Miriam Hanika beeindruckt als Oboistin und Liedermacherin. Im Interview spricht sie über ihr neues Album „*innenleben“, ihre Vorbilder und ihren Wunsch, Musik zu machen, die ermutigt, verändert und versöhnt.
Frau Hanika, herzlichen Glückwunsch zum neuen Album „*innenleben“! Es wurde kürzlich veröffentlicht – wie waren die ersten Reaktionen?
Vielen lieben Dank! Es fühlt sich großartig an, dieses Album endlich mit der Welt teilen zu dürfen. Ich habe in diesem Jahr schon viele Konzerte gespielt – teils solo, aber auch mit meinem Ensemble, dem Poesie Orchester, mit dem ich das Album gemeinsam aufgenommen habe. Die Resonanz des Publikums ist durchweg warmherzig und berührend. Viele Menschen kommen nach den Konzerten zu mir und sagen, dass sie sich in den Liedern wiederfinden – dass sie sich gesehen fühlen. Das ist für mich das schönste Kompliment. Es macht wirklich Freude, zu sehen, dass diese Lieder etwas in Bewegung bringen.
Es ist bereits Ihr fünftes Album – und dennoch etwas ganz Besonderes: Denn zum ersten Mal erscheint es auf Ihrem eigenen Label „Louise“. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt?
Ich denke, dieser Schritt ist für viele Musikerinnen und Musiker inzwischen fast selbstverständlich geworden. Die klassischen Strukturen der Musikindustrie haben sich gewandelt – vieles ist heute digitaler, unabhängiger, persönlicher. Und ich habe gemerkt, dass ich mir mehr Selbstbestimmung wünsche – nicht nur musikalisch, sondern auch organisatorisch.
Zudem war da ein inneres Bedürfnis: 85 Prozent der Labels in Deutschland werden von Männern geführt. Ich finde, wir Frauen sollten mutiger werden, eigene Räume zu schaffen, Verantwortung zu übernehmen und uns zuzutrauen, unsere Kunst selbst zu tragen und zu vertreten. „Louise“ ist mein Beitrag dazu – ein Ort, an dem meine Musik ganz bei sich selbst sein darf.
Der Name „Louise“ ist vermutlich kein Zufall …
Nein, „Louise“ war der Titel meines zweiten Albums – und der Name meiner Urgroßtante. Eine unglaublich beeindruckende Frau: fortschrittlich, mutig, eigenwillig. Sie hat den Zweiten Weltkrieg überlebt, sich mit Soldaten angelegt, wurde von einem Pferdewagen überrollt – und hat sich nicht beirren lassen. Sie blieb lange unverheiratet, weil der Mann, den sie liebte, sie aus familiären Gründen nicht heiraten durfte. Sie starb, als ich noch ein Kind war, aber ihre Geschichte hat mich sehr geprägt. In gewisser Weise fühle ich mich ihr eng verbunden – sie ist mein Schutzengel und mein innerer Kompass.
Gibt es noch weitere weibliche Vorbilder in Ihrem Leben?
Oh ja, sehr viele sogar! Meine Mama, meine beiden Omas, meine Tante, meine erste Klavierlehrerin, meine Chorleiterin … das sind alles Frauen, die mich tief geprägt haben. Frauen, die sich aufgeopfert haben, die klug, feinfühlig, kreativ und liebevoll waren. Diese weiblichen Vorbilder geben mir bis heute Kraft.
Besonders meine Oma Traudl ist ein unglaublich wichtiger Mensch für mich – sie ist für mich die Verkörperung von Sanftmut und Selbstlosigkeit. Ihr ursprünglicher Name war Edeltraud Hanika – ein Name, der mich schon als Kind verzaubert hat. Und weil über viele Jahrhunderte hinweg Frauen nicht die Möglichkeit hatten, ihre Familiennamen weiterzugeben, wollte ich das bewusst ändern. Vor fünf Jahren habe ich mich entschieden, den Namen meiner Großmutter als Künstlerinnennamen anzunehmen.
Ihre Vorfahren spielen ganz offensichtlich wichtige Rollen in Ihrem Leben – auch Ihre Eltern, die beide Musiklehrer sind. War klar, dass Sie auch Musikerin werden würden?
Nein, überhaupt nicht. Meine Eltern haben mir nie Druck gemacht. Aber Musik war immer präsent in unserem Haus. Ich habe schon früh mit meiner Mama am Klavier improvisiert. Diese gemeinsame musikalische Zeit war sehr prägend für mich.
