Den afrikanischen Sklavenhandel haben die meisten vor Augen, wenn sie an Sklaverei denken. Prof. Dr. Andreas Eckert, Experte auf diesem Gebiet, spricht über Sklavenschiffe, das Leben der Sklaven und wie sie sich auch gewehrt haben.
Herr Prof. Dr. Eckert, wie sahen die Anfänge des afrikanischen Sklavenhandels aus?
Zunächst muss vorausgeschickt werden, dass sich für Afrika vier größere Sklavenhandelskomplexe unterscheiden lassen: der Transsaharahandel, der Indische Ozean, der Atlantik und das subsaharische Afrika. Der Beginn des Sklavenhandels durch die Sahara lässt sich etwa auf das 8. Jahrhundert datieren, kurz nachdem sich der Islam in Nordafrika auszubreiten begonnen hatte. Es gab in Nordafrika ebenso wie in den weiter östlich gelegenen arabischen Gebieten eine hohe Nachfrage nach Sklaven, die in der islamischen Welt und sogar in einigen Gegenden des mediterranen Europas bis in das frühe 20. Jahrhundert anhielt. Die Mehrheit der Sklaven war weiblich, und sie mussten eher selten auf Plantagen schuften, sondern kamen häufig als Bedienstete zu wohlhabenden städtischen Familien in der Mittelmeerregion wie Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten, wo sie im Haushalt eingesetzt wurden. Der Sklavenhandel aus den afrikanischen Anrainerregionen des Indischen Ozeans setzte ebenfalls im Mittelalter ein und erreichte im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Der atlantische Sklavenhandel begann im Rahmen der Zuckerplantagen auf den vor Afrika gelegenen Inseln Madeira und den Kanaren im 13./14. Jahrhundert, für die die Portugiesen und Spanier auch Sklaven aus Afrika einsetzten. Parallel entwickelte sich São Tomé zunehmend als Reservoir für den Nachschub an afrikanischen Sklaven. Vom Festland auf die Insel verschleppt, setzte man sie zunächst auf eigens errichteten und ausschließlich auf Sklavenarbeit basierenden Zuckerrohrplantagen ein, bevor sie nach Madeira und auf die Kanaren weiter transportiert wurden. Die genannten Inseln vor Westafrika dienten gleichsam als Labor, in dem Europäer das logistische und agrartechnische Know-how akkumulierten, das ihnen in den folgenden Jahrhunderten die Ausbeutung der Amerikas erleichtern sollte. Sklaverei existierte in Afrika selbst in verschiedenen Formen bereits vor der vermehrten Präsenz von Europäern im 15. Jahrhundert. Die europäische Nachfrage nach menschlicher Ware verschärfte jedoch rasch Versklavungspraktiken. Der Sklavenhandel wurde in Teilen Afrikas – insbesondere in den Waldlandgebieten längs der westafrikanischen Küste bis zu den Savannen Angolas – bereits ein Jahrhundert später selbst zu einer wichtigen Stütze politischer Herrschaft, zur Grundlage weitverzweigter Handelssysteme, zur Quelle von Reichtum, Einfluss und Macht.
Wie kam man damals darauf, Afrikaner regelrecht zu fangen und zu versklaven?
Nun, da sich niemand freiwillig auf ein Sklavenschiff begeben hätte, war Zwang der einzige Weg, an Sklaven zu kommen, um den rapiden steigenden Bedarf an Arbeitskraft für die Plantagen in den Amerikas zu befriedigen.
Welche Rolle spielten die Europäer?
Die Europäer traten lediglich als Käufer auf und ließen die schmutzige Arbeit der eigentlichen Versklavung andere machen. Ihre immer größere Nachfrage heizte die Versklavung in Afrika entscheidend an. Das Königreich Dahomey etwa entwickelte sich in der Zeit des atlantischen Sklavenhandels zu einer regelrechten Sklavenproduktionsmaschinerie und wurde ein Staat, dessen jährlich wiederkehrende, in der Trockenzeit unternommenen Kriegszüge primär der Gewinnung neuer Sklaven dienten. Diese Sklaven mussten dann im königlichen Haushalt und auf den Feldern schuften. Ein Teil der Versklavten wurde an europäische Sklavenhändler verkauft.
Welche Länder waren denn die zentralen Ziele der Sklavenhändler?
