El Bocho zählt zu den profiliertesten Streetart-Künstlern der Welt. Seine wahre Identität hält er geheim. Ein Besuch in seinem Berliner Atelier.
El Bocho – der Name klinge wie der eines mexikanischen Wrestlers, habe mal ein Journalist gesagt. „Der hat sich dann gewundert, dass ich nicht tätowiert bin und keine Bierflasche in der Hand hatte“, sagt El Bocho. Es ist ein trüber Montagmorgen in Berlin. El Bocho hat einen Kaffee in der Hand, die Kapuze seines Hoodies auf dem Kopf und erklärt, warum er nicht nur wegen solcher Bilder im Kopf von Journalisten mit diesem Namen hadert. Den Namen hat ihm sein WG-Mitbewohner gegeben, als er in Spanien studiert hat. Das Wort habe in Spanien viele Bedeutungen. In Deutschland schaffe es Distanz. Distanz zwischen ihm als Künstler und seinem Publikum.
„Ich will frei arbeiten“
El Bocho, das klinge in Deutschland fremd. „Leute denken auf Ausstellungen, sie müssen Spanisch oder Englisch reden – das schafft Distanz. Dabei bin ich sehr deutsch – so wie ich arbeite. Pünktlich sein, ordentlich liefern – sehr deutsch“, sagt er. „Ich würde ihn heute nicht mehr so nehmen“, ergänzt er nach einer kurzen Pause. Respekt zu haben vor den Menschen, die er „das Publikum“ nennt – das ist El Bocho nicht nur wichtig, es macht seine Kunst aus. Seine Kunst soll echt sein.
Das klingt beim ersten Hinhören schräg aus dem Mund eines Mannes, der ein Phantom ist. El Bocho hält seine Identität geheim. Die Einladung in sein Atelier ist verbunden mit der Pflicht zur Verschwiegenheit. Es ist in Berlin, der Stadt, in der er seit 2006 lebt und arbeitet. Berlin – keine weiteren Hinweise. Beim Fotografieren muss darauf geachtet werden, dass nichts in den Blick gerät, was einen Hinweis auf den Ort geben könnte.
Geheimniskrämerei als Masche? Ein deutscher Banksy? „Ich will frei arbeiten. Das geht am besten, wenn man anonym ist“, erklärt der Mann, von dem immerhin bekannt ist, dass er 1978 in Frankfurt am Main geboren ist und – nicht in seiner Geburtsstadt – Grafik-Design studiert hat. „Wenn ich nachts rausgehe, dann suche ich Ecken, die runtergekommen sind“, sagt er. Es gehe ihm nicht darum, die Straßen zuzumüllen, sondern „die Stadt zu bereichern“. Aber das sei eben nicht legal. „Die Kunst im öffentlichen Raum muss kompromisslos sein, möglichst ohne Leute zu verletzen oder zu schaden – man darf aber nicht fragen“, lautet sein Streetart-Ansatz.
In Deutschland werde ihm „nicht viel passieren“, wenn er erwischt wird, glaubt El Bocho. Es gibt immerhin sogar einen ehemaligen Bundespräsidenten, der ein Bild von ihm im Büro hat. Im Ausland sei das allerdings anders. Und El Bocho arbeitet international. Im Oktober hat er eine Ausstellung in Tokio. Er wird vor Ort sein und „da auch auf die Straße gehen“ – im Schutz der Dunkelheit und mit den Tricks, schnell und unerkannt zu arbeiten, die er sich in gut zwei Jahrzehnten antrainiert hat.
Aber in Japan sei das schwieriger als in Deutschland – Menschen wie er werden dort „verfolgt“. Als er in Tokio ein riesiges Fischskelett drapiert hat, gab es einige Aufregung. „Ich habe eine Woche dran gearbeitet, die Polizei hat es nach fünf Stunden mit einem Kran entfernt“, erinnert er sich. Wäre damals bekannt gewesen, wer er ist, oder sollten im Oktober Werke von ihm an Häuserwänden auftauchen, dann könne es passieren, dass man ihn am Flughafen festnimmt. Deshalb die Anonymität.
Und, na ja, auch das: „Ich will auch nicht im Supermarkt an der Kasse vollgequatscht werden, weil ich ein Interview im Fernsehen gegeben habe.“ Bei Ausstellungseröffnungen ist er zwar manchmal anwesend, aber da herrsche ein absolutes Fotografierverbot, solange er im Raum ist. Daran halten sich die Fans, sagt er. Meistens zumindet. Wenn doch mal jemand versuche, ein Foto von El Bocho zu machen, dann seien das fast immer Menschen über 70, „die aus der Hüfte heraus Fotos machen“ – die Sicherheitsleute löschen dann die Bilder und diese Gäste fliegen raus.