Später wollte ich dann im Orchester spielen. Das Klavier war dafür nicht ideal. Und wie so oft im Leben hat ein Zufall mein Instrument bestimmt: Ich wollte eigentlich die Klarinette aus dem Büro meines Vaters holen – aber ich griff stattdessen zur Oboe. Dieses Instrument hat mich sofort fasziniert und herausgefordert. Ich hatte dann am Musikgymnasium in Weimar Unterricht und habe schließlich in München an der Hochschule für Musik und Theater Oboe studiert.
Sie gelten als musikalisches Multitalent und sind auch als Liedermacherin erfolgreich. Haben Sie dafür Gesang studiert?
Nein, ich habe keine klassische Gesangsausbildung. Ich habe zwar früher im Chor gesungen, aber mein Gesang ist eher intuitiv. Meine Stimme ist für mich wie ein emotionales Sprachrohr – sie transportiert meine Stimmung, meine Haltung, meine Geschichte.
Sie klingt mal klar und kraftvoll, mal fragil und weich. Ich pflege sie gut, aber sie muss nicht perfekt sein – sie soll berühren. In meinen Liedern geht es mir gesanglich darum, ehrlich zu sein, nicht makellos.
Tiefgang, Gegensätze und Ausdruckskraft – diese Begriffe beschreiben nicht nur Ihre Stimme, sondern auch Ihr aktuelles Album „*innenleben“. Was hat Sie bei der Arbeit daran inspiriert?
Ich wollte ein Album erschaffen, das wie ein großes, tiefes Aufatmen klingt. In einer Zeit voller Widersprüche, Unsicherheiten und Anforderungen war es mir wichtig, etwas zu schaffen, das Klarheit, Wärme und Hoffnung schenkt.
Es beginnt bei den Anfängen – bei dem Moment, bevor wir geprägt, bewertet und eingeordnet wurden. Ich habe mich gefragt: Wer war ich, bevor die Welt mir sagte, wie ich zu sein habe? Diese Reise führt tief ins Innenleben – daher auch der Titel. Es geht um Nähe und Verlust, um Freiheit und Sicherheit, um Verletzlichkeit und Kraft. Und um die Suche nach Identität, besonders als Frau in einer Gesellschaft, die einerseits alles verspricht, aber gleichzeitig unzählige Erwartungen stellt.
In einer Kritik heißt es: „Miriam Hanika bringt Lieder zum Leuchten“. Wie empfinden Sie das selbst?
Das ist ein wunderschöner Satz. Ich sehe es allerdings so, dass meine Lieder bereits leuchten, wenn sie zu mir kommen. Sie entstehen oft in ganz besonderen, fast spirituellen Momenten. Es ist, als ob sich für einen Augenblick ein Raum öffnet, in dem das Lied auf die Erde kommen kann. Natürlich stecken auch viel Arbeit, Handwerk und Überlegung in jedem Stück. Aber die Magie entsteht nicht aus der Technik – sie kommt aus der Verbindung zwischen Gefühl und Musik. Wenn ich selbst berührt bin, besteht die Chance, dass auch andere berührt werden.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft – musikalisch und persönlich?
Ich wünsche mir, dass ich weiter wachsen darf – als Musikerin, als Mensch, als Frau. Dass ich weiterhin den Mut finde, meine eigenen Wege zu gehen, auch wenn sie manchmal unbequem sind. Und ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft mehr Raum schaffen für echte Begegnung, für Zuhören, für gegenseitige Stärkung – besonders unter Frauen.
Musikalisch möchte ich mich weiterentwickeln, neue Projekte verwirklichen, neue Geschichten erzählen. Aber immer aus einer Haltung der Freiheit heraus. Denn das ist für mich das Wichtigste: dass die Musik ehrlich und nahbar bleibt.
Doch erst einmal konzentriere ich mich auf „*innenleben“. Es gibt bis Ende des Jahres noch viele Konzerte – darauf freue ich mich sehr. Danach, wenn wieder mehr Ruhe in mein Leben eingekehrt ist, schaue ich, was sich ergibt.
Es ist für die Kultur gerade nicht einfach. Umso schöner ist es zu sehen, dass das Publikum, das sich während der Corona-Zeit zurückgezogen hat, langsam wieder zurückkommt. Kultur verbindet die Menschen – das sollte auch die Politik nicht vergessen.