Wie unterscheidet sich das Kennenlernen auf natürlichem Weg von dem in der Online-Welt? Welche Chancen und Gefahren bergen Dating-Apps? Und wie haben sich Beziehungen verändert? Darüber spricht Dr. Nasanin Kamani, Autorin und Ärztin im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie.
Frau Dr. Kamani, wie finden Paare in der heutigen Zeit zusammen, und wie groß ist der digitale Einfluss durch soziale Netzwerke und Dating-Apps wie Tinder und Co.?
Insbesondere bei jüngeren Generationen gehören Dating-Apps heute oft zur ersten Wahl, wenn es darum geht, sich zu vernetzen, zu treffen und eine romantische Beziehung aufzubauen. Die Bedeutung anderer Kennenlernwege ist zwar zurückgegangen, aber keineswegs verschwunden: etwa durch den gemeinsamen Arbeitsplatz, Freundeskreis, Hobbys, kulturelle Aktivitäten oder soziale Engagements. Trotz des großen digitalen Einflusses herrscht gleichzeitig auch Unzufriedenheit mit den Dating-Apps, verbunden mit einer unterschwelligen Sehnsucht, sich auf natürlichem Wege zu treffen: mit einer Geschichte, die etwas Eigenes mitbringt und von Beginn an ein Gefühl von Verbindlichkeit erzeugt – ohne dass man sich erst im Haifischbecken der Matches durchsetzen und beweisen muss, um an Bedeutung zu gewinnen.
Manche jüngere Leute sprechen manchmal von der „Fear of missing out“ („FOMO“; Angst vor dem Verpassen von Chancen) und sind stets auf der Suche nach besseren Möglichkeiten – betrifft das auch Beziehungen?
Dating-Apps können in der Tat ein Gefühl unbegrenzter Möglichkeiten vermitteln. Und da man nicht alle potenziellen Kontakte auf Substanz und passende Chemie prüfen kann, passiert es schnell, dass man dieses scheinbar endlose Meer an Matches idealisiert. Das kann zu einer fehlenden Achtsamkeit im Hier und Jetzt führen und im schlimmsten Fall von einer vielversprechenden, realen Chance ablenken. Zudem können Verpassängste Stress, Unruhe und wiederkehrende Unsicherheit zur Folge haben. Viele (theoretische) Optionen fördern also nicht unbedingt das Wohlbefinden und das innere Gleichgewicht beim Dating. Wer sich das bewusst macht, kann sich vor „FOMO“ und den Risiken eines sogenannten „Choice Overload“ besser schützen.
Welche Chancen bieten Dating-Apps und Social Media – was sind Vorteile gegenüber dem Kennenlernen offline? Immerhin entstehen ja auch einige lange Beziehungen.
Man kann von der kontrollierten Zeiteinteilung profitieren und sich nach der Arbeit, der Uni oder während entspannter Ruhephasen am Wochenende dem Swipen, Schreiben und Verabreden widmen. Das geht unabhängig vom Wetter oder der dunklen Jahreszeit, die viele etwas träger macht. Gerade für schüchterne und introvertierte Menschen, die live schwer ins Gespräch kommen, ist Online-Dating eine Chance, um sich langsam ranzutasten und schrittweise zu öffnen: schreiben, Sprachnachrichten, vielleicht sogar ein Telefonat vor dem ersten Date. So konstruiert und beliebig das Online-Dating manchmal wirken mag – es bietet auch den Vorteil, dass gewisse Fakten vorab geklärt werden können: An welcher Beziehungsform ist der andere interessiert? Hat er/sie bereits Kinder? Ist ein Umzug oder ein Auslandsaufenthalt geplant? Vielen Nutzern sind auch Informationen über den Bildungsweg und die berufliche Situation wichtig. Das sind Dinge, die man beim Schreiben oder bereits durch das Profil schnell und unkompliziert in Erfahrung bringen kann − sofern mit offenen Karten gespielt wird.
Worin liegen die Gefahren – können Dating-Apps und Social Media unsere Fähigkeit beeinflussen, echte Beziehungen einzugehen und beziehungsunfähiger machen?
