Die Organisation International Justice Mission kämpft international gegen moderne Sklaverei. Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender der IJM, spricht über Befreiungsaktionen, die brutalen Methoden der Menschenhändler und darüber, wie das Thema jeden Einzelnen betrifft.
Herr Roller, Sie kämpfen mit Ihrer Organisation International Justice Mission gegen sogenannte moderne Sklaverei. Was kann man sich darunter vorstellen?
Der Begriff ist entstanden, um die moderne von der transatlantischen Sklaverei zu unterscheiden, die wir sofort geschichtlich im Kopf haben. Als diese zu Ende war hat man einen Schlussstrich unter die Sklaverei gezogen. Aber sie ist nie beendet worden, sondern hat sich in anderen Formen etabliert. Es gibt überall auf der Welt rechtsfreie Räume, in denen Geschäftsmodelle entstehen, in denen Menschen verkapitalisiert werden. Im Grunde genommen ist die Ausbeutung dieselbe wie in der transatlantischen Sklaverei. Nur unter anderen Vorzeichen. Es gibt keinen Staat mehr auf der Welt, der das legitimiert. Es gibt dafür keinen gesetzlichen Rahmen mehr. Aber im Kern ist die Ausbeutung oft sogar noch brutaler, weil sie irgendwo im rechtsfreien Raum geschieht.
Wie viele Menschen leben heute in Sklaverei?
Rund 50 Millionen. Diese Zahl wurde von der International Labour Organization (ILO) erhoben. Das ist natürlich nicht auf den Punkt genau. Die Zahl gibt eine Tendenz an, und die ist steigend.
In welchen Ländern passiert das vor allem?
Hauptsächlich in Ländern, in denen Rechtssysteme nicht sehr stark sind. Und in denen sehr viele arme Menschen leben, denn die sind die Zielgruppe von Menschenhändlern. Denn arme Menschen haben keinen Zugang zum Rechtssystem, so wie arme Menschen oft keinen Zugang zu Bildung haben. Oder keinen Zugang zu Gesundheit. Lange Zeit hat man das übersehen. In einem Slum zum Beispiel herrscht ein rechtsfreier Raum. Dort schaut die Polizei nicht so genau hin, und da werden dann Menschen einfach gehandelt, gekauft, weiterverkauft. Es geschieht oft in Ländern in Südasien, wo es zum Beispiel sehr häufig die Schuldknechtschaft gibt. Aber auch in Teilen von Afrika und Lateinamerika findet man ausgeprägte Strukturen moderner Sklaverei. Auch aber in Europa, wenn wir uns das Thema Zwangsprostitution anschauen. Dann haben wir auch in Deutschland eine umfangreiche Form von Sklaverei.
Was muss sich hierzulande da verändern?
Wir müssen hinsehen. Ich sehe, dass es noch ein hohes Maß an Idealisierung von Prostitution gibt. Wo man einen feministischen Ansatz vertritt. Die Selbstbestimmung der Frau, wenn sie ihren Körper verkaufen will, darf sie das. Ja, wir sind nicht gegen Prostitution, aber wir sehen natürlich, dass sich in diesem legitimen Teil bis zu 80 Prozent Zwangsprostitution eingenistet hat. Eine ähnliche Situation wie in anderen Ländern, dass die Polizei und Staatsanwaltschaft kaum dagegen vorgehen können, weil es nicht sichtbar ist. Weil das System so aufgebaut ist, dass die Frauen Angst haben. Weil zum Beispiel der Druck auf die Familie sehr groß ist oder Kinder als Druckmittel genutzt werden. Wir bauen mit IJM eine Brücke in die Länder, aus denen die Frauen kommen. Wir haben Büros in Rumänien, Bulgarien und sehen zu, dass Frauen, wenn sie rauskommen, wieder zurück nach Hause kommen. Und dass sie aber auch vorbereitet werden auf Rechtsverfahren, begleitet und geschützt werden, auch die Familien. Denn es braucht die Aussagen der Frauen, damit Veränderung passiert.
In welchen Bereichen werden Menschen noch versklavt?
Ganz häufig hat es mit einfachen Arbeiten zu tun. Dort, wo menschliche Arbeitskraft billig und wertvoll ist. Wo man sie gut einsetzen kann. Ein großes Thema ist die Schuldknechtschaft. Das heißt, wenn eine arme Familie in Südasien ein Problem hat, zum Beispiel ein Kind wird krank, und man braucht Geld für die Behandlung. Wo geht die Familie hin, um das Problem zu lösen? Die können nicht zur Bank gehen. Die gehen zu einem Geldverleiher. Der gibt ihnen das Geld und sagt, ihr müsst das in vier Wochen zurückzahlen. Zum Beispiel 20 Dollar. Mit 50 Prozent Zinsen. Oft können die Leute das nicht zurückzahlen, und oft ist das System schon so angelegt, dass sie es nicht zurückzahlen können. Dann heißt es, kein Problem, ihr könnt das bei einem Freund von mir abarbeiten. Der hat eine Gerberei und ihr müsst dort als ganze Familie für drei Wochen arbeiten und dann ist alles gut. Aber nach den drei Wochen sind für Unterkunft, Verpflegung, Transport noch mehr Kosten dazu gekommen. Die Leute geraten in einen Kreislauf. Wir haben Menschen befreit, die wegen 20 Dollar in der dritten Generation in der Schuldknechtschaft gearbeitet haben. Oft kommt sexuelle Ausbeutung der Frauen noch dazu. Die Leute sind einfach weggeschlossen, die sind nicht sichtbar.
