Nach wie vor zählt der Herzinfarkt zu den häufigsten Ursachen für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Todesfälle. Cristina Tuicaru, Oberärztin für Kardiologie am Marienhaus Klinikum Saarlouis, erklärt die wichtigsten Risikofaktoren, typische Symptome und aktuelle Behandlungstandards.
Frau Tuicaru, wie würden Sie einen Herzinfarkt fachlich definieren, und welche pathophysiologischen Prozesse spielen dabei die entscheidende Rolle?
Ein Herzinfarkt ist eine lebensbedrohliche, akute Durchblutungsstörung des Herzens, die durch einen plötzlichen Verschluss oder eine starke Einengung einer oder mehrerer Herzkranzarterien verursacht wird. Die zugrunde liegenden Prozesse beginnen meist mit der Atherosklerose, einer chronischen Erkrankung der Gefäße, bei der es im Laufe der Zeit zu Ablagerungen von Kalk und Fett in den Gefäßwänden kommt. Diese sogenannten Plaques führen zu Engstellen in den Herzkranzgefäßen und behindern die normale Blutzirkulation.
Kommt es in einer solchen Engstelle zu einer Plaqueruptur, also einem Aufbrechen der Ablagerung, wird das körpereigene Gerinnungssystem aktiviert. Es bildet sich ein Blutgerinnsel, auch Thrombus genannt, das das betroffene Gefäß verstopfen kann. Dadurch wird die Blutzufuhr zum dahinterliegenden Herzmuskelabschnitt unterbrochen. Da das Herzgewebe jedoch dauerhaft auf Sauerstoff angewiesen ist, entsteht in dieser Region ein akuter Sauerstoffmangel. Wird dieser Zustand nicht schnellstmöglich, idealerweise innerhalb weniger Stunden, behoben, stirbt das betroffene Herzmuskelgewebe unwiederbringlich ab.
Aus diesem Grund ist eine schnelle Reaktion von entscheidender Bedeutung. Sowohl der Patient selbst als auch der Rettungsdienst, der Notarzt und der Kardiologe müssen möglichst rasch handeln, um den Schaden so gering wie möglich zu halten und lebensbedrohliche Komplikationen zu vermeiden.
Ein Herzinfarkt kann jedoch sehr unterschiedlich verlaufen. Ist nur ein kleines Gefäß betroffen, kann er sogar unbemerkt bleiben oder nur milde Symptome hervorrufen. Wird hingegen ein großes Herzkranzgefäß verschlossen, kann dies zu schwerwiegenden Folgen führen, etwa zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen oder im schlimmsten Fall zu einem plötzlichen Herzstillstand.
Welche Ursachen und Risikofaktoren sind aus Ihrer Sicht heute am häufigsten für die Entstehung eines Herzinfarkts verantwortlich? Gibt es dabei Unterschiede zu früheren Jahrzehnten?
Die wichtigste Ursache für einen Herzinfarkt ist nach wie vor die Atherosklerose, ein Prozess, bei dem es im Laufe der Zeit zu Ablagerungen von Fett und Kalk in den Gefäßwänden kommt. Dieser Prozess kann grundsätzlich als eine normale Altersveränderung betrachtet werden. Allerdings gibt es bestimmte Risikofaktoren, die die Entwicklung und das Fortschreiten der Atherosklerose deutlich beschleunigen oder verstärken können. In der Medizin werden diese als kardiovaskuläre Risikofaktoren bezeichnet, da sie nicht nur das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen, sondern auch für andere vaskuläre Ereignisse wie etwa einen Schlaganfall oder den akuten Verschluss von Beinarterien eine wesentliche Rolle spielen.
Zu den allgemein bekannten Risikofaktoren zählen das männliche Geschlecht, eine Hypercholesterinämie. also erhöhte Blutfette oder eine Fettstoffwechselstörung, eine positive Familienanamnese, also das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Verwandten ersten Grades, sowie Übergewicht und ungesunde Ernährung. Hinzu kommen arterielle Hypertonie, also Bluthochdruck, Diabetes mellitus, auch bekannt als Zuckerkrankheit, Nikotinkonsum, Bewegungsmangel, übermäßiger Alkoholkonsum, Drogenkonsum und chronischer Stress.