Das Gefühl von Unverbindlichkeit ist im Vergleich zum Kennenlernen im Freundes- oder Bekanntenkreis stärker ausgeprägt, da dort meist ein größeres Verantwortungsgefühl herrscht und mehr Hemmungen bestehen, den Kontakt ohne Erklärung auslaufen zu lassen. Hinzu kommt eine gewisse Erschöpfung, die die Beziehungsbereitschaft zumindest phasenweise ins Wanken bringen kann: Digitale Kontakte, die nirgendwohin führen – in manchen Fällen nicht einmal zu einem Treffen – rauben Kraft. Zudem ist es ermüdend, immer wieder die gefühlt gleichen Gesprächsschleifen mit ähnlichen Fragen und Antworten zu durchlaufen. Besonders ernüchternd empfinden viele die Entzauberung beim realen Treffen, vor allem wenn es digital „gefunkt“ hat und die Erwartungen an das Live-Match hoch waren.
Nach mehreren Monaten oder sogar Jahren im Online-Dating – wenn auch mit Unterbrechungen – sinkt die Hemmschwelle, Kontakte schneller abzubrechen oder auslaufen zu lassen, sobald etwas nicht passt. Viele sparen so ihre Zeit und Energie für die nächste Runde auf.
Eine weitere Gefahr liegt darin, dass ein Teil der Online-Nutzer gar nicht Single ist und dies nicht offen kommuniziert. Manche wollen ihren Marktwert testen, ihr Selbstwertgefühl stärken oder sich von einer schwierigen Beziehungsphase ablenken – während am anderen Ende jemand sitzt, der das Kennenlernen ernst nimmt, sich Hoffnungen macht und Energie investiert.
Sind Ghosting und Benching Phänomene des Online-Datings oder gab es dies auch schon früher?
Dass jemand sich nicht meldet oder sein Gegenüber warmhält, gab es auch früher. Aber durch die Digitalisierung lassen sich manche Kommunikationsmuster schärfer nachzeichnen und nachverfolgen: Wann hat der Kontakt genau geendet – trotz blauer Haken und einem vielversprechenden Gesprächsverlauf? Wie oft wurde man im Chat schon vertröstet, zeitweise ignoriert, dann wieder aus dem Nichts durch ein Foto oder einen nichtssagenden Gruß aufgewärmt? Zudem sind die Hemmungen und der Aufwand im digitalen Raum niedriger: Abtauchen, Blockieren oder das plötzliche Wiederanschreiben sind mit wenigen Klicks erledigt. Kontakte bleiben oft gespeichert und damit verfügbar.
Welche neueren Phänomene gibt es noch?
Orbiting zum Beispiel: Die andere Person verschwindet von der Bildfläche. Anders als beim Ghosting verfolgt sie meine Aktivitäten weiterhin via Social Media, schaut Storys an oder verteilt sogar Likes. Sie bleibt damit in der digitalen Umlaufbahn: im Orbit. Vielleicht hat er/sie kein Interesse an weiteren Treffen, klickt sich aber aus Neugierde oder Langeweile durch meine Inhalte. Es kann sich auch um eine subtile Warmhaltetaktik handeln, die wenig Mühe erfordert. Nach dem Motto: Mich gibt es noch, vergiss mich nicht.
Oder Cloaking: Vor einem Treffen oder vereinbarten Date – vielleicht auch erst am Tag selbst – taucht die Person ab, statt abzusagen. Sie blockiert den anderen auf der Dating-App und häufig auch auf allen weiteren Social-Media-Kanälen. Gründe dafür sind oft Unbehagen oder Unlust, eine Absage zu formulieren. In Kombination mit einem niedrigen Verantwortungsgefühl für das digitale Gegenüber kann das zum Cloaking führen – ein „Trend“, der mit Augenhöhe und Fairness wenig zu tun hat.
Haben sich die Erwartungen an Beziehungen in den letzten zehn Jahren verändert – und gibt es hier auch geschlechterspezifische Unterschiede?
Heiraten und Familiengründung sind für viele kein Muss mehr. Auch klassische Rollenverteilungen verlieren zunehmend an Bedeutung. Dass eine Frau mehr verdient als der Mann oder einen höheren akademischen Grad hat, kann nach wie vor für Irritationen und Konflikte sorgen, kommt aber deutlich häufiger vor als früher. Gleichzeitig wird von Männern erwartet, dass sie offener über Gefühle sprechen, auch, wenn sie in ihrem Bild von Männlichkeit und Stärke anders sozialisiert wurden. Formate wie Paartherapie gewinnen zunehmend an Beliebtheit, weil viele ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickelt haben, dass Konflikte und Spannungen sich nicht durch Vermeidung, Harmonisierung oder Ignoranz lösen lassen.
