Manfred Sander bringt mit einem ehrenamtlichen Projekt Menschen ganz spontan zu Gesprächen zueinander. Der „Plaudertresen“ in Kleinmachnow soll helfen, Gesprächskultur zu fördern und soziale Isolation zu überwinden.
Es ist an diesem Donnerstagmittag nicht viel los vor dem Rathaus und auf dem Markt der Gemeinde Kleinmachnow, einer kleinen Ortschaft unweit von Berlin. Die Sonne brennt vom Himmel, nur wenige Händler haben ihre Stände aufgebaut, und ein Einkaufsbummel scheint in dieser Affenhitze kein wirkliches Vergnügen zu sein. Doch davon unbeeindruckt schleppen einige Männer und eine Frau zwischen Rathaus und Supermarkteingang vieles heran, was auf einen geplanten öffentlichen Auftritt hinweist: eine Lautsprecherbox, aus der ein Lied in Dauerschleife ertönt, eine Stelltafel, einen ovalen Tresen, Wasserflaschen, Kaffee und Gebäck. Dann beginnen sie mit dem Aufbau des „Plaudertresens“, unter dem man sich auf den ersten Blick nichts Rechtes vorzustellen vermag. Die Organisatoren kennen jedoch die skeptischen Blicke der vorbeischlendernden Passanten. Um nicht mit der Werbeaktion einer politischen Partei, von Tierschützern oder Mobilfunkanbietern verwechselt zu werden, wird die mitgebrachte Tafel gut sichtbar für jedermann aufgestellt. Mit Filzstift und in Druckbuchstaben wurde in knappen Sätzen aufgeschrieben, worum es hier gehen soll: ein kleines Gespräch, Zuhören, ein ehrliches Wort, jeder Passant und jedes Thema sind willkommen. Und tatsächlich, die ersten Fußgänger bleiben stehen, gucken neugierig und überrascht, aber noch halten sie Abstand.
Sanders Vater war Kriegsgefangener
Auf die Idee, fremde Menschen, egal welchen Alters und welcher Herkunft, an einem Tresen zu einem Gespräch, einer lockeren Plauderei einzuladen, kam Manfred Sander, ein dynamischer, wortgewandter Berliner. Es mag wohl auch an seiner rauen, schwierigen Kindheit und Jugend gelegen haben, dass der 68-Jährige sich später zu einem hilfsbereiten, sozial engagierten Menschen entwickelte. Sein Vater, traumatisiert von seinen Erfahrungen in Stalingrad und während der Kriegsgefangenschaft, fand sich nach seiner Heimkehr in der zerbombten Heimat nicht mehr zurecht. Der Sohn Manfred litt unter der strengen Erziehung und auch dem Alkoholismus seines Vaters. Die Mutter war fromm, liberaler und weicher als ihr Mann, aber auch überfordert und hilflos. Das Verhältnis zu seiner Schwester, die stets bevorzugt wurde, blieb unterkühlt. Nach dem frühen Tod des Vaters und den Schwierigkeiten, durch gemeinsame Heimarbeit die Familie halbwegs über Wasser zu halten, quälte Manfred Sander schon während der Schulzeit die Frage, wie dieses Durchschlagen als Einzelkämpfer überwunden werden kann. Anderen zu helfen und sich gemeinsam aus der Isolation zu befreien, wurde ihm immer wichtiger. Mit 26 legte er sein Fachabitur ab, studierte Wirtschaftskommunikation und Dipl.-Kaufmann und arbeitet in der öffentlichen Verwaltung. Psychologie und Pädagogik hatten ihn schon immer interessiert. Dass Kommunikation, Verständnis und Zuhören besonders wichtig sind, erfuhr er vor allem in jener Zeit, als er ab 1991 im Rahmen des Personalaufbaus Ost in der Wirtschaftsförderung in Berlin-Köpenick arbeitete. Es war anfangs nicht einfach, sich als Wessi Gehör zu verschaffen, denn die waren nicht sonderlich gut gelitten. Aber das schreckt Manfred Sander nicht ab. Irgendwann wurde er von den Kollegen akzeptiert und geachtet. Knapp zehn Jahre später ließ er sich parallel als Telefonseelsorger ausbilden, ein Ehrenamt, das ihn mit Lebenssinn und Hoffnung ausfüllte. Als er sich später, nach langer Krankheit, zum Seniorentrainer weiterbilden ließ, reifte nach seinen vielfältigen Erfahrungen mit Problemen gerade einsamer Menschen die Idee, den „Plaudertresen“ zu gründen. Immer klarer wurde ihm bewusst, wie sich menschliche Kommunikation mittlerweile verändert hat: Heute, so seine Erfahrung, wird sie zunehmend oberflächlich, hektisch. Und reale Begegnungen mit respektvoller Gesprächskultur werden – gerade durch die allgegenwärtige Dominanz sozialer Medien – immer seltener.