Ein wesentlicher Unterschied im Vergleich zu früheren Jahrzehnten zeigt sich insbesondere in der zunehmenden Häufigkeit der Adipositas. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation und der World Obesity Federation betrifft dieses Problem heute vor allem die Industrieländer, aber längst nicht mehr ausschließlich. Auch in Deutschland wird erwartet, dass in den kommenden zehn Jahren jede dritte Person an Adipositas leiden könnte. Adipositas selbst stellt bereits einen eigenständigen kardiovaskulären Risikofaktor dar. Hinzu kommt jedoch, dass die durch Übergewicht verursachten Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Bewegungsmangel weitere Risikofaktoren darstellen. Diese Kombination verstärkt das Risiko für einen Herzinfarkt erheblich und wirkt in ihrer Summe nahezu exponentiell.
Wie sieht der typische Verlauf eines Herzinfarkts aus, von den ersten Symptomen bis zur akuten Behandlung? Und welche Warnzeichen sollten Patienten unbedingt ernst nehmen?
Ein Herzinfarkt kann scheinbar ganz plötzlich, also „aus heiterem Himmel“, auftreten. In vielen Fällen berichten Patientinnen und Patienten jedoch rückblickend, dass bereits im Vorfeld Symptome bestanden, die oft über längere Zeit hinweg ignoriert oder fehlinterpretiert wurden. Typisch für solche Vorboten ist die sogenannte Angina-pectoris-Symptomatik. Dabei treten Brustschmerzen zunächst unter starker körperlicher Belastung auf, später bereits bei leichter Anstrengung und in fortgeschrittenen Fällen sogar in Ruhe. Wenn solche Beschwerden auftreten, ist es wichtig, frühzeitig ärztlichen Rat einzuholen, zunächst beim Hausarzt oder Kardiologen. Bestehen die Symptome jedoch in Ruhe, sollte ohne Verzögerung der Rettungsdienst verständigt werden.
Welche konkreten Symptome deuten auf einen Herzinfarkt hin?
Ein Herzinfarkt äußert sich häufig durch Schmerzen, ein brennendes Gefühl oder ein Engegefühl in der Brust. Diese Beschwerden können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und in verschiedene Körperregionen ausstrahlen, typischerweise in den linken Arm, in beide Arme, in den Rücken oder die Schultern, in den Oberbauch oder auch in den Unter- oder Oberkiefer. Zusätzlich kann Atemnot auftreten, selbst in Ruhephasen, ebenso wie eine ausgeprägte innere Unruhe oder eine starke Angst bis hin zur Todesangst. Weitere alarmierende Anzeichen sind kalter Schweiß, heftiges Erbrechen oder auffallend blasse Haut, die im Rahmen eines Herzinfarkts Anzeichen eines beginnenden Schockzustands sein können.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Symptomerkennung bei Frauen, da sie häufig nicht die klassischen Beschwerden wie Brustschmerzen zeigen. Stattdessen äußert sich ein Herzinfarkt bei weiblichen Patienten oftmals mit eher unspezifischen Symptomen wie starken Oberbauchschmerzen oder ausgeprägter Übelkeit. Auch bei Menschen mit Diabetes mellitus besteht ein erhöhtes Risiko für sogenannte „stumme Infarkte“. Aufgrund der durch die Zuckerkrankheit verminderten Schmerzwahrnehmung treten bei Diabetikern häufig keine typischen Brustschmerzen auf. Stattdessen äußern sich Infarkte bei ihnen mit allgemeinen Beschwerden wie Übelkeit, Schwäche oder Unwohlsein. Diese unspezifischen Symptome führen oft zu einer verzögerten Diagnose. Daher ist bei Diabetikern eine besonders hohe Wachsamkeit seitens des medizinischen Personals erforderlich.
Alle genannten Warnzeichen sollten unbedingt ernst genommen werden. Auch wenn diese Symptome nicht zwangsläufig auf einen Herzinfarkt hindeuten müssen, ist in jedem Fall eine ärztliche Abklärung erforderlich. Die Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Daher sollte bei einem dringenden Verdacht sofort der Notruf 112 gewählt werden. Es ist sehr wichtig, dass der Patient nicht selbst mit dem Auto in die Klinik fährt oder von Angehörigen transportiert wird. Da jederzeit ein Herzstillstand eintreten kann, ist ein sicherer Transport nur durch den Rettungsdienst gewährleistet.
