Er stammt aus Passau, ist mit 23 Jahren der jüngste Abgeordnete des aktuellen Bundestags und spendet einen Großteil seiner Diäten an gemeinnützige Projekte und Organisationen: Luke Hoß (Linke) will Politik für den Menschen gestalten. Und das möglichst nah und greifbar.
Herr Hoß, Sie sind mit 23 Jahren der jüngste Abgeordnete im Bundestag. Wie fühlt es sich an, Teil eines Parlaments zu sein, in dem viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen doppelt so alt oder älter sind?
Ich muss sagen, dadurch, dass ich mich vor allem in meiner Fraktion bewege, fällt mir das nicht so stark auf. Von den zehn jüngsten Abgeordneten sind sieben aus der Linksfraktion. Und grundsätzlich geht es ja mehr darum, ob man Verbündete vor Ort hat – da spielt das Alter nicht unbedingt die entscheidende Rolle. Ich weiß einfach, bei uns in der Fraktion sind wir uns in den Inhalten einig. Ich weiß, wir sind die, die sich mit den Reichen und Mächtigen anlegen, damit sich etwas im Land bewegt. Aber klar, wenn ich über den Gang laufe und mir die anderen Abgeordneten anschaue, merke ich schon, dass ich eher jünger bin.
Spielt dieser Altersunterschied im Umgang mit anderen Abgeordneten – gerade auch aus anderen Fraktionen – manchmal eine Rolle?
Das lässt sich nicht pauschal sagen, da spielen viele Faktoren rein. Bei meiner ersten Rede, die sich vor allem an junge Menschen gerichtet hat, hat Jens Spahn dazwischengerufen. Vielleicht, weil ich jung bin, vielleicht auch, weil ich von der Linken bin, oder weil ihm einfach nicht gefallen hat, was ich gesagt habe.
Viele junge Menschen fühlen sich von der Politik nicht vertreten. Warum glauben Sie, ist das so?
Das hat viel damit zu tun, wie Politik insgesamt gemacht wird. Viele Abgeordnete werden gewählt und verschwinden dann in Berlin, ohne noch viel mit ihrem Wahlkreis zu tun zu haben. Sie leben ein ganz anderes Leben – Stichworte Diäten, Zulagen, Fahrdienst. Da entsteht eine Entfremdung. Außerdem sitzen im Parlament nur wenige junge Menschen. Viele sagen mir, dass ihnen in anderen Fraktionen ein junges Gesicht fehlt, mit dem sie sich identifizieren können. Ich würde mir aber auch generell einfach wünschen, dass wir nicht mehr fragen, wo Jugend beteiligt werden muss, sondern dass sie selbstverständlich immer beteiligt ist. Politik sollte nicht nur einzelne junge Stimmen heraussuchen, sondern alle jungen Menschen einbeziehen und gemeinsam mit ihnen gestalten.
Sie haben diese Entfremdung gerade angesprochen: Was tun Sie, um sich nicht von Ihrer Generation zu entfremden?
Nicht nur von meiner Generation, sondern von allen Menschen. Ich bin viel im Wahlkreis unterwegs – was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Ich freue mich schon auf die Sommerpause, um hier noch mehr Zeit zu verbringen und mich mit den Menschen auszutauschen. Außerdem begrenze ich mein Gehalt auf den deutschen Durchschnittslohn von aktuell etwa 2.500 Euro netto. Den Rest spende ich. Den Fahrdienst nutze ich nur im äußersten Notfall. Neulich zum Beispiel, als die S-Bahn ausfiel und wir nachts um eins eine namentliche Abstimmung hatten. Sonst fahre ich mit der Bahn. Besonders wichtig sind mir auch Haustürgespräche, die wir schon im Wahlkampf geführt haben und jetzt weiter führen. So erfahre ich direkt, wo der Schuh drückt. Zusätzlich biete ich Sozialsprechstunden an, in denen Menschen mit ihren Problemen zu uns kommen können. Wir suchen dann gemeinsam nach Lösungen, manchmal unterstütze ich auch finanziell, zum Beispiel bei einer kaputten Waschmaschine. Generell möchte ich vermeiden, ein komplett anderes Leben zu führen als die Menschen, für die ich Politik mache. Diese Entfremdung führt nämlich dazu, dass Politik nicht mehr für diejenigen gemacht wird, die sie eigentlich betrifft – etwa die Intensivkrankenschwester, die nach einer Zwölf-Stunden-Schicht mit dem ÖPNV nach Hause fahren muss, während wir Abgeordneten mit dem Fahrdienst abgeholt werden und ein Gehalt bekommen, das wir in dieser Höhe nicht verdient haben.
