Lange Zeit hat sich FORUM-Autor Benjamin Rannenberg mit dem Gedanken getragen, untersuchen zu lassen, ob er immer noch nächtliche Atemaussetzer hat. Bis es dann endlich so weit war, dass er sich im Schlaflabor an der HNO-Klinik des Uniklinikums Homburg untersuchen ließ – mit überraschendem Ergebnis.
Unspektakulärer könnte ein Schlaflabor kaum eingerichtet sein, denke ich, als ich in den Raum gehe, der sich im fünften Stock eines Hochhauses befindet. Zwei Krankenhausbetten, zwei rollbare Nachttische, an der Fensterseite ein Tisch mit zwei Stühlen – sonst nichts.
Über den Stirnseiten der Betten hängen zwei Monitore in Tablet-Größe.
Hier im Gebäude 6 auf dem Gelände des Universitätsklinikums in Homburg soll ich also eine Nacht verbringen. Freiwillig, und zwar weil ich wissen will, ob nachts im Schlaf immer noch der Atem aussetzt. Soweit ich zurückdenken kann, waren meine Schlafgeräusche immer ein Störfaktor. Nicht für mich selbst, sondern vor allem für andere. Angefangen hat es in einem Dänemark-Urlaub. Meine Eltern hatten ein Ferienhaus gemietet, meine drei Jahre ältere Schwester und ich teilten uns ein Schlafzimmer. Ich muss ein Teenager gewesen sein. Noch heute erinnere ich mich an die Stimme meiner Schwester, wie sie ruft: „Benni, atmen!“
Kollaps der oberen Atemwege
Als ich dann vor 25 Jahren meine heutige Partnerin kennenlernte, erzählte sie mir, dass ich nachts den Atem anhalte und ihn unter lautem Stöhnen herauspresse. Kurzum: Sie litt irgendwann darunter und insistierte darauf, die nächtlichen Atempausen abzuklären. Zweimal führte ich eine Art Mini-Schlaflabor für zuhause durch, auch als Polygrafie bekannt, erstmals 2007 und das zweite Mal 2011, mit dem Ziel, von ärztlicher Seite einschätzen zu lassen, ob womöglich ein obstruktives Schlafapnoesyndrom (OSAS) vorliegt.
„OSAS“ – was passiert da eigentlich? Im Rahmen einer obstruktiven schlafbezogenen Atmungsstörung kommt es zu einem Kollaps der oberen Atemwege. Dadurch kann der Atem nicht mehr ungehindert strömen. Die Ursachen für den Kollaps sind verschieden: Zum Beispiel rutscht bei einigen Menschen im Schlaf die Zunge nach hinten und führt so zu einem verringerten Atemstrom. Andere haben einen stark ausgebildeten Weichgaumen oder stark vergrößerte Rachenmandeln, die im Schlaf den Atemweg verlegen. Davon abgrenzen lässt sich die primäre Rhonchopathie, also das „einfache Schnarchen“. Hierbei kommt es zwar zu Schnarchgeräuschen, der Atemstrom bleibt aber weitestgehend unbeeinflusst.
Laut Lungeninformationsdienst des Helmholtz-Zentrums München leiden hierzulande etwa 30 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen an einer obstruktiven Schlafapnoe. Die Häufigkeit steige mit dem Lebensalter deutlich an, heißt es weiter. Meist, aber nicht immer sei die Erkrankung mit auffälligem Schnarchen verbunden.
Zurück zu meinem Selbstversuch im Schlaflabor: Auf der Station HO-02 erfahre ich von einer jungen Pflegerin, dass es später erst losgehen soll. Sie sagt mir, wann ungefähr ich verkabelt und an das kleine Gerät, das Daten in meinem Schlaf sammelt, angeschlossen werden soll. Davor bleibt Zeit für ein kleines Picknick vor dem Klinikgebäude – zusammen mit dem begleitenden Fotografen. Er erzählt mir, dass er vor zwei Jahren auch in einem Schlaflabor war – er liege manchmal nachts wach und wenn er dann nicht wieder einschlafen könne, spiele er auf seiner Gitarre. Doch gut sei das eigentlich nicht, weil dadurch das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert werde. Auch ich kenne das. In stressigen Lebensphasen leidet die Qualität des Schlafs, ich wache dann nachts auf, liege wach, das Gedankenkarussell springt an und ich kann zuhören, wie es in meinem Bauchraum anfängt zu rumoren. Mitunter wache ich auch auf, wenn jemand neben mir im Schlaf hustet. Oder wenn jemand die Treppe in unserem Haus hoch- und runtergeht. Seit längerer Zeit mache ich vorm Schlafengehen einen gedanklichen Cut, erst dann kann ich den Tag abschließen und innerlich zur Ruhe kommen. Mein Abendritual sieht so aus: Ich esse nichts mehr nach 20 Uhr, verzichte abends meist auf Alkohol, trinke gemütlich einen Gute-Nacht-Tee und lese auch keine Nachrichten mehr online. Hört sich simpel an, wirkt aber. Und: Mein Körper kann sich besser auf den Schlaf einstellen – später als 23 Uhr gehe ich nicht ins Bett.