Wird die Diagnose Herzinfarkt gestellt, beginnt die akute Behandlung mit der intravenösen Gabe blutverdünnender Medikamente. Anschließend erfolgt die notfallmäßige Verlegung zur Koronarangiografie, also einer Herzkatheteruntersuchung, bei der das verschlossene Gefäß möglichst schnell wiedereröffnet werden kann.
Wie beeinflussen moderne Lebensgewohnheiten wie Stress, Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung das Risiko eines Herzinfarkts? Hat sich hier etwas grundlegend verändert?
Moderne Lebensgewohnheiten haben einen erheblichen Einfluss auf das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Besonders der alltägliche Stress ist heute ein sehr präsenter Faktor im Leben vieler Menschen. Auch wenn er sich nicht vollständig aus dem Alltag eliminieren lässt, kommt es vor allem auf den bewussten Umgang damit an. Strategien zur Stressbewältigung, etwa durch regelmäßige Bewegung, sportliche Betätigung oder durch Entspannungstechniken wie Yoga, gewinnen in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung. Auch das Ausüben von Hobbys spielt eine wichtige Rolle, da es zu einer langfristigen Entlastung des Körpers beiträgt. Eine gesunde Form der Stressverarbeitung wirkt sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus und hilft, chronischen Belastungszuständen entgegenzuwirken.
Ein weiterer wesentlicher Risikofaktor ist der Bewegungsmangel. Er betrifft nicht nur das Herz-Kreislauf-System, sondern wirkt sich auch negativ auf den gesamten Muskel- und Skelettapparat aus. Deshalb sind regelmäßige körperliche Aktivitäten, insbesondere Ausdauertraining, von großer Bedeutung. Tägliche Bewegung ist mit einer Vielzahl an positiven Effekten auf den Körper verbunden und stellt eine der wirksamsten Maßnahmen zur Vorbeugung von Herz- und Gefäßerkrankungen dar.
Auch das Thema Ernährung ist ein zentrales Element in der Diskussion um moderne Gesundheitsrisiken. Die heutige Ernährung ist häufig geprägt durch den Konsum von Fast Food sowie industriell verarbeiteten Lebensmitteln mit hohem Zucker- und Salzgehalt. Im Gegensatz dazu sollten naturbelassene Lebensmittel wie Obst, Gemüse und wenig verarbeitete Produkte bevorzugt werden. Studien haben gezeigt, dass insbesondere die mediterrane Ernährung, die reich an pflanzlichen Lebensmitteln, gesunden Fetten und frischen Zutaten ist, sich positiv auf die Herzgesundheit auswirkt. Dabei geht es nicht um ein absolutes Verbot einzelner Genussmittel wie Chips oder Schokolade, sondern vielmehr um das richtige Verhältnis. Eine gesunde Ernährung sollte den größten Teil des täglichen Speiseplans ausmachen. Es ist nicht notwendig, täglich Kalorien zu zählen oder dauerhaft auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten. Vielmehr kommt es auf eine bewusste, ausgewogene und langfristig praktikable Ernährung an.
Welche Rolle spielen neue Technologien in der Selbstbeobachtung und Früherkennung?
Ein bedeutender Fortschritt ist die zunehmende Verlagerung diagnostischer Hilfsmittel in den Alltag der Patientinnen und Patienten. So lassen sich Blutdruckgeräte mittlerweile einfach zu Hause anwenden. Smartwatches ermöglichen es, den Puls in Ruhe und unter Belastung zu messen und die Werte direkt über das Smartphone auszuwerten. Zusätzlich helfen Gesundheits-Apps dabei, körperliche Aktivität zu dokumentieren, Ernährungsgewohnheiten zu analysieren oder gezielt Kalorien sowie Makronährstoffe wie Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße zu kontrollieren. Diese digitalen Werkzeuge leisten einen wichtigen Beitrag zur Eigenverantwortung und Motivation der Patienten und können in der ärztlichen Betreuung als ergänzende Informationsquelle genutzt werden.
