Auf der estnischen Ostseeinsel Hiiumaa gibt es weder Touristenmassen noch Hotels. Dafür futuristische Ferienhäuser aus Glas, dichte Wälder voller Pilze und Leuchttürme an kilometerlangen einsamen Stränden.
Wenn Meril Lauter und Koit Kalmus aufs Meer fahren, um ihre Netze einzuholen und die Reusen zu leeren, dann lassen sie ihren schicken Transporter offen an Land zurück. Mit dem Zündschlüssel im Schloss. Nicht dass sie auf eine Versicherungsprämie wetten würden, nein. „Auf Hiiumaa geht das“, erklärt die sympathische Fischerin Meril. „Aber im Juni und Juli, wenn wir mehr Touristen auf der Insel haben, bitte ich Koit schon, wenigstens seinen Schlüsselbund abzuziehen. Man kann ja nie wissen heutzutage.“ Koit kontert mit einem überzeugenden Lächeln. „Wir kennen uns auf Hiiumaa, sind gute Nachbarn. Kaum jemand schließt nachts sein Haus ab. Warum auch? Hier gibt es außerdem ein Sprichwort, und zwar seit unzähligen Generationen nun schon: Dass zwischen uns und dem Festland so viel Wasser liegt, bedeutet für uns einfach Glück.“
Dabei liegt eigentlich gar nicht so viel Ostsee zwischen dem Festland und der zweitgrößten Insel Estlands, die einen Tick größer als Rügen ist. Zumindest nicht für eine moderne Autofähre. Die Überfahrt nach Dagö, so der deutsche Name, dauert heutzutage gerade mal eine gute Stunde mit W-Lan und Restaurants. Zu Zeiten von Lastenseglern, rauen Herbststürmen und eisigen Wintern fühlte sich die Entfernung indes anders an. Groß genug jedenfalls, dass die Hiiumanen, so nennen sich die Insulaner, eine eigene kulturelle Identität, ja sogar den Hiiu-Dialekt entwickeln konnten. In dem kleinen baltischen Land im Nordosten Europas sind sie bekannt für ihren trockenen Humor. Wer auf Hiiumaa beispielsweise fragt, wohin ihn diese Straße führe, wird vermutlich zur Antwort bekommen, dass ihn diese Straße nirgendwohin führen werde. Er müsse schon selber laufen.
Insgesamt geht es auf der Insel noch ein Stück ruhiger, friedlicher und freundlicher zu als auf dem ohnehin schon ruhigen, friedlichen und freundlichen Festland. Das spüren Urlauber auf angenehmste Weise. So auch bei der halbtägigen Exkursion mit den Fischern Meril und Koit. Die Begrüßung ist herzlich, die Einweisung professionell entspannt und die wasserdichte Schutzkleidung für Groß und Klein top. Das Wetter spielt mit, die Ostsee auch, die Sonne lacht. Und dann das! Die Reusen sind rappelvoll. Leider nicht mit Fisch, sondern mit Quallen. „Ein echtes Problem im Sommer“, weiß Koit, der in seinem zweiten Job Basketballtrainer ist. „Die Quallen rauben den Fischen den Sauerstoff, oft ziehen wir verendete Fische an Deck.“ In dieser Reuse haben ein Barsch und zwei untermaßige Flundern überlebt. Keine gute Zeit für diese Fangmethode.
„Das viel größere ökologische Problem ist jedoch ein handgroßer invasiver Fisch aus dem Schwarzen Meer“, ergänzt Meril, die im zweiten Beruf Managerin eines Supermarktes ist. „Die Schwarzmund-Grundel, auch Schwarzmeer-Grundel genannt, breitet sich seit einigen Jahren massiv in der Ostsee aus. Vermutlich kam sie mit dem Ballastwasser der großen Schiffe hier an. Die Grundel ist Nahrungskonkurrent der heimischen Fische, deren Bestand bereits zurückgeht, frisst außerdem mit Vorliebe deren Laich.“ Finanziell ist das für die Fischer von Hiiumaa kein Problem. Zwar ist der Fisch in Estland praktisch unverkäuflich, da einfach zu klein und damit unwirtschaftlich. Aber sie exportieren die wohlschmeckenden Grundeln nach Rumänien und in die Ukraine. Apropos Ukraine und Russland. Vor dem übergroßen Nachbarn im Osten fühlen sich die Hiiumanen durch die Nato-Mitgliedschaft Estlands gut geschützt. Man ist pragmatisch und schaut optimistisch in die Zukunft.
