Am 12. August 2000 kam es beim Untergang des russischen Atom-U-Boots „Kursk“ mit 118 Toten zu einer der schlimmsten submarinen Katastrophen der Geschichte. Das tragische Unglück wurde von Präsident Putin für die Modernisierung der Rüstungsindustrie instrumentalisiert – und für die Abschaffung der Pressefreiheit.
Am Morgen des 12. August 2000, einem Samstag, hatten norwegische Seismologen der in Kjeller nördlich von Oslo ansässigen und für die Registrierung von Erdbeben und Kernwaffenexplosionen zuständigen Station „Norsar“ unerwartete Signale aufgezeichnet: Zunächst um circa 9.28 Uhr Mitteleuropäischer Zeit nur einen Wert von 1,5 auf der Richterskala, was lediglich einem sogenannten Mikrobeben entsprach. Doch nur gut zwei Minuten später konnte ein wesentlich stärkeres Signal im Bereich von 3,5 gemessen werden – wofür die norwegischen Wissenschaftler zunächst keine eindeutige Erklärung hatten. Auch wenn der Verdacht nahelag, dass es einen Zusammenhang mit dem am gleichen Tag abgehaltenen Manöver der russischen Nordflotte in der zwischen Norwegen und Russland umstrittenen Barentssee gegeben haben könnte.
Keine Meldung zum vereinbarten Termin
Im direkten Manöver-Gebiet nordöstlich von Murmansk, etwa 250 Kilometer von Norwegen und 80 Kilometer von der Küste der russischen Halbinsel Kola entfernt, hatten die Seeleute an Bord der russischen Kriegsschiffe mit dem Schlachtkreuzer „Pjotr Weliki“ an der Spitze die explosiven Erschütterungen ebenfalls wahrgenommen. Diese hatten sie aber als planmäßigen Teil des laufenden Manövers abgetan. Der Verdacht, dass sich etwas Schreckliches ereignet haben könnte, war erst aufgekommen, nachdem sich die Besatzung des Atom-U-Boots K-141, das auf den Namen „Kursk“ getauft worden war, um 21.30 Uhr nicht mit einem zeitlich zuvor fest vereinbarten Funkkontakt gemeldet hatte.
Die von zwei Reaktoren angetriebene „Kursk“ unter dem Kommando des Kapitäns Gennadi Ljatschin hatte eine beeindruckende Länge von 154 Metern und ein Gewicht über Wasser von gut 14.000 Tonnen. Damit und mit ihrem gewaltigen Waffenarsenal, das unter anderem Marschflugkörper und Torpedos umfasste, war sie so etwas wie der Stolz der russischen Marine und galt noch immer als Symbol militärischer Stärke – in einer Zeit, in der laut „Spiegel“ „die russische Flotte in großen Teilen zu einem Schrotthaufen geworden war“.
Kein Wunder daher, dass die Marineführung umgehend Suchhubschrauber zum letzten bekannten Standort des Atom-U-Boots entsandt hatte. Die „Kursk“ schien zuerst verschwunden, konnte aber wenig später, in der Nacht zum 13. August 2000 um 1.21 Uhr, etwa 100 Seemeilen nordöstlich des Hafens Murmansk auf dem Meeresgrund entdeckt werden. Sieben Stunden später trafen die ersten Rettungsschiffe ein, vernehmbare SOS-Klopfzeichen deuteten darauf hin, dass es in dem bis zu einer Tiefe von rund 110 Metern auf den Ozeangrund abgesunkenen Wrack noch Überlebende geben könnte. Doch mangels hochqualifizierter Technik blieben die eingeleiteten Rettungsversuche erfolglos, weil die russische Flotte nicht über spezielle Rettungs-U-Boote verfügte, sondern lediglich Tauchkapseln einsetzen konnte. Mit denen sollte ein Andocken an der Notausstiegsluke auch nach tagelangem Experimentieren nicht gelingen.
Das Drama wurde zunächst vertuscht. Die russische Marineführung informierte das Moskauer Verteidigungsministerium erst zwölf Stunden nach dem Untergang der „Kursk“. Der im Sommerurlaub am Schwarzen Meer weilende Präsident Putin, der das höchste Amt nach seiner kommissarischen Führung seit der Wahl vom 7. Mai 2000 offiziell innehatte, wurde ebenfalls erst im Laufe des Sonntags eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt hatten auch die USA bereits erste Erkenntnisse über die Katastrophe gewonnen. Die britische Regierung hatte zudem Russland sogleich informell das Angebot unterbreitet, spezialisierte Rettungstauchboote zu entsenden. Das wurde von der russischen Marine allerdings abgelehnt.
Viele Spekulationen kamen auf
Erst am Montag, 14. August 2000, teilten die russischen Behörden ihren Landsleuten das Unglück mit: „In der Barentssee kam es zu einer Schiffshavarie. Ein U-Boot ist gesunken.“ Dieser unbestreitbaren Wahrheit folgten unbeweisbare Beschwichtigungsformulierungen. Strom und Wasser seien an Bord vorhanden, die atomaren Antriebsreaktoren seien sicher abgeschaltet worden. Man stehe in Kontakt mit den Betroffenen, deren Zahl zunächst mit 107 angegeben wurde, obwohl sich tatsächlich 118 Seeleute an Bord befunden hatten.
