Laut Statista.com verbringt ein erwachsener Mensch in Deutschland durchschnittlich acht Stunden mit Schlafen. Einen Teil davon widmet das Gehirn dem Träumen. Doch was passiert dabei eigentlich? FORUM hat Neuropsychologin Prof. Dr. Ursula Voss gefragt.
Frau Professor Dr. Voss, warum träumen wir überhaupt? Gibt es eine biologische Funktion oder ist das nur „Hintergrundrauschen“ im Kopf?
Das ist in der Tat eine interessante Frage. Die Funktion des Träumens, insbesondere des Träumens in der Schlafphase REM, ist bis heute umstritten. REM-Schlaf bezeichnet den Teil des Schlafs, der hauptsächlich in der zweiten Nachthälfte auftritt und mit visuellen, also bildlichen Trauminhalten assoziiert ist. Bezüglich dieser Träume lassen sich zwei zentrale Denkrichtungen identifizieren: Auf der einen Seite die Kontinuitätstheoretiker, die Träume als verschlüsselte Spiegel innerer Konflikte und Wünsche begreifen – häufig interpretiert als unterbewusste Versuche der Problemlösung. Auf der anderen Seite die Diskontinuitätstheoretiker, die dem Trauminhalt keine tiefere Bedeutung zumessen und auch keine komplizierte Verschlüsselung von Trauminhalten vermuten. Sie postulieren, dass der Trauminhalt lediglich als zufällige Begleiterscheinung nächtlicher „Aufräumprozesse“ oder als „neuronales Gewitter“ im Gehirn zu verstehen ist. Für beide Positionen gibt es eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen, die vom jeweiligen Lager als Beleg für die Richtigkeit der Annahmen gewertet werden. Die Untersuchungen, die meine Gruppe durchgeführt hat, sprechen für einen moderateren Ansatz. Der Traum scheint generell wenig konkret zu sein, das bedeutet, dass persönliche Dinge, die das körperliche Ich betreffen, in der Regel ausgespart werden. Zum Beispiel sehen wir uns so gut wie nie selbst im Traum, auch der Spiegel als Instrument der Außenansicht ist äußerst selten Element des Traums, und wenn, dann betrachten wir lediglich ein bestimmtes Körperteil, aber fast niemals uns als Ganzes. Übrigens nehmen wir auch andere Personen nur als Prototypen wahr, wir glauben zu wissen, mit wem wir es zu tun haben, aber Gesichter oder Körperlichkeiten werden nur schemenhaft „gesehen“ und oftmals hören wir Sätze wie „Ich war mit … unterwegs, aber er sah irgendwie anders aus, ich weiß eigentlich nicht wie“. Darüber hinaus fließen bestimmte – konkrete – Probleme oder persönliche Belange nur äußerst selten in den Traum ein. Beispielsweise hat eine Untersuchung an gehörlosen Menschen und Menschen mit angeborener Paraplegie (die Lähmung beider Beine, Anm. d. Red.) gezeigt, dass die Alltagsprobleme, die mit der Einschränkung der Behinderung einhergehen, im Traum so gut wie nie berichtet wurden. Paraplegiker konnten im Traum laufen, schwimmen, fahren, und zwar genauso viel oder wenig wie Menschen ohne Paraplegie. Gehörlose (ohne Cochlea-Implantat) konnten singen, sprechen – und vor allem: Stille wahrnehmen. Auch hier fand sich kein statistisch relevanter Unterschied zu Hörenden. Aber: Was wir schon deutlich beobachten, ist, dass Themen, die uns tagsüber beschäftigen, sei es Arbeit, Freizeit, Hobby, sowie damit zusammenhängende negative Gefühle wie Scham, Furcht, Wut oder Trauer, sehr wohl Eingang in den Traum finden können. Negative oder unangenehme Gefühle werden im Übrigen häufiger berichtet als angenehme.
