Ohne seine jahrzehntelange Galionsfigur Timo Boll muss sich das Profi-Tischtennis in Deutschland neu sortieren. Dabei könnte besonders die Suche nach „Local Heroes“ zum Problem werden.
Timo Boll blieb sich auch im Moment seines wirklich finalen Abschieds treu. „Ich werde“, meinte das deutsche Tischtennis-Idol wenige Tage nach dem Ende seiner beispiellosen und imponierenden Laufbahn mit typischer Bescheidenheit in einer Kolumne für die Bundesliga-Homepage, „ich werde schnell vergessen sein.“
Aufgrund seiner Beobachtungen während beinahe drei Jahrzehnten im Profisport begründete der 44-jährige frühere Weltranglistenerste die Überzeugung von der Vergänglichkeit des eigenen Ruhms mit den Erfahrungen anderer Stars in der Sport- und Unterhaltungsbranche. „Man sieht es doch in so vielen Sportarten und anderen Metiers, dass es auch nach dem Ende eines bestimmten Zeitabschnittes immer weitergeht. Auch Tischtennis wird sich weiterentwickeln, es werden neue Gesichter kommen“, schrieb Boll: „Das ist wichtig und richtig, und deswegen muss es so sein.“ Nun gehörte Understatement stets zu Bolls größten Stärken abseits von Tisch und Box. Doch so wenig wie das Tischtennis – oder sonst eine Sportart – den Verlust eines Aushängeschilds und solchen Medaillengaranten wie Boll problemlos verschmerzen und nahtlos ein neues Erfolgskapitel aufschlagen könnte, so sehr mutet Bolls Prognose für die Zukunft des deutschen Tischtennis bei näherer Betrachtung ausgesprochen optimistisch an. Womöglich sogar zu optimistisch.
„Es werden neue Gesichter kommen“
Fraglos hat Boll in der Nationalmannschaft schon nach seinem internationalen Rückzug vor Jahresfrist bei den Olympischen Spielen in Paris eine große Lücke hinterlassen. Vor rund zwei Monaten schließlich kam sowohl der Bundesliga als auch seinem langjährigen Verein Borussia Düsseldorf durch den offiziellen Abgang des Publikumslieblings von der Spitzensport-Bühne die denkbar wichtigste Zugnummer abhanden. Entsprechend bricht durch den Beginn der neuen Saison Ende August für alle Beteiligten ein neues Zeitalter an – oder, wenn man so möchte, die Post-Boll-Ära.
Die Voraussetzungen sind allerdings unterschiedlich: Das noch mit Boll in die Jahre gekommene Nationalteam muss sich bei der EM im Herbst im kroatischen Zadar in der ungewohnten Rolle des Herausforderers zurechtfinden, während die Bundesliga zumindest für das erste Jahr ohne Boll durch den Sensationstransfer von Chinas Olympiasieger Fan Zhendong zum Champions-League-Gewinner 1. FC Saarbrücken-TT einen mindestens gleichwertigen Zuschauermagneten mit globaler Medienstrahlkraft präsentieren kann. Saarbrückens Coup beflügelt denn auch ligaweit die Fantasie. „Unser Blick geht nach vorne“, bekräftigt TTBL-Geschäftsführer Nico Stehle einen großen Gestaltungswillen: „Wir stehen vor einem neuen Kapitel. Trotz Timos großer Fußstapfen sind wir bereit zum nächsten Schritt – mit neuen Gesichtern, neuen Geschichten und neuen Visionen.“
„Unser Blick geht nach vorne“
Für diesen Dreiklang wird im Jahr eins nach Boll zuvorderst der neue Topstar Fan stehen. „Seine Verpflichtung hat für enorme Resonanz in Asien und besonders China gesorgt. Unsere internationale Strahlkraft wächst weiter“, erklärt Stehle auch mit Hinweis auf die Social-Media-Reichweite der TTBL von 350 Millionen Usern weltweit. Sichtbarkeit ist für Saarbrückens Teammanager Nicolas Barrois auch „das große Ziel: Wir müssen uns auch international zeigen“. Manager Andreas Preuß von Rekordmeister und Bolls bisherigem Klub Borussia Düsseldorf hält das Reich der Mitte denn auch schon für einen Zukunftsmarkt der TTBL. „Es macht Sinn, nach China zu schauen“, meint der Ex-Profi: „Besteht dort Nachfrage für TV-Übertragungen, wären dadurch für die Liga und die Vereine vielleicht auch neue Partner und Sponsoren zu finden. Es tut sich dort auf jeden Fall etwas. Der behutsame Aufbau eines solchen Projekts wäre durchaus möglich.“