Es ist wichtig festzuhalten, dass entgegen weitverbreiteter Wahrnehmungen Nordamerika (in den Grenzen der heutigen USA) keineswegs das zentrale Ziel der Sklavenhändler war. Brasilien war mit weitem Abstand der wichtigste Importeur von afrikanischen Sklaven, gefolgt von den Karibikinseln Jamaika, Saint-Domingue, dem späteren Haiti, und Barbados. Die Versklavten wurden nach ihrer Ankunft auf ihren gesundheitlichen Zustand untersucht und dann oft wie Vieh auf Auktionen an den Meistbietenden verkauft, der sie in der Regel zu den Plantagenregionen transportierte.
Wie ging es auf den Sklavenschiffen zu?
Die Zustände auf den Sklavenschiffen während der Atlantiküberfahrt (Middle Passage) waren oft unvorstellbar grausam. Geschätzte 1,5 Millionen Sklaven ließen auf der Überfahrt insgesamt ihr Leben. Das Sklavenschiff, oft kleiner und schneller als andere Frachtschiffe, war ein Gefängnis auf See, voller Waffen, um die afrikanischen Gefangenen in Schach zu halten. Ein weiteres Merkmal waren die großen Mannschaften: Denn bereits während der Monate an der afrikanischen Küste benötigte man viele Männer zur Bewachung der zunächst an Land festgehaltenen Sklaven sowie für den Bootsverkehr mit dem Schiff und entlang der Küste. Und während der Überfahrt mussten zahlreiche Matrosen zur Kontrolle abgestellt werden. Nicht ohne Grund, denn viele Afrikaner waren nicht gewillt, ihre Gefangenschaft an Bord passiv zu erdulden. Widerstand auf den Sklavenschiffen ist lange unterschätzt worden, aber inzwischen gibt es Hinweise, dass statistisch jede zehnte Sklavenfahrt über den Atlantik von Revolten begleitet war. Zumeist blieben sie ohne Erfolg und wurden mit massiver Gewalt niedergeschlagen, aber gelegentlich gelang es Sklaven, das Schiff zur Rückkehr an die afrikanische Küste zu zwingen. Zuweilen endete ein Aufstand mit der totalen Zerstörung des Schiffes auf hoher See. Am häufigsten ereignete sich eine Sklavenrevolte, wenn das Schiff in Afrika gerade Segel setzte, denn zu diesem Zeitpunkt realisierten viele Gefangene angesichts der mit gefesselten Menschen vollgepfropften Schiffsrümpfe endgültig, dass sie sich auf einer Fahrt ohne Wiederkehr befanden.
Welche Gegenbewegungen gab es noch und was erreichten diese?
Angesichts der harschen Arbeitsbedingungen blieb Widerstand der Sklaven nicht aus. In der französischen Karibikkolonie Saint-Domingue, dem späteren Haiti, gelang es den Sklaven, selbst die Tür zur Freiheit aufzustoßen. Zwischen 1791 und 1804 mündete eine Sklavenrevolte in eine echte nationale Revolution, aus der Haiti als erster „schwarzer Nationalstaat“ hervorgehen sollte. Politisch wurde die junge Republik von den meisten Staaten fortan jedoch geächtet. Frankreich weigerte sich mehr als zwanzig Jahre, das Land anzuerkennen und gewährte dies erst, als die haitianische Regierung sich bereit erklärte, eine umfassende und langfristig höchst belastende Entschädigung zu zahlen, um die ehemaligen Plantagenbesitzer für ihren verlorenen Besitz abzufinden.
Wo wurden Versklavte überall eingesetzt und wie lebten sie?
Die große Mehrzahl der Versklavten in den Amerikas schuftete auf Plantagen und produzierte die in Europa so begehrten Konsumgüter wie Baumwolle, Zucker, Kaffee und Kakao. Dabei bestimmten Gewalt oder die Drohung von Gewalt etwa das tägliche Leben in den Zuckerkolonien in der Karibik, die Peitsche begleitete als Machtsymbol und Disziplinierungsinstrument den Arbeitsalltag. Die Manager, die die Plantagen für die in Europa lebenden Besitzer leiteten, erhielten in der Regel eine Gewinnbeteiligung und wurden ermutigt, den Output ohne Rücksicht auf Verluste zu maximieren. Die einseitige und unzureichende Ernährung sowie fehlende Möglichkeiten, für den Eigenbedarf Landwirtschaft zu betreiben, führte bei vielen Sklaven zur eingeschränkten Leistungsfähigkeit und erhöhter Anfälligkeit gegenüber Krankheiten. Nur zögerlich teilte man den Sklaven Land zum Lebensmittelanbau zu, auf den sie für ihre Nahrungsversorgung eigentlich angewiesen waren.
