Josef Resch ist einer der bekanntesten Privatermittler Deutschlands. Er war unter anderem den Millionen aus der Oetker-Entführung auf der Spur. Und für Pablo Escobar, den größten Drogenboss aller Zeiten, und seinen Profikiller kochte Resch Kaiserschmarrn.
Herr Resch, wie wird ein Junge aus Kreuth am Tegernsee, der Koch gelernt hat, zum internationalen Ermittler, der sich im Umfeld von Drogenbossen und weltweit gesuchten Millionenbetrügern bewegt?
Ich begann als eine Art V-Mann und das kam so: Die „Schwaigeralm“, die Gastwirtschaft meiner Eltern, war zu meiner Jugend in den 1960-Jahren eine Institution. Zu unseren Gästen gehörten auch die Lamborghini, Ferrari- und Porschefahrer, die im Münchner Milieu Nachtclubs besaßen. Die haben mich eingeladen, vorbeizukommen. Als dann so ein Typ eines der angestellten Mädchen geschlagen hat, bin ich eingeschritten. Die Mädchen haben mich dann als ihren Aufpasser angeheuert. Ich habe ohne viel Arbeit gutes Geld verdient. Das gefiel mir. Später machte ich mich mit einem Bekannten selbständig und habe einen Nachtclub betrieben. Der lief gut, Stress hatten wir nur durch Drogengeschichten und Razzien.
Razzien sind schlecht fürs Geschäft. Oder?
Ja, und mit Drogen wollte ich nichts zu tun haben. Dann hab’ ich mit der Polizei vereinbart, dass sie im Gegenzug für ein paar Informationen zu den Dealern die Razzien reduziert. Ich habe dann auch verdeckt Drogen gekauft, um die Hintermänner zu überführen. Scheinbar hatte ich Talent dafür. Deshalb wurde ich dann Privatermittler.
Richtig Fahrt aufgenommen haben Sie als Ermittler in den 1990er-Jahren. Da hatten Sie in Travemünde einen Nachtclub. Wieso Travemünde?
Der Nachtclub war in der Nähe vom Skandinavienkai, ein Hafenterminal und der größte deutsche Fährhafen an der Ostsee, da gab es in den 1980er-Jahren und auch heute noch viel Drogenschmuggel.
Ja, erst Ende Februar 2025 fanden Zollfahnder dort fast eine halbe Tonne Heroin in Sprühdosen versteckt …
Die Drogengeschäfte dazu werden in den Nachtclubs vor Ort gemacht. So war das damals. Und ich habe geholfen, viele Drogendealer in den Knast zu bringen.
In ihrem, Buch „Gefahr ist mein Beruf“ schreiben Sie, dass Sie in dieser Zeit nach Gewicht bezahlt wurden: Heißt, pro Kilogramm Heroin, das die Polizei durch ihre Information beschlagnahmte, bekamen Sie 2.000 Mark, also etwa 1.000 Euro. Echt jetzt?
Ja, das war so. Bezahlt vom LKA in die Hand. Für ein Kilo Haschisch gab es weniger. Heute wäre sowas unmöglich und nicht erlaubt. Da es dann langsam zu heiß wurde, haben mir die Kollegen von der Kripo empfohlen: „Josef, jetzt ist es vielleicht besser, wenn du einen Tapetenwechsel machst.“ Ich habe mich in Deutschland 1996 ganz abgemeldet und ging dann „offiziell“ nach Venezuela. Das war eine Sicherheitsmaßnahme, falls jemand aus der Drogenszene nach mir sucht.
Und dann gingen Sie nach Italien. Und dort haben Sie dann einen Auftrag aus der italienischen High Society angenommen. Den Sie heute noch als Ihren gefährlichsten Fall einstufen?
Ja, denn wenn das schiefgegangen wäre, hätte ich 25 Jahre algerischen Knast bekommen. Oder schlimmer noch, mir ein paar Kugeln eingefangen.
Der Reihe nach: Ein italienisches Gericht hatte einer schwerreichen Mutter das Sorgerecht für ihren Sohn zugesprochen, dann hat ihr Ex-Mann das Kind in Algerien festgehalten. Sie haben es zurückgeholt. Mit Schnellbooten und zwei ehemaligen Fremdenlegionären. Oder?
