Auf der Jagd nach dem Gesamtzeit-Weltrekord der „Ocean’s Seven“-Serie kämpft der Extremschwimmer Andreas Waschburger mit den Naturgewalten. Manch unangenehmer „Beifang“ inklusive.
Am 9. September 2023 stellte der Freiwasserschwimmer Andreas Waschburger einen neuen Weltrekord für die Durchquerung des Ärmelkanals auf. Die Strecke von Dover nach Cap Gris-Nez (bei Calais) absolvierte er um rund zehn Minuten schneller als sein Vorgänger Trent Grimsey (Australien), der elf Jahre lang die Nase vorn hatte. „Waschis“ Bestzeit von 6 Stunden, 45 Minuten und 25 Stunden hat auch knapp zwei Jahre später noch Bestand. Nur Platz acht bei den Olympischen Spielen in London 2012 hat für den mehrfachen Vize-Europameister einen noch höheren Stellenwert.
Inzwischen hat er nachgelegt. Der Weltrekord im Ärmelkanal war sein Startschuss für die „Oceans Seven“, also die Durchquerung sieben bekannter Meerengen. Diese Serie zählt zu den größten Herausforderungen im Freiwasserschwimmen. Weltweit haben bisher nur 38 Athleten alle sieben Strecken bewältigt. Neben dem Ärmelkanal zählen dazu die Straße von Gibraltar (Waschburgers Zeit: 15,1 Kilometer in 2:51 Stunden), die Cookstraße bei Neuseeland (24,6 Kilometer in 5:13:57 Stunden), der Kaiwi-Kanal in Hawaii (44 Kilometer in 9:55:10 Stunden – Weltrekord) sowie der Nordkanal zwischen Irland und Schottland und der Santa-Catalina-Kanal bei Los Angeles (stehen beide noch aus) und die Tsugaru-Straße im Norden Japans. Letztgenannte hat der 38-jährige Saarbrücker am 8. Juli 2025 erfolgreich durchquert – es ist eine der härtesten Etappen der weltweiten Serie.
Um den tückischen Strömungen aus dem Weg zu gehen, wählte das örtliche Experten-Team für Waschburger eine etwa 30 Kilometer lange, bogenförmige Route. Die direkte Verbindung zwischen den japanischen Inseln Honshu und Hokkaido beträgt nur 20 Kilometer. Allerdings ist diese Strecke, auf der auch der aktuelle Weltrekord des US-amerikanischen Ocean’s Seven-Erfinders Steven Munatones (6:11:17 Sekunden) im Jahr 1990 aufgestellt worden war, nur unter den äußerst seltenen Idealbedingungen zu bewältigen. Munatones war selbst an Bord des Begleitbootes und Teil des Experten-Teams. Letztlich summierte sich die von Waschburger absolvierte Gesamtstrecke aufgrund starker Strömungen sogar auf 45 Kilometer. Doch der Reihe nach.
Eine fatale Fehlentscheidung
Der Start erfolgte um kurz nach 4 Uhr Ortszeit, die Wassertemperatur lag zu Beginn bei etwa 22 Grad Celsius. Klar war: Wer diese Strecke in Rekordzeit schaffen will, muss konstant über fünf Kilometer pro Stunde schwimmen – und dabei enormes Glück mit der Strömung, Wind, Wellen und den Wassertemperaturen haben. Doch von Glück konnte bei Andreas Waschburger wahrlich keine Rede sein. „Nach zweieinhalb Stunden wurde mir gesagt, dass ich schon zwei Drittel der Strecke geschafft hätte und auf jeden Fall in unter fünf Stunden ankommen werde“, berichtet Waschburger von seiner Tortour. Nach drei Stunden entschieden die Experten im Begleitboot, den Saarländer nun doch auf direktem Weg zur Küste zu schicken. „weil das Wasser so ruhig war“, erzählt Waschburger: „Ich hatte extra noch einmal nachgefragt, ob sie sich auch wirklich sicher sind und dass es kein Risiko bedeuten würde – aber sie blieben dabei.“
Leider eine fatale Fehlentscheidung, wie sich wenig später herausstellte: Die Strömung entwickelte sich stärker als vermutet, Waschburger verpasste die Ankunft an der Küstenspitze und musste nachjustieren. Ab einem bestimmten Zeitpunkt konnte ihm keiner sagen, wie lange er noch bis zum Zielpunkt brauchen würde. Weil er sich die Kraft entsprechend der ersten Einschätzungen eingeteilt hatte, ging diese währenddessen langsam zur Neige. „Als es hieß, ich hätte schon zwei Drittel geschafft, habe ich umso mehr Gas gegeben. Nach fünf Stunden im Wasser hieß es dann, es seien noch 40 Minuten und mit jeder Minute mehr wurde die Zeit immer weiter nach oben korrigiert“, erinnert sich Waschburger. Hinzu kam, dass die Wassertemperatur inzwischen von 22 auf gerade einmal 15 Grad abgekühlt war. „Das war auch unangenehm“, kommentiert der Freiwasserschwimmer.