Ein anderes Beispiel unserer Untersuchungsbefunde: Wir haben eine Gruppe von Probanden gebeten, für eine Woche ihre Träume zu protokollieren. In Phase zwei haben wir ihnen einen großen roten Fleck auf dem Unterarm gemalt, so dass sie tagelang den Fleck anschauen konnten/mussten. Darüber hinaus haben wir sie gebeten, vor dem Einschlafen für ein paar Minuten diesen Fleck anzuschauen und bewusst wahrzunehmen. Auch während dieser Phase sollten sie uns ihre Träume berichten. Anschließend haben wir untersucht, ob sich die Traumberichte aus Phase 1 (kein Fleck) mit denen aus Phase 2 (roter Fleck) unterscheiden. Für die Kontinuitätshypothese hätte gesprochen, dass zum Beispiel die Farbe Rot, das Wort „Fleck“ oder „rund“ oder „Arm“ häufiger berichtet wurde. Nichts davon wurde tatsächlich bestätigt, was bedeutet, dass auch hier die körperliche Veränderung keinen Eingang in den Traumschlaf gefunden hat. Unsere Ergebnisse entsprechen nicht den Annahmen der Kontinuität. Sind sie ein Beleg für die These der Diskontinuität? Nein. Möglicherweise spart der Traum Körperlichkeit aus. Was jedoch noch nicht untersucht wurde, ist, ob Körperlichkeit in Zusammenhang mit negativen Gefühlen wie zum Beispiel Scham oder Wut im Traum behandelt wird, beispielsweise bei stark übergewichtigen Menschen, die in diesem Zusammenhang oftmals Hänseleien ausgesetzt sind. Wie erklären wir uns diese Ergebnisse, wenn wir davon ausgehen, dass weder zuverlässig Kontinuität noch Diskontinuität den Trauminhalt bestimmt?
Bedenken wir Folgendes: Unsere Träume speisen sich aus allem, was unser Gehirn zu konstruieren vermag – darunter auch das scheinbar Unmögliche, wie das Fliegen. Während der REM-Phase, dem sogenannten Traumschlaf, sind weite Teile des Gehirns hochaktiv. Lediglich der Frontalkortex – jener Bereich, der für logisches Denken und exekutive Funktionen zuständig ist – zeigt im Vergleich zum Wachzustand eine reduzierte Aktivierung. Gemäß Donald Hebbs Theorie über das Gedächtnis haben Inhalte, mit denen wir uns regelmäßig beschäftigen, eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, rasch abgerufen zu werden, als solche, die nur selten neuronal angesteuert werden. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass insbesondere emotional bedeutsame Erfahrungen auch im Traumgeschehen bevorzugt auftauchen. Was uns tief bewegt, findet somit eher Eingang in unsere nächtlichen Bilderwelten als das, was uns gleichgültig lässt. Dies würde also bedeuten, dass Träume zwar nicht unbedingt die Wach-Realität abbilden, dass es jedoch eine gewisse Berechenbarkeit gibt, was die emotionale Färbung unserer Träume betrifft.
Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir schlafen – speziell in der REM-Phase, in der ja besonders viel geträumt wird?
Schlaf ist kein einheitlicher Erregungszustand des Gehirns, er ist zyklisch und durchläuft mehrere Phasen. Dabei unterscheiden sich die erste und zweite Nachthälfte wesentlich, was den Anteil der einzelnen Schlafphasen betrifft. In der ersten Nachthälfte wechseln sich vorwiegend Leicht- und Tiefschlaf miteinander ab, mit nur wenigen Minuten von REM-Schlaf. In der zweiten Nachthälfte pendeln wir größtenteils zwischen Leicht- und REM-Schlaf hin und her.
Generell sind wir aus dem Leichtschlaf am leichtesten weckbar, im Tiefschlaf und phasischem REM-Schlaf am schlechtesten. Der REM-Schlaf wiederum wird von periodisch auftretenden Salven schneller Augenbewegungen begleitet. Während dieser Augenbewegungen ist die Weckschwelle stark erhöht, das bedeutet, wir sind schwer weckbar. Gemeinsam mit der Tatsache, dass der REM-Schlaf mit einer Lähmung der Willkürmuskulatur einhergeht und dem Verlust der internalen Temperaturkontrolle, ist er ein „gefährlicher“ Schlaf, in dem wir auf äußere Bedrohungen nur schwer reagieren können. Entsprechend beobachten wir in der Tierwelt einen starken Zusammenhang zwischen der Sicherheit der Schlafumgebung und dem Anteil von REM-Schlaf am Gesamtschlaf.
Was unterscheidet den REM-Schlaf von anderen Schlafphasen und warum ist gerade er so spannend für die Forschung?
Im REM-Schlaf erleben wir bildhafte und lebhafte Träume, die zunächst sinnlos erscheinen und verworren, bizarr. Da wir Menschen jedoch Sinnlosigkeit nur schwer aushalten können, versuchen wir, Träume zu deuten und für uns nutzbar zu machen. Darüber hinaus stellt sich eine faszinierende Frage: Warum fährt der Körper während der Nacht nicht einfach alle energetischen Prozesse herunter, um im Sinne eines reinen „Aufladens der Batterien“ zur Ruhe zu kommen? Stattdessen setzt er in regelmäßigen Abständen einen äußerst komplexen Mechanismus in Gang: Das Gehirn – mit Ausnahme des Frontalkortex – wird weitgehend hochgefahren, während gleichzeitig die Muskulatur gezielt gelähmt wird. Offenbar dient diese sogenannte atonische Phase dem Schutz vor unkontrollierten Bewegungen, die aus dem Traumgeschehen heraus resultieren könnten. Aber warum dies alles, wenn der REM-Schlaf keine wichtige Funktion besitzt? Dieser „wichtigen Funktion“ jagen wir Traumforscher hinterher. Und das ist ein sehr spannendes Unterfangen.
