Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist Trainer-Ikone Jürgen Klopp Global Head of Soccer bei Red Bull. Nun musste und durfte er erstmals einen Trainer für RB Leipzig mit aussuchen. Es wurde Ole Werner.
Es waren schon wieder einige Verschwörungstheorien unterwegs. Nachdem viele Fans den Abschied von Ole Werner nach vier Jahren bei Werder Bremen nicht verstanden, schloss sich für sie mit der Verkündung seines neuen Clubs der Kreis. Werner habe nur rausgewollt, um nachher bei RB Leipzig anzuheuern, unkte mancher. Schließlich soll er eigentlich eine Ausstiegsklausel von rund sieben Millionen gehabt haben. Nach der Trennung zahlte RB wohl rund zwei Millionen für ihn.
Doch auch wenn zum Zeitpunkt der Trennung in Bremen schon klar war, dass Leipzig für die neue Saison einen neuen Trainer brauchen würde, erscheint es doch wahrscheinlich, dass die ernsthaften Gespräche zwischen beiden Seiten erst danach aufgenommen wurden. Werner hatte bei Werder bessere Perspektiven gefordert, wohl auch mehr Mut bei Investitionen und einige Veränderungen im Umfeld. Das wollte der Club nicht mitgehen oder konnte er nicht erfüllen. Und so trennte man sich nach vier Jahren, die durchweg allesamt als Erfolg zu werten sind. Im November 2021 hatte Werner, der bei Holstein Kiel mit dem Erreichen der Bundesliga-Relegation und des Halbfinales im DFB-Pokal schon für Furore gesorgt hatte, im Alter von 33 Jahren die Hanseaten auf Rang zehn in der 2. Bundesliga übernommen. Der Coach führte Werder noch zum Aufstieg, in der ersten Erstligasaison mit 36 Punkten recht souverän zum Klassenerhalt, in der zweiten verpassten die Bremer mit 42 Zählern nur wegen der schlechteren Tordifferenz das Europacup-Comeback, in der dritten wurden sie mit 51 Punkten Achter. Direkt hinter den punktgleichen Leipzigern, die mit höchsten Ambitionen gestartet waren, aber erstmals seit dem Bundesliga-Aufstieg 2016 die Qualifikation für Europa verpassten.
Schäfer federführend bei der Auswahl
Jedes Jahr ein bisschen besser werden, ist die beste Visitenkarte für einen Trainer. Doch Werner hatte wohl das Gefühl, mit Bremen an einer Grenze angekommen zu sein, die für ihn nicht die Grenze sein sollte. Und dann trat eben Leipzig auf den Plan. Und damit Jürgen Klopp. Der Dortmunder Meistermacher und Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool fungiert seit dem 1. Januar als Global Head of Soccer bei Red Bull und ist somit übergreifend koordinierend für alle Vereine im RB-Imperium zuständig.
In Leipzig kam er in eine unangenehme Situation. Bei seinem Amtsantritt lag RB als Tabellenvierter noch auf Kurs, hatte aber schon eine fatale Champions-League-Gruppenphase mit bis dahin sechs Niederlagen aus sechs Spielen in den Knochen. Ein weiterer Abwärtstrend führte schließlich zur Trennung von Trainer Marco Rose, was nicht nur den meisten im direkten Vereinsumfeld schwerfiel, weil Rose als gebürtiger Leipziger als „perfect match“ erschienen hatte. Sondern auch Klopp persönlich. Denn Rose war einst sein Mitspieler in Mainz, beide gelten als freundschaftlich verbunden. Interimscoach Zsolt Löw verlor erst das Pokal-Halbfinale, gewann dann zwei Liga-Spiele, doch nach nur zwei Punkten aus den letzten fünf Spielen stand Leipzig am Saisonende völlig überraschend nicht mal mehr auf einem Europacup-Platz.
Viele Namen wurden in Sachsen danach als Kandidaten genannt. Zu viele, wie Geschäftsführer Marcel Schäfer versicherte. „Es war in den letzten ein, zwei Monaten sehr amüsant, gewisse Dinge zu lesen. Ich habe was von sechs, sieben Absagen gelesen und war sehr überrascht“, sagte er: „Das bringt vielleicht ein paar Klickzahlen, aber wir hatten einen klaren Plan und ein klares Profil. Insgesamt haben wir uns mit drei Trainern beschäftigt und mit ihnen Gespräche geführt.“ Bei den beiden anderen handelte es sich offenbar um Cesc Fabregas von Como Calcio, um den auch Bayer Leverkusen vergeblich warb, und den früheren Wolfsburger und Frankfurter Oliver Glasner, der mit Crystal Palace kürzlich überraschend den englischen Pokal gewann.
Doch auch wenn Schäfer letztendlich federführend war, sorgte diese Trainersuche nicht zuletzt dadurch für Aufsehen, dass es eben die erste war nach dem Antritt von Jürgen Klopp. Erstmals durfte oder musste die Trainer-Ikone einen Coach für RB aussuchen. Und Klopp galt schon immer als ein Werner-Sympathisant. Laut „Sport Bild“ sagte er schon zu Werners Kiel-Zeiten, dessen Fußball erinnere ihn an den des jungen Jürgen Klopp in Mainz.
