Marina Ilic (@marinathemoss, 40) aus Hamburg ist bereits von Beginn an in der Instagram- und Bloggerwelt zu Hause und arbeitet seitdem mit Marken wie Cartier, Ferrari, Nike oder Topshop. Ein Interview über ihre Entwicklung, besondere Shopping-Trips und Looks, die Auswahl von Kooperationspartnern und Hass im Netz.
Liebe Marina, Du bist schon seit rund 15 Jahren, also von Beginn an in der Instagram- und Bloggerwelt unterwegs – wie hat sich dieser Bereich seit Deinen Anfängen verändert?
Die Anfänge von Instagram waren tatsächlich von einer völlig anderen Dynamik geprägt. Man postete spontane, unbearbeitete Momentaufnahmen – ohne Filter, ohne lange Auswahlprozesse. Der Alltag wurde gezeigt, wie er war, ohne viel Inszenierung.
Heute ist vieles durchdachter und ästhetischer gestaltet – nicht im negativen Sinne, sondern bewusst ansprechender für die Zuschauer. Der Begriff Instagram Aesthetic kommt nicht von ungefähr. Was sich positiv entwickelt hat: Die Nähe zur Community ist gewachsen. Über Bilder, Videos und Livestreams können wir uns heute vielseitiger zeigen. Vor rund 15 Jahren gab es vielleicht eine Handvoll Blogger. Heute fühlt es sich so an, als sei jede/jeder Zweite Content-Creator oder Influencer. Und das ist vollkommen in Ordnung. Jeder bringt seine eigene Persönlichkeit und Perspektive mit – und damit auch eine ganz individuelle Daseinsberechtigung in dieser Branche.
Ich bin dankbar und stolz, dass ich meinen Traum verwirklichen konnte und diesen Weg seit so vielen Jahren als meinen Vollzeitberuf gehen darf. Ich liebe, was ich tue!
Wie kamst Du zu Instagram – und wie wurdest Du erfolgreich?
Als die App damals herauskam, lud ich sie mir direkt runter und spielte damit rum, um meine Kreativität nach außen zu bringen. Ohne den Gedanken, dass diese App der Start in meinen Traumberuf sein sollte. Nach meinem Modedesign-Abschluss suchte ich ein Model für das große Shooting. Ich schrieb Bonnie Strange an und bekam auch direkt eine Zusage von ihr. Diese Bilder wurden in kleineren Magazinen und auch in London gedruckt und so wuchs mein Account.
Hast Du nach Deinem Studium als Modedesignerin gearbeitet?
Auch wenn ich letztlich nie als Designerin gearbeitet habe, war Mode immer ein zentraler Bestandteil meines Lebens. Mein Vater ermöglichte mir den Besuch einer renommierten Privatschule – eine Chance, für die ich ihm bis heute dankbar bin. Ich bin sicher, dass er stolz wäre zu sehen, dass ich heute meinen eigenen Weg gehe, finanziell unabhängig bin und genau das tue, was ich liebe.
In meinem Beruf verbinde ich meine Leidenschaft für Mode, das Reisen und die Begegnung mit Menschen – drei Elemente, die mich erfüllen und antreiben.
Als das Bloggen dann zu meinem Beruf wurde, spürte ich schnell: Das ist mein Traumberuf – und es fühlte sich zu 100 Prozent richtig an. Ich arbeitete viel und intensiv, und es blieb schlicht kein Raum für ein zusätzliches Projekt wie ein eigenes Label, was aber immer irgendwo in meinem Kopf war und nach dem mich meine Leser tatsächlich auch fragten.
Dennoch durfte ich meine kreative Seite ausleben – unter anderem durch eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit einer Pariser Marke, bei der ich eine eigene Kollektion entwerfen durfte. Die positive Resonanz war überwältigend, und viele rieten mir, den Schritt in die Selbstständigkeit mit einem eigenen Label zu wagen. Ich tat es damals nicht – aus Unsicherheit, aus Respekt vor der Verantwortung und vermutlich auch aus dem Wunsch heraus, mich ganz auf mein bestehendes Business zu konzentrieren.
Ein kleiner Teil in mir ist sicher traurig, diesen Weg nicht gegangen zu sein. Gleichzeitig weiß ich, dass ich mein gesamtes Herzblut in meine heutige Arbeit gesteckt habe – und das bereue ich keine Sekunde. Vielleicht wäre beides gleichzeitig nicht möglich gewesen. Vielleicht aber doch. Man wird es nie wissen. (lacht) Was ich aber weiß: Es ist nie zu spät, etwas Neues zu beginnen.
