Der diesjährige DFB-Pokal-Teilnehmer BFC Dynamo hat zum Start der Regionalliga Nordost noch mit einem Umbruch zu kämpfen. Von den bisherigen Stammspielern bleiben gerade einmal vier.
Der Reporter von „OSTSPORT.TV“ wirkte etwas verdutzt, als Dennis Kutrieb nach dem Spiel in Halle fast schon strahlend zum Interview vor der Kamera erschien. Schließlich hatte der Trainer des BFC Dynamo mit seinem Team gerade 0:1 beim HFC verloren, aber natürlich auch eine Erklärung für das Lächeln parat: „Ich bin einfach unfassbar stolz auf die Mannschaft, was für ein Herz sie heute auf dem Platz gelassen hat.“ Ein Zeichen aber auch dafür, dass man in Berlin-Hohenschönhausen in der sportlichen Leitung die Ansprüche zunächst etwas niedriger als in den letzten Jahren ansetzt. Denn seit diesem Sommer ist der neue Geschäftsführer Sport, Enis Alushi, nach einer sechsmonatigen Einarbeitungsphase quasi allein verantwortlich für die Geschicke beim BFC. Nach der mittelmäßig verlaufenen Vorsaison schienen dabei Veränderungen unvermeidlich – doch der dann vom Ex-Profi (172 Zweitligaeinsätze, unter anderem Paderborn, St.Pauli) initiierte Radikalumbau des Kaders verblüffte selbst Experten und Beobachter.
Ganze 18 Zu- und Abgänge
Nicht weniger als 18 Zu- und Abgänge wurden registriert: Dass da zu Beginn der Spielzeit noch nicht auf Anhieb ein Rädchen ins andere greift, ist selbstverständlich – doch das Team wurde in diesem Zuge auch verjüngt und obendrein kostengünstiger aufgestellt. So besaß Dynamo in der vergangenen Saison noch den ältesten Kader (26,0 Jahre im Durchschnitt) der Nordost-Staffel, 2025/26 (24,1 Jahre) liegt man nun nur noch im Mittelfeld dieser Statistik. Das gilt auch für den aktuellen Gesamtmarktwert des Kaders (1,5 Millionen Euro) – letzte Saison lag dieser noch bei 2,1 Millionen Euro, damit befand man sich aber auch nur auf Platz 8 in diesem Ranking (Quelle: transfermarkt.de).
Also: In der Führungsetage dürfte die Erkenntnis gereift sein, dass trotz höheren finanziellen Einsatzes immer noch fast die Hälfte der Vereine in der Staffel mehr in die Waagschale werfen kann als Dynamo. So führt der Weg zum Erfolg unter den aktuellen Bedingungen eigentlich nur über die gemeinsame Qualität des Ensembles – und diesen Umbau des Kaders soll Alushi schultern: anders als etwa der bisherige Sportdirektor Angelo Vier frei von BFC-Stallgeruch, aber mit eben solchen Erfahrungen und dem Netzwerk aus vielen Jahren Profifußball. Neben Kapitän Chris Reher (Karriereende) und Talent Bennedikt Wüstenhagen (zu BVB II) trennte man sich von einer weiteren Identifikationsfigur wie David Kamm Al Azzawe (Fortuna Köln), aber eben auch von Fußballern wie Henry John Crosthwaite, Steffen Eder, David Grözinger, McMoordy Hüther, Kevin Lankford, Kristijan Makovec, Tobias Stockinger sowie Julian Wießmeier, bei denen der finanzielle Aufwand den Ertrag letztlich nicht rechtfertigte.
