Mit dem neu eröffneten „Luna D’Oro“ erlebt das mehr als 100 Jahre alte „Clärchens Ballhaus“ eine Renaissance. Dabei hat sich Küchenchef Tobias Beck der traditionellen deutschen Küche verschrieben.
Erst vor wenigen Monaten öffnete das „Luna D’Oro“ an der Auguststraße seine Pforten. Doch die Geschichte der Räumlichkeiten in Berlins Mitte reicht mehr als 100 Jahre zurück. Die meisten Berliner kennen das Gebäude im Herzen Berlins noch als „Clärchens Ballhaus“. Das Tanzlokal mit Restaurantbetrieb ist eines der letzten erhaltenen Ballhäuser aus der Gründerzeit. Die Räumlichkeiten der Central-Festsäle wurden ab 1913 nach und nach zu „Clärchens Ballhaus“. Die Namensgebung beruht auf der Betreiberin Clara Bühler, geborene Mixdorf. Die aus der Provinz stammende Schäfertochter hatte während ihrer Arbeit als Kaltmamsell (zuständig für kalte Speisen und Buffets; Anm. d. Red.) ihren fast doppelt so alten Chef Fritz Bühler kennen- und lieben gelernt. Mehr als eineinhalb Jahre nach der Hochzeit eröffnete das Paar in den ehemaligen Räumlichkeiten der Central-Festsäle „Bühlers Ballhaus“, das bald schon von den Gästen nach seiner Chefin benannt werden und jahrzehntelang als „Clärchens Ballhaus“ internationale Bekanntheit genießen sollte.
Ehemaliges Ballhaus aus der Gründerzeit
Clara Bühler war erfolgreiche Geschäftsfrau – was für die damalige Zeit ungewöhnlich war. Mit eiserner Disziplin führte sie das Ballhaus mehr als 50 Jahre lang – zunächst mit ihrem ersten und nach dessen Tod mit ihrem zweiten Ehemann. In ihr „Ballhaus kann eine Frau allein kommen, ohne schief angesehen zu werden“, fand Patronin Clärchen. Erst im Jahr 1967 übergab die mittlerweile 81-jährige Gastronomin das Zepter an ihre Stieftochter Elfriede Wolff. 90 Jahre blieb ihr Ballhaus in Familienhand, bis es in den frühen 2000er-Jahren mit Hans-Joachim Sander einen außerfamiliären Eigentümer fand und von Münchner Theatermachern betrieben wurde. 2019 trat der Kulturinvestor Yoram Roth auf die Bühne, zunächst als neuer Eigentümer und seit 2020 auch als neuer Betreiber.
In der Institution wurde jahrzehntelang nach Herzenslust getanzt: Von Walzer, Foxtrott und Polka über Swing und Tango bis hin zu Rock’n’Roll, Salsa und Pop waren nahezu alle Tänze vertreten. In den vergangenen 112 Jahren erlebte das Haus zwei Weltkriege, und auch die jeweiligen politischen Systeme hinterließen ihre Spuren. Unter den Nationalsozialisten etwa wurde die kubanische Rumba verboten, und 1943 wurde ein allgemeines Tanzverbot erlassen. Das Gebäude in der Spandauer Vorstadt war beliebter Treffpunkt für Prominente aus Kunst, Kultur und Gesellschaft. Die Künstler Heinrich Zille und George Grosz gingen ein und aus. Die trinkfeste „Wasserminna“ soll an der Auguststraße verkehrt haben und in den 1920er-Jahren im benachbarten Zirkus Busch von einem Pferd aus sechs Metern Höhe in ein Wasserbecken gesprungen sein.