Haben die Menschen keine Chance, zu flüchten?
Arme Menschen sind meistens an den Rand gedrängt, marginalisiert. Und wenn die dann 1.000 Kilometer weiter weg transportiert werden, kommen sie oft in einen neuen Kultur- und Sprachraum, die wissen nicht, wo sie sind. Weglaufen ist fast unmöglich. Oder die Frau und die Kinder bleiben in der Gerberei zurück, wenn der Mann mal raus geht, der kann nicht weg. Und selbst wenn, dann landet er auf der Straße. Diese Menschen werden oft so kaputt gemacht, dass sie einfach nur noch funktionieren.
Vor allem Kinder werden ausgebeutet …
Da kommen wir zu dem Thema Konfliktmineralien. In meinem Handy, mit dem ich gerade mit Ihnen telefoniere, ist Coltan drin und das kommt aus einer Mine im Kongo. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sind das auch Kinder, die das Coltan aus den sehr wenig gesicherten Minen rausholen. Ich war selbst schon mal vor Ort. Minenbesitzer kaufen sich Menschen, auch Kinder, weil die sehr praktisch sind, wenn es sehr eng wird in den Stollen, auch um Gold und Diamanten und seltene Erden rauszuholen.
Sie haben es gerade gesagt, die Dinge, die wir benutzen. Welche Chancen haben wir, etwas dagegen zu tun?
Der erste Schritt ist anzuerkennen, dass wir Teil des Systems sind. Dazu müssen wir das Schweigen brechen. Wir haben als Verbraucher eine starke Stimme, das sollte man nicht unterschätzen. Bei Textilien zum Beispiel. Ich war erst vor Kurzem in Bangladesch und konnte mir drei der größten Textilfabriken anschauen. Ich habe dort Beziehungen, sodass ich mich darin komplett frei bewegen konnte. Ich könnte Ihnen jetzt all die Labels, die da genäht werden, nennen, sind alle sehr bekannt. Mir ist aufgefallen, dass die Besitzer dieser Fabriken mittlerweile sehr sensibel darauf achten, dass keine Kinder mehr eingesetzt werden. Sie achten darauf, dass die Rahmenbedingungen einigermaßen gut sind für die Arbeiter. Im Gespräch mit drei der reichsten Besitzer erfuhr ich, dass die es sich einfach nicht mehr leisten können. Sie sagten, wenn wir ein oder zwei dieser Fälle in der Fabrik haben, verlieren wir all unsere Aufträge. Weil es die Verbraucher so wollen.
Weil auf die Labels Druck gemacht wird von den Verbrauchern.
Genau. Das ist unsere Macht, die wir haben. Wo wir das Schweigen brechen können.
Ein anderes, grausames Thema ist die sexuelle Ausbeutung von Kindern.
Da geht es um sexuelle Ausbeutung von Kindern im Livestream auf den Philippinen. Männer in Deutschland dürfen zum Beispiel für 50 Dollar, die sie über einen Bezahldienst bezahlen, eine Stunde lang bestimmen, was mit dem Kind geschieht. Vergewaltigung auf die Ferne. Diese Männer werden hier in Deutschland kaum verurteilt. Vielleicht ein Jahr oder ein halbes auf Bewährung. Auf den Philippinen gibt es dafür lebenslänglich. Da muss man die Politik überzeugen. Es braucht die Kraft der Fach-Zivilgesellschaft, so wie die IJM. Ich war mit einer EU-Delegation in Manila, wo wir mit Überlebenden dieser Machenschaften geredet haben. Die haben einen starken Eindruck hinterlassen. Die EU arbeitet momentan an einem umfangreichen Rahmen, dass Kinderschutz den richtigen Platz findet. Auch wenn es um Datenschutz geht. Klar, wir alle wollen Datenschutz. Aber wir müssen auch sehen, dass es Kinderschutz manchmal nötig macht, dass man eingreifen kann, wenn im Internet ein Kind vergewaltigt wird.
Ihre Organisation befreit auch Menschen. Wie geht das vor sich?