Von den Stammspielern blieben lediglich Verteidiger John Liebelt, Eigengewächs Joey Breitfeld und Ivan Knezevic (beide Mittelfeld) sowie Torjäger Rufat Dadashov. Im restlichen aktuellen Kader finden sich nun quasi die Teile, die Trainer Kutrieb zu einem passenden Puzzle zusammenfügen muss. Im Tor fiel die Wahl zunächst auf Nicolas Ortegel (21, geliehen vom 1. FC Nürnberg), der jedoch nach einer Notbremse zum Ligaauftakt in Halle gegen Rot-Weiß Erfurt durch die letztjährige Nr. 1, Paul Hainke, vertreten wurde. In der Abwehrzentrale waren zunächst Tobias Gunte (28, von VSG Altglienicke) und das erst 17-jährige BFC-Talent Moritz Polte gesetzt, defensiv bekamen dazu neben Liebelt auch Amiro Amadou und Larry Oellers (von Viktoria) ihre Zeiten. Außer Knezevic ist vor allem Zugang Willi Reincke (SC Verl) im Mittelfeld gleich eine feste Größe geworden, dazu im Angriff Leandro Putaro (Alemannia Aachen) neben Platzhirsch und Kapitän Dadashov.
Unglückliche Niederlage
Allerdings brachte eben auch die zweite Partie der Saison gegen Erfurt (2:3) eine unglückliche Niederlage auf eigenem Platz. Ein Lichtblick war hier besonders Reincke, der per sattem Distanzschuss das 1:2 erzielte und mit einer Ecke den Kopfballtreffer von Gunte auflegte. Der Schütze des Ausgleichs hatte allerdings auch Aktien an zwei Gegentoren, wie der stark ins Spiel gestartete Breitfeld in der Entstehung der ersten beiden Gästetreffer zweimal das Nachsehen. Und vorne blieb Dadashov trotz mehrerer aussichtsreicher Situationen auch im zweiten Saisonspiel noch ohne Abschlusserfolg. Alles noch kein Beinbruch in dieser Saisonphase, möchte man meinen – dazu konnte mit dem drittligaerprobten Mittelfeldspieler Jan Shcherbakovski (Energie Cottbus) noch ein Hoffnungsträger kurzfristig verpflichtet werden. Allerdings startete der BFC in den bisherigen elf Saisons seit dem Aufstieg in die Regionalliga Nordost im Jahr 2014 nur einmal mit zwei Niederlagen. Dabei wurde aktuell die von Kutrieb bereits gelobte Leidenschaft des neuen Teams durch die Fans schon honoriert, ein paar Punkte in näherer Zukunft würden Team und Trainer jedoch enorm dabei helfen, das traditionell anspruchsvolle Umfeld weiter gewogen zu halten und die nötige Zeit für die gemeinsame Entwicklung zu erhalten. Denn egal wie groß der Umbruch speziell diesen Sommer auch gewesen sein mag, oben mitzuspielen ist in der 4. Liga stets die Erwartung der BFC-Fans.
Nach der ernüchternden Punktrunde 2024/25 war dies gut zu erkennen, als der Sieg im Berliner Landespokal die Fans zum Abschluss doch versöhnlich stimmte und ihnen nun am morgigen Samstag (13 Uhr, Sportforum) wenigstens die erste Runde des DFB-Pokals mit Zweitligist VfL Bochum beschert. Sollte der „Alltag“ aber weiter trist verlaufen, dürften sich auch die Verantwortlichen bald Fragen stellen müssen: zum Beispiel, ob ein derart gewaltiger Umbau vonnöten gewesen ist – selbst wenn man erst auf die nächste Saison hinarbeitet, wenn der Nordost-Meister wieder ohne Qualifikationsspiele direkt in die 3. Liga aufsteigen darf. Nach dem Erfurt-Spiel fühlte sich so Sponsor Jens Redlich („Crunchfit“) bereits genötigt, via Social Media aufkeimende Ungeduld mit deutlichen Erklärungen („Wir stehen am Anfang eines Prozesses“) einzufangen. Trainer Kutrieb wiederum hoffte nach dem 2:3 gegen Erfurt, bei dem man trotz gelungener Aufholjagd am Ende mit leeren Händen dastand, auf eine Trotzreaktion schon gegen den Neuling BFC Preussen am vergangenen Sonnabend (Ergebnis siehe „Kurz & Knapp“ in dieser Ausgabe): „Ich hoffe, dass wir die richtigen Lehren daraus ziehen und uns diese Wut die Kraft gibt, um zu sagen: Das passiert uns nicht noch mal.“