Die russische Öffentlichkeit war geschockt, noch nie zuvor hatte eine Katastrophe im neuen Russland eine solch große Anteilnahme ausgelöst. Da zunächst noch völlige Unklarheit über die Ursachen herrschte, schossen die Spekulationen ins Kraut. Vom versehentlichen Abschuss der „Kursk“ während des Manövers durch eigene Schiffe über eine detonierte deutsche Seemine aus dem Zweiten Weltkrieg bis hin zum Zusammenstoß mit einem ausländischen U-Boot auf Spionagemission reichten die Theorien. Wobei die russische Marineführung schon am 14. August den Verdacht – „zu 80 Prozent sicher“ – auf zwei US-Boote gelenkt hatte, die tatsächlich als Beobachter des Manövers in der betreffenden Region unterwegs gewesen waren. Allerdings hätten diese wesentlich kleineren U-Boote einen Zusammenstoß mit der riesigen „Kursk“ niemals unbeschadet überstanden.
Stolz und Angst zurückgestellt
Präsident Putin hielt es zunächst nicht für nötig, seine Ferien in Sotschi zu unterbrechen, was ihm heftige Kritik von den seinerzeit noch nicht gleichgeschalteten und teils im Besitz von Finanz-Oligarchen befindlichen Medien eingetragen hatte. Nachdem die letzten Klopfzeichen versiegt waren, entschied sich Russland, Stolz und Angst vor Spionage zurückstellend, am 16. August 2000 endlich zur Annahme der Hilfsangebote aus Norwegen und Großbritannien. Norwegischen Tauchern gelang fünf Tage später das Vordringen zur Notluke und deren Öffnung. Dabei konnten sie die komplette Flutung der Schleusenkammer konstatieren, was die offizielle Bestätigung des Todes aller Bordmitglieder zur Folge hatte.
Zudem hatten die norwegischen Taucher die Vermutung geäußert, dass mindestens zwei Explosionen an Bord für das tragische Unglück verantwortlich gewesen sein mussten. Was letztendlich auch der im Februar 2002 fertiggestellte, aber in weiten Teilen für 25 Jahre zur Geheimsache deklarierte Bericht der staatlichen russischen Untersuchungskommission bestätigen sollte. Demnach habe ein defekter Übungstorpedo eine ganze Kettenreaktion von Detonationen ausgelöst. Eine juristische Aufarbeitung der Tragödie wurde vermieden. Das gegen die Marineführung eingeleitete Strafverfahren wurde noch vor dem ersten Jahrestag des Unglücks eingestellt.
Obwohl Russland keinerlei Details über den Ablauf der Katastrophe öffentlich gemacht hatte, erstellten westliche Experten inzwischen eine wahrscheinliche Rekonstruktion der Ereignisse an Bord. Vermutlich war schon vor dem Auslaufen der „Kursk“ zum Manöver bekannt gewesen, dass ein defekter Torpedo an Bord war. Eine schlimme Wartungsfahrlässigkeit, weil der Torpedo-Typ „65-76 Tolstjak“ besonders berüchtigt und anfällig für Lecks war, bei denen leicht die zum Antrieb verwendete Brennstoffmischung Wasserstoffperoxid austreten konnte. Die Mannschaft konnte genau dieses gefährliche Szenario an dem defekten Torpedo beobachten, weshalb der Kapitän die Anweisung gegeben hatte, das Geschoss gen Meeresboden zu entsorgen. Da der Torpedo aber im Rohr steckengeblieben war, versuchten die Seeleute, das Problem durch Öffnen des Rohrdeckels zu lösen. Dadurch war es zur Ausbildung einer Stichflamme gekommen, die den gesamten Treibstoff des Torpedos zur Explosion gebracht hatte.
Die Flammen und die gewaltige Hitzeentwicklung griffen nun auf den Torpedoraum über und brachten dort nach gut zwei Minuten weitere Torpedos zum Detonieren. Wodurch die Abschnitte I bis IV des aus insgesamt neun Sektoren bestehenden U-Boots (mit dem Reaktorkern in der Mitte) beschädigt wurden und ein riesiges Loch in den Rumpf gerissen wurde, was sogleich zum Sinken des U-Bootes geführt hatte. Ein Großteil der Mannschaft war in Sekundenschnelle tot, aber 23 Seeleute konnten sich in den hintersten Abschnitt IX unweit des Notausstiegs retten. Wie lange sie dort noch im Dunkeln gelebt hatten, bevor sie durch einen aufgrund einer Unachtsamkeit ausgelösten Brand verstorben waren, wird sich nicht mehr feststellen lassen – auch die aufwendige Hebung des Wracks der „Kursk“ durch Spezialisten des niederländischen Konsortiums Mammoet Smit International im Oktober 2001 konnte diesbezüglich trotz der Bergung von mehr als 100 Leichen keine neuen Erkenntnisse liefern.
Putin ging schnell gegen Medien vor
Präsident Putin, für den die Katastrophe so etwas wie seine erste Bewährungsprobe im höchsten Amt des Staates war, entschloss sich, der gegen ihn erhobenen Kritik mit einer späten Offensive zu begegnen. Als erster sowjetischer oder russischer Führer überhaupt wagte er die direkte Konfrontation mit betroffenen Angehörigen eines Unglücks. In einer langen Rede am 23. August 2000 in der Flottensiedlung Widjajewo bei Murmansk präsentierte er sich als Mann des Volkes, versprach den Hinterbliebenen großzügige Ersatzansprüche und konnte damit die anfangs extrem aufgeheizten Gemüter besänftigen. Zugleich aber erlaubte er einen Einblick in sein künftiges politisches Programm: Er kündigte ein scharfes Vorgehen gegen die Medien sowie die gigantische Modernisierung der Rüstungsindustrie an.