Welche Rechte hatten Sklaven?
In Brasilien etwa verfügten Sklaven theoretisch zwar über das vor Gericht einklagbare Recht auf Besitz, auf Freikauf (falls sie den Kaufpreis erbringen konnten) sowie auf Familiengründung. Ihre konkreten Lebensbedingungen hingen aber sehr stark von der jeweiligen Lokalität, der Tätigkeit sowie von der individuellen Einstellung der Besitzer ab. Formal gab es auch im französischen Kolonialreich durchaus rechtliche Regularien, welche die Behandlung (und ein Set von Bestrafungen) für Sklaven festlegten, zugleich auch einige Verantwortlichkeiten der Besitzer definierten. Diese beinhalteten, für die Ernährung und Kleidung der Sklaven Sorge zu tragen und den Sonntag als Ruhetag zu respektieren. Herren, die mit einer Sklavin ein Kind zeugten, waren angehalten, sie zu heiraten und sie und ihre Kinder freizulassen. Die Mehrzahl dieser Vorgaben wurde von den Pflanzern in der französischen Karibik in der Regel jedoch eisern ignoriert.
Wie hat sich die Sklaverei weiterentwickelt und wie wurde sie beendet?
Infolge des Sklavenhandels stieg die Sklavenbevölkerung in vielen Teilen des Kontinents dramatisch an. Die vor allem von Großbritannien forcierte Abschaffung des Sklavenhandels zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigte in Afrika selbst keine sichtbaren Resultate. Im Gegenteil: Der innerafrikanische Sklavenhandel nahm noch zu. Die nachlassende amerikanische Nachfrage an Sklaven wurde durch eine steigende heimisch-afrikanische Nachfrage ausgeglichen. Als die europäischen Mächte die koloniale Eroberung Afrikas vorbereiteten, führten sie immer wieder den Kampf gegen die Sklaverei als Motiv an. Die an Ressourcen und Personal schwachen europäischen Kolonialherren jedoch waren vor allem in der Phase der Etablierung ihrer Herrschaft auf die Kooperation mit lokalen afrikanischen Eliten, oft wichtige Sklavenbesitzer, angewiesen. So erließen die Kolonialmächte zwar nahezu überall Gesetze zur Beendigung von Sklaverei und Sklavenhandel, die Administratoren vor Ort taten in der Regel jedoch nicht viel, um diese auch durchzusetzen. Die Sklaverei verschwand erst langsam und ging in den ersten Jahrzehnten der Kolonialherrschaft in andere Formen der Zwangsarbeit über. So nahm insbesondere in Krisen- oder Hungerperioden, aber auch infolge der Steuerforderungen des kolonialen Staates die Verpfändung von Menschen in zahlreichen Regionen signifikant zu. Theoretisch waren diese Frondienste zeitlich begrenzt. Da jedoch viele Menschen ihre Schulden oder Kredite nie zurückzahlen konnten, blieben viele Verpfändete dauerhaft in sklavenähnlichen Verhältnissen.
Wie viele Menschen wurden damals etwa verschleppt?
Zwischen 12 und 14 Millionen Menschen wurden zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert über den Atlantik zwangsverschifft. Hinzu kommen noch schätzungsweise vier Millionen Menschen, die zwischen 800 und 1900 durch die Sahara getrieben wurden. Die Zahlen für den Sklavenhandel im Indischen Ozean sind höchst spekulativ, aber insgesamt wahrscheinlich höher als im Atlantikhandel, wobei schwarze Afrikaner hier nur eine Minderheit der Versklavten konstituierten.
Wie wurde das Ganze ethisch-moralisch gerechtfertigt?
Das ist ein Riesenthema. Rechtfertigungen von Sklaverei beruhten je nach Zeit und Ort auf religiösen, philosophischen, wirtschaftlichen und sozialen Argumenten. In der Zeit des transatlantischen Sklavenhandels wurden nicht zuletzt rassistische Vorstellungen in Anschlag gebracht, die behaupteten, die „weiße Rasse“ sei von Natur aus überlegen und habe daher das Recht, andere zu versklaven. Häufig versteckte sich ökonomisches Profitdenken hinter religiös-philosophischen Begründungen.