Toilettengänge sind nachts möglich
Oben im fünften Stock – mit dem Fotografen und seinem Equipment – angekommen, muss ich mich umziehen – kurz ins Bad rein und weiter geht’s. Zu mir ins Zimmer kommt die Stationsschwester und zwei Pflegekräfte. Die Stationsschwester legt mir ein Gerät auf den Bauch, und während sie versucht, den Gurt festzumachen, halte ich es fest. Da es nicht auf Anhieb klappt, den Gurt festzuziehen, meint die Krankenschwester, dass der eher für korpulentere Personen ausgelegt sei. Darauf erwidere ich: „Nicht für so schlaksige Typen wie mich gemacht.“ Mehr und mehr fühle ich mich wie ein Mensch, an dem ein Experiment vollzogen wird. Es werden etliche Elektroden an mir festgeklebt, zehn am Kopf, zwei auf der Brust und weitere zwei links und rechts an den Beinen – Letztere sogar verstärkt mit Pflaster. Wenn ich später einschlafe, soll der kleine, blinkende Kasten, der um mich geschnallt ist, aufzeichnen, wie oft der Atem aussetzt, ob der Atemstrom frei fließen kann, und außerdem Herzfrequenz, Puls und Gehirnströme messen. Falls ich nachts zur Toilette muss, kann ich das Gerät samt Kabel mitnehmen – praktisch, so ein mobiles Schlaflabor. Nur den Pulsmesser, einen grauen Gummi-Fingerhut mit Kabel, soll ich beim Zähneputzen und Händewaschen abziehen. Die Kunst bestehe darin, trotz ungewohnter Situation schlafen zu können, sagt die Krankenschwester. In dem Punkt hat sie recht, denke ich.
Präpariert für die Nacht kann ich den Tag ausklingen lassen. Ich versuche die Situation wie sie ist anzunehmen und sage mir: „Es ist nur für eine Nacht. Ich muss nur ein paar Stunden durchschlafen, in der Zeit kann das Gerät genügend Daten sammeln.“ Der liebe Fotograf hat alles, was er an Motiven braucht, und sein Equipment hat er – allerdings ohne mich als Helfer – wieder zum Auto zurückgetragen. Entspannt liege ich auf dem Krankenhausbett, schaue ab und zu aus dem Fenster und lese eine Tageszeitung. Als ich mich im Zwei-Bett-Zimmer – das Nachbarbett ist und bleibt übrigens leer – umsehe, fällt mir eine Zeitungsseite an der Wand auf. Kurioserweise berichtete im Januar 1996 die „Rheinpfalz“ auf einer ganzen Seite in der Rubrik „Mensch und Gesundheit“ über das Thema Schlafapnoe. Ich stehe auf, stelle mich vor die Wand und lese ein Interview mit der Überschrift „Ich war sehr müde“. Darin erzählt ein 65-jähriger Schlafapnoe-Betroffener, wie er pro Nacht bis zu 200 Atemstillstände gehabt habe. Ganz so viele werden es bei mir sicherlich nicht sein, denke ich beruhigt.
Mit Beinen in Kabeln verheddert
Je später es wird, desto ruhiger wird es auf der Station HO-02. Stimmfetzen dringen von draußen ins Zimmer, jemand telefoniert wohl bei geöffnetem Fenster, außerdem meine ich ein weinendes Kind zu hören. Vom Gang auf der Station höre ich undeutlich Stimmen von Pflegepersonal und Patienten. Irgendwann ist es still, durch die auf Kipp gestellten Fenster höre ich Grillen zirpen – einen besseren Sound zum Einschlafen kann ich mir gerade nicht vorstellen. Nach zwei Stunden Lesen muss ich gähnen, das Licht an der Wand schalte ich aus. Schnell schlafe ich ein, aber gefühlt nach ein paar Stunden wache ich wieder auf. Zugedeckt ist es mir an den Beinen zu warm, dazu kommt, dass ich mich mit den Beinen in den Kabeln verheddere. Ein ums andere Mal muss ich mich vorsichtig entwirren. Egal, sage ich mir – und sinke irgendwann zurück in den Schlaf.