„Die Straße hat mehr Power“
Manchmal gelinge es, mit nächtlichen Kunstaktionen im öffentlichen Raum, eine „Welle zu starten“. „Es kommt vor, dass lokale Künstler dann weitermachen“, auch wenn sie sich in Gefahr begeben. El Bocho sieht es als eine „Verpflichtung, als Künstler den öffentlichen Raum zu bespielen“. Ja, seine Werke hängen inzwischen auch in Museen und für viel Geld in Galerien überall auf der Welt. Aber: „Die meisten kennen die Straßenbilder.“ Was in Galerien passiere, sei nur eine „Weiterführung“. „Die Straße hat mehr Power“, sagt El Bocho, denn: „Den öffentlichen Raum verändern, da steckt viel Energie drin. „In der Galerie erreicht man nur bestimmte Menschen, auf der Straße erreicht man viele.“
Oft seien es nur kurze Kontakte mit der Kunst, die dann aber in den Menschen weiterarbeiteten. Die auffälligsten Werke El Bochos zeigen seine „Citizens“, junge, freundlich oder melancholisch schauende Frauen in bunten Farben. Und das ist seine Little Lucy, eine Figur, die er aus der tschechischen Serie „Luzie, der Schrecken der Straße“ entliehen hat. El Bochos Little Lucy tötet ihre Katze – immer wieder. Mal ist sie erhängt, mal unter eine Gabelstaplerpalette begraben.
Tote Katzen – im Ernst? Er kenne „viele Fans von Little Lucy, die auch Katzen haben“, sagt El Bocho. Und: „Sie ist ein Kind, das Katzen tötet, man kann ihr nicht böse sein – und die Katzen haben ja neun Leben.“ In diesen Tagen sind Little-Lucy-Katzen in Berlin aufgetaucht, die einen Pfeil in der Brust haben – einen der absteht, keinen aufgemalten. El Bocho geht mit dieser Figur in die Dreidimensionalität. In seinem Atelier liegen auch schon Teile, die er zu dreidimensionalen „Citizens“ zusammensetzen wird – demnächst, nachts.
„Ich will nicht in einem Stil gefangen bleiben, wie ein Volksmusiksänger, der immer dasselbe Lied trällert“, erklärt er dazu. Deshalb gebe es auch keine stilistische Ähnlichkeit zwischen den „Citizens“ und Little Lucy und ihrer Katze. Und es gibt weitere Motive, mit denen er spielt– allerdings seltener. Gezeichnete Überwachungskameras zum Beispiel. Die Kameras unterhalten sich – „das könnten auch die Opas in der Muppetshow sein, die Sprüche raushauen“, sagt El Bocho. So könne er „schnell auf gesellschaftliche und politische Dinge reagieren“, allerdings mit einem Augenzwinkern. „Andere Künstler zeigen Kameras zu negativ, ich wollte etwas anderes machen“ – seine Kameras seien deshalb „etwas depressiv, weil sie immer auf den Boden schauen und nie den Himmel sehen“.
Zurzeit arbeitet er auch an Häusern auf Stelen – auf Leinwand und dreidimensional. „Warten auf die Flut“ nennte er die Serie, die er allerdings nur für Galerien produziert. Im öffentlichen Raum, befürchtet er, „würden sie direkt geklaut“. Das sei natürlich mit zunehmender Berühmtheit ein Problem geworden: „Dadurch, dass die Arbeiten einen Wert haben, werden sie geklaut und veräußert.“ Manchmal gehe er deshalb selbst noch einmal zu seinen öffentlich angebrachten Plakaten, um sie „mit dem Cuttermesser zu zerschneiden, damit man sie nicht als Ganzes ablösen kann“.
Was den Wert der Werke steigert: Es sind Originale. Von Hand gemalt, keine Kopien oder Drucke. Jedes Werk, das auf der Straße hängt, sei „so aufwendig wie die Kunst auf Leinwänden“, versichert El Bocho. „Man muss viel Zeit, Geld und Energie reinstecken“, aber seine Kunst in den Galerien oder Museen sei nichts ohne die auf der Straße.
KI-Kunst ist für El Bocho respektlos
Eine aussterbende Kunst? „Auf der Straße wird zu viel mit Kopien und Drucken gearbeitet. Ja, man macht Fehler, wenn man mit Originalen arbeitet, mit denen muss man weiterarbeiten. Aber da muss eine junge Generation nachkommen, die sagt: Wir machen das im Atelier mit dem Pinsel – das ist immer was anderes als ein Druck – da fehlt die Magie. Ich habe das Gefühl, ich muss das weitermachen, bis die Generation kommt, die das übernimmt. Wahrscheinlich werde ich noch mit 80 durch die Straßen laufen. Aber einer muss es machen“, sagt El Bocho. Dennoch: „Ich glaube, dass der öffentliche Raum viele Möglichkeiten, viel Potenzial hat, das noch nicht ausgeschöpft ist.“
„Selbst jedes Plakat einzeln malen, an der Säge stehen“, das bedeutet für El Bocho auch „gegen die KI-Sache anarbeiten mit traditionellem Handwerk“. Es sei respektlos, Menschen von KI produzierte Kunst vorzusetzen. Er sei mit Illustratoren befreundet. „Da merkt man die Angst“ – die Angst, durch KI ersetzt zu werden. Seine Erfahrung: „Bei Künstlern ist es anders: Da geht es nicht nur ums Werk, sondern um das, was dahintersteckt – die Geschichte, die dahintersteht. Man schätzt das Publikum wert, und das Publikum schätzt den Künstler wert.“
Wenn man Menschen frage, ob sie fünf Künstlerinnen oder Künstler nennen können, dann sei das kein Problem. „Aber fünf Illustratoren kennt niemand. Wir müssen auch diesen Menschen mehr Präsenz geben“, fordert er. Er selbst werde anonym bleiben. Wobei er nicht ausschließe, dass irgendwann Werke in den Straßen Berlins oder einer anderen Stadt irgendwo auf der Welt auftauchen, die von El Bocho sind, aber mit einem anderen Namen gezeichnet sind – von einem neuen Phantom.