„Als sein Engagement völlig überraschend in Bremen beendet wurde, waren wir uns intern schnell einig, dass er unser Kandidat ist. Er war in seinen bisherigen Clubs ein absoluter Überperformer“, sagte er nach der Verpflichtung der „Welt am Sonntag“. Er gehöre „zu den jüngsten Trainern der Top-5-Ligen“, sagte Klopp: „Er kann sich also noch entwickeln. Und das wollen wir gemeinsam mit ihm tun.“
Klopp ist als Trainer-Übervater für jeden RB-Trainer in der öffentlichen Wahrnehmung natürlich Chance und Risiko gleichzeitig. Werner betont vor allem das Positive. Er habe schon im Vorfeld mit Klopp „sehr, sehr viel gesprochen“, verriet er bei seiner Vorstellung. „Es ist wichtig, dass wir seine Erfahrung einbinden. Das ist für mich eine Riesenchance. Wir waren sehr schnell einer Meinung, wie wir Fußball spielen wollen. Wir haben uns sehr, sehr viel über inhaltliche Dinge ausgetauscht, und das wird auch so bleiben.“ Gleichzeitig war ihm schon wichtig, sich zu emanzipieren. „Ich werde seine Erfahrung weiter nutzen, ohne dass man Erfahrungen von wem anders eins zu eins umsetzen kann. Ich bin jemand, der sich gerne andere Meinungen anhört und sie auch einfließen lässt. Aber am Ende werde ich meinen eigenen Weg gehen. Das ist auch das, wofür man mich geholt hat.“
Die Wertschätzung Klopps ehrt ihn aber natürlich. „Mir hat er nie gesagt, dass ich ihn an ihn selbst in Mainz erinnere“, sagte er lachend: „Aber grundsätzlich ist es nicht verkehrt, wenn jemand, der sehr genau weiß, wie das Trainergeschäft läuft, eine hohe Meinung von einem hat. Diese Meinung muss man immer wieder bestätigen, das ist mein Anspruch.“ Klopp versicherte, dass „ich nicht das Damoklesschwert bin, das über unseren Trainern schwebt. Frei nach dem Motto: Ich sage dir, wie es geht, und wenn du es nicht verstehst, mache ich es selbst. Das wird niemals passieren.“
Werner will nicht berechenbar sein
Allerdings gibt Klopp natürlich auch das große Ganze bei Red Bull vor. In einer Pressemitteilung schrieb RB, Werner werde in Leipzig „seine Spielidee vorrangig auf Basis einer 4-3-3-Formation entwickeln”. Oder im verwandten 4-2-3-1-System. Jene Systeme, die Klopp in seiner Karriere immer bevorzugte und die eben auch seit jeher zur RB-DNA gehörten. Das ist auf den ersten Blick überraschend, weil er in Bremen fast ausschließlich mit einer Dreierkette agierte.
Das sei bei genauem Hinsehen aber nur die halbe Wahrheit, erklärte Werner. In Kiel habe er „immer Viererkette gespielt. Selbst die Lösungen, die wir in Bremen hatten, fangen eigentlich von der Idee immer bei so einem 4-3-3 oder 4-2-3-1 an.“ Im heutigen Fußball seien die Dinge eben flexibel. Es gebe Grundsätze, aber man dürfe „nicht berechenbar“ sein, sondern „relativ variabel“. Zudem sei er ein sehr offener Mensch. Auch, wenn er geografisch schon ein verwurzeltes Nordlicht sei, sei es schließlich „nicht so, dass ich auf dem Deich sitze, aufs Wasser schaue und nicht rede“.
Grundsätzlich wisse er, was man von ihm erwartet: „Dass wir uns wieder fürs internationale Geschäft qualifizieren und nach oben nicht begrenzen. Das ist der klare Auftrag an mich. Und es geht darüber hinaus. RB steht für eine Art von Fußball, die absoluten Wiedererkennungswert hat. Wir müssen sie trotzdem weiterentwickeln.“ Schäfer fasste das Ganze prägnant zusammen: „Wir müssen besser abschneiden und anderen Fußball spielen.“
Deshalb sei Werner schon lange aufgefallen und beobachtet worden. „Selbstverständlich verfolgen wir Trainer, die wir spannend finden, auch wenn man gar kein aktuelles Trainer-Thema im Club hat“, sagte Schäfer: „Deshalb verfolgen wir Ole schon etwas länger. Er hat in Kiel Spieler und den Fußball entwickelt.“
Mit Siegen gegen RB konnte der neue Trainer aber nie auf sich aufmerksam machen. Von sechs Bundesliga-Spielen gegen die Leipziger gewann er mit Bremen kein einziges. Werner nahm es mit Humor. „Wenn ich in Leipzig war, hat immer RB gewonnen“, sagte er mit einem Lächeln: „Das kann gerne so bleiben.“