Das Meisterteam der Füchse Berlin bleibt weitestgehend zusammen. Die langfristige Planung macht sich nun bezahlt. Am wichtigsten ist aber ohnehin, dass der Schlüsselspieler bleibt.
Diese Sätze von Mathias Gidsel machten zumindest die Fans der Füchse Berlin hellhörig – und nervös. „Barça war für mich immer der größte Verein der Welt. Für mich ist Spanien ein unglaubliches Land und Barça ein unglaublicher Club“, sagte der Welthandballer der spanischen Zeitung „Mundo Deportivo“. Im Wappen des FC Barcelona stecke „eine Menge Geschichte und Größe“, meinte der Däne. So weit, so gut. Doch dann ergänzte der Rückraumstar der Füchse auch noch: „Ich hoffe, dass ich eines Tages für Barça spielen kann.“ Und schon befürchteten nicht wenige, dass „eines Tages“ womöglich schon die kommende Saison bedeuten könnte.
Gidsels Aussage sorgt für Aufregung
Zwar hat der 26-Jährige erst im vergangenen Winter seinen ohnehin langfristig bis 2028 laufenden Vertrag nochmals um ein Jahr verlängert – inklusive einer Gehaltsaufstockung. Doch Verträge bedeuten im Profigeschäft oft nur, dass sich der abgebende Verein mit einer Ablösesumme trösten kann. Wechselwillige Spieler zum Bleiben zu zwingen, gelingt in der Regel nicht –
zumindest nicht konfliktfrei und nicht ohne negativen Einfluss auf den sportlichen Erfolg.
Doch es darf bezweifelt werden, dass Gidsel aktuell tatsächlich Wechselgedanken hegt. Er hat mehrfach betont, wie wohl er sich in Berlin und speziell bei den Füchsen fühlt. Es war vor allem Gidsel, der das Champion-Gen zu den Berlinern brachte. Der Olympiasieger und Weltmeister trieb alle an – auf und neben dem Parkett. Er wollte in jeder kniffligen Situation den Ball haben, Verantwortung übernehmen, das Team führen. Dafür wird er von den Fans bewundert, von den Mitspielern geschätzt –
und von der Konkurrenz gefürchtet. Die starken Emotionen nach dem Gewinn der ersten Meisterschaft am Ende der Vorsaison dürften diese Verbindung eher verstärkt haben.
Deswegen sagte Gidsel in dem Interview auch, dass es für ihn momentan „unglaublich“ sei, „in der Bundesliga zu spielen, in all diesen Arenen voller Zuschauer. Man muss jeden Tag kämpfen und sein Bestes geben, und ich denke, das ist es, was mich auszeichnet – dass ich versuche, jedes Spiel sehr gut zu spielen.“
Das tat Gidsel auch in den ersten Vorbereitungsspielen auf die kommende Saison, die für die Füchse als Titelverteidiger eine ganz besondere sein wird. Beim 54:26 gegen den Berliner Oberligisten BTV 1850, dem dritten Sieg im dritten Testspiel, knüpfte Gidsel schon wieder da an, wo er in der vergangenen Saison aufgehört hatte. Der erfolgreichste Feldtorschütze der Bundesliga erzielte sieben Treffer und präsentierte sich bereits in guter Spiellaune – genau wie seine Teamkollegen, die schon wieder richtig Lust auf Handball zu haben scheinen.
Zuvor hatte es ungefährdete Siege gegen die Oberligisten TV Schiffdorf (53:23) und den Plauer SV (52:15) gegeben. „Ich glaube, wir konnten mit schönem Handball begeistern, und ich hoffe, dass wir viele Fans für unsere Heimspiele gewinnen konnten“, sagte Trainer Jaron Siewert. „Auch positiv anzumerken ist, dass sich niemand verletzt hat.“
Mit voller Kapelle ging es ins Trainingslager in den Spreewald, wo Siewert mit der Mannschaft „noch mal gezielter an Inhalten arbeiten“ wollte. Dort standen auch weitere Testspiele auf dem Plan, ehe es am 23. August in München wieder ernst wird: Der Supercup gegen Pokalsieger THW Kiel ist der Pflichtspielauftakt – und die erste ernsthafte Standortbestimmung.