Das war eine juristische Grauzone. Die Mutter kam zu mir mit der Bitte: „Können Sie meinen Sohn da rausholen? Sie sind meine letzte Hoffnung.“ Ihre Mutterliebe zu sehen, war entscheidend. Ich hatte im Vorfeld ein Telefonat mit Mutter und Sohn arrangiert. Davon sagte ich der Frau und dem Kind vorher nichts. Das Telefongespräch war herzzerreißend und danach wussten ich und Mossi, meine rechte Hand und ehemaliger Minentaucher, diese Mutter und ihr Kind gehören zusammen. Als wir nach der Rettungsaktion dann der Mutter das Kind auf dem Schiff übergeben haben – ihr Gesicht werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Da war ich mir hundertprozentig sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Sie hatten auch ihre Finger im Spiel, als es 1976 um die 21 Millionen Mark (10,7 Mio. Euro) aus der spektakulären Oetker-Entführung ging. Die Polizei suchte jahrelang das Lösegeld, und ein Freund vom Bayerischen LKA bat Sie um Hilfe. Der Entführer Dieter Zlof bekam 1980 15 Jahre Haft. Nach seiner Entlassung beteuerte er medienwirksam in einer Talkshow seine Unschuld und insistierte, dass er nicht wisse, wo die 21 Millionen D-Mark Lösegeld seien. Das LKA hat ihn dann mit Hochdruck überwacht. Und mit Ihrer Hilfe einen Plan ausgeklügelt. Wie lief das?
Meine Motivation war da schon groß, auch weil Rudolf-August Oetker, der Vater des Entführten, ursprünglich 2,5 Mio. D-Mark (1,25 Mio. Euro) als Belohnung in Aussicht stellte, dann aber aus taktischen Gründen zurückzog. Am Ende wurde Zlof in London geschnappt. Aber ohne mich, weil die Polizei jemanden gefunden hatte, der besseren Zugang zu Zlof hatte.
Hatten Sie keine Angst, sich mit solchen Leuten anzulegen? Die Entführung des Millionärserben Richard Oetker verlief ja ziemlich brutal, oder?
Sie meinen das mit der Elektroschock-Kiste, in der Richard Oetker 47 Stunden gefangen gehalten wurde. Dass man einen 1,94-Meter-Mann in einer 1,45 Meter langen und 70 Zentimeter breiten Kiste einsperrt, war reine Dummheit. Und das mit den Stromschlägen und den resultierenden Knochenbrüchen würde ich als Unfall einordnen. Zlof war nicht als brutal bekannt. Aber für Zlof galt GfG: Gier frisst Gehirn.
Bei Ihrer nächsten „Kundschaft“ gibt es keine Zweifel an ihrer Brutalität. Drogenbaron Pablo Escobar und sein Medellín-Kartell waren Drahtzieher hunderter oder gar tausender Morde, sein Auftragsmörder Jhon Jairo Velásquez alias „Popeye“ gab an, eigenhändig 300 Menschen getötet zu haben. Für diese beiden haben Sie einen Kaiserschmarrn zubereitet. Hatten Sie keine Angst vor den Folgen, wenn der misslingt?
Ich habe im Auftrag des BKA in Bogotá zwei Deutsche gesucht, die Drogen und Frauen nach Europa schmuggelten. Ich hatte dort einen Mittelsmann, dessen Namen ich vergessen habe.
Apropos vergessen, Sie sagen, dass Sie manchmal sogar Ihren eigenen Namen vergessen …
Stimmt. Leider ist das kein Witz. Denn ich habe selber so viele Decknamen gehabt, dass ich manchmal selber nicht weiß, wie ich gerade heiße. Der Mann hieß Pedro. Meine Legende, also meine Tarngeschichte, war, dass ich als vermögender Nachtclubbesitzer aus Deutschland eine Villa in Bogotá kaufen wollte. Pedro hat mich mit einem Makler der Schickeria zusammengebracht, in dessen Haus ich Escobar traf. Dem Makler hatte ich am Vorabend vom Kaiserschmarren erzählt und als ich dann bei ihm im Büro war, fragte er, ob ich was dagegen hätte, für ihn und einen Geschäftsbesuch den berühmten Nachtisch zu kochen. Die „kleine Küche“ neben dem Büro war 60 Quadratmeter groß und die beiden Gäste waren Escobar und Popeye. Mein erster Gedanke: Von Drogen habe ich kein Wort gesagt.
Hat es Escobar geschmeckt?
Beim Kochen hat mich Escobar ausgefragt und gewarnt, dass Kolumbien ein „heißes Pflaster“ sei.
Er muss es ja wissen. Die meisten Verbrechen gingen ja wohl auf seine Kappe. Zurück zum Kaiserschmarrn … Als gelernter Koch ging es um die Berufsehre und am Schluss wollten Sie alles mit Puderzucker garnieren, wie das im Originalrezept steht. Puderzucker gab es nicht. Und dann?