Unten im großen Saal, wo noch bis in die 2000er-Jahre getanzt wurde, befindet sich das „Luna D’Oro“, wo nunmehr gespeist und getrunken wird. Getanzt wird bei „Tante Clärchen“ übrigens immer noch, nun im Spiegelsaal über dem Restaurant. Die Namensgebung der neuen Location ist eine Hommage an die Vergangenheit. Hier wirkte in den 1920er-Jahren etwa die Tänzerin und spätere Tanzlehrerin Lisbeth Dorowski, die unter dem Künstlernamen Luna Dorow bekannt war. Eine etwas augenzwinkernde Anspielung auf den „goldenen Mond“ ist auch die goldene Discokugel. Für nostalgische Gefühle dürfte das Ambiente auch insgesamt sorgen. Für die Neugestaltung der Location wurde ein Szenenbildner gewonnen: Ulrich Hanisch, der schon für die Ausstattung von Filmproduktionen wie „Babylon Berlin“, „Die Tribute von Panem“ und „Das Damengambit“ verantwortlich zeichnete, hat mit seinem Team das „Luna D’Oro“ gestaltet.
Hier gestalteten Filmprofis mit
„Man merkt, dass hier Filmleute am Werk waren: Sie haben einen ganz besonderen Blick für Szene, Farbe und Beleuchtung“, sagt die General Managerin Claudia Steinbauer. „Die Seele des Ortes wurde wieder eingefangen.“ So etwa hat der bekannte Filmausstatter die Wände mit filigranen Kirschblüten bemalen lassen, die er auf alten Fotos des Ballsaals aus den 1940ern entdeckt hatte. Die Decke schimmert in einer Nuance zwischen Gold und Sepia, während die dunklen Holzbänke und Stühle mit weinrotem Samt bezogen und die Holztische mit einem Messingrand versehen sind. Die Decke schimmert in einer Nuance zwischen Gold und Sepia. Filmreif waren die Räumlichkeiten schon vor der Umgestaltung. 2008 drehte dort Quentin Tarantino Szenen seines Films „Inglourious Basterds“, und 2013 nutzte George Clooney das Ballhaus als Drehort für „Monuments Men“.
Wir lassen uns auf einem der 146 Sitzplätze nieder und genießen unseren Aufenthalt in den historischen Räumlichkeiten. Fast schon könnte man sich in eine Zeit von vor 100 Jahren zurückversetzt fühlen, doch die Musik aus den Lautsprecherboxen vermittelt andere Töne. Hits aus den 1980er- und 1990er-Jahren dringen in unsere Ohren. Damit sind wir in der Zeitmaschine ein paar Jahrzehnte näher in Richtung Gegenwart gereist.
Zurück im Hier und Jetzt treffen wir mit dem Küchenchef Tobias „Tobi“ Beck einen weiteren Gesprächspartner. „Je unruhiger die Zeiten, desto wichtiger ist die Geborgenheit auf dem Teller“, beschreibt der in Mannheim geborene und aufgewachsene Koch sein kulinarisches Konzept für das neue „Clärchen“. „Wir orientieren uns an den saisonalen Produkten der Umgebung, der Esskultur unserer Vergangenheit und des direkten Umlandes“, sagt der Küchenchef und erzählt von seiner „Faszination für altes deutsches Essen“. Seine Ausbildung hat Tobias Beck 2020 bei Christian Lohse absolviert. Dann zog es ihn in verschiedene Küchen wie etwa in das Berliner Gourmetrestaurant „Ernst“ und rund um den Globus. So stand er auch in Kopenhagen, Japan, in Mexiko und in Argentinien hinterm Herd.
Die Esskultur der Vergangenheit
Doch der „Ruf nach den Wurzeln“ wurde lauter, wie uns der umtriebige Baden-Württemberger berichtet. Inspiriert vom argentinischen Star-Koch Francis Mallmann und dessen Methode des Kochens über offenem Feuer, eröffnete Tobias Beck mit dem „Ember“ sein eigenes Restaurantprojekt in der deutschen Hauptstadt. Jetzt, mit Anfang 30 führt der kreative Kopf Regie über die Küche an der Auguststraße. Dort kocht er zwar nicht am offenen Feuer, überrascht jedoch mit dem einen oder anderen kulinarischen Schmankerl, das allein schon vom Ansehen nostalgische Gefühle wecken kann.
