Wegen der Erderwärmung könnten immer mehr Mykotoxine in Lebensmitteln darauf lauern, unsere Gesundheit zu attackieren. Unsere Autorin Annegret Handel-Kempf sortiert und hakt nach, was die Warnungen für die Menschen im Klimawandel bedeuten.
Die Temperaturen steigen in Europa besonders rasant und die Europäische Umweltagentur (EEA) warnt vor einer unsichtbaren Gefahr infolge des Klimawandels: Mykotoxine könnten die Gesundheit massiv schädigen. Zumal, wenn Forschung, Politik und Praxis zu wenig gegen eine Zunahme der Kontamination unternehmen. Gemeinschaftlich, auf europäischer und nationaler Ebene sei vorzugehen, um die Risiken wirksam zu verhindern. Der Hintergrund der Warnung: Steigende Temperaturen aufgrund des Klimawandels erhöhen – einem Briefing der Europäischen Umweltagentur zufolge – das Risiko, dass Menschen sogenannten Mykotoxinen ausgesetzt sind. Gemeint sind damit Toxine, die von Pilzen produziert werden, die in bestimmten Lebensmitteln, Futtermitteln und Nutzpflanzen vorkommen. Die Pilze selbst – zumal deutlicher Schimmel – sind gut sichtbar, ihre giftigen Produkte eher nicht. Unterm Strich zeigt sich, wie wichtig feinfühlige Prävention und Sensibilisierung für weniger bekannte Seiten potenzieller Gesundheitsgefährdungen sind. Studienergebnisse und Zuständigkeiten präsentieren ein weites Feld.
Verluste durch geringe Ernteerträge
Ein wärmeres und feuchteres Klima in den europäischen Regionen fördere die zunehmende Verbreitung von Mykotoxinen, die von Pilzen stammen. Diese Feststellung ist der Ausgangspunkt des EEA-Briefings „Mykotoxin-Exposition in einem sich wandelnden europäischen Klima“. Der Bericht untersucht gesundheitliche Bedenken zum Klimawandel mit Blick auf Mykotoxine. Dabei geht es besonders um Nahrungspflanzen. Und darum, wie ein besser koordinierter, europäischer Ansatz dazu beitragen kann, ihre Ausbreitung zu bekämpfen und Kontaminationen zu verhindern.
Der Klimawandel verändere das Verhalten und die Verbreitung von Pilzen und erhöhe möglicherweise das Risiko, diesen Toxinen ausgesetzt zu werden. Durch vermehrte Niederschläge, Überschwemmungen und Bodenerosion könnten diese Toxine auch vom Boden in Flüsse und Grundwasser gelangen. Extreme Wetterereignisse wie starke Regenfälle oder anhaltende Dürreperioden erhöhten den Stress, dem Pflanzen ausgesetzt sind, und machten Getreide – insbesondere Mais – anfälliger für Pilzinfektionen und Mykotoxin-Kontaminationen. Die Europäische Umweltagentur weist darauf hin, dass geringere Ernteerträge auch zu wirtschaftlichen Verlusten führen könnten. Doch wenn Landwirte mit Fungiziden Pilzinfektionen vorbeugen, könne dies langfristig zu einem höheren Risiko der Entwicklung einer Antimykotikaresistenz führen. Dadurch steige das Risiko schwer zu behandelnder Pilzinfektionen beim Menschen.
Als „weitere mögliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Mykotoxinbelastung“ nennt die EEA in ihrer Meldung zum Briefing die Züchtung von Pflanzen, die gegen Pilzinfektionen resistent sind, die Einführung „guter landwirtschaftlicher Praktiken“. Dazu gehören die Anpassung an Umweltbedingungen einschließlich Fruchtfolge zur Regenerierung der Bodenfruchtbarkeit und Minimierung der Übertragung von Schimmelpilzen von einem Jahr auf das andere sowie der Einsatz biologischer Kontrollen und Vorhersagemodelle.
Pilze produzieren natürliche Verbindungen, die Mykotoxine. Welche erheblichen Gesundheitsrisiken bringen diese Pilzgifte mit sich? Die Pilzgifte, so warnt die Europäische Umweltagentur, könnten den Hormonhaushalt stören, das Immunsystem schwächen, Leber und Nieren schädigen, das Risiko einer Fehlgeburt erhöhen, ungeborene Kinder schädigen und krebserregend wirken. Es gebe Hinweise darauf, dass bestimmte Gruppen einem höheren Risiko durch die Exposition gegenüber Mykotoxinen ausgesetzt sind. Kleinkinder zwischen einem und drei Jahren sowie Säuglinge seien besonders gefährdet, da sie im Verhältnis zu ihrem geringen Körpergewicht mehr Nahrung aufnehmen als Ältere und Schwerere. Auch Schwangere und Arbeitnehmer in der Landwirtschaft, der Lebensmittel- und Futtermittelindustrie sind laut EEA besonders gefährdet.
Umwelt spielt eine Schlüsselrolle
Ein europäisches Projekt zum chemischen Biomonitoring beim Menschen schaut genau hin beziehungsweise nimmt sich den Urin von Studienteilnehmern vor. „HBM4EU“ kommt zum ERgebnis, dass 14 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Europa dem Mykotoxin Deoxynivalenol (DON) in Konzentrationen ausgesetzt sind, die als gesundheitsschädlich gelten. Doch Vorsicht: Dieser Wert ist lediglich als Durchschnittswert aus den genommenen Proben zu verstehen. Die 14 Prozent stellen beispielsweise nicht den Querschnitt durch alle Bevölkerungsgruppen nach Einkommen dar. Und die Ergebnisse aus den untersuchten Ländern sind sehr unterschiedlich. So liegt die Belastung in Polen, Frankreich, Luxemburg und Portugal über dem empfohlenen Wert von 23 µg/Liter Urin. In Deutschland und Island lagen die Werte zum Zeitpunkt der Untersuchung deutlich darunter.
Der sogenannte „One Health“-Ansatz der Europäischen Union soll dazu beitragen, Maßnahmen und Forschung zu koordinieren, die die komplexe Vernetzung von menschlicher, tierischer und ökologischer Gesundheit anerkennen und Lösungen anwenden, die diese verschiedenen Elemente berücksichtigen. Die Europäische Union, so die EEA, kümmere sich bereits in verschiedenen Politik- und Arbeitsbereichen darum, Lösungen und Strategien zur Risikominderung zu verstehen und zu entwickeln, um die Risiken durch Mykotoxine anzugehen.
Das Briefing geht unter dem Schlagwort „Präventionsmaßnahmen“ auf den One-Health-Ansatz ein. „Der Fall der Mykotoxine ist ein klares Beispiel für ein Problem, das potenziell weitreichende Folgen für die Gesundheit von Tieren, Menschen und Ökosystemen hat, wobei auch die Umwelt eine Schlüsselrolle als Übertragungsweg für die Ausbreitung der Kontamination spielt“, heißt es da. Und weiter: „Lösungen zur Bewältigung der Risiken durch Mykotoxine müssen daher in allen Bereichen berücksichtigt werden. So sollte beispielsweise die bereits in der Umwelt durchgeführte Überwachung (zum Beispiel Niederschlag, Sonnenstunden, Temperaturaufzeichnungen) auch zur Überwachung von Lebensmitteln, Tierfutter, Tieren und Menschen durchgeführt werden“.