100 Jahre nach seinem Tod widmet die Alte Nationalgalerie Lovis Corinth eine Ausstellung. Es geht darin vor allem um die Beschlagnahme seiner Werke als „entartete Kunst“ durch die Nationalsozialisten.
Nein, sagt Sven Haase, man müsse nicht alle Entscheidungen der Nationalsozialisten verstehen. Welche Kunstwerke von ihnen als „entartet“ beschlagnahmt und aus den Museen entfernt wurden, welche Werke den Museen ohne Begründung wieder zurückgegeben wurden, sei schwer bis gar nicht nachvollziehbar. Es sei Willkür gewesen, die bereits damit anfing, welchen Beamten man in ein Museum schickte – einen moderaten oder einen ganz scharfen Hund. Sven Haase ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Provenienzforschung im Zentralarchiv und er ist einer der Kuratoren der Ausstellung „Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion ,Entartete Kunst‘“.
In der Ausstellung beschäftigt sich die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel nicht nur mit „einem großen Künstler dieser Stadt“, wie Co-Kurator Dieter Scholz, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Alten Nationalgalerie, sagt. Sie zeigt auch Bilder von Lovis Corinths Frau Charlotte Berend. Und sie setzt sich mit ihrer eigenen Rolle im Umgang mit den Werken auseinander, die ins Visier der Nazis geraten sind.
Wie kamen die Werke in die Sammlung?
Lovis Corinth hat diesen ganzen nationalsozialistischen Wahnsinn nicht mehr erlebt. Er, geboren 1858, ist 1925 gestorben. Die Ausstellung wurde pünktlich zu einem 100. Todestag am 17. Juli konzipiert Der in Tapiau/Ostpreußen geborene Maler gilt neben Max Liebermann und Max Slevogt als der wichtigste Vertreter des deutschen Impressionismus. Mit über 20 teils großformatigen Ölgemälden besitzt die Berliner Nationalgalerie einen umfangreichen und bedeutenden Bestand an Werken Corinths. „Die Wege dieser Objekte in die Sammlung der Nationalgalerie sind jedoch häufig von Verlust und teilweiser Rückkehr geprägt: In der NS-Zeit waren etliche von ihnen 1937 als ,entartet‘ beschlagnahmt worden. Einige wurden 1939 überraschenderweise zurückgegeben, andere konnten erst später zurückerworben werden; wieder andere wurden damals verkauft und befinden sich heute in Museen und Privatsammlungen im In- und Ausland“, erklären die Ausstellungsmacher.
Um diese Verluste auszugleichen, wurden nach 1945 sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in der DDR weitere Gemälde von Corinth und seiner Frau Charlotte Berend-Corinth (1880 – 1967) erworben. Diese Neuerwerbungen werfen weitere Provenienzfragen auf, die in der Ausstellung ebenfalls beleuchtet werden.
Bis zum 28. September haben Besucherinnen und Besucher der Ausstellung außerdem die Möglichkeit, Corinths reichem druckgrafischen und zeichnerischen Werk in einem Sonderraum der Ausstellung nachzuspüren: Die Nationalgalerie sammelte auch Zeichnungen des Künstlers, die seit 1992 zum Bestand des Kupferstichkabinetts gehören. Diese Zeichnungen waren teilweise ebenfalls von der NS-Beschlagnahmeaktion 1937 betroffen. Bis zu diesem Jahr gelangten außerdem über 300 druckgrafische Blätter in die Sammlung des Kupferstichkabinetts. 28 von ihnen wurden in jenem Jahr als „entartet“ beschlagnahmt. Die Präsentation des Kupferstichkabinetts umfasst zudem drei Werke von Charlotte Berend-Corinth.
Die Provenienzen aller Werke von Lovis Corinth und Charlotte Berend-Corinth im Bestand der Nationalgalerie wurden vom Zentralarchiv über Jahre hinweg und in verschiedenen Projekten intensiv untersucht. Das Zentralarchiv versteht sich als „historisches Gedächtnis“ der Staatlichen Museen zu Berlin und als Ort der Forschung. Die Provenienzforschung der Museen wird von hier aus geleitet und koordiniert. Dabei bildete die Sammlung der Nationalgalerie von Beginn an einen Schwerpunkt der Forschungen. Die Ergebnisse dieser für die Öffentlichkeit oft unsichtbaren Forschung zu den Herkunftsgeschichten der Werke von Lovis Corinth und Charlotte Berend-Corinth stehen in dieser Ausstellung im Mittelpunkt. Sie zeigt die verschlungenen Wege der Kunst ins Museum und auch hinaus und verdeutlicht den wichtigen Beitrag von Provenienzforschung für die Sammlungsgeschichte der Nationalgalerie.
