Das Pfefferberg Theater im Prenzlauer Berg bietet ein abwechslungsreiches Programm für Menschen jeden Alters. An den Wochenenden kommt es fast ganz ohne Worte aus.
Wenn einem die Welt den Boden unter den Füßen wegzieht, ist es gut, die Schwerkraft überwinden zu können.“ Daniela Levina, Lera Kutsenko, Alina Scharbl und Daria Ilnytska können das. Wie das geht, zeigen die Frauen vom Berliner Scenic Circus ab dem 20. September. „Diaries in Motion“ heißt ihr Programm. Die Premiere ist im Theater Pfefferberg – dem für diese Kunst wohl besten Ort in der Stadt.
Lesungen, Tanz und Kindertheater
„Wir bieten ein breites Spektrum von Show bis Slam, von experimentell bis multimedial. Als Kieztheater in Prenzlauer Berg legen wir Wert auf Vielfalt, Originalität und künstlerische Qualität. Erlebt Neuen Circus, Tanz, Theater, Lesungen von Literatur live, Kindertheater und vieles mehr. Gemeinsam mit der Schankhalle Pfefferberg sind wir ein inklusiver Ort der Kunst und Kulinarik.“ So wirbt das Theater für sich. „Wir sind so etwas wie eine Startrampe für die Freie Szene in Berlin“, sagt Christine Ritter, die Leiterin der Spielstätte an der Schönhauser Allee. Es sei manchmal so, dass Programme noch im Entstehen sind, während schon Karten verkauft werden, erklärt Co-Theaterleiter Florian Appl. Von Berlin aus geht es dann auf Tour. Andere Künstlerinnen und Künstler kommen, obwohl das staatlich nicht geförderte Theater nur kleine Gagen zahlen kann. „Die machen das, weil es Berlin ist und sie da mal gerne spielen würden“, sagt Christine Ritter. Manchmal werden Gäste von außerhalb auch privat untergebracht, weil die Hotelkosten das Budget sprengen würden. „Wir stehen unter wirtschaftlichem Druck, weil wir ein Privattheater sind“, erzählt Florian Appl. 220 Plätze hat das Theater, eine Auslastung von rund 60 Prozent. Mit den Eintrittskarten kann man das Programm nicht finanzieren. Vier Euro Defizit pro Karte fallen an. Das wird ausgeglichen, indem Räume auch für Firmenfeiern und private Feste vermietet werden.
Ritter und Appl sind froh, wenn sie das ausgleichen können. „Wir kommen gerade so in die schwarzen Zahlen. Aber eine Gewinnerzielung steht bei uns eh nicht im Vordergrund“, erklärt er. „Wir sitzen an der Kasse, wir putzen“, sagt Christine Ritter. Das Team ist klein und es geht darum, ein faszinierendes Programm auf die Beine zu stellen. Das sieht zurzeit so aus: Die Woche über gibt es viele Worte auf der Bühne am Pfefferberg, da gibt es unter anderem Lesungen. Die Wochenenden sind „nonverbal“, da gibt es Tanz, Kindertheater, modernen Zirkus. Wobei die Genres „nicht immer ganz klar zuzuordnen sind, die Grenzen sind fließend“, versucht Florian Appl das Ganze zu beschreiben. „Sagt bloß nicht Clowns“, hat zum Beispiel mal jemand gewarnt. Das nenne sich „Physical Comedy“.
„Wir wollen, dass sich das Publikum bei uns drängelt, aber nicht mit falschen Erwartungen kommt“, sagt Florian Appl. Deshalb versuche man im Programm möglichst klar zu formulieren, um was es geht, ohne die Spannung rauszunehmen. „Wir müssen schon sagen, worum es geht.“ Nicht jeder wolle unvorbereitet mit Themen wie Altern, Demenz, Einsamkeit oder dem Klimawandel konfrontiert werden, wenn er sich am Wochenende einen entspannten Theaterabend gönnt. Wobei Unterhaltung ja nichts Verwerfliches sei. „Es gibt hochwertige Unterhaltungskunst“, sagt Christine Ritter. Sie selbst hat mit Florian Appl – vor allem in Frankreich – viele Jahre auf der Bühne gestanden und das Publikum unterhalten.
Das Publikum des Pfefferberg Theaters sei zwischen fünf und 85 Jahre alt. Viele der Programme am Wochenende eignen sich für die ganze Familie. Wie auch „Diaries in Motion“. „Wann fühlen wir uns frei? Was macht es mit uns, wenn wir Unterdrückung erfahren? Und wie können wir gemeinsam Grenzen überwinden?“ Das sind die Fragen, die das Scenic-Circus-Team unter Leitung von Daniel Burow für Menschen ab sechs Jahren beantwortet. In der modernen Zirkusshow finden die vier Artistinnen von renommierten Zirkusschulen in Berlin, Montpellier und Kiew zusammen und suchen nach Antworten mit den Mitteln von Akrobatik und Physical Theatre. „Sie nehmen das Publikum mit auf eine Reise durch die Träume und Kämpfe einer Generation, die für ihre Freiheit eintreten muss“, kündigt das Pfefferberg Theater an.
Daniela Levina fand ihren Weg in die Zirkuskunst schon in frühster Kindheit in einem Jugendzirkus ihrer Heimatstadt Kiew. Heute absolviert sie ihre Ausbildung an der Akademie für Zirkus und Darstellende Künste Kiew. „Mit ihrer außergewöhnlichen Handstandartistik auf einer rotierenden Scheibe trat sie zuletzt beim European Youth Circus in Wiesbaden auf. Derzeit arbeitet sie zudem viel an ihrer zweiten Leidenschaft, dem Cyr Wheel“, heißt es in ihrem Lebenslauf. Lera Kutsenko stammt aus Moskau. Dort hat sie Schauspiel und Tanz studiert, bevor sie sich dem Zirkus widmete und vor vier Jahren ihr Land verließ. Seither erkundet sie alle Facetten des Zirkus, arbeitet in Social-Circus-Projekten mit Geflüchteten, tritt mit diversen Luftakrobatik-Soloprojekten auf und studiert aktuell am Centre des Arts du Cirque in Montpellier. Ihr besonderes Interesse gilt dem Experimentieren mit ungewöhnlichen Requisiten.
Programm für alle Altersklassen
Die Österreicherin Alina Scharbl fand erst vor wenigen Jahren zur Zirkuskunst und war zuvor im Parkour und Freerunning zu Hause. Die Einflüsse aus den sogenannten Urban Sports überträgt sie nun gerne in ihre Luft- und Bodenakrobatik. „Und wenn sie nicht gerade am Centre des Arts du Cirque in Montpellier studiert oder auf einer Bühne steht, drückt sie ihre Handstände auch schon mal auf Berggipfeln“, teilt das Theater mit. Die Vierte im Bunde, Daria Ilnytska, entdeckte früh ihre Leidenschaft für die Akrobatik, beim besonders für erstklassige Handstandakrobatik bekannten Zirkus-Studio Ale-up in Kiew. Sie wandte sich allerdings bald auch der Artistik in der Luft zu. Nachdem sie sich 2022 aus der Ukraine auf den Weg nach Deutschland gemacht hatte, fand sie zunächst beim Potsdamer Jugendzirkus Montelino eine neue Heimat, um inzwischen an der staatlichen Artistenschule Berlin ihre Ausbildung fortzusetzen.
Vor dem Hintergrund der Biografien dieser vier Frauen gewinnt der Satz eine ganz andere Bedeutung: „Wenn einem die Welt den Boden unter den Füßen wegzieht, ist es gut, die Schwerkraft überwinden zu können.“