Schlafberaterin Katharina Schmidt erklärt, warum Neugeborene oft nicht „durchschlafen“, was Eltern stattdessen erwarten können und wie sich mit Geduld und Wissen vieles entspannen lässt.
Frau Schmidt, wie sind Sie zu diesem Thema gekommen – aus beruflichem Interesse oder eigener Erfahrung als Mutter?
Aus beidem. Ich bin Mutter von drei Kindern und habe hautnah erlebt, wie sehr Schlaf – oder der Mangel daran – das Familienleben beeinflusst. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie wenig Orientierung es gibt, wenn man feinfühlig begleiten und trotzdem zu einer Veränderung kommen will. Diese Lücke hat mich motiviert, mich intensiv weiterzubilden. Zunächst habe ich eine Ausbildung zur Schlafberaterin absolviert und anschließend auch die Ausbildung zur Stillberaterin erfolgreich abgeschlossen. Für mich gehören diese beiden Themen untrennbar zusammen.
Als frischgebackenes Elternpaar, welches Schlafverhalten meines Babys habe ich zu erwarten?
Neugeborene schlafen sehr viel, aber in kurzen Etappen und oft mit Unterbrechungen. Babys und Kleinkinder schlafen fragmentiert, das heißt, sie erwachen häufig, um sich rückzuversichern, dass die Bindungsperson noch verfügbar ist, regelmäßig Nahrung angeboten wird und sie keiner Gefahr ausgesetzt sind. Das ist überlebensintelligent, denn Kinder sind in Bezug auf die Evolution nicht modern geworden. „Durchschlafen“ im medizinischen Sinne heißt fünf bis sechs Stunden Schlaf ohne Unterbrechung am Stück. Das schaffen manche Babys mit drei Monaten, jedoch die große Mehrheit der Kinder aber erst mit drei Jahren. Ein vollständiges nächtliches Durchschlafen ohne Hilfe ist also die Ausnahme!
Gibt es Kinder, die einfach schlechte Schläfer sind – oder ist das ein Mythos?
Es gibt tatsächlich individuelle Unterschiede. Manche Kinder haben ein höheres Nähebedürfnis, eine niedrigere Weckschwelle oder mehr Schwierigkeiten, sich selbst zu regulieren. Aber das bedeutet nicht, dass sie „schlechte Schläfer“ sind. Sie brauchen einfach eine andere Begleitung. Vieles ist entwicklungsbedingt und verändert sich mit der Zeit. Ich finde das Label „schlechter Schläfer“ ohnehin nicht zielführend. Wenn man versteht, wie Baby- und Kleinkindschlaf funktioniert, dann braucht man keine Wertung mehr. Dies nimmt komplett den Druck bei den Familien heraus.
Warum schlafen Babys oft erst spät ein – und wie ändert sich das mit dem Alter?
Ein späteres Einschlafen hängt oft mit einem noch nicht ausgereiften zirkadianen Rhythmus, Übermüdung oder Reizüberflutung zusammen. Auch hormonell sind Babys abends oft aktiver. Ab etwa vier bis fünf Monaten beginnt sich ein stabilerer Rhythmus zu entwickeln. Mit zunehmendem Alter finden Einschlafzeiten meist früher statt, sofern der Tagesablauf stimmig ist.
Gibt es heute mehr Schlafprobleme als früher – oder sprechen wir einfach nur offener darüber?
Wir sprechen offener. Wir erziehen bedürfnisorientierter und hinterfragen vieles. Früher waren wir in unserer Gesellschaft noch nicht so „weit“. Kinder wurden schlaftrainiert und weinen gelassen, zumindest in der westlichen Welt. Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft mit vielen Erwartungen: frühe Eigenständigkeit, funktionierende Eltern. Das erzeugt Druck. Auch Reizüberflutung, ständige Erreichbarkeit und fehlende Unterstützung tragen dazu bei, dass sich viele Eltern mit dem Thema überfordert fühlen. Kinder schlafen so, wie sie schlafen müssen. Wir lernen nur gerade mehr, uns dem anzupassen – und das erzeugt Unsicherheit.
Viele Eltern fragen sich: Wie viel Schlaf ist denn normal – und ab wann wird es problematisch?
Das hängt stark vom Alter des Kindes ab. Neugeborene schlafen durchschnittlich 16 bis 18 Stunden pro Tag, verteilt auf viele kurze Schlafphasen. Mit etwa einem Jahr liegt der durchschnittliche Schlafbedarf bei rund 13 bis 14 Stunden, meist bestehend aus einem Nachtschlaf und ein bis zwei Tagschläfchen. Diese Richtwerte werden unter anderem von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) bestätigt. Nicht jedes Kind schläft exakt gleich viel. Abweichungen von ein bis zwei Stunden nach oben oder unten sind meist noch im Rahmen. Kritisch wird es dann, wenn das Kind dauerhaft deutlich weniger schläft und sich dabei Anzeichen wie Reizbarkeit, starke Tagesmüdigkeit oder Konzentrationsprobleme zeigen. Entscheidend ist außerdem nicht nur die Schlafdauer, sondern wie erholsam und alltagstauglich der Schlaf für Kind und Eltern ist.
