Im Jahr 1860 wurden 110 Menschen illegal als Sklaven aus Afrika in die USA gebracht. Einer von ihnen war Oluale Kossola, später als Cudjo Lewis bekannt, der öffentlich über seine Verschleppung sprach. Gehör fand seine Geschichte aber erst viele Jahrzehnte später.
Es muss eine geisterhafte Szenerie gewesen sein, als das brennende Schiff vor dem Hintergrund des Nachthimmels endgültig in den Fluten des Mobile River versank. Die Frauen und Männer, die wochenlang unter Deck der „Clotilda“ nackt und nahezu ohne Nahrung zusammengepfercht waren, sahen das Schiff verschwinden. Von Sklavenhändlern in den Sümpfen am Ufer versteckt, wurden sie Zeugen, wie der Fluss das letzte Beweisstück des Unrechts, das ihnen zugestoßen war, verschlang – und damit auch den letzten Bezugspunkt, den sie zu ihrer Heimat hatten.
Ihre Geschichte, die ebenfalls für immer versunken schien und nur hinter vorgehaltener Hand von Generation zu Generation weitergegeben wurde, konnte erst über 150 Jahre später in ihrem ganzen Ausmaß greifbar gemacht werden.
Im Jahr 1860 wurden 110 Männer und Frauen aus dem Königreich Dahomey in Westafrika, dem heutigen Benin, als Sklaven in die USA gebracht. Wenn heute von ihnen die Rede ist, hört man oft die Zuschreibung „Die letzten Sklaven“. Ende des 19. Jahrhunderts, als sie aus ihrer Heimat verschleppt wurden, war der Sklavenhandel – wohlgemerkt nicht die Sklaverei selbst – in den USA schon lange verboten. Seit 1807 stand der Handel mit Sklaven unter Strafe, wurde später zum Kapitalverbrechen.
Geschäftsmann und Sklavenbesitzer Timothy Meaher hielt nichts von diesem Verbot, und mit einer Gruppe wohlhabender Freunde wettete er, trotz des sogenannten Act Prohibiting Importation of Slaves Sklaven straffrei und illegal ins Land bringen zu können. Er schickte einen eigens angeheuerten Kapitän nach Afrika. Mit dem Segelschiff „Clotilda“ überquerte dieser den Atlantik und legte an der Westküste Afrikas in Ouidah an. In einer Baracke, Barracoon genannt, harrten dort Tausende Gefangene aus, die für den König von Dahomey die Geschäftsgrundlage für den Handel mit anderen Ländern waren. Der Kapitän suchte 110 Menschen aus, bezahlte und machte sich auf den Rückweg.
Auf Meahers Geheiß war das Schiff, das eigentlich für den Holzhandel gebaut war, für den Transport der Gefangenen umgebaut und mit einem geheimen Zwischendeck als Versteck versehen worden. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurden die Menschen, die aus ihrer afrikanischen Heimat verschleppt worden waren, nach einer wochenlangen Überfahrt schließlich ins Land geschleust.
Am 9. Juli 1860 erreichte die „Clotilda“ die Küste Alabamas und wurde noch am selben Abend in Brand gesteckt und versenkt, um die Straftat zu vertuschen. Die Aktion blieb seitdem ein offenes Geheimnis, über das man in der Gegend nur zögerlich sprach.
Außergewöhnlicher Zeitzeuge
An Bord war auch der 19-jährige Oluale Kossola, der später unter dem Namen Cudjo Lewis zum bekanntesten der „letzten Sklaven“ wurde – und damit auch zu einem der letzten direkten Überlebenden des atlantischen Sklavenhandels. Seine detaillierten Erinnerungen an die Verschleppung und seine Erlebnisse als Sklave gelten heute als wichtiges historisches Dokument.
Kurz nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs 1865 und nur fünf Jahre nachdem die Afrikaner in Alabama angekommen waren, wurde die Sklaverei in den gesamten Vereinigten Staaten verfassungsmäßig verboten. Damit waren auch Cudjo Lewis und alle, die mit ihm der Heimat beraubt worden waren, plötzlich frei. Nur ihre Freiheit war eine, die keine echte war. Allein in einem fremden Land, in einer fremden Kultur und ohne Angehörige taten sie das, was in ihrer Situation wohl überlebenswichtig war: Sie hielten zusammen.
Gemeinsam gründeten sie einen Ort, den sie Africatown nannten, der zu einem sicheren Raum werden sollte, in dem sie Kultur und Traditionen bewahren konnten.
Zu einer Art Sprecher der Gemeinschaft der Sklaven der „Clotilda“ wurde Cudjo Lewis, der nun als freier Mann mit seinem ehemaligen Peiniger Timothy Meaher um Land feilschen musste, auf dem sich die Gruppe niederlassen konnte. Meaher zeigte sich als zäher Verhandlungspartner und verkaufte nur wenig Land. Auch heute gehört ein großer Teil der Ländereien um Africatown herum noch Meahers Nachkommen.
Cudjo Lewis und viele andere der ehemaligen Sklaven schafften es trotzdem, sich niederzulassen. Sie gründeten Familien, gingen einer Arbeit nach, wurden amerikanische Staatsbürger. Die 2022 auf Netflix veröffentlichte Dokumentation „Descendant“ über eben diese Nachfahren der Sklaven der „Clotilda“ zeigt allerdings, dass die Wunden der Vergangenheit auch heute nicht geschlossen sind. In einer Aufnahme fasst eine ältere Bewohnerin die Leerstelle in vielen Biografien zusammen: „Viele schwarze Menschen wissen nicht, woher sie kommen und wer ihre Vorfahren waren. Jeder sucht Antworten.“
Die Aufnahmen für die Dokumentation sind 2018 entstanden. Ein zentrales Element des Films ist die Suche nach dem Schiffswrack der „Clotilda“. Obwohl der atlantische Sklavenhandel über viele Jahre ein exzessiv bearbeiteter Wirtschaftsfaktor in den USA war, sind bis heute nur wenige tatsächliche Sklavenschiffe gefunden worden. Wohl nicht zuletzt, weil das Interesse an der eigenen unrühmlichen Vergangenheit nicht immer allzu groß war.