Die von Tobias Beck angekündigten altvertrauten Speisen stehen dann auch schon vor unserer Nase. So etwa ein Mettigel. Wie einst in den 1960er-Jahren stecken rohe Zwiebelstückchen als „Stacheln“ in dem possierlichen Tierchen. Traditionellerweise besteht der Party-Snack aus rohem Schweinehackfleisch. In der Beck’schen Variante besteht der Hackepeter-Igel jedoch aus klassischem Rindertatar in Bio-Qualität – wie alle anderen Produkte, die in seiner Küche verwendet werden. „Wir orientieren uns an den saisonalen Produkten der Umgebung, der Esskultur unserer Vergangenheit und des direkten Umlandes“, ergänzt der Küchenchef sein Konzept. Das kann sich nicht nur sehen, sondern auch schmecken lassen. Das Tatar schmilzt auf der Zunge und stellt sowohl den Fotografen als auch mich zufrieden. Zu meiner Überraschung sind auch die frittierten Gurken aus dem Spreewald an einer Dillsoße überaus köstlich. Außen kross und innen saftig, das ist die perfekte Textur.
Eine Reminiszenz an die ostpreußische Küche sind die Königsberger Klopse an Kartoffelbrei und Rote-Bete-Salat und Haselnüssen. Wir schmausen, staunend darüber, wie gut doch relativ einfaches Essen sein kann, wenn die Qualität der Produkte stimmt. Möglicherweise schmecken wir auch die Hingabe des Küchenchefs an heimatliche Küche. Auf der Karte findet sich auch anderes aus deutschen Landen zu moderaten Preisen, wie etwa schwäbischer Kartoffelsalat, Glückstädter Matjes, gebratene Maultaschen oder Kalbsleber „Berliner Art“ mit Zwiebeljus. Wer auf Fleisch verzichten will, kommt bei Szegediner Pilzgulasch oder gebackenen Austernpilzen an einer veganen Petersilien-Mayo und Kartoffelsalat sicher auf seine Kosten.
Für uns gibt es am heutigen Abend noch etwas Ostalgisches in Form eines Goldbroilers. Das halbe Huhn wird auf geröstetem Roggenbrot serviert. Dazu wird ein mit Kümmel gewürzter Weißkrautsalat gereicht. Der mich begleitende Fotograf ist begeistert: „Man schmeckt die Bioqualität“, sagt er und schneidet sich noch ein Stückchen von dem saftigen Federvieh ab. Kein Wunder, schließlich wurden die Hühner in der Biozucht selbst überaus gut versorgt und erhielten neben frischen Wiesenkräutern auch Milchprodukte von hofeigenen Ziegen.
Bei der Getränkewahl werden wir den guten Tropfen aus der Heimat untreu und wählen je einen Cocktail. Dabei ist die gut kuratierte Weinkarte überaus spannend. Sie ist bewusst wie ein Kompass der Aromen konzipiert, wie Managerin Claudia Steinbauer berichtet. Dieser Wegweiser erweist sich als überaus praktisch. So können sich auch weniger weinkundige Gäste durch Attribute wie „weich und aromatisch“, „frisch und mineralisch“ oder „vollmundig und komplex“ durch die Karte navigieren lassen. Mit auf der Karte sind Grauburgunder und Chardonnay aus Baden, dem Rheingau und der Pfalz sowie Rotweine von Pinot Noir bis zu Blaufränkischem, Zweigelt oder Châteauneuf-du-Pape. Direkt aus dem Fass kommt der Hauswein von dem österreichischen Winzer Jörg Bretz aus dem Burgenland.
Erneut werden beim Wackelpeter mit Vanillesoße Erinnerungen wach. Das Dessert ist ein hocharomatischer Gaumenschmaus. Anstatt aus einer industriellen Pulvermischung hat das Küchenteam nicht mit Sirup, sondern mit frischem und selbst gesammeltem Waldmeister plus echter Vanille gearbeitet. Manchmal toppt die Gegenwart sogar die meist verklärten Kindheitserinnerungen.