Ingrid Gaber lebt im Victor’s Servicewohnen Am Anger in Dudweiler und eröffnet mit einer Ausstellung die neu initiierte Reihe „Kunst Am Anger“. Die ausdrucksstarken Gemälde und Natur-Collagen sind für Interessierte öffentlich zugänglich.
Das Süße muss man sich bewahren, auch wenn das Leben nicht immer süß ist“, sagt Erika Raskop bei ihrer Werkeinführung zur Vernissage und spielt damit auf das Leben von Ingrid Gaber an. Ja, denke ich, wohl dem, der das schafft. Lebenskunst nennt man diese Fähigkeit. Ingrid Gaber steht neben der Laudatorin, ihrer Freundin, und lächelt. Viele der Gäste, Familienmitglieder und Freunde, wissen, worauf die Worte gemünzt sind – ich nicht. Einige Tage später werde ich die 84-Jährige in ihrem Apartment besuchen und feststellen: Ingrid Gaber ist eine Lebenskünstlerin.
An diesem Nachmittag gilt es zunächst, mich auf die Kunst der Ingrid Gaber einzulassen. Das fällt mir nicht schwer. Zum Glück, denn, kann ich nichts mit dem Ausgestellten anfangen – unabhängig davon, ob es sich um Werke von Autodidakten oder Kunsthochschulabsolventen handelt – wird eine Vernissage rasch zur Mühsal. An die 50 Werke höchst unterschiedlicher Art sind zu betrachten.
Selbstbestimmt, aber nicht einsam
Die Location erscheint als Ausstellungsraum genial – und war doch niemals dafür gedacht. Ich befinde mich in der obersten Etage eines Wohngebäudes in einem Apartment mit riesiger Fensterfront und großem Balkon mit Fernsicht. Irgendwann wird hier jemand wohnen. Wer hier einzieht, lernt Stefan Tittelbach kennen. Er ist Residenzberater. Er ist zuständig für die Apartments „Am Anger“ in Dudweiler, die in unterschiedlichen Größen von 44 bis 173 Quadratmeter in drei Gebäuden von der Victor’s Group angeboten werden. Die Wohnungen sind seit Sommer vorigen Jahres bezugsfertig und für Menschen ab 60 Jahren und auch für Senioren mit Handicap geeignet. Wer selbstbestimmt, aber nicht einsam leben will, findet ein neues Zuhause.
Irgendwann ist das Haus zu groß. Die Gartenpflege wird zur Last, das Garagentor klemmt, und beständig kommen weitere Unannehmlichkeiten hinzu. So hat es auch Ingrid Gaber erlebt. Nach einer Besichtigung der Apartments stand für sie rasch fest, dass sie „Am Anger“ einziehen wollte, allerdings galt es vorab erst einmal, ihr Haus zu verkaufen und sich von manchen Dingen zu trennen. Ein Makler war beauftragt, aber dann waren es doch die Nachbarn, eine Familie mit Kindern, die das Haus übernahmen. Nichte und Neffe waren zur Stelle, um Stücke zu sichern, manches fand den Weg ins Sozialkaufhaus, und auch, wenn es anfangs nicht leicht war, sich von vielem zu trennen, als es geschafft war: „Freiheit!“, ruft Ingrid Gaber und fügt lachend an: „Stellen Sie sich vor, ich hatte 40 Übertöpfe.“
Als Stefan Tittelbach die potenzielle Bewohnerin kennenlernte, fand er heraus, dass Ingrid Gaber sich über Jahrzehnte künstlerisch betätigt. Die Idee, noch leerstehende Flächen für Ausstellungen zu nutzen, keimte auf. Vernetzt beim Runden Tisch von Dudweiler stellte der sympathische Kunst-Initiator fest, dass mehrere Autodidakten im Stadtteil ihre Werke zeigen könnten. Die Reihe „Kunst Am Anger“ kann demnach fortgesetzt werden. Ausstellungen in der Wohnanlage zu präsentieren, dabei den Stadtteil einzubeziehen, belebt das Umfeld und schafft Lebensqualität.
„Wir bringen leben ins Haus“
Viele Interessierte waren gekommen, die neue Location kennenzulernen, darunter Inken von Elert-Steinrücken aus Heusweiler. Sie trifft sich beim Künstlerstammtisch Arthausstraße in Dudweiler mit Gleichgesinnten und zeigt sich beeindruckt von der Location mit der „wunderbaren Lichtführung“. Auch sie würde gerne ihre Arbeiten an dem besonderen Ort präsentieren.