Welches Wissen aus Deinem Modedesign-Studium kannst Du für Deinen Job als Influencerin nutzen und welche Vorteile hast Du dadurch?
In erster Linie habe ich den Hintergrund der Mode für mich mitnehmen können, die Entstehung der Mode und meine Faszination dafür.
In all den Jahren habe ich mit verschiedenen Styles gespielt und Stile ausprobiert, weil ich das Verkleiden einfach liebe und das schon als Kind. Ich machte meine Mutter damals wahnsinnig. Sie sagt heute noch, dass ich mich mit fünf Jahren fünfmal am Tag umziehen wollte und ihr damals schon sagte, dass ich eines Tages Modedesignerin werde. Es gibt keine Vorteile, weil ich Modedesign studiert habe. Meinem Stil bin ich so oder so treu geblieben und das schon 25 Jahre.
Seit 2000 shoppe ich schon Vintage, und das tue ich heute noch. Ich kann stundenlang durch L.A., Miami oder N.Y. fahren und laufen und in Thrift-Stores wühlen, bis ich DAS eine Teil, das meinen Namen rief, freudig in den Händen halte. Hierfür habe ich eine größere Faszination als an dem selbst Entworfenen.
Die schönsten Sachen habe ich vintage für ein paar Dollar in den Staaten gefunden und trage diese in Ehren, wem auch immer diese Artikel gehört haben. Ich liebe aber auch Designerteile, die ich dann einem Kleid für zwei Dollar anpasse. Das Wichtigste ist, dass man sich in seinem Outfit wohlfühlt. Wenn man das ausstrahlt, kann man alles tragen!
Wie viele Kooperationsanfragen erhältst Du ungefähr im Monat und nach welchen Kriterien suchst Du Deine Partner aus?
Die Anzahl kann ich so im Durchschnitt nicht nennen, da das mal mehr und mal weniger ist. Es sind dennoch einige. Ich weiß allerdings in der Sekunde, wie ich den Absender und Betreff der Mail lese, ob ich mit der Brand arbeiten möchte oder nicht.
Mein Fokus lag immer auf der Authentizität. Ich bin nicht käuflich und habe einige große Beträge abgesagt, wenn ich die Marke nicht vertreten konnte und wollte. Ebenso teste ich vorher alles, bevor ich es einfach in die Kamera halte.
Ich persönlich könnte zum Beispiel nie das Sicherheitssiegel einer neuen Kosmetikflasche vor laufender Kamera abziehen und meinen Followern erzählen, ich würde diese schon wochenlang nutzen und das Produkt toll finden. Oft habe ich mich gefragt, wie diese Art der Kooperationen bei den Partnern durchgeht, aber es scheint zu funktionieren.
Ich bin ein Fan des Testens, aber auch hier gab es Momente, in denen ich Brands im Nachhinein sagte, dass es für mich nicht das richtige Produkt war. Wie könnte ich es anderen präsentieren nur für meinen Vorteil, eine Bezahlung abkassieren und dies meine Arbeit nennen? Das ist nicht meine Herangehensweise und Authentizität. Dennoch handhabt das jeder so, wie er/sie es für richtig empfindet. Man sollte als Follower nur genau hinschauen.
Mit welchen bekannten Marken hast Du schon zusammengearbeitet, und was waren Deine Highlights?
Besonders stolz bin ich auf meine Kooperationen mit Cartier, Bvlgari, Porsche, Ferrari und Hublot. Für Hublot war ich ein Jahr lang das erste Influencer-Gesicht, was mir eine unglaublich große Ehre war! Mit Mercedes habe ich viele Jahre zusammengearbeitet und das Team wurde wie Familie für mich. Schön, wenn man sich auch auf der privaten Ebene versteht. Ebenso kooperierte ich Jahre später mit Viktor & Rolf immer wieder für Kampagnen oder mit Liebeskind – dort habe ich vor Instagram ein Praktikum im Taschendesign gemacht. Eine meiner ersten Kooperationen war damals eine jahrelange Zusammenarbeit mit Nike. Eine Brand, die ich liebe, und schon viele Jahre ziert ein kleines Logo (Tattoo) meinen Arm. Ich habe unglaublich viele tolle Projekte und Kampagnen mit Nike umgesetzt, die mir sehr viel bedeuten.
