Der Rauswurf von „Ober-Bulle“ Christian Horner erschütterte die F1-Welt. Die Nachwehen sind noch Wochen nach dem Überraschungs-Coup zu spüren. Und die Gerüchteküche brodelt deutlich heißer als üblich.
Die kurze, zweiwöchige Sommerpause nach Halbzeit der F1-Saison wäre unter normalen Umständen eine relativ ruhige, erholsame und weniger nervenaufreibende Zeit gewesen. Zwölf von 24 Rennen hatten die Piloten absolviert, und die Medienvertreter hätten einen Gang zurückschalten können. Wir hätten dann die „Silly Season“ erlebt. Dieser Begriff bedeutet im Deutschen so viel wie Saure-Gurken-Zeit oder auch Sommerloch. Das ist die Zeit, in der Medien über triviale oder wenig wichtige Themen berichten, oft aufgrund einer Nachrichtenflaute.
Doch die Tage und Wochen nach dem Silverstone-GP waren alles andere als eine Flautezeit. Die Verantwortlichen des österreichischen Energydrink-Konzerns sorgten in der Saure-Gurken-Zeit für einen Paukenschlag bei Red Bull (RB). Wie aber kam dieser zustande? Wir blicken zurück.
Zwei Tage nach dem zwölften Lauf, dem Grand Prix von Silverstone, erwischte es den mächtigen Bullen-Teamchef Christian Edward Johnston Horner mit einer Hiobsbotschaft eiskalt. Dienstagabends wurde dem völlig ahnungslosen Briten mitgeteilt, dass er mit sofortiger Wirkung freigestellt und von seinen operativen Aufgaben entbunden ist. Für den 51-jährigen Horner brach eine Welt zusammen. Der geschasste Teamchef sei geschockt und sprachlos gewesen, berichtete ein Vertrauter Horners.
Drahtzieher hinter der gezielten Attacke war Oliver Mintzlaff (49), seit November 2022 Geschäftsführer und Sport-Boss des RB-Konzerns. Der thailändische Eigentümer, die Familie Chalerm Yoovidhya, Mark Mateschitz (33), Sohn des verstorbenen Imperiumgründers Dietrich Mateschitz, und Motorsport-Boss Dr. Helmut Marko (82) stehen voll und ganz hinter dem Personalbeben. Mintzlaff verabschiedete den erfolgreichen Teamchef und verkündete in einer Pressemitteilung:
„Wir möchten Christian Horner für seine außergewöhnliche Arbeit in den letzten 20 Jahren danken. Mit seinem unermüdlichen Einsatz, seiner Erfahrung, seiner Expertise und seinem innovativen Denken hat er maßgeblich dazu beigetragen, Red Bull Racing als eines der erfolgreichsten und attraktivsten Teams in der Formel 1 zu etablieren. Ich danke ihm für alles, Christian – du wirst für immer ein wichtiger Teil unserer Teamgeschichte bleiben.“
Nach mehr als 20 Jahren ist die Ära Horner Geschichte. Beim F1-Einstieg von RB zur Saison 2005 wurde Christian Horner zum Teamchef bestellt. Mit 31 Jahren war er der jüngste Mannschaftsführer seiner Zeit. Unter seiner Regie entwickelte sich RB vom Party- und Mitläuferteam zum Spitzenteam. Unter Horners Führung wurden acht Fahrertitel (vier mit Vettel und vier mit Verstappen), sechs Konstrukteurspokale und 124 Grand-Prix-Siege eingefahren. Dank dieser Erfolge hatte der thailändische Mehrheitseigner (51 Prozent) immer seine schützende Hand über den Teamchef gehalten – selbst in der Skandalzeit, die mit Beginn der Saison 2024 von schweren Anschuldigungen einer ehemaligen Mitarbeiterin Horners geprägt war. Die persönliche Assistentin hatte Horner „unangemessenes, grenzüberschreitendes Verhalten“ und „Machtmissbrauch“ vorgeworfen. Mit Rückendeckung der Konzernspitze durfte Horner bleiben. Aber Risse wurden offenkundig. Trotz „Freispruch“ nach einer Untersuchung durch eine externe Kommission hat sich der Leitbulle angreifbar gemacht. Er war angeschlagen. Den österreichischen Bossen war ein Dorn im Auge, dass so viel vom F1-Erfolg auf einem Team beruht, das im „Horner-Land“ Großbritannien beheimatet ist. Nach dem Tod von Red-Bull-Patriarch Dietrich Mateschitz im Oktober 2022 überkam Horner die Machtgier. Er stattete sich mit einer Machtfülle aus, die schon beängstigend war. Horner war nicht nur Chef von Red Bull Racing, sondern kontrollierte das komplette operative Formel-1-Geschäft von RB mit mehreren Firmen. Zudem übernahm er den Vorsitz bei der Technik- und Motorenabteilung sowie der Marketing-Sparte.
