Warum Knistern, Kruspeln und Rascheln echt nervtötend sein können
Hören Sie das? Da brummt doch was. Ja, doch. Zwar leise, aber ich höre es ganz genau. Und wenn man es einmal gehört hat, kann man es nicht mehr überhören. Es rauscht irgendwo. Ganz sicher. Vielleicht der Kühlschrank? Vielleicht eine Lüftung. Ein Gartengerät draußen? Eine undichte Flasche? Ein Flugzeug? Oder der Nachbar, der gerade den Hund föhnt? Was auch immer es ist: Es raubt mir den letzten Nerv. Und ich will, dass es aufhört!
Geräusche können gewissen Menschen das Leben zur Hölle machen. Ich bin einer davon. Warum genau das so ist, weiß ich nicht. Fakt ist jedenfalls, dass ich schon als kleines Kind laute Erwachsene darauf hingewiesen habe, doch mal leiser zu reden. Auch den berühmten lautmalerischen Kindergarten-Evergreen „Aramsamsam“ verabscheute ich damals, wie ich auch heute noch auf lautmalerische Worte und sprachliche Geräuschimitationen so gut es geht verzichte.
Als ich kürzlich eine Nachrichtenmeldung über eine neu aufgenommene Kinderlieder-CD der Königin des Weichspül-Schlagers las, lief es mir eiskalt den Rücken herunter: „Helene Fischer singt ‚Aramsamsam‘“ stand da. Wenn ich einmal in der Hölle oder in der Guantanamo-Folterzelle landen sollte, wäre das aus mehreren Gründen der passende Soundtrack.
Geräusche, die mir den Nerv rauben, sind noch nicht einmal unbedingt besonders laut. Es kann ein dumpfes Rauschen sein, ein leises Tropfen, ein Klopfen in der Ferne oder ein heiseres Flüstern irgendwo. Ganz schlimm ist es, wenn ein Mensch schmatzt (Tiere und deren Essgeräusche sind vom Hass auf Geräusche übrigens ausgenommen), wenn ein Mensch schlürft (mit dem Mund) oder schlurft (mit den Füßen), wenn laut geatmet wird (womöglich noch mit einem halb verstopften, pfeifenden Nasenloch), wenn Wasser in ein Glas eingegossen wird oder ein Zimmerbrunnen irgendwo plätschert. Knistern, Kruspeln und Rascheln (Entschuldigung für die Lautmalereien) und ähnliche Geräusche, die nicht zeitnah aufhören, sind genauso zermürbend.
Natürlich gibt es auf meiner Stress-Liste auch Geräusche, die wahrscheinlich jeden früher oder später nerven. Zum Beispiel die lärmenden Gerätschaften meines Nachbarn, die er mit Vorliebe am Wochenende auspackt, sein vor sich hin prustender Laubbläser, der rumorende Rasenmäher, die knatternde Baumsäge.
Das Leben ist hart (und laut)! Auch Mofa fahrende, von der Gesellschaft abgehängte Jugendliche, die ihre Fahrzeuge laut aufheulen lassen, um zu zeigen, dass sie auch noch da sind, würde ich gerne von ihrem Moped schubsen und sie anschreien, dass es für die Umwelt, für ihre eigene Gesundheit und vor allem für meine Nerven am besten wäre, wenn sie zu Fuß gingen. Oder zu Hause Videospiele spielen würden – solange die Controller dabei nicht diese klickenden und klackenden Geräusche machen.
Geräusche quälen mich nicht nur, sie machen mich auch wütend, bringen mich in Rage und führen zu einer ohnmächtigen Verzweiflung. Ich kann sie nicht ausblenden, und sie lassen sich eben auch nicht einfach abstellen. Wie in aller Welt könnte ich einen Menschen darum bitten, endlich mal leiser zu atmen, ohne dabei völlig wahnsinnig zu wirken.
Wahnsinn ist das richtige Stichwort. Obwohl die sogenannte Misophonie, also der Hass auf Geräusche, keine offiziell anerkannte Krankheit im medizinischen Sinne ist, wird sie dennoch mittlerweile von Fachleuten als ernst zu nehmendes Phänomen betrachtet.
Offenbar bin ich damit nicht allein. Den sozialen Medien sei Dank, findet man immer mehr Leidensgenossinnen und -genossen. Das ist zwar ein Trost, aber nur ein schwacher. Vor allen Dingen dann, wenn ich das nächste Mal einem völlig unbeteiligten Menschen beim Essen eine Gabel ins Auge stechen möchte, weil er zu laut oder pfeifend atmet, hilft mir das nicht.
Als therapeutischer Ansatz wird an einigen Stellen eine Konfrontationstherapie empfohlen. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen – außer das Ziel der Therapie wäre es, mich komplett zu zerstören. Ich verfolge eher die Vermeidungsstrategie und setze auf den Umgang mit Menschen, die ich mag und mit denen ich auf einer Wellenlänge bin. Diese betrifft nämlich wohl auch die Schallwellen, die sie aussenden. Denn bei diesen Menschen stören mich die meisten Geräusche erstaunlicherweise kaum.