Drei Fragen: Tektonische Landschaften – getanzt
Vom 13. bis 30.8. läuft „Tanz im August“, das mittlerweile 37. Internationale Festival Berlin. Bereits im dritten Jahrgang ist Ricardo Carmona der künstlerische Leiter.
Herr Carmona, Sie vergleichen das Festival mit einer tektonischen Landschaft.
Tektonische Platten stehen als Metapher für das Festival und die Gesellschaft. Beide bewegen, verschieben, verändern sich, erzeugen neue Visionen und Bilder. Künstler*innen sind Teil und Anreger dieses Prozesses.
Innerhalb von 18 Tagen erleben an zehn Spielstätten 20 internationale Produktionen insgesamt 54
Performances. Was sind einige
der Highlights?
Marlene Monteiro Freitas erzählt in „NÔT“ von Liebe und Krieg, Gefängnis und Freiheit. Die Korea National Contemporary Dance Company nutzt das Gleichnis Dschungel, um über Gewicht und Tiefe unserer Existenz mit ihren flüchtigen Momenten nachzudenken. In „Borda“, dem portugiesischen Wort für Grenze, Schwelle, Dekor, fragt Lia Rodrigues, wie man Grenzen und somit Widersprüche überwinden kann. Mit Materialien wie Stoffen und Plastik kreiert sie energetische Bilderwelten. Entstanden ist „Borda“ übrigens in einer der größten Favela von Rio de Janeiro, wo Rodrigues ihr Studio und ihre Schule hat.
Auffällig ist diesmal der Umgang mit internationaler Folklore.
Viele Choreograf*innen, besonders der jüngeren Generation, versuchen, traditionelle Formen und zeitgenössischen Tanz zusammenzubringen. So verschmelzen etwa Volkstänze und elektronische Tex-turen, wird über irische Folklore eine Lebensgeschichte aufgefächert. Ein anderes Stück über indigene Mythen nähert sich der poetisch-philosophischen Dimension der nordafrikanischen Wüste als einer Landschaft, die Bescheidenheit und Miteinander verlangt. Inka Romaní rekonstruiert in „Fandango Reloaded“ einen traditionellen Tanz, der im Spanien unter Franco verboten war, und verbindet ihn mit Breaking und House. Weitere Themen sind Älterwerden, Digitalisierung, Tanz als Mittel gegen Entfremdung.
Interview: Volkmar Draeger
Infos unter: www.tanzimaugust.de
Kulturverführung
Festival: Der „Sommer im Park“ wandert nach vier erfolgreichen Konzerten im Körnerpark in Nord-Neukölln weiter nach Britz auf das Dach des Kulturbunkers. Passend zu den Feierlichkeiten von 650 Jahre Britz gibt es dort am 16. und 23. August jeweils um 18 Uhr ein Konzert. Im Begleitprogramm ab 16 Uhr sind ein Graffiti- und Streetart-Workshop, ein Afrobeat-Tanz- und Trommel-Workshop, ein Rap-Workshop sowie Bastelangebote und Kinderschminken geplant. Das Ganze umsonst, ohne Konsumzwang und für alle. Das Programm wird vom 31. August bis 21. September im Nordpark (Park beim Ritterburgspielplatz) fortgesetzt – und zwar immer sonntags um 17 Uhr mit einem Konzert und den Workshops ab 15 Uhr. Kulturbunker, Rungiusstraße 19, 12347 Berlin; Nordpark, Ursulinenstraße 14, 12355 Berlin; Infos: www.berlin.de/kunst-und-kultur-neukoelln/veranstaltungen/sommer-im-park/
Museum: Ob Blaue Mauritius, Rohrpost oder die legendäre Enigma-Maschine: Auch in den Ferien gibt es im Museum für Kommunikation jeden Sonntag um 15 Uhr unter dem Motto „Vom Faustkeil bis zum Smartphone – die Geschichte der Kommunikation“ eine Führung durch die Höhepunkte der Sammlung. Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, 10117 Berlin, Informationen: www.mfk-berlin.de
Gesprächsrunde: Die Germanistin und Sprachvermittlerin Li Yuan aus China, der belgische Autor und Historiker David Van Reybrouck sowie stellvertretend für den inhaftierten türkischen Kulturförderer Osman Kavala dessen Ehefrau, die Sozialwissenschaftlerin Ayşe Buğra, sprechen am 29. August, 19 Uhr, im Humboldt Forum über ihr Engagement für Kultur, Bildung und Zivilgesellschaft. Sie alle sind Preisträgerinnen und Preisträger der Goethe-Medaille 2025. Die Autorin und Journalistin Shelly Kupferberg führt durch den Abend. Ebenfalls im Humboldt Forum zeichnet Deutschlandfunk Kultur am Tag davor, 28. August, von 11.50 bis 13 Uhr ein Gespräch mit Maren Kroymann auf. Für ihre „Vision, Politik und Zivilgesellschaft mit Kunst und Kultur zusammenzubringen“ bekam sie das Bundesverdienstkreuz. Sie hat vier Grimme-Preise und die Carl-Zuckmayer-Medaille – die Liste der Auszeichnungen, die die Satirikerin, Schauspielerin und leidenschaftliche Hörkunst-Macherin Maren Kroymann bislang erhalten hat, ließe sich fortsetzen. Seit den 1980er-Jahren schreibt Kroymann TV-Geschichte von „Oh Gott, Herr Pfarrer“ über Auftritte im „Scheibenwischer“ bis hin zur „Nachtschwester Kroymann“ als erste Satireshow einer Frau in der ARD. Gemeinsam mit vier Brüdern ist Kroymann in einem musisch geprägten Elternhaus in Tübingen aufgewachsen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit den Einflüssen der 1960er-Jahre sei „eine Art emotionaler Energie“, verriet sie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal. Humboldt Forum im Berliner Schloss, Schloßplatz, 10178 Berlin, Informationen: www.humboldtforum.org
Martin Rolshausen