Was sind aus Ihrer Sicht die drei häufigsten Fehler beim Thema Kinderschlaf?
1. Zu früh zu viel erwarten, zum Beispiel „Durchschlafen“ mit drei Monaten.
2. Schlaf als reines „Verhaltensproblem“ sehen und nicht als Entwicklungsprozess.
3. Ungeduld und ständige Strategiewechsel, denn das führt oft zu mehr Verunsicherung statt Klarheit.
Welche Rolle spielt der Tagesrhythmus für eine gute Nacht?
Eine sehr große. Wenn der Tag in sich stimmig ist (mit passenden Wachzeiten, Ruhephasen, Tageslicht und Bindung), fällt es vielen Kindern abends leichter, zur Ruhe zu kommen. Schlaf beginnt am Morgen. Hier gilt die Faustregel: Viel erholsamer Tagschlaf erzeugt mehr ununterbrochenen Nachtschlaf.
Wann wird es besser?
Viele Eltern spüren eine Entlastung um den 18. Monat, wenn einige große Wachstumsschübe und Schlafprogressionen vorüber sind. Viele Kinder essen in dem Alter auch tagsüber gut mit am Tisch und sind nachts weniger auf Nahrung angewiesen. Frühestens mit drei Jahren wird der Schlaf stabiler. Jeder Mensch ist individuell, deshalb kann man hierbei nichts voraussagen oder versprechen.
Wie wirkt sich der Schlafmangel auf mich als Mutter und Vater aus?
Er kann an die Substanz gehen! Emotional, körperlich und mental merken viele Eltern, was ihnen das Thema abverlangt. Erschöpfung, Reizbarkeit, depressive Verstimmungen und Partnerschaftskonflikte sind häufige Folgen. Und trotzdem leisten Eltern in dieser Phase oft Unglaubliches. Es gibt aber auch Familien, die sich damit so gut wie möglich arrangieren und es akzeptieren. Es ist wichtig, dass man zusammenhält, denn die Phasen werden vergehen – auch wenn man es fast nicht glauben kann.
Gibt es Strategien, wie Eltern trotz kurzer Nächte einigermaßen funktionieren können?
Ja. Powernaps machen, bewusst gesetzte Ruhephasen (auch wenn sie kurz sind), Prioritäten setzen, Aufgaben abgeben, realistische Erwartungen und vor allem: sich Unterstützung holen. Niemand muss das allein durchstehen. Mir hat es immer sehr geholfen, mich mit Freundinnen auszutauschen. Wenn man sich weniger allein fühlt, kann man diese Zeiten besser durchstehen.
Wer leidet mehr unter Schlafmangel – Mütter oder Väter?
Meist Mütter, weil sie häufiger für nächtliche Betreuung zuständig sind, besonders wenn gestillt wird. Aber auch Väter leiden, oft stiller.
Kann der Körper der Eltern sich wieder regenerieren beziehungsweise von dem Schlafmangel nach der Kleinkindzeit erholen?
Ja, absolut, der Körper ist erstaunlich anpassungsfähig. Auch nach längeren Phasen von Schlafmangel kann er sich erholen, wenn wieder mehr Ruhe, Entlastung und stabilere Nächte möglich werden. Das Nervensystem regeneriert sich, und viele Eltern berichten, dass sie mit der Zeit wieder zu mehr Energie und innerer Stabilität zurückfinden.
Wissenschaftliche Langzeitstudien zeigen zwar, dass der Schlaf bei Müttern und Vätern oft erst nach mehreren Jahren wieder das Niveau von vor der Geburt erreicht (im Durchschnitt etwa nach fünf bis sechs Jahren). Aber das heißt nicht, dass man sich so lange erschöpft fühlen muss. Schon kleine Verbesserungen im Alltag, wie regelmäßige Pausen, gegenseitige Unterstützung oder bewusst gestaltete Abendroutinen, können eine große Wirkung haben. Eltern dürfen also zuversichtlich sein: Auch wenn es nicht von heute auf morgen geht, ist Erholung möglich. Der eigene Rhythmus findet sich wieder, da spreche ich aus Erfahrung und möchte Mut machen. Und diese Entwicklung verdient Wertschätzung, nicht Ungeduld.