Auf die schnelle blaue Bahn in Berlin freut sich Gina Lückenkemper immer wieder. Die für den SC Charlottenburg startende Sprinterin will beim ISTAF ihre WM-Form testen. Auch andere Stars sind dabei.
Die Frage nach dem Zuhause ist für Gina Lückenkemper immer schwieriger zu beantworten. Die deutsche Leichtathletin kommt aus dem Ruhrgebiet, hat ihren Wohnsitz im bayerischen Bamberg, trainiert im US-Bundesstaat Florida und startet für den Berliner Verein SC Charlottenburg. In welchem ihrer Heimatorte sie am liebsten Olympia bestreiten würde? In Bayern, antwortete die Sprinterin: „Ich wäre für Olympische Spiele in München, das wäre für mich das Highlight.“ Das überrascht wenig, schließlich feierte Lückenkemper in der bayerischen Landeshauptstadt vor drei Jahren ihre größten Erfolge, als sie sich im Olympiastadion in einer packenden Gänsehaut-Atmosphäre zur Doppel-Europameisterin kürte: Gold im prestigeträchtigen Einzel über 100 Meter, Gold mit der deutschen 4x-100-Metter-Staffel. Die anschließende Wahl zur „Sportlerin des Jahres 2022“ setzte der Saison damals die Krone auf.
Spätestens seitdem ist Lückenkemper in Deutschland ein Sportstar, auf dem die Blicke nicht nur auf der Tartanbahn ruhen. Zuletzt wurde die 28-Jährige mit dem Bayerischen Verfassungsorden geehrt – einer staatlichen Auszeichnung, die der Freistaat Bayern nur sehr selten vergibt. Die Empfänger müssen sich in besonderer Weise um die Verwirklichung der Grundsätze der Bayerischen Verfassung verdient gemacht haben. Das treffe auf Lückenkemper zu, sagte die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner in ihrer Laudatio: „Als Ausnahmesportlerin begeistern Sie auf beeindruckende Art und Weise die Menschen für die Leichtathletik. Zudem fördern Sie den Nachwuchs als Mentorin bei den Olympischen Jugendspielen.“ Auch Lückenkempers soziales Engagement in Ghana wurde von Aigner hervorgehoben: „Sie sind ein Aushängeschild für den Sport und ein Vorbild im Leben.“
Für Lückenkemper war die Auszeichnung eine „wahnsinnig große Ehre“, doch nun will sie sich den Applaus in einem ihrer anderen Heimatorte abholen. Das ISTAF in Berlin an diesem Wochenende ist für die SCC-Athletin natürlich ein Pflichttermin. Im Berliner Olympiastadion sprintet sie genauso gern wie im Münchner Pendant. „Ich freue mich wahnsinnig darauf, hier beim ISTAF wieder vor Heimpublikum laufen zu können und zu dürfen“, sagte Lückenkemper über die Bedeutung des Stadionfestes für sie: „Das Berliner Olympiastadion ist für mich einfach nach wie vor mit Abstand das schönste Leichtathletikstadion, was es weltweit gibt.“ Auch hier feierte Lückenkemper schon große Erfolge: EM-Silber und -Bronze im Jahr 2018.
Auf der schnellen blauen Laufbahn, auf der der jamaikanische Sprint-König Usain Bolt 2009 den nach wie vor gültigen 100-Meter-Weltrekord (9,58 Sekunden) aufgestellt hat, fühlt sich Lückenkemper pudelwohl. Beim ISTAF im Vorjahr unmittelbar im Anschluss an Olympia lief sie hier in Höchstform ihre persönliche Bestzeit von 10,93 Sekunden. „Es ist der totale Wahnsinn. Ich sage das ganze Jahr schon, da schlummert was Großes, viele Leute wollen es nicht glauben“, hatte sie danach gesagt: „Es ist ein paar Wochen zu spät, Paris wäre mir lieber gewesen.“ Bei den Olympischen Spielen in Frankreichs Metropole hätte sie mit dieser Zeit im 100-Meter-Finale einen hervorragenden vierten Platz belegt und die Bronzemedaille nur um eine Hundertstelsekunde verpasst. Dass sie sich in Paris noch mit Staffel-Bronze belohnen konnte, machte es für Lückenkemper deutlich einfacher, über die Enttäuschung im Einzel-Wettbewerb hinwegzukommen. Genauso wie ihre anschließende Topform.