Sie sprechen von Spenden: Haben diese einen speziellen Empfänger?
Ich spende nicht an feste Organisationen, sondern verteile es. Ein Beispiel: Im September findet in Passau der CSD statt, dorthin werde ich einen größeren Betrag spenden. Das ist eine Community, die sonst kaum Zugang zu finanzieller Unterstützung hat.
Welche Themen sind Ihrer Meinung nach für die junge Generation am dringendsten?
Zum einen das Erstarken der extremen Rechten. Jugendliche, die als links gelten, und migrantische Jugendliche erleben wieder vermehrt Anfeindungen und Angriffe. Ein weiteres großes Thema ist das Wohnen. Das hat sich auch im Wahlkampf gezeigt. Da gab es zum einen die Rentnerin, die seit Jahren in ihrer Wohnung wohnt, aber auch viele Studierende, Auszubildende und junge Menschen, die uns berichten, dass sie keine Wohnung finden oder ihre Wohnungen zu teuer sind. Deshalb wird das Thema Wohnen unser Schwerpunkt in dieser Legislaturperiode sein.
Hat die aktuelle Regierung dem Ihrer Meinung nach genug Priorität eingeräumt?
Leider nicht. Man merkt, dass die Immobilienlobby großen Einfluss hat. Die Mietpreisbremse wurde zwar verlängert, aber sie bremst nicht wirklich. Es gibt zu viele Schlupflöcher, etwa bei Neuvermietungen oder möblierten Wohnungen. Wir hätten viele Ideen, zum Beispiel einen bundesweiten Mietendeckel, von dem Mieter*innen tatsächlich profitieren.
Auf welche Schwerpunkte legen Sie persönlich in Ihrer Arbeit im Bundestag den Fokus?
Ich bin im Rechtsausschuss, daher liegen meine Schwerpunkte auf rechtlichen Themen. Mir ist aber auch wichtig, dass Abgeordnete den Kontakt zu den Menschen aktiv suchen und sich nicht nur im Büro verstecken. Außerdem möchte ich etwas gegen die stetigen Diätenerhöhungen tun. Es wäre schön, wenn ich nach diesen vier Jahren sagen könnte, dass ich hier Veränderungen angestoßen habe.
Sie betonen diese vier Jahre so: Eine erneute Kandidatur wäre für Sie aber auch vorstellbar?
Das möchte ich jetzt noch gar nicht festlegen. Im Moment geht es darum, wie wir in den nächsten Jahren Politik gestalten können. Über eine Wiederwahl mache ich mir noch keine Gedanken.
Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie gesagt haben, Sie möchten für den Bundestag kandidieren?
Unterschiedlich, aber meist positiv. Ich habe mich ja schon vorher viel ehrenamtlich engagiert, zum Beispiel in der Refugee Law Clinic mit Asylrechtsberatung. Mein Friseur meinte damals: „Solche Leute wie du müssen in die Politik.“ Meine Familie fand es auch gut, hatte aber ein wachsames Auge darauf, wie das mit dem Jura-Studium funktionieren soll.
Und? Wie klappt’s?
Für dieses Semester habe ich ein Urlaubssemester genommen, möchte aber im nächsten weitermachen. Ich bin schon in der Examensvorbereitung, habe keine Präsenzveranstaltungen mehr und kann auch im ICE auf dem Weg zwischen Passau und Berlin lernen. Mein Ziel ist, bis zum Ende der Legislatur mein Staatsexamen geschrieben zu haben.
Hat man Ihnen einen besonderen Rat für Ihre politische Arbeit mitgegeben, der Ihnen heute besonders wichtig erscheint?
Kein spezieller Rat, aber ich habe von allen in meiner Fraktion direkt das Angebot bekommen, dass ich jederzeit anrufen kann, wenn ich Fragen habe. Das hat mir gerade am Anfang sehr geholfen.