PETRI Berlin ist ein Ort des Entdeckens, Verstehens und Lernens. Erbaut auf der Fischerinsel auf den Fundamenten einer alten Lateinschule, lädt es zum spannenden Ausflug in die Vergangenheit ein.
Wie alt ist Berlin? Nach offiziellen Angaben 788 Jahre, denn 1237 wurde Cölln, eine der beiden mittelalterlichen Keimzellen der heutigen Stadt, erstmals urkundlich erwähnt. Die namensgebende Siedlung Berlin ist ab 1244 belegt. Doch vor einigen Jahren wurde bei Ausgrabungen ein Eichenbalken entdeckt, der vermutlich bereits aus dem Jahr 1183 stammt. Fundort war der Petriplatz – das Zentrum von Colonia (Cölln) und heutiger Standort von PETRI Berlin. Das siebengeschossige Gebäude erhebt sich auf dem südlichen Teil der Spreeinsel und ist ein modernes Archäologie-Lab, das Besucherinnen und Besucher in frühere Zeiten entführt. Das erst vor wenigen Wochen eröffnete Haus ist eine bundesweit einzigartige Kooperation des Landesdenkmalamts Berlin und des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin.
Troja-Sammlung ist auch hier zu sehen
PETRI Berlin ist Museum, Archiv und Labor zugleich. Man kann Archäologinnen und Archäologen bei ihrer alltäglichen Arbeit zusehen. Fenster bieten spannende Einblicke in ihre Werkstätten, in denen sie Funde aus Berliner Ausgrabungen reinigen, inventarisieren und verpacken. Auch die Sammlung trojanischer Altertümer von Heinrich Schliemann wurde hier untergebracht. Insgesamt sind es über 100.000 Objekte, die ältesten, darunter Mammutzähne, stammen aus der Eiszeit.
Der Besuch beginnt vor einer interaktiven Wand und einem großen Medientisch, die zeigen, welche Funde im Boden unserer Metropole liegen und wo sich die Anfänge der Stadt befinden. Hier, im Untergeschoss, öffnet sich auch ein spektakuläres archäologisches Fenster. „Am Petriplatz befanden sich die wichtigsten Institutionen der mittelalterlichen Stadt – eine Kirche, das Rathaus, der Marktplatz sowie die Lateinschule, auf deren Fundamenten PETRI Berlin erbaut wurde“, erklärt Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin, Dr. Christoph Rauhut. Er hat zusammen mit Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Landesarchäologe und Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, das Projekt als Vorstandsmitglied begleitet. Dieser bezeichnet das Haus als „eine Schule der Archäologie im besten Sinne“. Für ihn als Mittelalterarchäologen sei es ein Ort mit einer ganz besonderen Faszination: „Hier, am ältesten Lernort der Stadt, werden heute Archäologie und Geschichte vermittelt.“
Inmitten von Mauerresten wird das Motto des Hauses „Entdecke die Archäologie“ besonders deutlich. Tastbare Gebäudemodelle, interessante Fundstücke sowie eindrucksvolle Audio- und Video-Beiträge erzählen von den Anfängen der Stadt. In einem separierten Raum befindet sich das Ossarium. In dem Beinhaus wurden einige der Toten wiederbestattet, die zwischen 1150 und 1717 auf dem Friedhof der Petrikirche ihre letzte Ruhe fanden.
Die Entdeckungsreise in die Welt der Archäologie setzt sich in den darüber liegenden Etagen fort: Im ersten Obergeschoss geht es um die Fundreinigung. Interaktive Stationen verdeutlichen die Tätigkeiten, die im Zuge einer Ausgrabung wichtig sind und für die viel Fingerspitzengefühl gefragt ist. Im Anschluss führt der Rundgang in den Bereich Restaurierung, wo gezeigt wird, welche Arbeitsprozesse zum Erhalt bestimmter Materialien notwendig sind.
Im dritten und vierten Obergeschoss können Besucherinnen und Besucher die Magazinbereiche des Hauses besichtigen.
