Bei den 34. Internationalen St. Wendeler Jazztagen treffen vielfältige Sängerinnen auf instrumentale Jazzensembles. Festivalmacher Ernst Urmetzer gibt Einblicke in die Entstehung des Programms.
Herr Urmetzer, Sie sind wahrscheinlich bei den letzten Vorbereitungen für die St. Wendeler Jazztage im September. Ist noch viel zu tun?
Es ist noch einiges zu tun, die Werbung läuft, Printmedien sind unterwegs und jetzt kommen die tausend Details, Absprachen wegen Backline-Technik und all das.
Sie machen dieses Festival schon sehr lange. Es ging 1989 los, 2025 findet nun die insgesamt 34. Ausgabe statt. Was sind die wichtigsten Veränderungen aus Ihrer Sicht?
Es hat klein begonnen mit zwei Tagen und sich dann kontinuierlich erweitert bis auf fünf Tage. Wir bespielen auch zwei Spielorte. Außer dem großen Konzertsaal haben wir mit Clubatmosphäre einen wunderschönen kleinen Raum, in dem wir übers Jahr monatliche Konzerte veranstalten. Das haben wir seit einigen Jahren integriert ins Festival und es wird gut angenommen. Das ist eh das Schönste, wenn man auf Du und Du mit den Musikern mit akustisch idealen Bedingungen ein Konzert erleben kann.
Sie haben dieses Jahr einen Sängerinnen-Schwerpunkt. Drei Vokalistinnen werden auftreten: Cécile Verny, Verónica Ferreiro und Nesrine. War das Ihre Idee, einen solchen Schwerpunkt zu machen, oder hat sich das so ergeben?
Das wollte ich ganz gezielt, und zwar an jedem Abend als erste Formation und dem gegenüber dann ein instrumentales Ensemble.
Die Sängerinnen haben interessante Jazzrichtungen mit verschiedenen folkloristischen Einflüssen. Fiel es Ihnen leicht, gerade diese drei auszusuchen?
Verónica Ferreiro gehört ins Konzept. Wir haben seit fünf Jahren immer ein spanisches Projekt im Programm. Die spanischen Musiker sind hier relativ unbekannt. Ich habe die irgendwann entdeckt und das sind so fantastische Musiker, die es verdienen, hier präsentiert zu werden. Das kommt sehr gut an. Deswegen war mir wichtig, jetzt bei den Sängerinnen jemanden zu finden, der da reinpasst. Verónica ist was ganz Besonderes. Sie kommt aus Galizien und verwendet drei Sprachen: Galizisch, Spanisch und Englisch. Das ist sehr spannend, das sind intensive Gedichte, die sie emotional vorträgt, mit einer hervorragenden Band. Cécile Verny kennen wir seit Urzeiten, die hatten wir vor 20 Jahren schon hier in St. Wendel. Sie ist eine fantastische Sängerin. Sie agiert auch in drei Sprachen. Das ist so eine Klammer zwischen allen dreien. Cécile ist in Afrika geboren, in Frankreich aufgewachsen und irgendwann im schönen Freiburg gelandet, und sie verkörpert sozusagen diese drei Traditionen mit einer Leichtigkeit und Wärme, die beeindruckt. Nesrine ist ein Phänomen. Wir hatten sie vor ein paar Jahren mal mit ihrem ursprünglichen Trio hier. Sie hat jetzt ein neues Trio und ein Album produziert. Das ist so faszinierend, wie sie mit ihrem Cello sozusagen als Duopartner agiert, immer im Austausch miteinander und in drei Sprachen. Sie hat einiges an Elektronik eingebaut, das ist neu, und sie hat eine fantastische Bühnenpräsenz. Das war also mein dritter Wunsch und hat geklappt.
Dann haben Sie den dreien, wie Sie schon sagten, jeweils eine Instrumentalband gegenübergestellt, als Kontrast in den Doppelkonzerten. Von diesen Bands ist jede in der Richtung wieder etwas unterschiedlich. So konnten Sie insgesamt eine gewisse Vielfalt erreichen.
Genau. Zunächst Émile Parisien, dieses Quartett gibt es seit 20 Jahren. Er war über die Jahre fünfmal in St. Wendel, immer mit anderen Projekten. Mir ist es ein Rätsel, wie er so produktiv sein kann. Er hat mit seinem neuen Vorhaben sein Quartett neu erfunden, indem er elektronische Sprengsel eingebaut hat. Die vier Musiker sind so in ihrer Interaktion, dass es einen schier umhaut. Das ist lebendig, ideenreich, locker, mit Humor und verbindet Tradition und Moderne.
Die anderen zwei Ensembles sind für Sie neue musikalische Gäste?