Mindestens genauso unangenehm war die Tatsache, dass er sich im Laufe seines Rennens gegen die Uhr mehrmals übergeben musste. „Ich glaube, gleich am Anfang eine Qualle verschluckt zu haben. Jedenfalls war irgendwas Glibberiges an meinem Mund“, berichtet er von Umständen, mit denen sich ein Otto-Normalschwimmer selbst bei der Prüfung zum Seepferdchen in Gold nicht befassen muss. „Ich halte dann nicht an, sondern mache das nebenbei. Ich will ja keine Zeit verschwenden“, stellt Waschburger klar: „Es war schon sehr anstrengend, und ich war am Ende froh, als ich es endlich geschafft hatte. Auch, wenn ich etwas langsamer war als gedacht.“
Auch ein Abbruch stand im Raum
Nach 8 Stunden, 43 Minuten und 21 Sekunden erreichte er schließlich die Insel Hokkaido. Wäre er auf dem ursprünglich geplanten, bogenförmigen Kurs geblieben, hätte er auch hier einen neuen Weltrekord aufstellen können. „Es war klar, dass es schwer wird, auf der 50 Prozent längeren 30-Kilometer-Strecke Stevens Rekord zu schlagen. Ich bin dennoch stolz, dass ich die durch die extreme Strömung mehr als doppelt so weite Strecke in einer guten Zeit geschafft habe“, sagt Waschburger und betont: „Gegen die Launen von Mutter Natur kann man nichts machen. Dass Strömungen im Prinzip unberechenbar sind, ist mir schon lange klar. Es ist natürlich bitter, wenn man eine Chance auf den Rekord hat und es dann doch nicht klappt.“ Andererseits sei er froh, „dass bisher alles im ersten Versuch funktioniert hat. Es hätte durchaus vorkommen können, dass das Wetter so schlecht wird, dass ich hätte abbrechen müssen. So gesehen bin ich wirklich zufrieden.“ Zusätzlicher Trost nach der ereignisreichen und etwas ernüchternden Tortour: Noch immer liegt er nach eigenen Berechnungen rund elf (!) Stunden vor dem Oceans-Seven-Weltrekordler Andrew Donaldson aus Schottland, der für die Durchquerung der sieben Meerengen insgesamt 63 Stunden und zwei Minuten gebraucht hatte. Mit dem fünften von sieben „Finishs“, also erfolgreich absolvierten Durchquerungen, hat Andreas Waschburger die prestigeträchtigen „Ocean’s -Seven“-Serie fast hinter sich gebracht.
Bereits in vier Wochen wird er sich der nächsten Prüfung stellen: der Querung des Catalina Channels vor Los Angeles. Ein weiteres extrem anspruchsvolles Teilstück auf dem Weg zur Vollendung der Serie, die bei Waschburger mit dem Nordkanal zwischen Irland und Schottland komplettiert wird. Ob er sich, um eine Zeit zu verbessern, vorstellen könnte, eine Querung zu wiederholen? „Das wäre denkbar. Aber im Moment hätte ich keine Lust dazu“, gibt er zu: „Das bedeutet schon einen Riesenaufwand. Nicht nur für mich, auch für die Sponsoren, die mich dankenswerterweise begleiten. Ich muss das nicht unbedingt noch mal haben.“ Das sähe die verschluckte Qualle sicher ähnlich, könnte man sie noch danach fragen.