Generell hätten sich die Strukturen seit dem Tod von Mateschitz geändert, stellte Sky-Experte Ralf Schumacher fest: „Die Seite von Christian Horner hatte mehr Einfluss. Er hatte Dinge umstrukturiert und wichtige Mitarbeiter wie Star-Designer Adrian Newey und weitere Top-Führungskräfte ziehen lassen. Das hat nicht funktioniert. Das Auto wurde immer schlechter und der Unmut im Team immer größer. Das hat er nicht in den Griff bekommen.“ Für Schumacher sei Horner „erfolgsverwöhnt“ gewesen. „Er machte den Job seit über 20 Jahren und hat sich ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein erarbeitet. Aber das hat am Ende dazu geführt, dass die Spirale immer weiterging und die Entscheidung, ihn zu entlassen, überfällig war.“
Rauswurf kam nicht aus dem Nichts
Die „Causa“ Horner, die vernichtende sportliche Talfahrt, die stetige Abwärtsentwicklung der letzten anderthalb Jahre, der personelle Aderlass vieler leitender Ingenieure und Aerodynamiker sowie der drohende Abgang von Serien-Weltmeister Verstappen, dessen fehlendes Bekenntnis zu Red Bull für die Saison 2026 ausstand, brachten das Fass zum Überlaufen. Für die Konzernspitze in Fuschl am See genug Argumente, die Reißleine zu ziehen und ein Zeichen zu setzen. Ihr Ziel: Verstappen unbedingt halten und mit ihm aus dem sportlichen Tief herauskommen. Verstappens Dominanz bröckelte schon 2024, und in dieser Saison konnte er von 13 Rennen nur zwei gewinnen. Der Rauswurf kam aber nicht völlig aus dem Nichts – er lag in der sich seit Langem angestauten dicken Luft. Überraschend war nur das Timing. Horner hatte noch einen Vertrag bis 2030. Er soll ein Jahressalär von geschätzten neun Millionen Euro eingestrichen haben.
Und mittendrin in dem ganzen Schlamassel: Max Verstappen. Er war in einer emotional schwierigen Lage. In den vergangenen Monaten hatten Gerüchte über einen Verstappen-Wechsel zu Mercedes nochmals spürbar Fahrt aufgenommen. Seit über einem Jahr halten sich diese Spekulationen hartnäckig. Mit dem unsanften Rauswurf seines Chefs wurden die Wechselgerüchte nochmals heftig befeuert. Für seinen Verbleib bei dem Team aus Milton Keynes soll der Niederländer Veränderungen in der Führungsstruktur und ein besseres Auto gefordert haben. Sein Verhältnis zu Horner galt über Jahre als unerschütterlich. Mit einem „Danke für alles, Christian“ hat sich Verstappen in einem Instagram-Beitrag von seinem Chef verabschiedet. Ein Bild zeigt ihn und Horner bei einer Umarmung.