Über Schilfgürteln kreisen Seeadler
Die Urlauber lassen sich das Erlebnis, einmal im Leben Fischer sein zu dürfen, jedenfalls weder von Qualle oder Grundel noch von Geopolitik vermiesen. Beim gemeinsamen Einholen der Netze wird es richtig spannend. Ein Barsch nach dem anderen landet nun im Boot. Keine kapitalen Exemplare, aber am Ende werden es rund 20 Kilogramm sein, die Meril und Koit in ihren Transporter laden und zu Hause Stück für Stück putzen und später über Facebook an Nachbarn verkaufen werden. Ihre beiden kommerziellen Abnehmer rufen sie nur bei größeren Mengen an.
Wer auf Hiiumaa Ruhe und Natur sucht, wird unweigerlich fündig. Über schier endlos breiten Schilfgürteln kreisen majestätische Seeadler. In den dichten Wäldern, übrigens den größten des gesamten Landes, duftet es nach Harz und Moos, der Sommer ist Beerenzeit, im Herbst schießen unzählige Pilze aus dem Boden. Die Wahrscheinlichkeit, einem Sammler über den Weg zu laufen, geht gegen Null. Auf der Insel leben lediglich acht Einwohner pro Quadratkilometer, auf Rügen sind es fast zehnmal so viel.
Mit ihren 324 Kilometern Wanderwegen lässt sich diese baltische Seelenlandschaft, die seit jeher Dichter und Musiker in ihren magischen Bann zog, ganz entspannt zu Fuß erkunden. Einige führen vorbei an stolzen Leuchttürmen zu menschenleeren Stränden, andere zu kleinen Restaurants, die fangfrischen Fisch – vielleicht sogar den von Meril und Koit – servieren. Hotels gibt es keine auf Hiiumaa, dafür gemütliche Ferienhäuser, meist aus Holz, andere futuristisch fast vollständig aus Glas, und edle Unterkünfte in jahrhundertealten Gemäuern gediegener Herrenhäuser.
Ein Riese ist der gute Geist der Insel
Einen spannenden Überblick über die Insel, ihre Geschichte und Geschichten, über die Winde und das Meer rundherum vermittelt der Tuuletorn, der Windturm, der eigentlich kein Turm, sondern ein stattliches Gebäude ist. Eine gelungene Mischung aus interaktivem Museum, wissenschaftlichem Zentrum, dem „Café Ruudi“ und einer Spielewelt mit der höchsten Indoor-Kletterwand des gesamten Baltikums. Hier lernen Kinder spielerisch, wie Feldthymian riecht oder Wacholder, wie die geheimnisvolle Unterwasserwelt von Hiiumaa aussieht und welche Fische, Krustentiere und Robben sie bevölkern. Oder wie es sich dort zu Sowjetzeiten gelebt hat, als die Insel militärisches Sperrgebiet war, es weder Plastikverpackungen noch Handys, dafür umso mehr Rotarmisten gab, und was es mit dem mystischen Riesen Leiger und anderen merkwürdigen Gesellen so auf sich hat.
Der Riese Leiger ist der gute Geist der Insel, dem die Hiiumanen eine dreieinhalb Meter hohe Statue an der kilometerlangen schmalen Landzunge Sääretirp widmeten. Der Legende nach schüttete er diese Meter für Meter mit Steinen auf, um seinem Bruder, dem Riesen Suur Tõll von der Nachbarinsel Saaremaa, nasse Füße zu ersparen. Der besuchte Leiger nämlich gerne. Auch wegen der zentnerschweren leckeren Kohlköpfe und der gemütlichen, mit ganzen Baumstämmen befeuerten Sauna. Da Tõll jedoch ein ziemlich fauler Riese war und nicht ein bisschen half, beendete der enttäuschte Leiger seine schwere Arbeit unvollendet. Geblieben ist der vielleicht schönste Weg des Baltikums, der sich irgendwann in den Wellen der Ostsee verliert.