Im digitalen Zeitalter können sich Menschen in Chatbots, Avatare und humanoide Roboter verlieben – doch es fehlen dabei echte Gefühle und zwischenmenschliche Interaktion. Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Simon Eickhoff spricht im Interview über dieses Randphänomen.
Herr Prof. Eickhoff, was passiert im Gehirn, wenn Menschen sich verlieben?
Das Verliebtsein basiert ganz stark auf unserem Belohnungssystem. Es entsteht ein Glücksgefühl. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir mehrere Phasen unterscheiden müssen. Wir haben zum einen die körperliche Attraktivität. In uns ist evolutionär stark verwurzelt, dass wir auf sexuelle Reize mit einer Aktivierung unseres Belohnungssystems reagieren. Sicherlich prägt das sehr stark die initiale Verliebtheitsphase. Zum anderen haben wir ein Bedürfnis nach Interaktion, Zuwendung und Zuneigung. Dieses Bedürfnis, das durch die Verliebtheit erfüllt wird, ruft wiederum Glücksgefühle in uns hervor. Irgendwann treten wir als Verliebte in eine Phase ein, in der Vertrauen, Stabilität und soziale Bindung immer wichtiger werden.
Wenn wir diese drei Phasen betrachten, die sich nicht voneinander abgrenzen lassen, sondern ineinander übergehen, hat man eine Vorschau darauf, wo möglicherweise Verliebtheit in KI ins Spiel kommen kann – oder eben nicht.
Was weiß die Neurowissenschaft darüber, wenn Menschen an Liebeskummer leiden und infolgedessen sich in einem trauerähnlichen Zustand befinden?
Interessant ist, dass es viel mehr Forschung zur Belohnung gibt als zu Trauer. Das liegt daran, dass Trauer oft ein situationsspezifischer und durchaus auch langwieriger Prozess ist. Wozu viele Studien vorliegen ist zu Belohnungsentzug, den man neurologisch als das Ausbleiben von Belohnungsimpulsen erklären kann. Es gibt gewissermaßen eine Hintergrundaktivität von Belohnungssignalen. Wenn wir etwas Schönes und Angenehmes erleben, steigt diese Aktivität und wir spüren das als Glück. Umgekehrt sinkt die Aktivität von Belohnungssignalen bei Entzug oder Bestrafung. Studien hierzu stellen aber sehr kurzfristige und letztlich artifizielle Situationen dar. Ob die wirklich dem entsprechen, wenn wir im realen Leben Trauer oder Unglück erleben, sei dahingestellt. Da gibt es wahrscheinlich große Überlappungen, aber es sind sicher noch mehr Prozesse daran beteiligt. Kurz: Die Zeitskalen sind zu lang, um das experimentell abzubilden.
Was ändert sich für uns Menschen, wenn wir uns in eine KI, sprich einen Chatbot oder einen Avatar verlieben?
Die modernen Chatbots können Zuwendung und Interaktion relativ gut simulieren. Das ist aber der entscheidende Punkt: Es ist nur eine Simulation. Wir erleben eine Zuwendung, die der andere aber gar nicht gibt. Wenn wir mit der KI interagieren, ist das vom Grundkonzept her sogar eine Täuschung. Von unserer evolutionären und individuellen Prägung her haben wir Zuwendung immer als etwas Bidirektionales erfahren. Wir interagieren miteinander. Aber die Zuwendung in der Interaktion wird von der KI letztendlich nur vorgespielt. Denn: Die KI hat keine Gefühle, sondern sie gibt nur die gelernten Texte beziehungsweise Textmuster wieder.
Warum lassen sich dann Menschen auf diese Simulation und, wie Sie sagen, Täuschung ein?
Ein großer Grund ist, dass das Ganze risiko- und aufwandfreier ist. Jede Interaktion mit anderen Menschen erfordert Aufwand und birgt für uns ein immanentes Risiko, nämlich dass der Andere nicht an einer Interaktion interessiert ist. Diese beiden Punkte fallen weg, wenn wir mit einer KI chatten.
Wenn die KI keine Gefühle zeigen kann, wie relevant ist in diesem Verhältnis, dass die KI unsere Liebe auch erwidert?
Grundsätzlich kann die KI unsere Liebe nicht erwidern, sie kann keine Gefühle empfinden. Aber sie kann Antworten generieren, die dem entsprechen, was jemand zeigen würde, der unsere Gefühle und die Liebe erwidert. Der Text, den die KI produziert, ist für einen Leser dabei effektiv nicht unterscheidbar von einer echten Antwort. Interessanterweise bedeutet das noch nicht einmal, dass die KI gelernt hat, wie Menschen reagieren beziehungsweise was sie erwarten. Vielmehr hat sie aus Milliarden von Texten, mit denen sie gefüttert worden ist, gelernt, dass auf eine bestimmte Aussage am ehesten diese und jene Art von Antworten kommt.
Das heißt, sie kann auch keine Liebe erwidern?
Gar nicht, nicht einmal ansatzweise. Da die KI per se keine Gefühle hat, kann sie auch nicht ihre Gefühle zeigen. Auch wird oft übersehen, dass die KI nicht auf den Menschen reagieren kann, weil das ja voraussetzen würde, dass sie verstanden hat, was derjenige will und was die beste Antwort wäre. Sondern sie gibt die beste Antwort, ohne zu verstehen, was diese bedeutet.
Können Sie als Neurowissenschaftler vorhersagen, ob sich ein Mensch in eine KI verlieben würde?
Die einfache Antwort wäre: nein. Und dann gibt es ein kleines Aber. Wir können es zwar nicht vorhersagen, aber natürlich gibt es bestimmte Konstellationen, in denen Persönlichkeitseigenschaften es wahrscheinlicher machen sollten. Menschen, die von ihrer Persönlichkeit so veranlagt sind, dass sie wenig sozial orientiert und risikoscheuer sind, und nicht die besten Erfahrungen im Umgang mit Menschen gemacht haben, die sollten möglicherweise wahrscheinlicher diese risikofreie Simulation suchen, um ihr Bedürfnis nach Zuwendung zu erfüllen. Aber das ist reine Spekulation.
Ist es denkbar, dass Menschen sich in einen menschenähnlichen Roboter verlieben?
Ja, es ist denkbar und möglich. Ich halte es allerdings nicht für ein größeres Phänomen in der Zukunft. Auch in einer Mensch-Roboter-Beziehung würde den allermeisten das fehlen, was zwischenmenschliche Beziehung ausmacht, nämlich, dass das Ganze in einer bidirektionalen Interaktion, einem Hin und Her, geschieht. Ich denke, dieses Hin und Her in Bezug auf KI und Roboter wird immer relativ limitiert bleiben. Allerdings würde ich nicht ausschließen, dass es Menschen gibt, die genau dieses Fehlen und mithin das Fehlen von Widersprüchen, Reibungen und unangenehmen Überraschungen suchen.
Aber im Endeffekt, glaube ich, wird das ein Randphänomen bleiben – sowohl was die Person als auch die Zeit angeht.
Wenn in Zukunft überall humanoide Roboter herumlaufen und man diese kaum mehr von Menschen unterscheiden kann, wie manche Experten sagen, was kommt in Sachen Liebe auf uns zu?
Da sind wir jetzt im Bereich tiefer Science-Fiction. Ich glaube, das ist eher ein Szenario für kreative Menschen. Wir sind noch sehr, sehr weit davon entfernt, dass die Roboter halbwegs menschenähnlich agieren. Vom Aussehen gleichen sie schon relativ gut Menschen. Aber die Bewegungen sind maximal robotisch.