Ich erklärte, dass Puderzucker ein gemahlenes weißes Zuckerpulver sei. Escobar grinste dreckig und meinte: Weißes Pulver haben wir hier reichlich! Ob es ihnen geschmeckt hat, weiß ich nicht. Gesagt, direkt haben sie nichts. Allerdings sind sie durch schlechte Tischmanieren aufgefallen. Escobar und Popeye schlangen alles in ein paar Minuten in sich hinein und grunzten am Ende zufrieden.
Dann fingen die Probleme an. Wieso?
Nach dem Nachtisch gingen Pedro und ich auf die Straße und setzten uns in unseren Mercedes. Plötzlich sah ich einen Alfa Romeo auf uns zufahren. Das Fenster ging runter und jemand eröffnete das Feuer. Mein Fuß fing an zu schmerzen und überall war Blut … Wie es ausgegangen ist, müssen Sie dann im Buch nachlesen …
Sie hatten es nicht nur mit Drogenbossen und Kindesentführern zu tun, sondern auch mit Wirtschaftskriminellen. Ich rede vom Fall Florian Homm, dem Hedgefonds-Manager, bekannt als Heuschrecke und Antichrist der Finanzwelt: Sie haben 2012 für Homms Ergreifung eine Belohnung von 1,5 Mio. Euro auf Youtube angekündigt. Dafür hat man Sie heftig kritisiert. Das sei Kopfgeld, menschenverachtend und eine Hetzjagd. Wie stehen Sie heute dazu?
Das Wort „Kopfgeld“ hat die Presse erfunden. Kopfgeld gibt es vielleicht in amerikanischen Western. Der Zweck des Geldes war, Leute aus dem Bau zu locken. Die Belohnung sollte den Gesuchten nervös machen, und wer nervös ist, macht Fehler. Wo es Belohnungen gibt, gibt es auch Trittbrettfahrer, die was vom Geld abhaben wollen, aber keine verwertbaren Hinweise haben. Aber es kommen eben auch Hinweise, bei denen man merkt: Da muss man jetzt zuhören. Generell gilt: Belohnungen, vor allem in dieser Höhe, bewegen was.
Apropos viel Geld. Sie arbeiten auch mit 75 Jahren noch an einem aktuellen Fall. Kurz vor Weihnachten 2024 wurden bei der Deutschen Bank in Lübeck 371 Schließfächer geknackt und insgesamt Schmuck und Geld im Wert von 18 Mio. Euro geklaut. Von den Tätern fehlt bislang jede Spur. Die Geschädigten haben Sie jetzt um Hilfe gebeten. Wie wollen Sie die Täter schnappen?
Auch hier kann man mit einer saftigen Belohnung Unruhe im Täterkreis stiften. Der Informant käme dann in ein Zeugenschutzprogramm und könnte sich mit dem Geld aus der Belohnung eine neue Existenz aufbauen.
Ermittlungsarbeit ist Teamarbeit. Ihr engster Mitarbeiter und Freund Mossi war früher Taucher beim legendären SEK M (Spezialisierte Einsatzkräfte Marine). Sie haben gute Verbindungen zu Ex-Fremdenlegionären und viele freie Mitarbeiter, wie Abhörspezialisten, Observationsspezialisten und Fremdsprachenexperten. Bei einem Fall, mit einem Züricher Makler, der Millionen veruntreute, haben Sie einen sogenannten Charmeur auf dessen Sekretärin angesetzt. Wie läuft das ab?
In meinen diversen Teams gibt es Leute mit ganz speziellen Talenten. Der Charmeur ist ein Mann mit Niveau und Stil, er sieht gut aus, ist etwas älter. Er hat die besondere Fähigkeit, aus Frauen Informationen herauszukitzeln. Ein kleiner Kratzer beim Ausparken und schon hat man Kontakt zum Zielobjekt aufgenommen. Der Charmeur, den ich gelegentlich anheuere, macht das als Nebentätigkeit. Sein eigentlicher Beruf ist Hotelier.
Sie blicken auf fast 50 Jahre Ermittlungsarbeit zurück. Was ist die wichtigste Eigenschaft, die ein Ermittler unbedingt haben muss?
Er braucht ein großes Einfühlungsvermögen. Er muss zuhören können. Er muss besonders bei Frauen gut zuhören können. Denn Männer, die ein Problem haben, sichern sich meistens bei ihrer Frau ab. Wenn die Frau grünes Licht gibt, ist der Mann überzeugt. Ein guter Ermittler muss denken können wie ein Krimineller. Kannst du das nicht, hast du keine Chance, erfolgreich zu sein. Denn du musst den nächsten Zug deines Gegners voraussagen können. Und wenn es um die Entscheidung geht, ob ich einen Auftrag annehme, liegt die größte Klugheit darin, den wahren Preis der Dinge zu erkennen.