Für Mister Spex entwarf ich vor zehn Jahren meine eigenen Lesebrillen, die direkt Sold out waren, was ebenso eine unglaublich schöne Erfahrung für mich war. Als größter Dr.-Pepper-Fan durfte ich auch mit dieser Brand zusammenarbeiten. Mit Topshop hatte ich meine eigene „MARINATHEMOSS“-Kollektion am Alexanderplatz im Topshop Store ausgestellt, mit eigenem „MARINATHEMOSS“-Schaufenster und Stickern mit meinem Instagram-Namen auf dem Boden. Ich stand damals bei der Eröffnung weinend in dem Laden und wollte nur gekniffen werden.
Eine Zusammenarbeit, die mir nun seit eineinhalb Jahren unglaublich viel bedeutet, ist die mit Olistic. Ein Nahrungsergänzungsmittel, welches meine Haare innerhalb eines halben Jahres zu schönen Haaren transformierte. Ich war und bin nach wie vor baff. Ein ganz neues Lebensgefühl. Ebenso ist auch diese Bindung eine sehr familiäre, die mich glücklich macht. Auch arbeite ich mit Schiesser sehr eng zusammen, was ich auch sehr schätze. Eine Woche vor der ersten Buchung sprach ich noch über die bekannten Rip Tops von Schiesser, um kurz darauf ein Teil der neuen Schiesser- Kooperationen zu werden.
Eine weitere Zusammenarbeit, die eine sehr tiefe Bedeutung für mich hat, ist die mit Apple. Ich bin ein Apple-Kind seit genau 25 Jahren, angefangen mit dem iMac G3 und dem iPod shuffle (vermisse den) sowie allen iPhones über all die Jahre, hat die Marke eine besondere Bedeutung für mich und bin stolz, mit dieser heute zusammenarbeiten zu dürfen.
Auch hier ist mir der sehr enge Kontakt zu der Brand wichtig, und ich schätze das Team hinter der Marke unglaublich. Alle meine Kooperationspartner haben einen besonderen Platz bei mir, und ich wertschätze jeden einzelnen von ihnen. Ich sehe all das nicht als selbstverständlich und weiß, dass die Branche schnelllebig ist und es so viele wundervolle andere Talents gibt. Daher bin ich wirklich sehr froh über meine festen Partner und stecke viel Liebe in alle Umsetzungen.
Welche Deiner Instagram-Beiträge sind die beliebtesten?
Das beliebteste Bild von mir in 15 Jahren Instagram hat 30.000 Likes: Ein Bild von mir in einer Tankstelle, wie ich mir eine Dr. Pepper aus dem Kühlregal greife und eine „Vogue“ in der Hand halte, ungewaschene Haare zum Dutt gebunden, ungeschminkt in Vans und einem Teddy Mantel. Das beliebteste Reel ist mein Henna-Sommersprossen-Reel mit 5,3 Millionen Aufrufen.
Durch die sozialen Medien ist für viele ein stärkerer Druck nach Selbstoptimierung entstanden. Wie stehst Du zu diesem Thema – setzt Du Dich selbst auch manchmal unter Druck, was zum Beispiel Gewicht, Ernährung, Sport oder Beauty-Eingriffe anbelangt?
Meine zwei Schönheitsoperationen, ein Jahr nachdem ich mit dem Bloggen anfing, geschahen nicht aufgrund des sozialen Drucks über das Internet, sondern resultierten aus meiner Zeit in der Schule. Ich wurde aufgrund meiner damaligen schiefen, langen Nase viele Jahre aufs Schlimmste gemobbt. Sie wurde seitdem zum Feind für mich und ich entschloss mich, dass ich das angehen wollte. Ich fühle mich aber auch tatsächlich wohler mit der „neuen“ Nase. Über Instagram gab es zu meiner alten Nase nie negative Kommentare. Es war einfach nur in meinem Kopf verankert.
Mit Fillern fing ich erst nach dem Tod meines Vaters an, als man mir ungefragt sagte, wie schlimm ich aussehen würde und mich fragte, ob ich einem Toten über den Weg gelaufen sei … Sein Verlust nahm mich unglaublich mit und ich war kaum wiederzuerkennen. Also gab es den ersten Piekser mit 33. Auch hier kein schlechtes Wort meiner Follower dazu.
Die wirklich negativen Kommentare gab es zu meiner kleinen Oberweite. Immer wieder, viele Jahre. Das ist aber etwas, wofür ich nichts kann, und ich verstehe einen Hate diesbezüglich einfach nicht! Ich liebe meine Brüste, und niemand könnte mich je vom Gegenteil überzeugen. Kein Mann hat sich deswegen je beschwert, aber viele Frauen öffentlich in Kommentaren und per DM. Es ist traurig zu sehen, dass Frauen so oft von Girlpower sprechen, aber andere Frauen fertig machen wollen für deren Aussehen. Das wird mir nie in den Kopf gehen. Ich bin aber abgestumpfter nach all dem Mobbing.
