Die BR Volleys haben ihren Kader für die angestrebte Titelverteidigung frühzeitig fertiggestellt. Ein Profi aus den USA könnte sich dabei als spektakuläre Neuverpflichtung herausstellen.
Kaweh Niroomand ist aktuell viel mit seiner Rolle als Leiter einer „zentralen Steuerungseinheit“ beschäftigt. Diese soll die Olympiabewerbung für Berlin vorantreiben. Und der Deutsch-Iraner fühlt sich dafür bestens geeignet. Er sei in der Hauptstadt „im Sport unterwegs, in der Wirtschaft und ich bin auch gesellschaftlich engagiert“, sagte der 72-Jährige: „Ich glaube, allein durch dieses Profil kann ich hoffentlich helfen, dass eine gute Bewerbung zustande kommt.“ Als erfolgreicher Geschäftsführer des deutschen Volleyball-Serienmeisters BR Volleys, Sprecher des Bündnisses der Berliner Proficlubs und früherer Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes hat er sich ein enormes Netzwerk aufgebaut, von dem nun die Berliner Olympiabewegung profitieren will. Niroomand wirkte auch am Projekt „BERLIN+“ mit, mit dem man 2026 den innerdeutschen Auswahlprozess gegen München, Hamburg und die Rhein-Ruhr-Region gewinnen will.
Niroomand in doppelter Funktion
Bis dahin wartet aber noch viel (Überzeugungs)-Arbeit auf Niroomand und seine Kollegen. Vor allem die Skepsis in der Berliner Bevölkerung ist nicht so leicht zu zerstreuen. Dennoch steckt der Sportfunktionär viel Herzblut und Zeit in diese Aufgabe. „Ich mache das für meine Stadt“, sagte er dem RBB: „Natürlich könnte ich mich auch auf den Golfplatz stellen und an meinem Handicap arbeiten – das ist nicht schlecht, aber könnte auch deutlich besser sein.“ Seine Arbeit als Geschäftsführer der BR Volleys dürfte unter dem Olympia-Engagement nicht leiden, der Kader des Titelverteidigers war schon viele Wochen vor Saisonstart komplett. Nach dem Gewinn des 15. Meistertitels am Ende der vergangenen Spielzeit gab es wie fast jedes Jahr wieder einen kleinen Umbruch im Team. Einige Leistungsträger wie Zuspieler Johannes Tille haben den Club verlassen, neue Spieler sind gekommen. Die vielleicht spektakulärste Verpflichtung ist die von Nolan Flexen. Der US-Amerikaner hat mit seiner Größe von 2,06 Metern und seiner enormen Power im Angriffsspiel ein etwas anderes Spielerprofil als die anderen drei Außen-Annehmer im Kader. Mit Flexen komme „nun ein neuer X-Faktor in das Gefüge“, schrieb der Club bei der Vorstellung des Profis auf der vereinseigenen Internetseite.
„Nolan ist ein wirklich spannender Spieler“, sagte Niroomand. Kapitän Ruben Schott und Moritz Reichert hätten als deutsche Nationalspieler zwar noch die Nase vorn, meinte der Manager. Aber sollte sich Flexen so entwickeln, „wie wir uns das erhoffen, kann er die Statik unseres Spiels in der Zukunft vielleicht verändern.“ Auf jeden Fall gewinne Trainer Joel Banks mit Flexen „die Option auf mehr Angriffskraft, um einen frischen Impuls zu setzen“, erklärte Niroomand. Seiner Meinung nach stehe der Neuzugang dem Diagonalangreifer Jake Hanes, der eine herausragende Premierensaison im Trikot der Volleys hingelegt hat, in Sachen Dynamik und Schlaghärte kaum nach. Niroomand glaubt daher, dass die „zwei Türme“ oft gemeinsam auf der Platte stehen werden. Coach Banks hält ebenfalls große Stücke auf Flexen: „Er ist sehr groß, dynamisch und eben mehr ein Angreifer. Das unterscheidet ihn ein Stück weit von seinen Positionskollegen und kann uns eine neue Waffe geben.“ Zudem habe der 23-Jährige, der kürzlich sein Debüt in der US-Nationalmannschaft in der Volleyball Nations League gab, mit starken Auftritten beim College UC Irvine in Kalifornien auf sich aufmerksam gemacht.