Wer erwarte, dass er in der Ausstellung chronologisch die Entwicklung des Künstlers Lovis Corinth zu sehen bekomme, der liege falsch, sagt Kurator Dieter Scholz. Die Ausstellung folgt nicht einem Lebenslauf oder einer Stilgeschichte. In den Blick genommen werden vielmehr die unterschiedlichen Wege der Bilder. Wann und wie kamen sie in die Nationalgalerie? Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ergeben sich dabei verschiedene Fallgruppen. Im ersten Raum der Ausstellung finden sich drei davon: Gemälde, die 1937 nicht beschlagnahmt wurden, solche, die zwar 1937 beschlagnahmt, 1939 aber zurückgegeben wurden, sowie Bilder, die erst während des Nationalsozialismus ins Museum kamen.
Bezugspunkt der Konzeption der Ausstellung ist der Nationalsozialismus und die Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ von 1937. Der Begriff „entartet“ sei dabei nicht eindeutig definiert gewesen, sagt Scholz. Er konnte angewendet werden, wenn Kunstwerke nicht naturalistisch oder heroisch-idealisierend waren, aber auch wenn sie von Kunstschaffenden stammten, die sogenannte linkspolitische Überzeugungen teilten oder jüdischer Herkunft waren. Gerade bei Corinth und seiner Ehefrau werde die Willkür des Vorgehens deutlich. Der Erlass des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels verlangte, die im deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher „Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiete der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen“.
Viele Gemälde wurden verbrannt
Neun Corinth-Gemälde der Nationalgalerie sind nach dem Ende des Nationalsozialismus nicht mehr zurückgekehrt. Darunter befinden sich zwei noch vor 1900 entstandene Werke, die seit 1945 als verschollen gelten. Sie werden im zweiten Raum der Ausstellung schwarz-weiß in Originalgröße wiedergegeben. In Farbe reproduziert sind dagegen diejenigen Bilder, die sich heute in anderen Sammlungen befinden.
Die 1937 erfolgten Beschlagnahmungen fanden in mehreren Stufen statt. Am 7. Juli wurden zunächst Werke für die Ausstellung „Entartete Kunst“ zusammengetragen, die am 19. Juli in München eröffnete. In ihr war Corinth mit sieben Gemälden vertreten, darunter drei aus der Nationalgalerie: Ecce Homo, Das Trojanische Pferd, Kind im Bett. Zur Begründung führte Adolf Ziegler, Präsident der NS-Reichskammer der bildenden Künste, in seiner Eröffnungsrede an, dass Corinth „nach seinem zweiten Schlaganfall nur noch krankhafte und unverständliche Schmierereien hervorbrachte.“
Doch die zunehmend expressive Malweise in den Bildern Corinths war schon vor seinem Schlaganfall 1911 angelegt gewesen, sagen die Ausstellungsmacher. Bei der zweiten und dritten Beschlagnahme ging es um die systematische Verfolgung der Kunst der Moderne in über 100 öffentlichen Kunstsammlungen. Am 12., 13. und 16. August sowie am 30. Oktober 1937 wurden die restlichen Bestände der Nationalgalerie durchsucht. Insgesamt fielen über 500 Werke des Museums den Beschlagnahmungen zum Opfer. Etwa 5000 als „unverwertbar“ geltende Werke wurden am 20. März 1939 in der Berliner Hauptfeuerwache verbrannt. Von dem als „international verwertbar“ eingestuften Teil kamen 125 Spitzenstücke am 30. Juni 1939 in der Galerie Fischer in Luzern zur Versteigerung.
Von Lovis Corinth wurden dort 15 Gemälde angeboten, darunter sechs aus der Nationalgalerie. Der Erlös der Auktion blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück. Mit dem Ziel, dem NS-Staat keinen allzu hohen Gewinn zufließen zu lassen, hatten die Bietenden sich abgesprochen.