„Einsamkeit macht körperlich krank“
Viel früher als im jüngsten Bericht der Weltgesundheitsorganisation erfuhr er, was mittlerweile unbestritten ist: „ Jeder sechste Mensch weltweit ist von Einsamkeit betroffen. Einsamkeit und soziale Isolation machen demnach psychisch und körperlich krank. Hingegen können starke soziale Beziehungen nicht nur zu mehr Wohlbefinden beitragen, sondern auch zu besserer Gesundheit und längerem Leben.“
die beim „Plaudertresen“ mitarbeiten - Foto: AXEL SVEHLA
Nachdem er seine Idee zur Gründung des „Plaudertresens“ im Internet bei nebenan.de veröffentlichte, meldeten sich spontan knapp 40 Interessierte, um ehrenamtlich mitzuarbeiten. Rentner, IT-Spezialisten, Juristen unterschiedlichen Alters, mehr Frauen als Männer. Ein gutes Dutzend kam zu einem ersten Treffen zusammen und nun haben sie hier in Kleinmachnow, unterstützt von der Kommunalpolitik, ihren Stand aufgeschlagen.
Um eine tolerante Gesprächskultur wieder zu stärken und die zunehmende soziale Isolation zu überwinden, macht der „Plaudertresen“ ganz unaufdringlich all jenen Bürgern ein Angebot, die Lust auf ein gutes Gespräch haben – unabhängig vom Alter und der Lebenssituation. Das gilt ganz besonders für jene, die sich ansonsten eher zurückziehen und keine regelmäßigen Gesprächsangebote haben. Hier wird kein Thema vorgegeben, und hier soll auch niemand für einen Verein oder konkrete Forderungen gewonnen werden. Ist die erste Skepsis überwunden und erfahren die Interessierten, dass sie tatsächlich keine Petition oder einen Handy-Vertrag unterschreiben sollen, reagieren die meisten mit wohlwollendem Interesse.
Freundlich, niemals belehrend
Einmal im Monat bauen nun Manfred Sander und andere Freiwillige ihren Stand in Kleinmachnow auf. Noch befinden sie sich in der Pilotphase, um weitere Erfahrungen zu sammeln, auszuwerten und ihr Angebot zu verbessern. Und schnell werden zahlreiche Herausforderungen klar: Es gilt, gegenüber dem fremden Menschen den richtigen Ton zu treffen, freundlich und niemals belehrend aufzutreten. Weitere Orte der Begegnung zu finden, die den ersten Kontakt erleichtern und vielleicht die zentrale Botschaft erfahrbar zu machen: Ein gutes Gespräch kann den Tag verändern – oder sogar das Leben.
Beim „Plaudertresen“ handelt es sich um ein ehrenamtliches Projekt. Die Getränke, die Materialien, der Stand und der ganze Transport – das alles begleichen die Freiwilligen aus eigener Tasche. Wetterfest sind der Tresen und das Banner zum Beispiel noch nicht. Umso hilfreicher, wenn lokale Behörden unbürokratisch Standgenehmigungen erteilen und von sich aus auf diese Initiative aufmerksam machen. Ganz klar und unbedingt notwendig ist für Manfred Sander aber, sich mit ähnlichen Initiativen – wie zum Beispiel dem „Silbernetz“ – zu verbinden und die Angebote langfristig zu sichern und auszubauen.
Auf dem Marktplatz von Kleinmachnow gibt es Sitzgelegenheiten für die Passanten, immerhin. Aber wer sich hier niederlässt, schaut auf die Fußgängerzone und den Eingang des Rathauses. Um sich in Gruppen oder an Tischen, einander gegenübersitzend, für eine Unterhaltung niederzulassen, eignen sich die flachen Bänke kaum. Plaudereien finden eher in den umliegenden Restaurants und Cafés statt. An anderen Orten ist der öffentliche Raum eher ungemütlich hergerichtet, wenn überhaupt. Fußgängerzonen können auch ungemütlich sein. Sich draußen einfach mal bequem niederlassen zu können, ist das eine. Vielleicht wichtiger aber scheint die Bereitschaft, das stumme Nebeneinander-Hocken, das Starren auf das Smartphone und die Musik aus den Kopfhörern einfach mal sein zu lassen.
Stattdessen dringt, als Ermunterung für die vorbeischlendernden Passanten, aus dem kleinen Lautsprecher, der neben dem „Plaudertresen“ aufgebaut wurde, ein kleines Lied, gesungen von einer freundlichen Frauenstimme: „Red mit mir – am Plaudertresen, kein Skript, kein Muss, kein großes Wesen. Nur Du und ich – ein ehrliches Wort, ein kleines Gespräch am richtigen Ort. Red mit mir – auch wenn’s leise beginnt, weil echtes Zuhören beim Sprechen gewinnt. Keiner hat hier was zu verkaufen, wir lassen die Themen einfach laufen. Alt trifft Jung, ganz ohne Plan – und jede Geschichte fängt irgendwo an.“ Wer stehenbleibt und einigen Strophen zuhört, kann und möchte vielleicht sogar angesprochen werden.