Sie sind neu. Daniele di Bonaventura vertritt mehr eine konventionelle Tradition von Tango bis Mittelmeeranleihen, und das mit einem Musikinstrument, das nicht so oft im Vordergrund steht, dem Bandoneon. Er ist der Bandoneonist überhaupt. Er spielt so lange mit diesem Quartett, das sind vier Freunde, die sehr intensiv miteinander kommunizieren. Das überträgt sich natürlich auf die Konzerte. Er ist ein erfahrener Künstler, der viel zu erzählen hat. Er sitzt da mit seinem Bandoneon und zaubert ein ganzes Orchester heraus. Die vier kommunizieren so homogen miteinander, dass es einfach ein Traum ist.
Sie haben Nik Bärtsch eingeladen mit seiner Band für das dritte Doppelkonzert.
Das ist so ein Akzent zum Abschluss mit seiner ungewöhnlichen Musik, so eine Mischung zwischen Minimal Music, Funk und Beschaulichkeit. Diese Musik entwickelt sich im Zeitlupentempo, indem kleine Motive variiert werden, aber ganz unbemerkt. Bärtsch hat ein Konzept entwickelt, das intensiv ist und das Publikum sozusagen in eine andere Welt hebt.
Einige Tage vor den Hauptkonzerten gibt es bereits zwei Konzerte, in einem davon spielt Peter Hedrich. War Ihnen das wichtig, dass von den Jazzmusikern aus der Umgebung jemand auftritt?
Das war Teil des Konzepts vom ersten Festival an, die regionale Szene immer mit im Blick zu haben. Es ist mir ein ganz wichtiges Anliegen. Es war im Grunde genommen in so gut wie jedem Festival ein Programmpunkt, wenn es denn wert war, präsentiert zu werden. Natürlich habe ich auf die Qualität geachtet. Peter Hedrich ist ein junger Musiker. Es gibt eine junge Generation im Saarland, die mittlerweile auf einem beachtlichen Niveau gelandet ist. Peter Hedrich hat es jedenfalls verdient, hier präsentiert zu werden, mit seinem neuen Album. Bis auf ein Stück sind das alles eigene Kompositionen. Seine Band hat sich über Jahre unter Freunden entwickelt und ist ein sehr gediegenes Quintett geworden.
Sie haben zwei Spielorte: das Kurhaus in Harschberg für die ersten zwei Konzerttage und den Saalbau in St. Wendel für die Hauptkonzerte. Für wie viele Menschen ist Platz?
Der Raum im Kurhaus ist klein. Wir haben 72 Stühle. Es ist sehr intim. Man kann locker Stühle dazu stellen. Aber das ist das Konzept des Raumes, dass man im engen Miteinander sitzt. Er ist akustisch hervorragend ausgestattet. Dort findet noch das Konzert mit David Helbock statt.
Genau, zum zweiten der dortigen Konzerte haben Sie David Helbock und Julia Hofer eingeladen. Eventuell möchten Sie dazu etwas mehr sagen?
Helbock ist natürlich der Durchstarter schlechthin, ein Aushängeschild der österreichischen Jazzkultur. Er ist sehr kreativ mit verschiedensten Vorhaben. Er hat jetzt ein neues Ensemble mit der Bassistin und Cellistin Julia Hofer, ein spannendes Duo.
Wie ist die Kapazität im Saalbau?
Knapp 500.
Wie geht es mit den Besucherzahlen? War das Festival ausgelastet die letzten Jahre?
Das nicht, im Saalbau hängt es vom Programm ab. Wenn es rein konzertant ist, kommen so 300 bis 400 Menschen. Wir haben manchmal populäres Programm. Da haben wir natürlich die Hütte voll, wenn das tanzbare Musik ist, ob das funky ist, traditionell oder Rockabilly. Wir sind stilistisch sehr offen. Ich habe immer darauf geachtet, dass wir nicht nur ein jazzspezifisches Publikum ansprechen, sondern zwischen den Stilen changieren, dass wir also Angebote haben, bei denen nicht nur Jazzkenner ins Konzert kommen, wie zum Beispiel Tower of Power.
Vor Jahrzehnten ging es mit den Jazztagen los mit der Schul-Bigband Urknall, die Sie damals noch als Lehrer gründeten und die es in weiterentwickelter Form bis heute gibt. Dieses Jahr haben Sie die Leitung abgegeben. Wie geht es Ihnen damit?
Gut. Es war eine schwere Entscheidung. Wenn man 43 Jahre so ein Projekt leitet, da fällt es schon schwer. Aber es war notwendig.
Sie sind seit Langem der erste Vorsitzende des Saarländischen Landesverbands Jazz. Wie geht es damit weiter?
Das gebe ich ab. Das ist überfällig, es hat sich nur bislang niemand gefunden.
Die St. Wendeler Jazztage machen Sie weiter?
Genau, das mache ich weiter, die Monatskonzerte und das Festival. Wir haben als Mitveranstalter die Stadt St. Wendel dabei. Wir wollen dafür sorgen, dass das so bleibt, dass es einen festen Partner und weitere Unterstützer gibt, die das Festival mitfinanzieren. Wir machen das ehrenamtlich, insofern können wir günstig kalkulieren. 30 Helfer im WND-Jazz-Team blicken zuversichtlich in die Zukunft.