Dass sie im Winter die Hallen-Saison wegen einer Muskelverletzung im rechten Oberschenkel vorzeitig beenden musste, scheint ihr ebenfalls nicht geschadet zu haben. Die Freiluft-Saison lief gut für sie an, die WM-Normen über 100 und 200 Meter erfüllte sie während ihres Trainings-Aufenthalts in den USA. Beim Diamond-League-Meeting in Oslo meldete sich Lückenkemper im Juni mit einer 100-Meter-Zeit von 11,16 Sekunden auf europäischen Boden zurück. Das sei „kein schlechtes Rennen“ gewesen, meinte sie hinterher, „ich habe allerdings ein paar Fehler gemacht, die mir am Ende teuer zu stehen gekommen sind“. Etwas später in Dessau lief es schon deutlich besser: Lückenkemper egalisierte bei ihrem Sieg in 10,93 Sekunden ihre Bestzeit, doch die wurde wegen des zu starken Rückenwindes von 2,5 Metern pro Sekunde nicht offiziell anerkannt. „Es ist zwar ärgerlich, dass der Wind nicht gültig war, aber das hat heute richtig gutgetan und darauf lässt sich definitiv aufbauen“, sagte sie: „Ich laufe lieber ein schnelles Rennen mit zu viel Rückenwind und habe dadurch Overspeed-Training.“
Die Konkurrenz für Lückenkemper ist groß
Möglichst perfekt soll es dann bei der Leichtathletik-WM in Tokio vom 13. bis 21. September laufen. Den Traum von einer WM-Medaille im Einzelrennen hat Lückenkemper nicht aufgegeben, zumindest das Finale will sie in Tokio erreichen. Das ISTAF in Berlin soll sie ein Stückchen näher an dieses Ziel bringen. Doch die Konkurrenz ist groß: Die Schweizer Rekordhalterin Ajla Del Ponte (Bestzeit: 10,90 Sekunden), die Jamaikanerin Christania Williams (10,95) und die für Liberia startende US-Amerikanerin Maia McCoy (11,02) rechnen sich ebenfalls Siegchancen aus. Auch national wird Lückenkemper herausgefordert, ihre schnellen Staffel-Kolleginnen Rebekka Haase (11,07), Lisa Marie Kwayie (11,19) und Sina Mayer (11,20) sind ebenfalls am Start. Der ISTAF-Rekord (10,81), der von US-Sprintstar Marion Jones 1997 aufgestellt wurde, dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unangetastet bleiben.
Bei den Männern will Owen Ansah um die vorderen Plätze mitsprinten. Der deutsche Rekordhalter, der bei den deutschen Meisterschaften die 100 Meter in 9,99 Sekunden absolviert und dabei für einen Paukenschlag gesorgt hatte, trifft jedoch auf noch größere Konkurrenz als Lückenkemper bei den Frauen. Er muss sich mit gleich fünf Konkurrenten messen, die wie er selbst eine Bestzeit unter 10,00 Sekunden aufweisen. Vor allem die Jamaikaner Ackeem Blake (9,89 Sekunden) und Ryiem Forde (9,95), Benjamin Azamati aus Ghana (9,92), der Japaner Abdul-Hakim Sani Brown (9,96) und der Kameruner Emmanuel Eseme (9,96) dürften starke Konkurrenz sein. Die deutschen Sprinter um Ansah sowie Lucas Ansah-Peprah (10,00) und Yannick Wolf (10,08) wollen sich dennoch gut präsentieren. „Da kommt ein starkes Feld gerade recht, um sich mit einer guten Leistung Selbstvertrauen zu holen und sich zum Beispiel für einen Staffel-Platz bei der WM zu empfehlen“, sagte ISTAF-Meetingdirektor Martin Seeber: „Das Berliner Publikum wird ihnen dabei helfen, das wissen die Athletinnen und Athleten.“
Sechs Wochen vor der WM in Tokio werden beim ISTAF nicht nur die Sprinter ihre Form testen. Highlights sind auch die Auftritte von Kugelstoß-Olympiasiegerin Yemisi Ogunleye, und Weitspringerin Malaika Mihambo, die beim Diamond-League-Meeting in London einen Sieg gefeiert und in diesem Jahr schon die Sieben-Meter-Marke geknackt hat. Außerdem haben Hindernis-Star Gesa Krause und Speerwerfer Julian Weber ihre Startzusagen gegeben. Auf dem Programm stehen insgesamt 17 Disziplinen, die teilweise hochklassig besetzt sind. Darunter 100 Meter, 100/110 Meter Hürden, 100 Meter Para, 400 Meter Hürden, 800 Meter, Meile, 2.000 Meter Hindernis, Speerwurf, Kugelstoß, Weitsprung, Dreisprung und Stabhochsprung.