Während es beim deutschen Rekordmeister aus dem hohen Norden nach dem enttäuschenden vierten Platz und dem Verpassen der Champions League zu einem größeren Kaderumbruch kommt, bleibt das Berliner Meisterteam weitestgehend zusammen. Jetzt zahlt sich die langfristige Planung aus. Im rechten Rückraum ist Gidsel – zumindest auf dem Papier – noch bis 2029 dabei. Im linken Rückraum steht sein Landsmann Lasse Andersson, der kaum weniger Qualität mitbringt, noch bis 2027 unter Vertrag. Genauso lange sind die Torhüter Lasse Ludwig und Dejan Milosavljev an den Verein gebunden. Noch mindestens zwei Spielzeiten soll auch Kreisläufer Mijailo Marsenic im Füchse-Trikot auflaufen, Max Darj und Lukas Herburger haben noch bis 2026 Vertrag.
Der im Winter nachverpflichtete Rechtsaußen Leo Prantner hat inzwischen bei den Füchsen bis 2029 verlängert. „Leos Tempospiel und seine Wurfvariabilität lassen ihn zu einem der besten Außen der Liga werden“, meinte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. Als neuer Nationaltrainer Italiens hat er ein besonderes Auge auf Prantner, der auf Rechtsaußen gemeinsam mit Hakun West av Teigum für Torgefahr sorgen soll. Auf Linksaußen teilen sich der junge Nationalspieler Tim Freihöfer und der routinierte Spanier Aitor Ariño die Spielzeit.
Für die leichte Problemzone im zentralen Rückraum haben sich die Füchse mal wieder in Dänemark bedient: Vom dänischen Topclub GOG Handbold kommt Tobias Gröndahl. Der Norweger soll in die Fußstapfen von Club-Ikone Paul Drux treten, der seine Karriere im Herbst verletzungsbedingt beendet hat.
„Nachdem uns Paul Drux nun ja als Sportler verlassen hat, waren wir auf der Suche nach einem Spieler, der dem Kader noch einmal Impulse geben kann“, erklärte Hanning. Gröndahl soll dieser Spieler sein: „Er kann gemeinsam mit Nils Lichtlein und Fabian Wiede die Mittelposition einnehmen“, so Hanning, „und ich bin fest davon überzeugt, dass wir einen tollen Jungen und guten Sportler für die Füchse gewinnen konnten.“
Auch Sportvorstand Stefan Kretzschmar ist vom Neuzugang vollauf überzeugt: „Ich finde, dass er hervorragend zu uns passt und uns das gewisse Etwas geben kann. Er ist ein torgefährlicher Spielmacher, der gut Strategie und Regie führen kann. Er passt von seiner Mentalität sehr gut zu uns.“ Das schnelle und variable Spiel des Meisters aus der Abwehr heraus sei auch die Stärke des Norwegers, analysierte Kretzschmar.
Der Sportvorstand selbst steht noch bis Saisonende unter Vertrag – genau wie Meistercoach Siewert. Dass beide Schlüsselpersonen bis Redaktionsschluss noch nicht verlängert hatten, sorgte für Unruhe im Umfeld des Clubs. Man werde die Sache in diesem Sommer „in aller Ruhe besprechen“, verkündete Präsident Frank Steffel. „Wir hören uns die Planungen der beiden an und brauchen bis spätestens zum Winter Klarheit.“
Immense Bedeutung für den Verein
Ob aber Trainer und Manager wirklich so lange warten? In der Szene hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Lemgos Trainer Florian Kehrmann ab dem kommenden Sommer bei den Füchsen übernehmen könnte. Doch ungeachtet dieser Personalien ist allen Beteiligten klar, dass die aktuell wichtigste Person im Verein ein Spieler ist.
„Mathias Gidsel hat eine immense Bedeutung für den Verein und die Entwicklung der Mannschaft“, sagte Sportvorstand Kretzschmar. Deshalb müsse der Club auch alles dafür tun, den Leistungsträger zu halten – für die kommende Saison und möglichst wirklich bis Vertragsende 2029.
Der Linkshänder wird sich die Entwicklung innerhalb des Clubs genau anschauen. Bislang hielten Mannschaft und Umfeld einigermaßen Schritt mit dem dänischen Ausnahme-Handballer. Die jüngste Vertragsverlängerung sei auch „ein Versprechen“ des Vereins gewesen, sich weiterzuentwickeln, erklärte Kretzschmar. Daran wird Gidsel die Verantwortlichen messen.