Berlins neue Nummer neun weiß aber auch, dass der Sprung in eine europäische Topliga – fernab der Heimat – noch mal eine andere Hausnummer ist. Doch Angst vor dem Schritt hat er keine. „Die BR Volleys sind der Top-Club in Deutschland mit einer echten Erfolgstradition, und es schien mir der richtige Ort zu sein, um meine professionelle Karriere zu beginnen“, sagte Flexen. Das „hohe Spielniveau“, aber auch die erfolgreichen Karrieren anderer US-Amerikaner bei den BR Volleys in der jüngeren Vergangenheit hätten den Ausschlag für Berlin gegeben, erklärte der Außenspieler. Er wolle sich „als Spieler weiterentwickeln“ – und sieht sich dafür beim deutschen Vorzeigeclub genau richtig aufgehoben. „Es ist ein Ort, an dem ich große Schritte nach vorne machen kann, sowohl auf als auch neben dem Spielfeld. Dabei bin ich immer auf Suche, wie ich meiner Mannschaft am besten helfen kann.“ Dass er bei diesem Prozess durchaus die notwendige Geduld mitbringt, beweisen seine Hobbys: Filmfotografie und Kaffeerösterei. „Ich schätze den Prozess von beidem – mir die Zeit zu nehmen, zu entschleunigen, auf Details zu achten und den Moment zu genießen.“
Eine Soforthilfe soll dagegen Fedor Ivanov sein. Der finnische Nationalspieler muss als Zuspieler den schmerzhaften Abgang von Tille kompensieren. Keine leichte Aufgabe, doch das Vertrauen der Verantwortlichen in den 24-Jährigen ist groß. Sogar so groß, dass sie ihn mit einem in der Volleyball-Bundesliga eher unüblichen Langzeitvertrag ausstatteten. „Wir haben jemanden gesucht, der das Talent und die Möglichkeiten besitzt zu wachsen und gleichzeitig schon ein ziemlich komplettes Paket mitbringt“, erklärte Niroomand: „Fedor ist bereit, fleißig, extrem motiviert und bringt alles mit.“ Doch Ivanov, der Volleys-Trainer Banks schon aus der finnischen Nationalmannschaft kennt, soll sich genau wie das vom Bundestützpunkt des VC Olympia Berlin geholte Zuspieler-Talent Arthur Wehner noch weiterentwickeln. „Beide spielen mit ihrer Körperlänge aggressiv. Ihre Touchhöhe dürfte gut für unsere Mittelangreifer und für Jake Hanes sein“, meinte Niroomand.
Zum Saisonstart gleich in Topform
Neben Wehner wurde auch der gebürtige Berliner Maximilian Treite vom VCO mit einem Profivertrag beim Deutschen Meister für eine gute Vorsaison belohnt. Das 20 Jahre alte Annahme-Talent hatte erst vor einem Jahr vollständig auf die Position des Liberos umgeschult. „Max ist ein junger, hungriger Spieler, der im Training viel Gutes gezeigt hat“, sagte Trainer Banks: „Die Rolle als zweiter Libero bei uns ist eine große Gelegenheit, um Fortschritte in seiner hoffentlich langen Karriere als Profi zu machen.“ Treite verspricht vollen Einsatz, aber auch viel Demut. „Ich habe eine Mischung aus Respekt und Vorfreude in mir“, sagte der Youngster: „Ich möchte lernen, jede Erfahrung mitnehmen, auf hohem Level trainieren und mich an das Niveau heranarbeiten.“
Viel Arbeit wartet aber auch auf die anderen Profis der BR Volleys. Denn beim Saisonstart am 21. Oktober muss der Titelverteidiger gleich in Topform sein, um einen Fehlstart zu vermeiden. Erzrivale VfB Friedrichshafen reist zum ersten Spieltag in die Hauptstadt und dürfte nach der enttäuschenden Vorsaison mit dem Verpassen des Play-off-Finals auf Wiedergutmachung aus sein. Erstmals sind insgesamt 15 Teams in der Bundesliga am Start, der SV Warnemünde und Barock Volleys Ludwigsburg rücken neu ins deutsche Volleyball-Oberhaus auf. Dadurch gibt es mehr Ligaspiele, die für den Champions-League-Teilnehmer BR Volleys zu einem Belastungs-Problem werden könnten. „Der Terminkalender ist wieder deutlich enger“, sagte Niroomand. Deswegen rechnet er mit „mehr Wechsel in der Startaufstellung“ als in der Vorsaison. Den Kader sieht er dafür gerüstet, doch er fordert: „Wir brauchen Flexibilität und dafür müssen immer alle bereit für ihren Einsatz sein.“