Stefan Tittelbach strahlt: „Wir bringen Leben ins Haus!“ Ich erfahre, dass für das „Servicewohnen Am Anger“ Begegnung und Aktivität in den Gemeinschaftsräumen, den Salons, konzeptionell eingeplant ist. Im Vorfeld, und an diesem Spätnachmittag, tragen mehrere Victor´s Mitarbeiter zum Gelingen der Vernissage bei. Aus dem Hut gezaubert wurde die Veranstaltung nicht, das weiß Ingrid Gaber am besten. Ihre Ansprache an die Gäste ist kurz. Sie dankt Stefan Tittelbach und dem Team, und sagt: „Seit 1. Februar 2025 bin ich Bewohnerin der Anlage ‚Am Anger‘. Ich fühle mich wohl. Ich bin sehr glücklich.“
Einige Tage später besuche ich Ingrid Gaber in ihrem Apartment. Es ist genau jenes, das ihr bei der ersten Besichtigung am besten gefallen hatte. Eine Freundin, die sie damals begleitet, sagte später: „Als du hier hereingekommen bist, hast du gestrahlt.“ In ihrem Apartment malt Ingrid Gaber nicht. Wo dann? Ich unterhalte mich mit ihr über ihren Weg zur Kunst. Ihre erste Ausstellung fand in der Handwerkskammer statt, da war sie 74 Jahre alt. Die Location Handwerkskammer stellt einen Bezug zu ihrer beruflichen Laufbahn her. Ingrid Gaber ist Friseurmeisterin und hat 31 Jahre einen Salon in Saarbrücken geleitet, der von ihren früheren Mitarbeitern bis heute weitergeführt wird. Ihrem erkrankten Mann zuliebe gab sie das Geschäft 1996 ab. Fortan widmete sie sich ihm und dem Sport – vorrangig Tennis und Rudern. Das Paar reist viel. Bei einem verregneten Cluburlaub entdeckt sie in einem Kurs die Seidenmalerei. „Die Seidenmalerei gleicht ein bisschen einigen meiner Bilder.“ „Die Mohnblumen!“, rufe ich aus. „Ja, das war eine sehr frohe Zeit“, erwidert sie. Sie erprobt einen neuen Werkstoff, ein Material, das kaum gegensätzlicher zu feiner Seide sein könnte: Speckstein. „Der Stein wird abgebaut, das ist schwer, hat aber Freude bereitet“, erinnert sie sich. Vom Werkstein zum Schmuckstein. Sie gestaltet Schmuck und war damit auf Weihnachtsmärkten unterwegs. „Das hat Spaß gemacht“, sagt sie und fügt an, „keine Kette gleicht der anderen“, wovon ich mich bei der Vernissage überzeugen konnte. Wie entdeckte sie Farbe und Leinwand? Eines Tages macht eine Freundin sie auf die Künstlerin Dorle Frank, die ein Atelier, mit einem die Blicke anziehenden Schaufenster, betrieb, aufmerksam. Ingrid Gaber gefällt, was sie sieht. Das Atelier „EINmal“ befindet sich in Saarbrücken. Seit 17 Jahren nimmt Ingrid Gaber an einer Malgruppe bei Dorle Frank teil. Sie malt in Acryl, nicht mit dem Pinsel, sondern mit Spachteln.
Experimente mit Rost und Holz
Ingrid Gaber spricht unvermutet einen Satz, als handle es sich um die banale Aufzählung einer Einkaufsliste: „2018 wurde ich blind, 2019 ist mein Mann gestorben, 2020 hatte ich eine Hüftoperation.“ Während ich versuche, die Tragweite des Gehörten auszuloten, sagt sie: „Ich kann sehen, dass sie einen weißen Schal anhaben und dunkelhaarig sind.“ Ingrid Gaber hatte an beiden Augen einen Augeninfarkt erlitten, dem lange Krankenhausaufenthalte folgten. „Ich war blind und bin Witfrau geworden, das war sehr traurig für mich. Diese traurige Zeit drückt man auch in Bildern aus.“ Mir erklärt sich nun die Gegensätzlichkeit der Gemälde teilweise auch in der Wahl der Farben. Ingrid Gaber ist stark sehbehindert. Sie malt weiter. „Jetzt habe ich wieder mehr Farbe drin und bin wieder offener“, erklärt sie. Trifft sie sich mit der Malgruppe, mischt ihr Dorle Frank die Farben vorab an. Sie experimentiert für Collagen mit Rost, mit Holz oder Rauputz. Die Werkstoffe kann sie fühlen.
„Das Akzeptieren, dass es bei mir so ist, das habe ich sehr früh getan, sonst wäre ich todunglücklich. Ich mache noch viele Dinge“, sagt die Lebenskünstlerin und wiederholt: „Es klingt vielleicht für viele ein bisschen schmalzig, aber ich bin glücklich.“