Wir haben verdeckte Ermittler, die unterwegs sind. Zum Beispiel kann es auf den Philippinen passieren, dass wir einen Hinweis bekommen auf Kinder, die irgendwo jede Nacht vor die Kamera gezerrt und vergewaltigt werden. Diese Hinweise nehmen unsere Leute auf, teilen das mit den Polizeikräften vor Ort, und dann kommt ein investigativer Prozess in Gang, wo auch unsere Leute vor Ort dabei sind, bis man diese Kinder findet. Da gibt es viele Möglichkeiten, das ist heute hochtechnisch. Dann befreit die Polizei diese Menschen und wir begleiten die Betroffenen. Bei Kindern schließt sich oft eine drei- bis vierjährige Therapie an. Das Tolle ist, zu sehen, wie diese Kinder wieder in ein normales Leben zurückfinden. Narben bleiben, aber sie integrieren sie in ihre Leben. Wir haben Kolleginnen, die selbst mal betroffen waren und nun als Sozialarbeiterinen, Psychologinnen und Anwältinnen tätig sind. Auf den Philippinen hat sich sehr viel verändert. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir bis 2030 dort sexuelle Ausbeutung im Livestream auf fast null reduzieren können.
Wenn Familien aus Schuldknechtschaft befreit werden, wie geht es dann für die Menschen weiter?
Oft sind das viele. Wir hatten schon Befreiungen mit 150 Familien. Da hat man bis zu 600 Leute auf einmal. Dann werden die Menschen erst mal registriert, das kann bis zu zwei Wochen dauern. Denn zum Beispiel Kinder, die in der Schuldknechtschaft geboren wurden, haben keine Geburtsurkunde und existieren für den Staat gar nicht. Wenn diese Kinder verschwinden, würde sich keiner drum kümmern. Man gibt den Menschen dann auch ein Freiheits-Zertifikat, das heißt, sie haben keine Schulden mehr, sie sind frei. Dann erhalten die Menschen Land, auf dem sie sich ansiedeln können. Und bekommen kleine Kredite. Daraus entwickelt sich eine neue, kleine Gemeinschaft. Wir steuern dann noch drei, vier Jahre Leitungstraining bei und helfen, dass die Kinder zur Schule gehen können, dass sie in einer guten Infrastruktur geschützt sind. Ich werde es nie vergessen. Ich war in so einem Dorf, etwa ein Jahr nach der Befreiung. Die Leute hatten ein Haus, der Mann hatte eine Arbeit, er hat Früchte verkauft, die Frau hatte Arbeit. Ich saß mit dem Mann vor der Hütte und hab ihn gefragt: Was ist für dich das Größte, nachdem du befreit worden bist? Was machst du mit deiner Freiheit? Und dann sagte er: Wenn wir so wie jetzt sitzen und in den Sonnenuntergang schauen und ich meinen Kindern bei den Hausaufgaben zuschauen kann, das ist für mich Freiheit.
Was muss in den Ländern passieren, damit das Übel an der Wurzel gepackt wird?
Es gibt entwicklungspolitische Ansätze, die zum Beispiel Armen helfen sollen, dass sie Zugang zu Bildung haben. Oder man baut Brunnen. Man ist mit denen auch im Gesundheitssystem unterwegs. Was man lange übersehen hat und was eigentlich das Kernparadigma für sicheres Leben ist, ist, dass Arme Zugang zum Rechtssystem haben. Deshalb ist diese Ausbeutung möglich. Man muss die rechtsfreien Räume schließen. Dazu gehören Ermittlungen und Befreiungen. Das ist der erste Schritt. Dann ist es wichtig, dass es zu nachhaltigen Gerichtsverhandlungen und zur Verurteilung der Täter kommt, sonst würden sich die Menschenhändler in kurzer Zeit wieder neue Menschen besorgen und versklaven. Deshalb haben wir ganz viele festangestellte Anwälte, die diese Fälle aufnehmen und sie oft zum ersten Mal bis zur Verurteilung durchkämpfen. Und wenn das ein paar Mal in einer Region passiert, dann kollabieren die rechtsfreien Räume. Weil dann das Geschäftsmodell zu riskant und somit nicht mehr lukrativ wird. Innerhalb von fünf bis zehn Jahren kann man in einem Gebiet die rechtsfreien Räume so schließen. Wir arbeiten mit den Regierungen zusammen an wirksamen Vorlagen und Veränderungen für das Rechtssystem. Das alles zusammen wirkt. Wir können das in vielen Gebieten der Erde nachweisen.
Wie blicken Sie in die Zukunft?
Wir sind eine sehr große Organisation und sind in rund 28 Ländern unterwegs. Sklaverei wird es immer noch geben, man wird das nicht auf null bringen können. Aber es muss keine 50 Millionen geben. Es ist eine Kriminalität, die man bekämpfen kann. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir bis 2030 eine massive Reduzierung erreichen können.