ZF sieht trotz der Versprechen des Vorstandes unruhigen Zeiten entgegen. Die Belegschaft fürchtet weiter um Arbeitsplätze. Die langwierige Umstrukturierung, Zölle, mäßige Nachfrage und Schulden drücken auf das Konzernergebnis.
Es knirscht im Getriebe von ZF. Die finanzielle Schieflage, in die einer der größten deutschen Automobilzulieferer geraten ist, hat er zum einen der nur mäßigen Nachfrage nach Elektroautos, der Billigkonkurrenz aus China sowie den deutlich zunehmenden Handelskonflikten weltweit zu verdanken. Teure Zukäufe in den vergangenen Jahren trugen zum anderen dazu bei, den Schuldenstand immens in die Höhe zu treiben.
Demos in ganz Deutschland
Seit mehr als zehn Jahren arbeitet der Konzern an seiner Erneuerung: mittels Zukäufen, Umstrukturierungen, Forderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese haben lange Zeit vieles mitgetragen. Dass jedoch nun eine Produktionsverlagerung nach Ungarn Werke wie jenes in Saarbrücken bedroht, ist zu viel des Guten für die Belegschaft nach all den erbrachten Opfern. Sie machten ihrem Ärger Luft, Demonstrationen in ganz Deutschland zeugen von der Angst vor Arbeitsplatzverlust.
Nun hat Vorstandschef Holger Klein jedoch die weiterhin zentrale Rolle des Saarbrücker Werkes im Konzernverbund betont: Ja, das Werk solle sogar weiterhin größter Arbeitgeber an der Saar bleiben. Dennoch sind die Halbjahreszahlen von ZF tiefrot. Es gehe um die „global stagnierende Fahrzeugproduktion“, den „schleppenden Hochlauf der Elektromobilität“ und die US-Zollpolitik, die Exporte verteuert. Bis Ende September will der Konzern nun mit der IG Metall festlegen, wie die Sparte für Antriebstechnologie (Division E) restrukturiert werden soll. Ein von der Belegschaft befürchteter Verkauf oder eine Partnerschaft scheint damit zwar weiterhin denkbar, aber nicht mehr akut auf der Agenda. Der Konzern will es aus eigener Kraft schaffen.
Bereits seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet ZF an seiner Umstrukturierung, der Transformation der ursprünglich auf Verbrennertechnologie ausgerichteten Produktion. Aufgeschreckt wurden Angestellte beispielsweise bereits 2016. Im Juni des Jahres wurde bekannt, dass der Friedrichshafener Autozulieferer seinen Angestellten Zulagen streichen und Zeitkonten strecken will, trotz des rasant gestiegenen Umsatzes von 30 Milliarden Euro im Jahr 2015 nach zuletzt 18 Milliarden ein Jahr zuvor. Vor und während der Covid-Pandemie kündigte ZF weitere Sparmaßnahmen an, einige ausgelöst durch die Lockdowns und nachfolgende Käuferzurückhaltung weltweit.
Der Sparkurs geht auch in diesem Jahr weiter, und seit Sommer 2024 ist klar: härter als zuvor. Zum 30. Juni 2025 beschäftigte ZF weltweit 157.845 Menschen, das sind gut zwei Prozent weniger als am Vorjahresende (161.631). In Deutschland verringerte sich die Mitarbeiterzahl in demselben Zeitraum nominell ebenfalls um 2,6 Prozent auf 50.683 (Ende 2024: 52.027). Weitere sollen folgen. Bis 2028 will ZF in Deutschland 11.000 bis 14.000 Stellen in Produktion, Verwaltung, Forschung und Entwicklung streichen. Personalvorstand Lea Corzilius sagte noch 2024, dies solle sozial verträglich geschehen. Daran hält der Vorstand weiter fest. Aber die Vorzeichen haben sich verändert.
Massiv verschuldet
Schuld an dem hohen Druck auf ZF ist nicht nur die Nachfrage. Mit seiner Zukaufstrategie in der Vergangenheit hat sich der Konzern massiv mit derzeit 10,5 Milliarden Euro verschuldet. Zusätzliche 600 Millionen Euro Rückstellungen, um die Veränderungen und Arbeitsplatzverluste aufzufangen, bescherten ZF einen Verlust von 1,1 Milliarden Euro, wie im März bekannt wurde. Der Umsatz sank um elf Prozent auf 41,4 Milliarden Euro.
kündigte einen harten Sparkurs an - Foto: IMAGO/Rainer Unkel
Laut den nun vorgelegten Halbjahreszahlen hat ZF von Januar bis Ende Juni 2025 einen Umsatz von 19,7 Milliarden (2024: 22 Milliarden) Euro erwirtschaftet; ein Rückgang von 10,3 Prozent. Der Konzern verzeichnet dabei einen höheren Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern von 874 Millionen (2024: 780 Millionen) Euro, was einer Marge von 4,4 Prozent (2024: 3,5 Prozent) entspricht. Erste Erfolge der Restrukturierung würden sichtbar, hieß es. Unterm Strich schlägt jedoch ein Verlust von 195 Millionen Euro zu Buche
Derweil richtet der ZF-Konzern das Augenmerk auf wettbewerbsfähige Produkte, die Standorte sichern sollen. Gestärkt werden sollen Bereiche mit positiven langfristigen Perspektiven wie die Division Chassis Solutions, die Nutzfahrzeug- und die Industrietechnik sowie das Servicegeschäft. Technologien wie beispielsweise die autonomen Shuttles werden laut CEO Holger Klein nicht mehr weiterverfolgt. Zudem werde bei jeder Produktgruppe geprüft, ob sie ihre Kapitalkosten verdient. Falls nicht, wird sie wohl aus dem Portfolio verschwinden. Produktionsverlagerungen und Schließungen sind in Zukunft ebenfalls denkbar, sollte diese Strategie nicht den gewünschten Erfolg bringen. Denn durch die Akquisitionen der vergangenen Jahre, TRW und Wabco, wurde die ZF-Standortstruktur in Deutschland deutlich erweitert. Nun soll diese eher kleinteilige Standortstruktur in mehreren Phasen in eine „schlankere Standortnetzwerkstruktur“ umgewandelt werden, während die Produktionskapazität an die schwächere Nachfrage angepasst werden soll. Möglicherweise hat sich der Plan der Konzernführung damit zerschlagen, den Hochlauf der Elektroantriebe mithilfe der Verbrenner- und Hybridtechnologie, die der Konzern beherrscht, querzufinanzieren.
Eine Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer wie Ungarn wäre der bislang härteste Schlag für die deutsche Arbeitnehmerseite. Das EU-Land positioniert sich seit Langem als billiger Alternativstandort für die europäische, aber auch chinesische Elektromobilität und profitiert somit auf beiden Seiten des harten Preis- und Konkurrenzkampfes.
„ZF befindet sich im umfassendsten Umbau seiner Geschichte“, sagte Klein bei der Vorlage der Finanzkennzahlen in Friedrichshafen. „Wir sind uns im Klaren, dass wir dabei den Menschen bei ZF viel abverlangen.“ Klar sei jedoch, dass sich die Zulieferindustrie in einer „historisch schwierigen Lage“ befinde, die die Umbaumaßnahmen des Konzerns erschwerten. Die Entscheidung für den Erhalt und den hohen Stellenwert des Saarbrücker Werkes mit seinen 8.500 Angestellten spricht diese jedoch keineswegs von ihrer Angst vor Arbeitsplatzverlust frei. Denn betriebsbedingte Kündigungen mochte Klein nicht mehr ausschließen.