Auch klassische diagnostische Verfahren behalten ihre Bedeutung. Ultraschalluntersuchungen des Herzens (Echokardiografie) oder der Halsschlagadern bieten nichtinvasiv wertvolle Hinweise auf den Zustand der Gefäße. Eine besonders einfache und kostengünstige Methode zur Früherkennung von Durchblutungsstörungen ist die Bestimmung des sogenannten Knöchel-Arm-Index. Dabei wird der Blutdruck sowohl am Arm als auch am Unterschenkel gemessen, und das Verhältnis der beiden Werte gibt Auskunft über mögliche periphere arterielle Verschlusskrankheiten. Diese Untersuchung kann problemlos in Hausarztpraxen, kardiologischen oder angiologischen Einrichtungen durchgeführt werden.
Gibt es neue Entwicklungen im Bereich der Labordiagnostik und medikamentösen Prävention?
In der Labordiagnostik rückt zunehmend der Lipoprotein(a)-Wert in den Fokus, ein Bestandteil des Cholesterinhaushalts, der als unabhängiger Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall und Aortenklappenstenose gilt. Obwohl derzeit noch keine spezifische Therapie zur Senkung von Lipoprotein(a) verfügbar ist, wird empfohlen, diesen Wert einmal im Leben bestimmen zu lassen. Neue Medikamente zur gezielten Lp(a)-Senkung befinden sich aktuell in der Entwicklung und könnten voraussichtlich ab dem Jahr 2027 zur Verfügung stehen. Die frühzeitige Identifikation eines erhöhten Wertes erlaubt bereits heute eine intensivere Überwachung und ein konsequenteres Management anderer Risikofaktoren, ein kosteneffizienter und klinisch sinnvoller Ansatz im Vergleich zu aufwendigeren bildgebenden Verfahren wie der Computertomografie der Herzkranzgefäße.
Darüber hinaus stehen sowohl Ärzten als auch Patienten verschiedene Risikorechner zur Verfügung, mit deren Hilfe sich die Wahrscheinlichkeit für kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt besser abschätzen lässt. Ein Beispiel ist der Herzinfarkt-Risiko-Test der Deutschen Herzstiftung, der online kostenlos genutzt werden kann.
Letztlich bleibt festzuhalten, dass eine regelmäßige ärztliche Begleitung für die frühzeitige Erkennung von Risikopatienten sowie für deren gezielte Aufklärung unverzichtbar ist. Gleichzeitig trägt jeder Mensch selbst in hohem Maß zur Gestaltung seines individuellen Risikoprofils bei. Prävention beginnt im Alltag und moderne Diagnostik kann diesen Weg heute gezielter denn je begleiten.
Welche präventiven Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht besonders effektiv? Und welche Rolle spielen dabei medizinische Vorsorgeuntersuchungen und ein gesunder Lebensstil?
Die wirksamste und zugleich nachhaltigste Maßnahme zur Vorbeugung eines Herzinfarkts ist aus medizinischer Sicht die konsequente Ausrichtung auf einen gesunden Lebensstil. Dazu zählen regelmäßige körperliche Aktivität, eine ausgewogene Ernährung sowie ein bewusster Umgang mit Stress. In jedem dieser Bereiche gilt: Es ist nie zu spät, damit zu beginnen. Unabhängig vom Alter kann ein Rauchstopp jederzeit positive Effekte auf die Gefäßgesundheit entfalten. Ebenso lohnt es sich in jedem Lebensabschnitt, sportlich aktiv zu werden oder die eigene Ernährung gesünder zu gestalten. Schon einfache Veränderungen im Alltag, wie regelmäßiges Joggen oder zügiges Spazierengehen im Park oder Wald, der Verzicht auf Fertigsäfte und stark verarbeitete Lebensmittel sowie der vermehrte Verzehr von frischem Obst und Gemüse, können ohne großen finanziellen Aufwand umgesetzt werden und tragen wesentlich zur Reduktion des Herzinfarktrisikos bei.
Welche Rolle spielt dabei die medizinische Vorsorge?
Auch die ärztlich begleitete Vorsorge ist ein wichtiger Bestandteil der Prävention. Viele dieser Maßnahmen werden von den Krankenkassen unterstützt, etwa durch regelmäßige Gesundheits-Check-ups. Im Rahmen solcher Untersuchungen können unter anderem die Cholesterinwerte kontrolliert und Risikofaktoren frühzeitig erkannt werden. Besonders effektiv ist die Prävention, wenn medizinische Diagnostik und persönliche Eigenverantwortung ineinandergreifen.