Generell prognostiziert Preuß mehr Eventisierung. Bei den Topclubs liegen auch entsprechende Pläne in den Schubladen – in der Szene kursieren bereits Spekulationen über einen Double Header in Berlin mit Spitzenspielen von Herren und Damen. Darüber hinaus beschäftigen sich einige Vereinsmanager auch mit dem Thema einer Klub-WM. Bei Meister TTF Liebherr Ochsenhausen erwartet Präsident Kristijan Pejinovic mehr Wettbewerb im Liga-Alltag. „Einige Teams sehen ohne Timo auf der anderen Seite mehr Erfolgschancen, holen deshalb mehr gute Spieler und sorgen damit für Qualitätszuwachs und zusätzliche Spannung.“ Manager Sascha Greber von Ex-Titelträger Werder Bremen sorgt sich ebenfalls nicht um die Zugkraft der TTBL: „Viele unserer Spieler können attraktiv spielen und weiter Hallen füllen.“
Im Kreis dieser Profis wird zunächst auch Bolls Nachfolger als Identifikationsfigur der Liga zu suchen sein. „Das wird hart“, meint Barrois, aber Preuß ist optimistischer: „Wir stehen nicht vor dem Untergang. Die Liga ist weiter verdammt stark. Außer Fan haben wir immerhin noch einen Doppelweltmeister, mehrere Olympia- und WM-Medaillengewinner und vor allem auch das ganze deutsche Nationalteam – alle unter den Top 20 – in der Liga. Die sind ja alle auch keine Luftpumpen.“ Saarbrückens Kapitän Patrick Franziska würde sich die Rolle als Frontmann der Liga zutrauen. „Aber“, weiß der 32-fache Nationalspieler, „das entscheiden letztlich die Fans.“ Maßgeblichen Einfluss auf die Sympathieverteilung der Anhänger haben die Ergebnisse internationaler Großereignisse. Dadurch wären Franziska und Nationalmannschaftskollegen wie Düsseldorfs neuer Spitzenspieler Dang Qiu, der EM-Zweite Benedikt Duda oder Altstar Dimitrij Ovtcharov im Rennen um die Publikumsgunst grundsätzlich in der ersten Startreihe. Allerdings haben die früheren „Chinesen Europas“ einige Probleme. Bei internationalen Großereignissen blieb das lange vom Erfolg verwöhnte Team von Bundestrainer Jörg Roßkopf zuletzt mit der Mannschaft dreimal in Folge ohne Medaille – und in den Einzel-Wettbewerben auch schon zweimal nacheinander ohne Podestplatzierung. Bei der EM in Zadar droht den Olympia-Zweiten von Tokio nach neun Titelgewinnen in allen Finals der vergangenen zwölf kontinentalen Titelkämpfe seit 2007 ernsthaft die erste „Nullnummer“ nach 20 Jahren. Die Mannschaft des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) ist allerdings auch spürbar in die Jahre gekommen: Mit Ausnahme von Ex-Europameister Qiu sind alle Spieler des A-Teams älter als 30, und sportliche Großtaten blieben auch bei Turnieren der WTT-Serie seit einiger Zeit Seltenheiten.
Viele Topspieler sind älter als 30
Dennoch plant der DTTB für Olympia 2028 in Los Angeles weitgehend mit dem etablierten Stammpersonal um Franziska. Denn ein längst zu erwartender Generationswechsel lässt sich bestenfalls schemenhaft erkennen. Kandidaten drängen sich allerdings auch nicht gerade massenweise auf. Bei genauerer Betrachtung kommen realistischerweise gerade einmal EM-Achtelfinalist Andre Bertelsmeier, der deutsche Meister Kay Stumper und – bereits mit Abstrichen – Fan Bo Meng in Betracht. Ähnlich wie Meng bewegt sich auch noch der Saarbrücker Cedric Meissner in Roßkopfs Blickfeld.
Von heute auf morgen aber lässt sich der Umbruch nicht vollziehen. Bertelsmeier, den der DTTB zuletzt lieber noch einmal zu einer Jugend-EM statt zur WM nach Katar schickte, steht beim TSV Bad Königshofen mit 19 Jahren erst noch vor seiner ersten Bundesliga-Saison. Stumper, drei Jahre älter, blieb in Düsseldorf in den vergangenen zwei Jahren hinter den Erwartungen zurück und startet nun beim Post SV Mühlhausen bereits seinen ersten sportlichen Neuanfang. Andererseits verbesserten sich Bertelsmeier und Stumper in den vergangenen zwölf Monaten in der Weltrangliste jeweils um gut 100 Positionen in die Top 75. Der Gesamtsituation entsprechend lehnen Asse wie Duda, im Sommer zwischenzeitlich erstmals die deutsche Nummer eins im internationalen Ranking, die Boll-Ära als fortgesetzten Maßstab ab: „Es war früher eine andere Zeit. Die Konkurrenz ist ausgeglichener geworden, da kann man nicht erwarten, dass wir weiter von jeder Großveranstaltung mit einer Medaille zurückkommen. Das ist nicht mehr die Realität.“