Die Partnerwahl auf Basis gegenseitiger Liebe ist ein junges historisches Phänomen. Arrangierte Ehen waren jahrhundertelang die Regel. Außer im antiken Ägypten.
Gemeinhin gilt das Ende des 18. Jahrhunderts beginnende kulturgeschichtliche Zeitalter der Romantik als Geburtsstunde des Ideals der frei gewählten Liebe. Doch im antiken Ägypten waren Liebesbeziehungen mit den „Schmetterlingen im Bauch“ schon die Regel. Im Pharaonen-Reich gab es schon so etwas wie eine freie Partnerwahl ohne die später absolut verbindliche Rücksicht auf elterliche Vorgaben oder wirtschaftlich-soziale Notwendigkeiten. Zwar gab es neben der Liebesheirat durchaus auch arrangierte Verbindungen, doch konnten dabei sowohl Frauen wie Männer ihr Veto gegen einen unliebsamen Kandidaten einlegen. Mädchen durften sich ihren Bräutigam selbst auswählen. Für die Eheschließung brauchte es keine sonderlichen Formalitäten, eine gemeinsame Wohnung war dafür die einzige Bedingung. Nicht aber die Jungfräulichkeit der Braut, weil vorehelicher Geschlechtsverkehr im antiken Ägypten offensichtlich kein Tabu war.
Angst vor der Macht der Liebe
Mit der liberalen Einstellung in Sachen Liebe war es im antiken Griechenland und Römischen Reich dann allerdings schnell vorbei. In beiden Kulturkreisen war eine Liaison oder gar Heirat aufgrund gegenseitiger partnerschaftlicher Anziehung unvorstellbar. Im antiken Griechenland ging sogar die Angst vor der unbändigen Macht der Liebe oder der Leidenschaften um.
Die Ehe samt Familiengründung wurde in Griechenland wie im Römischen Reich als ein Zweckbündnis wechselseitiger Verpflichtungen angesehen. Zum Stillen ihrer außerehelichen sexuellen Gelüste gab es für verheiratete Männer in beiden Herrschaftsbereichen die sogenannten Symposien. Wobei es sich um von reichlich Weingenuss begleitete Zusammenkünfte mit Prostituierten handelte, sofern sich ein wohlhabender Bürger nicht sogar eine damals Hetäre genannte Mätresse zulegte. Die intimen Beziehungen zwischen einem erwachsenen Mann und einem Knaben im antiken Griechenland nicht zu vergessen, was damals als geistiges Ideal zur Einführung des Jüngeren in ein tugendhaftes Leben verstanden wurde.
Seit das Christentum in der Spätantike seine dominante Rolle für das europäische Geistesleben zu entwickeln begann, galten die Liebe zu Gott und zum Nächsten als höchste Gebote. Erotische Intimität oder körperliche Leidenschaft drohten, die Beziehung zu Gott zu gefährden. Einzig in der arrangierten Ehe durfte der Beischlaf mit kirchlicher Duldung zur Zeugung von Nachkommen im Rahmen der patriarchalischen Gesellschaftsordnung vollzogen werden. Dennoch wurden sexuelle Gelüste natürlich auch im Mittelalter ausgelebt, allerdings vornehmlich außerhalb des eigenen Hausstandes, wofür die zahlreichen Berichte über Ehebruch und sogenannte Bastard-Kinder jener Zeit ein beredtes Zeugnis ablegten.
In der Renaissance propagierten vor allem italienische Künstler in Rückgriff auf die klassischen unbekleideten Statuen der Antike das Ideal der Körperlichkeit, wodurch der mönchisch-asketische Vorbehalt gegenüber Eros und Sex unter Druck geriet. Auch die Bildung einer neuen, dem materiellen weltlichen Glück entgegenstrebenden Mittelschicht, des auf Erfolg im Handel beruhenden Bürgertums in florierenden Städten, sorgte für eine allmähliche Abschwächung allzu rigider kirchlicher Vorgaben bezüglich des persönlichen Liebesglücks. Wozu auch einige prominente Adelsdamen wie Lucrezia Borgia oder Caterina Sforza ihren freizügigen Beitrag geleistet hatten. Doch trotz Kunstwerken wie Sandro Botticellis „Die Geburt der Venus“, in denen die diesseitige Sinnesfreude offen gefeiert wurde, änderte sich auch in der Renaissance nichts Grundlegendes in Sachen Liebe.
Erst mit dem Aufkommen der Romantik Ende des 18. Jahrhunderts, als Religion und alte Traditionen zunehmend an Bedeutung verloren, setzte die Suche nach neuen Ausdrucksformen der Liebe ein. Wobei den sogenannten Jenaer Frühromantikern die entscheidende Rolle zukam, weil sie beispielsweise in Person von Ludwig Tieck die mittelalterlichen Minnelieder wiederentdeckten oder in Gestalt von Friedrich Schlegel mit seinem Roman „Lucinde“ die arrangierte Ehe anprangerten und stattdessen eine auf Liebe beruhende Partnerschaft anregten.
Weichenstellung durch Emanzipation der Frau
In der gesellschaftlichen Realität sollte aber bis zum Ende des 19. Jahrhunderts an der sogenannten Konvenienzehe festgehalten werden, sprich wirtschaftliche Aspekte blieben auch im Zeitalter des aufstrebenden Bürgertums das Hauptmotiv bei der Partnerwahl. Denn die Voraussetzung für eine Eheschließung jenseits von ökonomischen Gründen war die seinerzeit noch nicht übliche finanzielle Eigenständigkeit der Frau durch eigene Berufstätigkeit. Erst mit dem Siegeszug des Kapitalismus und dem Aufblühen der Industriestädte konnte die Idee der romantischen Liebe im Laufe des 20. Jahrhunderts umgesetzt werden, wobei vor allem die 1920er- und 1930er-Jahre mit der unaufhaltsamen Emanzipation der Frau die wesentliche Weichenstellung geleistet hatten. Eine Eheschließung ohne Liebe und partnerschaftliche Zuneigung galt fortan als geradezu unmoralisch. Heute spielt die Liebe in Paarbeziehungen zwar weiterhin die entscheidende Rolle, aber seit der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1960er-Jahren hat die Selbstverständlichkeit der Ehe zu bröckeln begonnen. Und dadurch den Raum für neue Beziehungsmodelle wie offene Partnerschaften, Polyamorie, Patchwork, serielle Monogamie oder Co-Parenting eröffnet, die im digitalen Zeitalter auch von Online-Dating-Plattformen profitieren können. Ohne dass bei alldem die romantische Liebe auf der Strecke geblieben wäre.