Bei bestimmten Risikofaktoren ist die Mitwirkung der Betroffenen entscheidend. So sollten Personen mit Bluthochdruck regelmäßig selbst zu Hause ihre Blutdruckwerte messen und dokumentieren. Bei erhöhten Cholesterinwerten sind neben ärztlich kontrollierten Laboruntersuchungen gegebenenfalls auch medikamentöse Maßnahmen wie die Einnahme von Blutfettsenkern erforderlich. Gleichzeitig muss in diesen Fällen auch der Lebensstil angepasst werden, insbesondere in Bezug auf Ernährung und Bewegung. Für Raucher wiederum ist der komplette Verzicht auf Nikotin eine der wichtigsten Einzelmaßnahmen zur Senkung des kardiovaskulären Risikos.
Die Behandlung des akuten Herzinfarkts hat in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Welche modernen Therapiemöglichkeiten stehen heute im Fokus, und welche Entwicklungen halten Sie für besonders wegweisend?
Die moderne Kardiologie hat in der Behandlung des akuten Herzinfarkts in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte erzielt. Während früher lediglich eine rein medikamentöse Therapie zur Verfügung stand, hat sich das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten seither deutlich erweitert und verfeinert. Einen Meilenstein in dieser Entwicklung stellte die Einführung der Herzkatheteruntersuchung dar. In der Anfangszeit wurde bei der sogenannten PTCA (perkutanen transluminalen koronaren Angioplastie) die Engstelle in einem Herzkranzgefäß noch ausschließlich durch Ballondilatation erweitert. Heute geht die Therapie weit über diesen Ansatz hinaus: Engstellen werden nicht nur mittels Ballon aufgeweitet, sondern in der Regel auch mit sogenannten Stents, also Gefäßstützen, versorgt, um den Blutfluss dauerhaft zu sichern.
Welche Technologien und Verfahren haben die Herzinfarkttherapie besonders verändert?
Zu den modernsten Verfahren zählen heute diagnostische und therapeutische Ergänzungen wie der intravaskuläre Ultraschall, der eine hochpräzise Darstellung der Herzkranzgefäße von innen ermöglicht. Besonders verhärtete oder stark verkalkte Engstellen lassen sich durch spezielle Verfahren wie die Rotablation, dabei kommt ein rotierender, diamantbeschichteter Bohrkopf zum Einsatz, oder die sogenannte Lithotripsie behandeln. Letztere nutzt Stoßwellen, um Verkalkungen schonend zu zertrümmern. Auch Hochdruckballons oder medikamentenbeschichtete Ballons kommen zum Einsatz, wenn herkömmliche Verfahren nicht ausreichen.
Ein weiterer Durchbruch in der Versorgung kritisch kranker Patienten mit akutem Herzinfarkt ist die Entwicklung moderner Herzunterstützungssysteme wie der Impella-Pumpe. Sie kann im Fall eines kardiogenen Schocks eingesetzt werden, also wenn das Herz aufgrund des Infarkts nicht mehr in der Lage ist, ausreichend Blut zu pumpen. Diese Technologie trägt dazu bei, die Sterblichkeit in besonders schweren Fällen deutlich zu senken.
Darüber hinaus hat sich auch die Herzchirurgie parallel zur interventionellen Kardiologie weiterentwickelt. In bestimmten Fällen können heute Eingriffe sogar ohne den Einsatz der Herz-Lungen-Maschine durchgeführt werden, was die Belastung für den Patienten deutlich reduziert und die Erholungszeit verkürzen kann.
Und wie ist die Situation am Marienhaus Klinikum Saarlouis im Bereich der Herzinfarktversorgung?