Trennungen werden heute zum einen vermehrt als selbstbestimmte Entscheidung verstanden und weniger als Scheitern. Zum anderen versucht man, Beziehungsmuster zu erkennen und mögliche Bindungsprobleme aufzudecken, um das Ende von Partnerschaften besser zu verstehen oder ganz zu verhindern. Darüber hinaus ist die Offenheit gegenüber nicht-monogamen Konzepten wie offene Beziehungen deutlich gestiegen, vor allem bei jüngeren Generationen.
Was sind die Gründe für den Anstieg nicht-monogamer Konzepte?
Im Mittelpunkt steht dabei eine freie Lebensgestaltung mit individuellen Lebenskonzepten, die nicht von außen vorgegeben werden. Wer sich nicht sicher ist, was genau er sucht, kann sich durch flexible und lockere Bindungen Raum und Zeit nehmen, dies noch herauszufinden – ohne dass von einer Seite Druck entsteht.
Welche Ängste existieren heute in Bezug auf Beziehungen?
Die Angst, sich für die falsche Person zu entscheiden und sich zu früh festzulegen. Ebenso besteht die Angst, austauschbar zu sein und verlassen zu werden – insbesondere, wenn die Beziehung von unklaren Strukturen und unzureichendem Commitment gekennzeichnet ist. Paradoxerweise kann daneben die Angst existieren, sich in der Beziehung selbst zu verlieren: durch Anpassung, den Kampf um Aufmerksamkeit oder das Gefühl, sich ständig beweisen zu müssen. Dieser Druck wird durch Social-Media-Plattformen verstärkt, wo Selbstoptimierung, Aussehen und die Inszenierung eines aufregenden und abwechslungsreichen Lebens eine große Rolle spielen.
Wie hat sich die Kommunikation von Paaren im Zuge von Dating-Apps und Social Media verändert?
Nähe im digitalen Raum ist für viele zur Normalität geworden: Sobald der Partner abwesend ist, gibt es die Möglichkeit, sich im Chat auszutauschen. Manche finden das anstrengend oder fühlen sich dadurch schnell übersättigt. Andere empfinden diese digitale Dauerverfügbarkeit als positiv, da sie ihnen Sicherheit und Präsenz vermittelt, auch in der Distanz. Gleichzeitig ist es leichter geworden, den anderen digital zu „überwachen“: Wann war er zuletzt online? Welche neuen Kontakte hat er auf Social Media hinzugefügt? Warum postet er eine Story, bevor er mir geantwortet hat? Das kann zu verstärkten Unsicherheiten und Misstrauen führen, was negative Dynamiken in der Beziehung begünstigt.
Wie langlebig sind Partnerschaften heutzutage? Sind Beziehungen wirklich schnelllebiger geworden als früher oder kommt es uns nur so vor?
Früher wirkten viele Beziehungen stabiler und langlebiger, was aber auch mit dem gesellschaftlichen Erwartungsdruck, finanzieller Abhängigkeit und einer starren Rollenverteilung zusammenhing. Trennungen und Scheidungen wurden häufiger als Scheitern und Verlust von Sicherheit wahrgenommen. Heute werden die Herausforderungen und Probleme von Beziehungen deutlich offener und „lauter“ reflektiert: in Freundes- und Familienkreisen, auf Social Media oder sogar im professionellen Umfeld. Das kann den Eindruck verstärken, dass Partnerschaften heute instabiler oder komplizierter sind. Insbesondere in jüngeren Generationen sind offenere und individuellere Beziehungsmodelle verbreitet, wodurch kürzere Beziehungen weniger ungewöhnlich und auch weniger problematisiert sind.
Wie sind die „Trends“ in Sachen Beziehung?
Neben unverbindlicheren Beziehungskonzepten oder Partnerschaften ohne Kinder, Ehe oder gemeinsamen Wohnsitz legen viele Wert auf eine authentische Bindung mit emotionaler Offenheit. Sie erwarten ein bewussteres Miteinander, in dem Konflikte, Spannungen und unterschiedliche Ansichten – sei es in der Beziehung oder auch in anderen Lebensbereichen – angesprochen und diskutiert werden können. Auch die Aufarbeitung von früheren problematischen Beziehungen oder Bindungsthemen wie Angst vor Nähe oder Verlust hat den Weg in viele Paargespräche gefunden. Das führt zu mehr Tiefe, aber auch zu Reibungen, die sich manchmal wie Disharmonie anfühlen können.