Ein knallhartes Geschäft
Mehr oder weniger klare Worte fand Verstappen bei seinem ersten Auftreten nach dem Horner-Rauswurf am Medientag vor dem Belgien-GP. In der überfüllten RB-Hospitality im Fahrerlager von Francorchamps stellte der Vierfach-Champion klar, was hinter vorgehaltener Hand oft gemunkelt wurde: Das Verstappen-Lager (Fahrer Max, Vater Jos und Manager) hätte sich in der Vergangenheit öfter für Rücktrittsforderungen stark gemacht. Verstappen vor der Weltpresse: „Ich habe keinen Druck gemacht, Horner abzusetzen. Ich bin auch nur über den Schritt informiert worden. Das Management hat beschlossen, das Schiff in eine andere Richtung zu lenken.“
Die Formel 1 sei ein knallhartes Geschäft, Verantwortliche würden kommen und gehen. „Solche Dinge können passieren. Ich bin nur der Fahrer, andere entscheiden das“, sagte der 65-malige GP-Sieger. Verstappen vermied direkte Kritik an Horner und erzählte, dass er mit seinem Ex-Chef im Austausch stehe. Dass Horner weg ist, habe jedenfalls „keinen Einfluss“ auf seine Zukunftsentscheidung, betonte Verstappen. Es sei weiterhin das Ziel, „dass ich bis zum Ende meiner Karriere hier fahre“. Und er erkannte: „Das Leben ist unvorhersehbar, aber ich bin glücklich darüber, wo ich bin.“ Laut Vertrag wird der Ausnahmekönner dann bis 2028 dort sein, wo er jetzt ist – bei den Bullen.
Damit dürfte die Fahrersituation auch bei Mercedes geklärt sein. Auf die Frage, ob die Stammpiloten George Russell und Kimi Antonelli auch 2026 die Mercedes-Fahrer sein werden, antwortete Teamchef Toto Wolff gegenüber dem ORF: „Die Fahrer müssen auch wissen, woran sie sind. Wir haben immer versucht, uns an diese Regel zu halten. Und das werden wir auch diesmal so machen.“ Diese Zukunftsentscheidung sieht vor, dass erst einmal alles beim Alten bleibt und der Teamchef weiter an seinem aktuellen Fahrer-Duo festhält. „Die Fahrtrichtung ist, dass wir mit George und Kimi weitermachen wollen. Das ist erste Priorität. Es sind alle auf dem neuesten Stand“, informierte der „gute Wolf(f)“.
Die Nachfolge von Horner war schnell geregelt. In einer Pressemitteilung hat Red Bull eine logische Wahl bekanntgegeben: Laurent Mekies (48) wird der neue Chef von Verstappen und führt das Team. Der Franzose war seit 2024 Teamchef des RB-Schwesterteams Racing Bulls (vorher Toro Rosso). Mekies verfügt als Chefingenieur und Ferrari-Sportdirektor über viel F1-Erfahrung. Schon beim ersten Rennen ohne Horner stand Mekies beim Belgien-GP als neuer Verstappen-Chef auf der Kommandobrücke. Mit dessen Sprintsieg gelang ihm ein Einstand nach Maß. Im Rennen fuhr Verstappen auf Platz vier.
Trotz aller Querelen und Scharmützel sorgte Yuki Tsunoda, Teamkollege von Verstappen, während des Bullen-Bebens zumindest kurzzeitig für Erheiterung. Vor dem Belgien-GP nutzte der Japaner einen Kurzurlaub zur Entspannung in Italien. Dort passierte ihm ein Missgeschick. Yuki verlor sein Handy. Wo? Mitten im Comer See. In den Tiefen des stillen Wassers ist es abgetaucht. Auf Instagram postete der „kleine Bulle“ sein Malheur mit Humor: „Ganz nebenbei, falls jemand beim Schwimmen im Comer See ein Handy findet, sagt Bescheid“, schrieb er. Ein Aufruf, der auch von seinem Team nicht unbeachtet blieb. „Wenn ihr in der Gegend des Comer Sees seid, helft Yuki bitte, sein Handy zu finden“, postete das Team auf X, gefolgt von einer Karte, die Tsunodas Handy mitten im See ortet. Bei allem Ernst doch noch ein bisschen Spaß.