Gerade spezialisierte kardiologische Zentren wie das Marienhaus Klinikum Saarlouis bieten heute eine hochmoderne Infrastruktur zur Akutversorgung von Herzinfarktpatienten. Hier stehen alle wesentlichen diagnostischen und interventionellen Verfahren rund um die Uhr zur Verfügung. Die enge Zusammenarbeit zwischen Notaufnahme, Katheterlabor, Intensivstation und Herzchirurgie gewährleistet eine schnelle und effektive Behandlung, vom ersten Verdacht bis zur vollständigen Stabilisierung. Der Einsatz innovativer Technik, eine strukturierte Nachsorge und ein interdisziplinäres Team aus Kardiologen, Anästhesisten und Pflegekräften ermöglichen heute eine Therapie auf höchstem Niveau.
Wie sieht die Nachsorge nach einem Herzinfarkt in einem großen Haus wie den Marienhauskliniken aus? Welche Maßnahmen sind hier entscheidend, um Folgeerkrankungen oder erneute Infarkte zu vermeiden?
Auch im Bereich der Nachsorge hat sich in den letzten Jahren vieles verändert. Während ein stationärer Aufenthalt nach einem Herzinfarkt früher häufig mehrere Wochen dauerte, teilweise bis zu sechs Wochen, ist der Ablauf heute deutlich straffer organisiert und gleichzeitig medizinisch effizienter. Direkt nach der durchgeführten Herzkatheteruntersuchung wird der Patient zunächst auf der Intensivstation überwacht. Bereits nach 24 bis 48 Stunden ist in stabilen Fällen die Verlegung auf eine Normalstation möglich. Dort erfolgt die weitere Überwachung mittels mobiler Telemetrie, wodurch sich der Patient frei auf der Station bewegen kann.
Welche medizinischen Maßnahmen umfasst die stationäre Nachsorge konkret?
Während des stationären Aufenthalts gehören verschiedene Untersuchungen zur Standardnachsorge. Dazu zählen regelmäßige Blutuntersuchungen, ein Herzultraschall, ein Langzeit-EKG sowie eine Langzeitblutdruckmessung. Parallel wird in der Klinik die Anschlussheilbehandlung organisiert. Das bedeutet, dass der Patient nach der Entlassung zeitnah an einer kardiologischen Rehabilitationsmaßnahme teilnehmen kann. Diese Reha dient nicht nur der körperlichen Erholung, sondern auch der strukturierten Schulung in Bezug auf Lebensstiländerungen, Medikamenteneinnahme und Risikofaktoren. Je nach Schweregrad des Herzinfarkts kann mit einer stationären Aufenthaltsdauer zwischen drei und sechs Tagen gerechnet werden.
Bei komplexeren Verläufen, zum Beispiel wenn es im Rahmen des Herzinfarkts zu einem Kammerflimmern oder gar einem Herzstillstand gekommen ist, erfolgt die intensivmedizinische Betreuung ebenfalls vollständig am Marienhaus Klinikum Saarlouis, bis zur Stabilisierung und dem Abschluss der stationären Behandlung.
Wie ist die weitere Nachsorge nach der Entlassung organisiert und was können Patientinnen und Patienten selbst tun?
Nach Abschluss der Rehabilitationsphase wird die weitere Betreuung ambulant fortgesetzt. Dies geschieht in enger Kooperation mit den niedergelassenen Kardiologen, die die langfristige medizinische Überwachung und Therapieanpassung übernehmen. Auch hier spielt die Eigenverantwortung der Patienten eine zentrale Rolle: Die Maßnahmen zur Vermeidung eines erneuten Herzinfarkts oder anderer Folgeerkrankungen entsprechen im Wesentlichen denen der Primärprävention. Entscheidend sind eine gesunde Lebensweise, regelmäßige Bewegung, die Kontrolle der Risikofaktoren und die konsequente Einnahme der verordneten Medikamente.
Ein zusätzlicher Baustein im langfristigen Behandlungskonzept ist die Teilnahme an einer Koronarsportgruppe. Diese Form der betreuten Bewegungstherapie erfolgt unter medizinischer Aufsicht und ist an die individuelle Belastbarkeit der Betroffenen angepasst. Auch in diesem Bereich engagiert sich das Marienhaus Klinikum Saarlouis aktiv, zum Beispiel durch die medizinische Betreuung der Koronarsportgruppe in Fraulautern. Solche Angebote leisten einen wertvollen Beitrag zur Stabilisierung der Herzgesundheit, fördern die soziale Teilhabe und stärken das Vertrauen der Patienten in ihren eigenen Körper.