Schulklassen gehen auf Spurensuche
Gleich einem visuellen Band verbinden Schauregale die oberen Stockwerke und geben einen Überblick über die Vielfalt und den Reichtum der Entdeckungen – von prähistorischen Artefakten bis hin zu außergewöhnlichen modernen Objekten. Etwa die Grabsteine von Luna, Hexe und Bella, den Dackeln von Kaiser Wilhelm II. Sie wurden 1901, 1906 und 1912 im Monbijoupark beerdigt. Zwei Terrakottaköpfe aus dem 19. Jahrhundert, erst vor Kurzem am Molkenmarkt ausgegraben, zierten einst das Rote Rathaus. Die originalen Bauteile der sogenannten „Steinernen Chronik“, einem 220 Meter langen, umlaufenden Fries, das 1945 durch Bombenangriffe zerstört wurde, gehören zu den seit damals verschollenen Fragmenten, die bei der Rekonstruktion nicht berücksichtigt werden konnten. Ein „Pithos“, ein großes Vorratsgefäß aus Ton aus Troja, stammt aus der Zeit zwischen 3000 und 2200 v. Chr. und erzählt vom Leben in der antiken Mittelmeerregion. Es wurde üblicherweise bis zur Hälfte im Boden des Vorratsraums eingegraben, um Nahrungsmittel zu kühlen. Von der Jagdbeute im Mittelalter zeugen Geweihstangen, die am Burgwall in Spandau gefunden wurden. Ein verbeultes Blechschild weist auf das „Magistrat von Gross-Berlin“ hin, bis 1977 die Bezeichnung der Stadtverwaltung in Ost-Berlin. Auf 1863 ist ein Sandsteinkopf eines Knaben datiert, der an der Stelle der ehemaligen Berliner Börse ausgegraben wurde. Lockiges Haar, sanfte Gesichtszüge, geschlossene Augen – wer wohl das Vorbild war? Der Rundgang endet in der fünften Etage, wo eine große Loggia einen Ausblick auf Berlins heutige Mitte gewährt. Zudem gibt es ganz oben Raum für Workshops und Veranstaltungen. Denn PETRI Berlin soll auch ein Ort der Vernetzung und der Debatte sein, betont Dr. Anne Sklebitz, die Leiterin des Hauses. Sowohl Besucherinnen und Besucher als auch Fachleute aus Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft seien hier zum Dialog eingeladen. Bildung und Vermittlung sind ihr ebenso ein wichtiges Anliegen: „Wir wollen Archäologie sichtbar, hörbar und begreifbar machen. Dazu bieten wir verschiedene Formate an, um junge Menschen für das Thema zu begeistern.“ Schulklassen können sich bei Projekttagen auf Spurensuche in die Vergangenheit begeben. Für Kinder wurde ein PETRI-Spiel entwickelt. Sie können im Untergeschoss selbst zu Archäologen werden und ihre Funde, die als Originale Teil der Ausstellung sind, den gesamten Besuch über betreuen.
Bei all den Angeboten, Objekten und Stationen nimmt sich das Gebäude selbst zurück. Die Architektur schlicht, hellgrau innen und außen – ein stilvoller Rahmen für all die Schätze, die sich auf die Gesamtfläche von 5.412 Quadratmetern verteilen. Für einen sicheren Halt sorgen 39 Großbohrpfähle, die mithilfe eines aufwendigen Spezialtiefbaus in den Boden eingebracht wurden. Die Baukosten beliefen sich auf rund 31,7 Millionen Euro – ein Großteil davon, nämlich 28,5 Millionen Euro, wurde durch Mittel aus der „Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) gefördert. Bauherrin war die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Der erste Spatenstich war 2019, und schon zwei Jahre später, 2021, wurde Richtfest gefeiert.
Die Eröffnung wurde im vergangenen Juni mit Gästen aus Kultur, Politik und Wissenschaft zelebriert. Auch Kai Wegner, Regierender Bürgermeister von Berlin, zeigte sich beeindruckt: „Das PETRI ist viel mehr als ein Museum: Es ist ein offenes Haus, das viele Überraschungen birgt – und die Menschen für Archäologie begeistern wird. Es gibt Antworten auf die Frage, wo unsere Ursprünge liegen. Und es motiviert dazu, sich mit unserer Geschichte und damit unserer kulturellen Identität zu beschäftigen.“