Überflüssige Operationen, umstrittene Vorsorgeuntersuchungen und gesenkte Grenzwerte: Der Wirtschaftsjournalist Frank Wittig zeigt in seiner Recherche, wie fragwürdig medizinische Praxis tatsächlich sein kann.
Ärzte, die fragwürdige Zusatzleistungen anbieten, profitorientierte Krankenhäuser, die nicht mehr der öffentlichen Hand gehören. OPs, die kein Mensch braucht, und Mediziner, bei denen der eigene Verdienst noch vorm Patientenwohl steht: Wird unsere Gesundheit tatsächlich marktwirtschaftlichen Interessen geopfert? Schaut man auf Studien und hört auf Experten, scheint diese Frage leider berechtigt.
Zu den Kritikern unseres Gesundheitssystems gehört Dr. Frank Wittig, studierter Psychologe und Wissenschaftsjournalist beim Südwestrundfunk (SWR/ARD). Seine TV-Dokus, darunter „Betrifft: Überflüssige Operationen“, wurden mehrfach ausgezeichnet. Sein Buch „Die weiße Mafia“ schaffte es auf die Spiegel-Bestsellerliste. Große Aufmerksamkeit fand auch Wittigs Lektüre „Krank durch Früherkennung: Warum Vorsorgeuntersuchungen unserer Gesundheit oft mehr schaden als nutzen“ (Riva-Verlag).
Darin geht der Rheinland-Pfälzer sogar noch weiter und belegt anhand von Studien und eigenen Recherchen, dass die medizinische Früherkennung ein seiner Ansicht nach profitgetriebener Industriezweig ist, der in erster Linie Ärzten und der Pharmaindustrie nutzt und nicht zwangsläufig Patienten gesünder macht. Als Beispiel nennt Frank Wittig den „Check-up 35“, den in Deutschland gängigen Gesundheitstest beim Arzt: „Er erscheint sinnlos, denn Studien mit über 250.000 Teilnehmern zeigen, dass solche Check-ups keinerlei Einfluss auf die Sterblichkeit haben“, so der Journalist.
Vielmehr würden umgekehrt Gesunde zu Patienten gemacht. Denn fahnden Mediziner erst mal nach überschrittenen Grenzwerten, unter anderem Blutdruck und Cholesterin, würden sie oft fündig. „Doch genau diese Grenzwerte sind von industrienahen medizinischen Fachgesellschaften zuletzt immer weiter gesenkt worden“, moniert Wittig.
Vor allem in der Krebsmedizin würden durch Vorsorge zu häufig Frühstadien von Krebs entdeckt, die den Betroffenen, seinen Worten nach, nie Probleme bereitet hätten. Ähnlich äußerte sich in Bezug auf Screenings auch Frank Ulrich Montgomery, Ex-Präsident der Bundesärztekammer. „Seriöse Studien belegen etwa, dass durch Mammographie für ein durch Brustkrebs-Screening gerettetes Leben bis zu zehn Frauen unnötigerweise einer Chemotherapie, Bestrahlung oder OP ausgesetzt werden“, so der Fernsehmann aus Mainz. Die Mammographie bei Frauen bezeichnet er als „gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Radiologen“. Der Nutzen sei „abenteuerlich gering“.
Der Nutzen sei „abenteuerlich gering“
Ein anderes Beispiel einer sogenannten Überdiagnose – einer festgestellten Grenzwert-Überschreitung, die keine Krankheit bedeuten muss – sei der PSA-Test im Rahmen der Prostata-Krebs-Früherkennung bei Männern. Der PSA-Wert (Prostata-spezifisches Antigen) zeigt die Konzentration des Eiweißes PSA im Blut an. „Dieser Test gilt in der Fachwelt als nicht geeignet, da er eine zu geringe Trefferquote aufweist, bösartigen Prostatakrebs zu diagnostizieren.“ Im Klartext: Wenn der PSA-Wert erhöht ist, was auch durch diverse andere Faktoren ausgelöst werden kann, folgt eine oft schmerzhafte und in den weitaus meisten Fällen unnötige Biopsie, bei der in mehreren Stichen Gewebe aus der Prostata entnommen wird.
Vorsorge erhöhe hier laut Frank Wittig massiv die Gefahr, Gewebeveränderungen, die Männern wohl nie Probleme bereiten würden, zu entdecken und mit oft schweren Nebenwirkungen zu operieren. „Statistisch gesehen habe ich mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent selbst Prostatakrebs. Mindestens 75 Prozent der Männer zwischen 70 und 79 Jahren haben Prostatakrebs.“ Man kenne diese Wahrscheinlichkeiten aus großen Studien. Nur drei Prozent der Todesursachen bei Männern ist Prostatakrebs – und das bei meist hochbetagten Männern“, so die Info des 60-Jährigen.
Er ergänzt: „Ich selbst versuche, nicht ohne Not in die Nähe von Ärzten zu kommen. Das ist mir einfach zu gefährlich.“ Er befasse sich zwar dienstbedingt mit Medizin, sei aber keinesfalls ein „Gesundheitsfanatiker“. „Ich gehe einmal pro Woche ins Fitnessstudio und laufe viel. Auf rund eine Stunde Fußmarsch am Tag komme ich, unter anderem wenn ich zum Bahnhof gehe.“
Frank Wittig wohnt rund 20 Kilometer südlich von seiner Mainzer Redaktion entfernt in der Region Rheinhessen. „Ich bin ein Landei und lebe mit meiner Familie gerne hier.“ In Kleinstädten wie Mainz gehe es eher entspannt zu. Die vom Weinbau geprägte Gegend sei ein herrlicher Landstrich, so der Fernseh- und Buchautor, der seit 1996 beim SWR arbeitet.
Das Thema „Sinn oder Unsinn von Vorsorgeuntersuchungen“ spielt zukünftig eine größere Rolle, ist er sicher. Das zeigten unter anderem seine Fachvorträge, zu denen er in Deutschland und Österreich eingeladen wird. Aufmerksamkeit erzeugten auch Wittigs Fernsehauftritte, unter anderem bei „Markus Lanz“ (ZDF) und „Maischberger“ (ARD). Seine Recherchen betreibt er unermüdlich. Denn es könne nicht sein, dass Ärzte Ängste schüren, um dann damit Geld zu verdienen.
Hier sei auch die Politik gefragt: „Von Parteien hab ich zu diesen Gesundheitsthemen noch nie etwas gehört.“ Politik versage hier und lasse sich über den Tisch ziehen.
Es gebe aber auch gute Nachrichten: Darmspiegelungen und Vorsorge zu Gebärmutterhalskrebs bei Frauen seien erfolgversprechend und könnten viele Leben retten! Wittigs Tipp: „Gehen Sie nur zum Arzt, wenn Sie sich nicht wohlfühlen!“