Für die Bewohner von Africatown, das wird klar, während die Kamera sie begleitet, würde mit dem Fund des Schiffs ein Stück ihrer Biografie greifbar werden, das vorher im Dunkeln lag. Denn ohne einen konkreten Beweis, so heißt es im Film, würde die Geschichte der letzten Sklaven bloß eine Geschichte bleiben.
Fast zeitgleich zur Suchaktion kam 2018 ein Buch heraus, das zum unerwarteten Bestseller wurde und ein weiterer wichtiger Puzzlestein in der Geschichte der „Clotilda“-Sklaven ist. Unter dem Titel „Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven“ wurden die lang vergessenen Memoiren von Cudjo Lewis veröffentlicht. In Gesprächen mit der Anthropologin Zora Neale Hurston hatte dieser im Alter von über 90 Jahren zwischen 1927 und 1928 seinen facettenreichen und schmerzhaften Lebensweg detailliert erzählt.
„Er haut dich mit der Peitsche“
In seinen Erinnerungen zeichnet Lewis ein komplexes und lebendiges Bild seines Lebens vor seiner Verschleppung, von seiner Kultur und den Traditionen seines Stammes. Krieger sollte er werden, er lernte zu jagen und Waffen zu nutzen, um seinen Ort gemäß der Tradition schützen zu können. Als sein Dorf allerdings überfallen wurde, wurde er gefangen genommen und ins Barracoon verschleppt.
Er berichtet auch von der Überfahrt mit der „Clotilda“, wie ihnen die Kleider genommen wurden und sie sich nackt unter Deck begeben mussten. „Auf dem Schiff müssen wir uns gleich im Dunkeln hinlegen“, berichtet Lewis. „Wir bleiben da dreizehn Tage. Sie geben uns nicht viel zu essen. Hatte ich einen Durst! Zweimal am Tag haben sie uns ein klein wenig Wasser gegeben. Ogottogott, hatten wir einen Durst!“ Das Leid ist so groß, dass Lewis sich den Tod wünscht. „Unser Kummer ist so schwer, wir halten ihn kaum aus. Ich denke, vielleicht sterbe ich im Schlaf, wenn ich von meiner Mama träume. O Gott!“, erzählt er.
Lewis berichtet auch von den grausamen Bedingungen später als Sklave auf einem Dampfschiff. „Immer wenn das Schiff am Anleger hält, geht der Aufseher, der Peitschenmeister, das Laufbrett runter an Land und stellt sich hin. Die Peitsche im Gürtel. Er ruft: ,Du da, beeil dich! Mach schnell! Kannst du nicht schneller laufen? Du trägst nicht genug! Beeil dich!‘ Er haut dich mit der Peitsche, wenn du nicht schnell genug läufst, wie es ihm passt. Wenn du keine schwere Last hast, schlägt er dich auch. O Gott! O Gott! Fünf Jahre und sechs Monate war ich Sklave. Ich hab so hart gearbeitet! Mir ist, als sehe ich immer noch alle Anleger vor mir.“
Dass die Aufzeichnungen von Lewis’ Lebensgeschichte letztendlich veröffentlicht wurden, ist Pulitzer-Preisträgerin Alice Walker („Die Farbe Lila“) zu verdanken, die in den 1970er-Jahren ausgiebige Nachforschungen zur damals bereits verstorbenen und in Vergessenheit geratenen Zora Neale Hurston anstellte und dabei das Manuskript mit den Aufzeichnungen entdeckte. Hurston hatte mit dem Roman „Their Eyes Were Watching God“, eine Südstaaten-Liebesgeschichte aus dem Jahr 1937, zwar einen gewissen Erfolg, ihr letzter großer Text war aber unveröffentlicht geblieben. Das Thema schien zu unbequem, die Auseinandersetzung mit der Schuld der Sklaverei in den USA kein Thema von Interesse. Oft wird als Begründung für die Ablehnung zudem die Sprache von Cudjo Lewis genannt, die authentisch in der Verschriftlichung übernommen wird.
Das Sklavenschiff „Clotilda“ wurde nach akribischer Suche 2019 tatsächlich gut erhalten auf dem Grund des Mobile Rivers entdeckt. Die Dokumentation von 2022 zeigt eine emotionale Szene: Bei einem Treffen im Gemeindezentrum in Africatown, kurz nachdem das Wrack gefunden wurde, kommen Bewohner, Stadtvertreter und Suchteams zusammen, um die neuesten Erkenntnisse zu hören. Unter ihnen ein Archäologe, der eine bildliche Rekonstruktion präsentiert, die die Reise der versklavten Vorfahren zeigt: nackte, zusammengedrängte Körper, gefangen unter Deck, auf dem Weg in die Unfreiheit. Während er selbst mit Begeisterung über den Fund spricht, herrscht im Raum bedrückendes Schweigen, denn für die Anwesenden ist die Rekonstruktion nicht nur eine Illustration, sie zeigt auch die Gewalt, die ihre Familien tatsächlich erleiden mussten.
Auch wenn Dinge unter der Oberfläche versunken sein mögen, heißt es nicht, dass sie nicht trotzdem da sind. Das Wiederauftauchen von Cudjo Lewis’ Memoiren wie auch das Finden des Schiffswracks war wichtig für die Nachkommen der Sklaven der „Clotilda“, um Leerstellen in ihren Biografien zu schließen.