Wenn sich das schlechte Du-müsstest-auch-mal-wieder-Gewissen meldet
Kennen Sie das? Sie sitzen gemütlich im Garten, lesen was oder erfreuen sich am Vogelgezwitscher, genießen ein Kaltgetränk, finden Ruhe. Dann dieses Geräusch. Ein Geräusch, typisch für den ländlichen Raum oder Vorstadtsiedlungen, ein Geräusch, so vertraut und doch so aufschreckend: Irgendwo mäht jemand den Rasen. Ich bilde mir ein, ich kann am Mähergeräusch erkennen, wer aus der Nachbarschaft gerade Rasen mäht. Diesmal tippe ich auf den – sehr netten –
Garten-Eigentümer ein Stück unterhalb meines Gartens.
Und was ist meine spontane, unausweichliche Reaktion? Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ein Blick auf meinen eigenen Rasen verrät: Der ist doch längst wieder über die vier Zentimeter Standard-Halmlänge drüber. Mein erster Impuls ist, einfach das schlechte Du-müsstest-auch-mal-wieder-Gewissen zu verdrängen. Aber dann höre ich, wie der erste der anderen Nachbarn dem akustischen Gruppendruck erliegt.
Weiter oben kommt ein weiterer Rasenmäher zum Einsatz, nämlich der vom Nachbarn mit dem großen flachen Rasengrundstück. Er ist mein persönlicher Held, denn er hat einen Aufsitzrasenmäher. Und der – da bin ich mir sicher – überschreitet die gesetzlich vorgeschriebenen höchstens 90 Dezibel für Mähgeräte. Nun, der gute Mann hat früher als Jugendlicher Mofas frisiert, und wenn du damit erstmal angefangen hast, kommst du nicht mehr davon los.
Leider kann ich für mich keinen Aufsitzrasenmäher rechtfertigen, meine Rasenfläche ist so klein, dass ich sie notfalls mit der Nagelschere schneiden könnte. Übrigens hab ich den Verdacht, genau das tun einige Rasenpfleger in unserer Nachbarschaft, zumindest in der Nachbehandlung des Rasenmähergrobschnitts.
Ich schaue auf meinen Rasen, und tatsächlich habe ich den Eindruck, dass der soeben wieder einen halben Zentimeter gewachsen ist. Ich hatte mal darüber nachgedacht, ein Schaf oder ’ne Ziege zu halten, die den Rasen ständig bis zur Grasnarbe zurückfrisst. Aber auch hier gilt: Garten zu klein, das Tier würde verhungern. Oder vielleicht einen Mähroboter anschaffen? Nein, keine Option, zu unmännlich. Ich will keinesfalls der Erste in unserer Straße sein, der schwach wird und diese ur-männliche Aufgabe an eine Maschine abgibt.
Inzwischen passiert das Unvermeidliche: Der Klang des Aufsitzrasenmähers hat das Gewissen meines übernächsten Nachbarn aufgeschreckt. Sein elektrischer Rasenmäher surrt los, die jetzt drei Geräte erfüllen die Luft mit einem eindringlich brummenden D-Dur-Akkord: D-Fis-A. Dem kannst du nicht widerstehen, und ich glaube, ich sehe, wie sich mein Rasen in der Zwischenzeit unaufhaltsam einen weiteren Millimeter aus dem Boden geschoben hat.
Ich versuche, mir einzureden, ich täte etwas für die Insekten, die Artenvielfalt, wenn ich das Gras einfach sprießen lasse. Aber da schaltet der Aufsitzrasenmäher einen Gang hoch, der Nachbarschafts-Klang moduliert in ein anklagendes a-Moll. Jaja, schon gut, ich mach ja schon! Ich stelle das Kaltgetränk zur Seite und stapfe zum Gartenschuppen.
In England, dem Mekka der kurzgetrimmten Rasenflächen, wo manche Vorgärten aussehen, als läge dort ein grüner Teppichfußboden, haben verschiedene Poeten (über die Jahrhunderte hinweg) Gedichte über das Rasenmähen geschrieben. Eine so starke lyrische Verbindung kann ich zu dieser speziellen Gartenarbeit nicht aufbauen, bin aber bereit, dem süßen Klang der Mähgemeinschaft eine weitere Tonlage hinzuzufügen.
Aber just als ich meinen Mäher, ein vergleichsweise mickriges Gerät, mit dem man in der Rasenpflege-Community keinen großen Eindruck schinden kann, zum Einsatz bringen will, sehe ich meinen direkten Nachbarn ebenfalls seinen Mäher aus dem Schuppen schieben. Er hat wohl auch das Gras wachsen sehen. Die Rasenfläche zwischen unseren beiden Grundstücken besteht aus einem einheitlichen Grün, kein Zaun, keine Hecke, kein Mauerabsatz stört da.
Wir schauen uns an – und nicken uns zu: „Diese Woche bin ich dran, nächste Woche Du?“, schlägt er vor. „Abgemacht!“ Seitdem entlasten wir uns, ganz ohne Roboter oder Ziege, mit einem gut funktionierenden Mäh-Sharing. Rasenpflegeaufwand halbiert. Immerhin. So tönet fort, ihr Mäherklänge!