Der Handyweckton reißt mich morgens aus dem Schlaf – es ist 5.30 Uhr, also Zeit, um in Ruhe wach zu werden, bevor die Krankenschwester reinkommt. Ich bin gut gelaunt, weil ich bald nach Hause fahren kann. Eine weitere Stunde später schultere ich den gepackten Rucksack und verabschiede mich von der Schwester– das Frühstück lasse ich aus. Im ersten Stock, dort, wo vor einigen Wochen mein Erstvorstellungstermin in der HNO-Ambulanz war, vereinbare ich den dritten Termin – die Auswertung der Polysomnografie mit Julia Folz.
Kurze Rückschau: Vor dem Termin im Schlaflabor musste ich zum Erstvorstellungsgespräch an der HNO-Klinik des Uniklinikums des Saarlandes. Julia Folz, ärztliche Leiterin der Schlafsprechstunde, befragte mich zu Einschlaf- und Durchschlafstörungen, Tagesmüdigkeit, festen Rituale vor dem Zubettgehen und etwaigen Vorerkrankungen. Da ich ein Schlaf-Screening zuletzt vor fast 15 Jahren gemacht hatte und der Ärztin die Ergebnisse zeigte, machte mich eine Aussage nachdenklich. „Der AHI liegt bei 15,0 und liegt damit bei einem beschwerdefreien und gesunden Menschen gerade an der unteren Grenze zu einer leichtgradigen Schlafapnoe“, sagte sie. Für Laien verständlicher: Der Apnoe-Hypopnoe-Index, kurz AHI, misst die Ereignisse, in denen der Atemstrom um 90 Prozent reduziert ist (Apnoe) oder generell verringert ist (Hypopnoe). Anhand dieses Messparameters lässt sich eine mögliche schlafbezogene Atmungsstörung besser einordnen. Nach Sichtung des Screenings checkte mich die HNO-Ärztin durch: Sie untersuchte die Ohren, die Nase, den Mund-Nasen-Rachen-Raum und den Kehlkopf. Eine ausgeprägte Verkrümmung der Nasenscheidewand, ein stark verlängertes Zäpfchen oder andere anatomische Auffälligkeiten wie vergrößerte Gaumenmandeln konnte sie nicht feststellen. Sie schlägt vor, die vorliegenden Befunde durch eine Polysomnografie zu ergänzen. Übrigens: Alle gesetzlich und privat versicherten Patienten, bei denen der Verdacht besteht, an einer obstruktiven Schlaferkrankung zu leiden, können sich im Schlaflabor untersuchen lassen. Die Kosten der Behandlung werden von der Krankenkasse übernommen.
Acht Tage nach der Übernachtung im Schlaflabor erfahre ich das Ergebnis von der Ärztlichen Leiterin des Schlaflabors. Ich stelle mich innerlich auf eine negative Botschaft ein. Doch es kommt anders, als ich erwartet hätte. Julia Folz erkundigt sich zuerst nach meinem Befinden – kurz frage ich mich, ob ihre Frage darauf zielt, was die Polysomnografie ergeben hat. „Der AHI-Index liegt bei Ihnen deutlich unter 15“, sagt Julia Folz. Genauer gesagt liegt der Wert bei 5,2/h. Da ich beschwerdefrei lebe, mein Schlaf meistens erholsam ist, ich tagsüber nicht unter starker Müdigkeit leide und auch kein kardiovaskuläres Risikoprofil aufweise (wie zum Beispiel hoher Bluthochdruck oder Zustand nach einem Herzinfarkt), müsse ich mich bei dem niedrigen Wert nicht behandeln lassen. „Sie können in einem Jahr eine Kontroll-Polygrafie machen lassen“, sagt Julia Folz. Ein erneutes Schlaf-Screening sei auch empfehlenswert, wenn sich innerhalb eines Jahres meine Schlafgewohnheiten ändern sollten. Das zeigt mir: Guter, erholsamer Schlaf stellt sich nicht automatisch ein und ist von vielen Faktoren abhängig.