisen. So verließ Leroy Sané den Klub vor rund drei Wochen ablösefrei Richtung Galatasaray Istanbul.
Erschwerend kommt hinzu, dass Eberl intern nicht immer freie Hand hat. Vorstandschef Jan-Christian Dreesen soll ihn in Vertragsverhandlungen mehrfach ausgebremst haben. Auch in der Personalie Thomas Müller gab es unterschiedliche Auffassungen. Eberl hatte erklärt, Müller könne selbst entscheiden, ob er bleiben wolle. Uli Hoeneß widersprach jedoch öffentlich: „Wir sind nicht auf dem Basar.“ Letztlich endete nach 17 Jahren das Kapitel Müller beim FC Bayern.
Für Vincent Kompany wird es in der kommenden Spielzeit entscheidend sein, sportliche Erfolge zu liefern. Zwar dominierten die Bayern zuletzt die Bundesliga relativ souverän, doch das frühe Aus im DFB-Pokal und das Viertelfinal-Aus in der Champions League sorgten für Enttäuschung. Nach dem ebenfalls enttäuschenden Abschneiden bei der Club-WM steht Kompany in seinem zweiten Jahr bei Bayern unter erheblichem Erfolgsdruck.
Die Erwartungshaltung in München ist klar: Die Meisterschaft in der Bundesliga soll geholt und in der Champions League um den Titel gekämpft werden. Sobald eines dieser Ziele ins Wanken gerät, könnten personelle Konsequenzen folgen. Ob diese dann Eberl treffen, dem es bislang nicht gelang, den Kader entscheidend zu verstärken, oder Kompany, der die vorhandene Mannschaft nicht ausreichend weiterentwickelt, bleibt abzuwarten.
Über Eberl kursieren bereits Spekulationen. Laut Medienberichten soll der FC Bayern ein Auge auf Markus Krösche geworfen haben. Der aktuelle Sportvorstand von Eintracht Frankfurt hat seit 2021 in Hessen bemerkenswerte Arbeit geleistet: Unter seiner Führung gewann Frankfurt die Europa League (2022), stand im DFB-Pokalfinale (2023), erreichte das Achtelfinale der Champions League und qualifizierte sich zuletzt erneut für die Königsklasse. Auch auf dem Transfermarkt hat sich Krösche mit klugen Entscheidungen einen Namen gemacht. Nicht zuletzt kürte ihn das Magazin „11Freunde“ zum „Manager der Saison“. Angesichts dieser Erfolge verwundert es kaum, dass die Bayern ihn auf dem Zettel haben.
Eberl intern schon unter Druck?
Die Diskussionen über Eberl nehmen unterdessen an Schärfe zu. „Ich glaube, dass Max Eberl nächstes Jahr ein Problem kriegen wird. Also, ich möchte das nicht alles auf Max Eberl schieben. Aber die Transferpolitik ist natürlich schon ein bisschen chaotisch beim FC Bayern. Man will Spieler, die kriegt man dann nicht, die gehen dann lieber woanders hin und, und, und“, kritisierte Ex-Nationalspieler Mario Basler in seinem Podcast „Basler ballert“. Und er legte nach: „International hat es auch nicht so richtig funktioniert. Man ist da nicht besonders zufrieden.“ Basler mag nicht der größte Insider des Fußballs sein, doch seine Einschätzung spiegelt eine Entwicklung wider: Der Respekt, den andere Clubs und Funktionäre lange vor dem FC Bayern hatten, scheint zu bröckeln. Ob es die Personalie Wirtz ist, die Diskussionen um Woltemade oder die allgemeine Transferpolitik – vieles entlädt sich aktuell an der Person Eberl.
Dass sich Verantwortliche anderer Vereine öffentlich so offensiv äußern, wäre vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen. Fernando Carro von Bayer Leverkusen erklärte etwa, er halte „nichts, absolut nichts“ von Eberl. Auch Ewald Lienen und Andreas Rettig äußerten sich zuletzt kritisch. Letzterer nahm insbesondere die Personalie Woltemade ins Visier, nachdem Bayerns Interesse an dem Stürmer vor dem Finale der U21-EM publik geworden war.
Dabei ist es durchaus bemerkenswert, dass Eberl selbst stets zurückhaltend bleibt, wenn es um Kommentare zu anderen Clubs geht. In der Vergangenheit gelangen ihm durchaus wichtige Personalien. So sicherte er sich die Dienste von Michael Olise, einem der spannendsten Transfers der letzten Bundesliga-Jahre. Zudem hat Eberl die Verträge von Schlüsselspielern wie Jamal Musiala, Joshua Kimmich und Alphonso Davies verlängert.
Möglicherweise spüren die Konkurrenten aber, dass es auch innerhalb des Clubs Unruhe gibt. Mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge halten sich zwei prägende Figuren öffentlich eher zurück. Vorstandschef Jan-Christian Dreesen genießt nicht dieselbe fußballerische Autorität. Diese Lücke scheint bei anderen Vereinen den Mut zu wecken, die Bayern herauszufordern.
Historisch betrachtet hat der FC Bayern jedoch gerade in solchen Phasen oft den größten Widerstand geleistet und sich auf höchstem Niveau zurückgekämpft. Möglicherweise steht dem Rekordmeister genau das nun erneut bevor.