Manche Menschen sagen, sie träumen nie. Ist das überhaupt möglich oder erinnern sie sich einfach nicht?
Sie erinnern sich nicht.
Welche Rolle spielt das Träumen bei der Gedächtnisbildung? Werden im Schlaf wirklich Erinnerungen sortiert oder „abgespeichert“?
Die für mich überzeugendsten Belege für einen Gedächtniskonsolidierungseffekt stammen von einem Forscher am MIT, Andrew Wilson. Er hat in Ratten und Mäusen eindrucksvolle Belege für eine sogenannte Gedächtniskonsolidierung von Labyrinth-Lernen aufgedeckt. In Deutschland hat die Gruppe um Jan Born von der Universität Tübingen eine Studie mit dem Titel „Sleep inspires insight“ einen recht deutlichen Zusammenhang zwischen Schlaf und Problemlösefähigkeit aufgezeigt. Ich rate deshalb meinen Studierenden immer, auf das letzte nächtliche „Einhämmern“ vor einer Prüfung zu verzichten und lieber ausreichend zu schlafen.
Kann man sagen, dass das Gehirn im Schlaf „aufräumt“?
Ich vermute, dass im Schlaf Wichtiges von Unwichtigem befreit wird. Die Frage bleibt natürlich bestehen, was für uns wichtig und unwichtig ist und welche Kriterien dieser Entscheidung zugrunde liegen. Hier könnten wir natürlich spekulieren: Unser Eltern-Ich, Normen, existenzielle Überlegungen …?
Wie verändert sich das Träumen mit dem Alter oder auch bei Schlafstörungen?
Im Alter nimmt der Anteil von Tief- und REM-Schlaf ab, womit dies zusammenhängt, ist jedoch noch nicht ausreichend erforscht. Ein Faktor ist sicherlich die Abnahme der Komplexität des Alltags und der körperlichen Aktivität/Mobilität. Ein weiterer Faktor ist vielleicht auch die Angst vor der Nacht, was dazu führt, dass ältere Menschen eine erhöhte Tagesschläfrigkeit erleben und sich mittags noch einmal ausruhen möchten. Natürlich können auch körperliche Gebrechen eine immer größere Rolle spielen.
Sie erforschen seit Jahren das Traumerlebnis bei Personen mit Neurodegeneration. Was war die für Sie überraschendste Erkenntnis bisher?
Wir haben nicht Neurodegeneration per se untersucht, dies ist auch nicht mein Schwerpunkt, die Arbeiten wurden unter der federführenden Regie von Prof. Auburger von der Humangenetischen Abteilung der Uniklinik Frankfurt durchgeführt. Wir haben lediglich Personen mit einer genetischen Mutation untersucht, in deren Verlauf sich die Brücke (Pons) bereits in einem frühen Stadium zurückbildet, sodass hier auch eine Reduktion des REM-Schlafs zu beobachten ist. Diese Arbeiten erlauben jedoch keine Rückschlüsse auf verändertes Traumerleben oder Auswirkungen auf den Alltag der Betroffenen.
Werden wir irgendwann unsere Träume gezielt beeinflussen oder sogar „mitfilmen“ können?
Ich vermute, dass das „Mitfilmen“ eine reale Zukunftsperspektive darstellt. Was das gezielte Beeinflussen unserer Träume betrifft, können wir das bereits jetzt schon verwirklichen. Hier sprechen wir über „Klarträume“, in denen wir gezielt in die Traumhandlung eingreifen können und demnach „bewusst“ träumen. Die Klartraumtechnik lässt sich relativ leicht erlernen, es existieren bereits zahlreiche Internetforen dazu.
Wie sieht Ihr eigener Schlaf aus, träumen Sie oft? Und erinnern Sie sich gern an Ihre Träume?
Ja, ich träume jede Nacht und erinnere mich auch meistens an meine Träume. Nach dem Aufwachen denke ich dann kurz über die erinnerten Inhalte nach und komme sehr häufig zu dem Schluss, dass ich mal wieder hart gearbeitet haben muss, um so viel Seltsames produziert zu haben. Beim Frühstück habe ich dann in der Regel bereits alles vergessen. Und das ist auch gut so.