„Umsturz im Kinderzimmer“ war der Titel der ersten 4-Track-EP von Der Moderne Man. Ja, so hießen 1980 Platten und Bands auf Labels mit Namen wie No Fun Records. Es war beileibe keine unbeschwerte Zeit. Nachrüstung und Atomkraft sorgten (nicht nur) die Jugend. Gesellschaftliche (Ab-)Spaltungen waren ebenfalls vorhanden. Doch es gab zugleich enorm kreative Gegenkulturen – vor allem in der Popmusik. Punk und New Wave beispielsweise, die hierzulande bald als entfesseltes Sammelsurium in der Neuen Deutschen Welle münden sollten.
Der Moderne Man aus Hannover zählte nie zur Speerspitze, aber von Szene-Kennern wird ihre zweite, nun wiederveröffentlichte LP „Unmodern“ (1982) bis heute als „kleine Schwester“ von Fehlfarbens „Monarchie & Alltag“ verehrt. Zu Recht. Köstlich, wie Sänger Mattus Simon und seine Combo sich beherzt und leidenschaftlich in diese zehn wundersamen Lieder warfen!
Die geheimnisvolle Verführerin „Anakonda“ besticht mit irrem Geklapper und feistem Bass-Puls.
„Blaue Matrosen“ geriet mit seinen legendären Keyboard-Schleifen zu einer der ergreifendsten und verrücktesten homoerotischen Hymnen aller Zeiten. Das Saxofon auf „Nur die“ pflügt hemmungslos durch Jazz-Gefilde, „Nicht warten“ ist so mitreißend (und philosophisch) wie das Beste von Ideal, und „Bis ans Ende der Welt“ hätte eben mühelos auch auf „Monarchie & Alltag“ gepasst.
Der Titelsong „Unmodern“ hat jene zeitlosen Zeilen: „Roboter machen die Musik… schrille, stumpfe Mechanik“.
Ja, „Laut“ (wieder mit fantastischem Saxofon) wollte Der Moderne Man sein. Aber auch: anarchisch, verspielt, augenzwinkernd. Sie waren es. Ramones und Joy Division zählten zu den Einflüssen.
Eine ergänzende Compilation mit dem Titel „Jugend forscht“ enthält Singles, EPs und Alternativversionen und mit „Für Frau Krause“ das ewige Highlight ihres Schwanengesangs „Neues aus Hong Kong“ (1983). Besser konnte es gar nicht mehr werden, denn dann kam der Split. Aber hey – die Band steht wieder auf Bühnen, ein neues Album ist geplant.