Am liebsten „ballert“ Lucca Agostini in Höchstgeschwindigkeit über die 400-Meter-Bahn. Doch auch der Mannschaftssport hat für das 18-jährige Langsprint-Talent des SV GO! Saar 05 seine Reize.
Am Anfang stand das Laufen: Bei den „Windhunden“, einer Laufgruppe in seiner Kita, kam Lucca Agostini erstmals zaghaft mit dem Laufsport in Kontakt. Inzwischen gehört das Talent des SV GO! Saar 05 zu den Besten seiner Altersklasse. Im Februar dieses Jahres wurde er deutscher U20-Vizemeister über 400 Meter in der Halle. Mitte Juni 2025 stellte er bei der Sparkassen-Gala in Regensburg mit einer neuen persönlichen Bestleistung von 47,27 Sekunden auch einen neuen U20-Saarlandrekord auf. Zudem erfüllte er mit dieser starken Zeit die Norm zur Teilnahme an den U20-Europameisterschaften, die von 7. bis 10. August im finnischen Tampere ausgetragen werden, wo er in der 4x400-Meter-Staffel starten wird. Apropos: Beim jüngsten Wettkampf mit der deutschen Staffel kam er als Starter sogar handgestoppt auf eine Zeit unter 47 Sekunden.
„Ich war schon in jungen Jahren ziemlich aktiv und wollte am liebsten immer Sport treiben“, erinnert sich Lucca, der heute 18 Jahre alt ist: „Das war eine gute Möglichkeit, die überschüssige Energie abzubauen.“ Seine Klassenlehrerin in der Grundschule, selbst frühere Handballerin, entdeckte im Sportunterricht sein Handball-Talent und führte ihn zum HSV Püttlingen zu einer weiteren Gelegenheit, regelmäßig überschüssige Energie loszuwerden. Ein kurzes Intermezzo als Motocross-Fahrer im Grundschulalter fand hingegen nach einem Sturz ein jähes Ende. „Ich habe mich dabei nicht wirklich verletzt, aber hab mich danach nicht mehr auf eine Maschine getraut“, verrät Agostini. Mit einer kurzen Unterbrechung ist er also seit inzwischen etwa zehn Jahren auch im Handball im Leistungssportbereich unterwegs. Derzeit spielt er für den HC Dillingen/Diefflen, zu dem er 2024 aus der A-Jugend des HSG Völklingen gewechselt war, in der Männer-Oberliga.
Ursprünglich auf der Langstrecke
„Mein Fokus liegt aber auf der Leichtathletik“, stellt Agostini klar. Hier machte er seine ersten Schritte, Sprünge und Würfe beim TV Püttlingen. Über einen Handball-Kumpel kam der Wechsel zum TV Ludweiler zustande, dem Verein des früheren Weltklasse-Speerwerfers Boris Obergföll (früher Henry). „Damals habe ich noch alles trainiert und mich noch nicht auf das Laufen spezialisiert“, berichtet Agostini. Sein früherer Trainer René Schwarz hat ihn schließlich für die Laufgruppe der Landestrainerin Aline Zaar empfohlen und nach der Zwischenstation beim LC Rehlingen landete Agostini schließlich beim SV GO! Saar 05. Doch was treibt den 400-Meter-Spezialist an, immer und immer wieder „seine“ Runde zu drehen? „Das kann ich ehrlich gesagt gar nicht so in Worte fassen. Mir hat es einfach immer Spaß gemacht, eine Runde lang so schnell zu laufen wie es nur geht und der Schnellste zu sein“, antwortet er. Früher war er nicht schon nach einer Runde damit fertig – eigentlich kommt er von der Langstrecke, also 3.000 Metern. „Dieses Gefühl, wenn man in der höchsten Geschwindigkeit angekommen ist und die Bahn entlangballert – das mag ich einfach“, versucht er sich an einer Beschreibung des Hochgefühls, das das perfekte Zusammenspiel von Körper und Geist in ihm hervorruft: „Ich mag es auch, den inneren Schweinehund zu überwinden. In jeder Trainingseinheit muss man über seine Grenzen hinausgehen und das macht mir einfach Spaß.“
Der Handball bietet ihm über den Reiz der körperlichen Auslastung hinaus die Zugehörigkeit zu einer Mannschaft und eine spezielle Atmosphäre in der Halle. „Dass man gemeinsam auf dem Feld steht und versucht, das Spiel zu gewinnen, ist etwas ganz anders, als alleine gegen die Uhr zu rennen“, sagt er und ergänzt: „Außerdem passiert im Handball unheimlich viel in ganz kurzer Zeit. Man muss sehr darauf achten, keine Fehler, keine falschen Bewegungen zu machen oder falsche Entscheidungen zu treffen. Das macht mir auch unheimlich viel Spaß.“ Auf der Position Linksaußen kann Agostini seine für gegnerische Spieler brutale Schnelligkeits- und Ausdauervorteile ausspielen. Ligaweit kann ihm diesbezüglich keiner das Wasser reichen. In seiner eigenen Mannschaft kann nur Mitspieler Hendrik Huth mithalten – allerdings nicht lange.
Handball als Zusatz zur Leichtathletik
Nach dem Abitur im kommenden Jahr am Saarbrücker Gymnasium am Rotenbühl, einer Eliteschule des Sports, plant der 18-Jährige ein duales Studium bei einer Bank. Das soll ihm einerseits das Einkommen sichern und die berufliche Perspektive bieten, andererseits den nötigen Freiraum für die Leistungssportkarriere bieten. Vorrang hat die Leichtathletik, aber der Handball darf auch nicht zu kurz kommen: „Meine Trainer und ich finden, dass dieses ‚stop and go‘, also das Abbremsen und wieder Beschleunigen, im Handball auch unheimlich viel für die Leichtathletik bringt und quasi ein wertvolles zusätzliches Training für meine Muskeln ist“, erklärt Agostini, der sogar dem Handball-Landeskader angehörte, diesen aber freiwillig verließ, um seinen Körper nicht mit noch mehr Trainingseinheiten pro Woche zu überlasten. Das vermeidet er auch in der aktuell laufenden Vorbereitung auf die Handballsaison mit Extra-Ausdauereinheiten: „Ich kann zwar nicht an allen Laufeinheiten teilnehmen, aber mein Trainer weiß ja, dass ich Läufer bin und dass ich genug trainiere.“ Darüber hinaus gibt es derzeit keine Überschneidungen des Mannschaftstrainings mit Laufeinheiten.
Auch die schulischen Leistungen von Lucca Agostini litten bisher nicht angesichts seines hohen Trainingsaufkommens. Das Sommer-Zeugnis nach der zwölften Klasse ist jedenfalls mit vielen Einsern, Zweiern und Dreien gespickt – nur eine Vier trübt die Freude darüber etwas: „Deutsch ist nicht gerade meine Stärke“, gibt Agostini zu: „Ich kriege es aber immer irgendwie hin, noch eine Note über dem Strich zu bekommen. Dafür lief der Rest wirklich gut und ich denke schon, dass ich mich mit diesem Zeugnis gut bewerben kann.“ Ganz zu schweigen von seinen jüngsten sportlichen Erfolgen, die ihn auch weiterhin auf den Zetteln der Leichtathletik-Bundestrainer auftauchen lassen.