Für welche Themen – abgesehen von Mode und Beauty – nutzt Du Deine Reichweite bei Instagram gerne?
Das Thema Mobbing begleitet mich seit Langem, und ich habe offen darüber gesprochen – auch weil sich viele Betroffene darin wiederfinden. Für mich stand schon immer fest: Jeder Mensch ist gleich viel wert, unabhängig von Herkunft, Status oder Aussehen. Diese Werte wurden mir früh von meinen Eltern vermittelt – Respekt und Augenhöhe sind für mich selbstverständlich! Das gebe ich weiter, da ich über all die Jahre bei anderen und auch bei mir viel Hass im Netz sah.
Rassismus und Ausgrenzung haben in meiner Welt keinen Platz, und ich setze mich klar dagegen ein.
Auch persönliche Themen wie meine Amerika-Reisen, Henna-Sommersprossen oder meine langjährige Liebe zu Matcha gehören zu meinem Alltag und finden immer wieder großen Anklang auf meinem Kanal.
Wie gehst Du mit Hatern um?
Lustigerweise verschlinge ich gerade das Buch „Let them“, das hier als kurze und knappe Antwort passt. Die „Lass-sie“-Theorie ist die Beste. Das ist aber sicherlich auch Tageslaunen-abhängig, und dann kann ich schon mal zurückpumpen auf einen unschönen Kommentar. (lacht) Ich finde die „Let-Them“-Art aber auch sehr interessant, denn keiner von uns kann beeinflussen, wie andere über uns denken und über uns reden. Ich lasse andere das machen, was sie machen möchten. Das liegt nicht in meiner Macht und spiegelt sie wider. Nicht mich.
Wenn Du Dinge im Modebusiness und bei den sozialen Medien verändern könntest – welche wären das?
Individualität! Copycats gibt es wie Sand am Meer. Mir fehlt das „Ich fühle diesen Look zu hundert Prozent“ anstatt „Ich habe das bei XY kopiert und das ist edgy cool für Instagram nachgestellt“.
Was fasziniert Dich an Mode und an der Modewelt?
Die Art, sich und seine Mood ausdrücken zu können. Sicherlich tun wir das heute in Jogginglooks anders als die Damen vor 100 Jahren, aber dennoch präsentiert jeder ein Stück von sich in seinem Outfit und das ist spannend zu sehen. Copycats gibt es wie Sand am Meer.
Wie muss ein Look sein, damit Du zufrieden bist?
Ich muss ihn fühlen! Simple as that. Ich habe noch nie gedacht: „Was sagen andere dazu?“ Das tangiert mich nicht. Wenn ich ausstrahle, dass ich mich in meinem Outfit wohlfühle, dann sieht man, dass alles in einem stimmt. Da geht es auch nicht darum, wie teuer etwas war, sondern um den gesamten Look, der zu meiner Tagesstimmung passt.
Ich kann innerhalb von fünf Minuten einen Look für ein Event raussuchen – kein Spaß.
Auf welche Farben setzt Du diesen Sommer?
Aktuell nähere ich mich der Farbe Rot immer näher an, die ich jahrelang mied, weil ich dachte, sie steht mir nicht.
Wie sieht ein perfekter Sommerlook für Dich aus?
Kleidchen, Sneaker, Sonnenbrille oder noch besser: Bikinihöschen 24/7 am Strand und abwechselnd am Pool! (lacht)
Was trägst Du im Sommer am liebsten, wenn es etwas schicker sein soll?
Ich liebe Micropants und dazu ein cooles Top, kombiniert mit einem meiner 15 Jahre alten Herren-Vintage-Blazer sowie Kitten-Heels.
Gibt es Sommertrends, die Du schrecklich findest?
Gibt es sicherlich, aber wer bin ich, dass ich darüber urteilen dürfte? Heutzutage gib es in der Mode kaum Grenzen, was eben das Schöne ist. Farb-, Muster- und Schnittmixe sind erlaubt, solange es der Person gefällt und sie das eben nach außen bringt mit dem Wohlfühlen und Auftreten. Dann kann selbst die blaue XXL-Mülltüte mit Vintage-Gürtel toll aussehen. Bin ich überzeugt von!
Welche Pläne hast Du für die Zukunft?
Glücklich und gesund zu sein! Ich setze mich selbst nicht unter Druck, dieses und jenes erreichen zu müssen, da sowieso immer alles anders kommt als geplant. Daher lebe ich den Moment bewusst und schaue nicht allzu weit nach vorne, da ich sonst das Hier und Jetzt verpasse.